Vortrag „Die produzierten Bedürfnisse“ (Erstsendung am 10.1.1971) aus der sechsteiligen Reihe “Überdruss und Überfluss“ für den Süddeutschen Rundfunk Stuttgart, veranlasst von Hans Jürgen Schultz. #ErichFromm#Psychoanalyse
Meine Damen und Herren, ich habe in der letzten Vorlesung in dieser Serie
über das Problem der Aktivität und Passivität gesprochen
und die verschiedene Auffassung davon in der modernen Gesellschaft
und in allen Kulturen und Gesellschaften bis zu den letzten 100 Jahren.
Ich möchte ganz kurz hier noch einen Punkt betonen,
bevor wir zu dem ökonomischen Problem und gesellschaftlichen Problem des Überflusses kommen,
nämlich eine wichtige psychologische Überlegung,
deren man sich erinnern muss, wenn man über diese Fragen spricht.
Es ist eine weit verbreitete Meinung, nicht nur im Laienpublikum,
sondern auch unter vielen Wissenschaftlern, Psychologen und anderen,
dass der Mensch eine Maschine ist, die bestimmte Erfordernisse hat,
physiologische Erfordernisse, also Hunger, Durst, die Notwendigkeit zu schlafen,
Sexualität und manches andere, und dass diese Bedürfnisse,
diese physiologischen, biologischen Bedürfnisse befriedigt werden müssen.
Wenn sie nicht befriedigt werden, dann wird er entweder neurotisch, wenn er nicht stirbt,
das gilt bei der Frage des Hungers, oder wenn sie aber befriedigt werden, dann ist alles in Ordnung.
Nun zeigt sich, dass das in der Tatsache nicht so ist.
Der Mensch ist nicht eine Maschine, die gut funktioniert,
wenn sie das richtige Maß an Brennstoff bekommt,
sondern es kann sein, dass alle physiologischen Bedürfnisse des Menschen befriedigt werden
und dass der Mensch trotzdem nicht befriedigt ist,
das heißt, nicht im Frieden lebt mit sich selbst,
sondern dass der Mensch sogar unter Umständen innerlich schwer krank ist,
obgleich er alles das hat, was er braucht.
Nur eines nicht, die Anregung.
Die Anregung, die ihn zur Aktivität stimuliert.
Ich will ganz kurz nur einige Beispiele dafür erwähnen.
Es gibt interessante Experimente in den letzten Jahren über die absolute Entziehung von Reizen.
Das heißt, man bringt einen Menschen in eine Isolierzelle,
er hat eine gleichbleibende Temperatur, Licht und alles das, kriegt sein Essen hereingeschoben,
nur es gibt überhaupt keinen Reiz,
sondern es ist ein Milieu, sagen wir mal, wie der Fötus im Mutterleib.
Und es stellt sich heraus, dass nach ein, zwei Tagen dieses Experimentes
die Menschen schwer krankhafte und häufig schizophrene Züge zeigen.
Obwohl sie physiologisch vollkommen befriedigt waren,
psychologisch ist der Zustand der vollkommenen Passivität krankheitserzeugend.
Sogar Irrsinn erzeugend.
Die selbe Situation, die beim Fötus noch normal ist,
obwohl auch da gar keine so vollkommene Reizentziehung vorliegt wie in diesem Experiment,
wird aber zu einer schwer pathogenen Situation beim erwachsenen Menschen.
Oder es gibt interessante Versuche in den letzten Jahren,
in denen man Menschen daran gehindert hat zu träumen.
Das kann man durch eine Beobachtung, dass wenn der Mensch träumt,
dann bewegen sich seine Augen rasch, dann weckt man ihn auf.
Und so hat man Menschen am Träumen systematisch verhindert.
Und dann stellt sich heraus, dass auch diese Menschen schwere Krankheitssymptome zeigen.
Das heißt, dass das Träumen eine Notwendigkeit ist,
weil der Mensch auch im Schlaf seelisch und geistig aktiv bleibt.
Und wenn man diese Aktivität unterbindet, dann wird er krank.
Oder ein sehr bedeutender Tierpsychologe, Harlow, hat mit Affen experimentiert.
Und es stellt sich heraus, dass die Affen zehn Stunden lang
an einem komplizierten Experiment gearbeitet haben,
nämlich eine Sache wieder auseinanderzunehmen, eine Konstruktion auseinanderzunehmen,
ohne jede Belohnung oder Bestrafung, ohne jedes Element dieser Reizreaktionskette,
einfach aus Interesse, wie Harlow das gezeigt hat, an der Arbeit selbst.
Denn auch Tiere, und ganz speziell sieht man das bei den Primaten,
sind höchst interessiert und nicht nur motiviert dadurch,
dass sie Futter bekommen oder dass sie Angst haben, bestraft zu werden.
Oder darf ich Sie an etwas anderes erinnern, dass schon vor 30.000 Jahren,
als der Mensch gerade geboren wurde, er Kunst entwickelt hat.
Ja, da hat man vielfach gesagt, das diente magischen Zwecken.
Sagen wir einmal die Höhlengemälde mit diesen wunderschönen Bildern von Tieren,
wo die Bewegung in einer so schönen Weise dargestellt wird,
das war gemacht, weil die Menschen glaubten, dann haben sie mehr Erfolg bei der Jagd usw.
Das mag ja so sein, aber man braucht nicht so schön zu malen,
nicht so schön zu zeichnen, um diesen magischen Zweck zu erfüllen.
Man braucht seine Vasen nicht so schön zu bemalen oder auszuschmücken für magische Zwecke,
mit einer Schönheit, die wir heute noch sehen können, die wir heute noch genießen können.
Das heißt, der Mensch und sogar das Tier haben immer über das Interesse am Praktischen,
an dem, was sie brauchen, um zu leben, ein darüber hinausgehendes Interesse,
und das ist an der Aktivität in dem Sinne des Schöpfens, des Produzierens, des Gestaltens,
des Entwicklens der Kräfte, die im Tier und im Menschen sind,
welches diese Kräfte auch auf jedem Niveau darstellen.
Es gibt einen großen deutschen Psychologen, Bühler, der hat ein sehr schönes Wort geprägt,
nämlich das von der Funktionsfreude.
Das heißt, dass jede Tätigkeit eine Freude mit sich bringt, die darin liegt,
dass der Mensch es genießt, zu funktionieren, nicht weil er dieses oder jenes braucht,
sondern weil der Akt des Etwas Schaffens, seine Fähigkeiten auszudrücken,
weil das ein Akt ist, der selbst Freude schafft.
Das hat natürlich sehr große Konsequenzen für die Erziehung.
Und zum ersten Mal, dass das für die Erziehung klar erkannt worden ist,
das war schon vor vielen Jahren durch eine geniale Italienerin Montessori,
die gesehen hat, dass man mit dem alten Prinzip von Belohnung und Bestrafung oder Strafandrohung,
dass man da zwar die Kinder dressiert, aber nicht erzieht.
Und es gibt tatsächlich heute eine Reihe von Untersuchungen, die zeigen,
dass der Mensch besser lernt, sogar Tiere oft besser lernen,
wenn die Tätigkeit selbst eine immanente, in ihr selbst innewohnende Befriedigung schafft,
als wenn sie nur motiviert ist von der Hoffnung auf Belohnung oder der Furcht vor Strafe.
Ich glaube, man kann feststellen, der Mensch ist nur er, er selbst,
indem er sich äußert, sich, das heißt, seine individuellen Kräfte ausdrückt.
Wenn dies nicht geschieht, wenn er nur hat und benutzt,
statt zu sein, dann verfällt er, dann wird er zum Ding.
Dann wird das Leben sinnlos und dann wird das Leben zum Leiden.
Die echte Freude liegt in der echten Aktivität.
Und die echte Aktivität ist der Ausdruck und das Wachstum der menschlichen Kräfte.
Und vergessen Sie nicht, auch rein gehirnphysiologisch kann man feststellen,
dass die Benutzung des Gehirns zum Wachstum der Gehirnzellen führt.
Man kann sogar wiegen, dass sie schwerer werden.
Das ist gar nicht verschieden von den Muskeln, die man gebraucht.
Aber die routinierte Tätigkeit, da wachsen die nicht.
Denn die erfordern in Wirklichkeit gar keinen Gebrauch der Gehirnzellen
über das routinemäßig hinaus, über das schon gedrillte und mechanisierte heraus.
Wenn das Licht angeht, dann tust du das.
Ja, das ist nicht denken, das ist reagieren auf Reize.
Und denken sagen wir nur in einem sehr beschränkten Sinn.
Nun möchte ich zum ganzen Problem des Überflusses
über einige ökonomische und gesellschaftliche Probleme sprechen.
Es gibt ja in der Geschichte des Menschen einige Hauptphasen.
Vielleicht können wir damit anfangen zu sagen,
dass in einer langen Epoche der Affe zum Mensch wird.
Das hat einige hunderttausend Jahre gedauert
und es ist bestimmt nicht ein bestimmter Schritt oder ein bestimmter Moment,
wo das geschehen ist, sondern es ist ein Prozess,
in dem sich ganz langsam Quantitatives in Qualitatives verändert hat.
Und dann stehen wir plötzlich vor der Tatsache,
dass der Mensch mehr oder weniger abgeschlossen ist, erst vor 60.000 Jahren.
Und der Mensch, der moderne Mensch, wie man ihn manchmal heute nennt,
der Homo sapiens sapiens, der wirklich so ist wie wir,
erst vor ungefähr 40.000 Jahren,
wie wir ihn im Cro-Magnon-Typ, den man in Frankreich gefunden hat, anfindet.
Also da fangen wir an, vor 40.000 Jahren.
Das klingt eigentlich ungeheuer kurz.
Eine sehr kurze Zeit von damals.
Und was ist das Wesentlichste?
Zunächst einmal, was da passiert.
Es ist nicht der aufrechte Gang.
Den haben schon die Affen gehabt vor Hunderttausenden von Jahren.
Lange bevor sich das Gehirn weiterentwickelt hat, war der aufrechte Gang schon da.
Es ist auch nicht die Benutzung von Werkzeugen,
sondern es ist ein ganz entscheidendes Neues,
eine ganz entscheidende neue Qualität, nämlich das Selbstbewusstsein.
Das Tier hat auch ein Bewusstsein.
Es hat ein Bewusstsein der Objekte.
Es weiß, das ist dies und das ist jenes.
Aber als der Mensch geboren wird, der hat ein neues Bewusstsein,
nämlich das Bewusstsein von sich selbst.
Er weiß, dass er ist und dass er anders ist, getrennt ist,
von der Natur, von anderen Menschen.
Er erlebt sich selbst.
Er ist sich bewusst, dass er denkt, dass er fühlt.
Dafür gibt es, nach allem was wir wissen, keine Analogie im Tierreich.
Das ist das Spezifischste vielleicht, was den Menschen zum Menschen macht.
Nun, was das für Folgen hat für die Bildung von Religion,
für die Notwendigkeit, sich ein System auszuarbeiten,
das wieder aus dem Leben Sinn macht, darüber will ich jetzt nicht eingehen.
Ich will nur kurz sagen, der Mensch von dem Augenblick an,
wo er als voller Mensch geboren ist,
für ungefähr 30.000 Jahre lebt er in einer Situation der allgemeinen Not,
des allgemeinen Mangels.
Er ist Jäger und er gewinnt sich sein Leben,
indem er Tiere jagt, indem er Dinge sammelt, die er am Boden findet,
ohne sie kultiviert zu haben.
Und das Leben des Menschen in diesen 30.000 Jahren
ist ein Leben der Not, ein Leben der Armut, ein Leben der Dürftigkeit.
Und dann kommt eine große Revolution, die man manchmal genannt hat
die Neolithische Revolution,
ungefähr 10.000 Jahre vor unserer Zeit,
von jetzt 10.000 Jahre zurück.
Und da fängt der Mensch an zu produzieren, materiell zu produzieren.
Er lebt nicht mehr von dem, was er findet oder jagen kann,
sondern er wird zum Ackerbauer und zum Tierzüchter.
Das heißt, er produziert mehr, als er nur im Augenblick braucht.
Dadurch, dass er sein Denken, seine Geschicklichkeit dazu verwendet,
etwas Materielles zu produzieren.
Nun, uns mag heute der Bauer mit einem primitiven Flug
als sehr primitiv erscheinen,
aber in Wirklichkeit ist er der Erste,
der über die reine Abhängigkeit von der Natur,
in der der Mensch in diesen 40.000 Jahren gelebt hat,
hinausgeht und anfängt, mit seiner Geschicklichkeit,
seinem Gehirn, seiner Einbildungskraft selbst zu schaffen.
Und dadurch schafft er einen relativen Überfluss.
Das heißt, er produziert mehr, als er nur gerade braucht,
um nicht zu verhungern.
Und er fängt an, ungefähr, wie ich sagte, vor 10.000 Jahren,
mit einem relativ primitiven Ackerbau und Tierzucht.
Das hat sich aber sehr rasch ungeheuer vermehrt.
Er schafft Kultur, er baut Städte.
Und damit beginnt eine zweite Epoche, die man nennen könnte
die Epoche des relativen Überflusses.
Ich meine mit relativem Überfluss,
dass der Mensch zwar Neues geschaffen hat,
einen Überfluss geschaffen hat,
aber nicht genug, dass alle davon genießen konnten.
Und so stellt sich heraus, dass eine kleine Minorität,
das heißt die, die die Gesellschaft geleitet haben
und die die größte Macht hatten,
dass die das Beste bekommen haben
und dass für die große Majorität nur das blieb, was übrig war.
Das heißt, der Tisch war nicht für alle Menschen gedeckt,
sondern es gab sehr viel weniger, als notwendig gewesen wäre,
alle Menschen mit diesem Überfluss zu versehen.
So können wir sprechen von einem relativen Mangel
oder einem relativen Überfluss,
der herrschte seit Beginn der Neolithischen Revolution bis jetzt.
Nun, der Überfluss in diesen, sagen wir mal, 12.000 Jahren,
wenn wir mal ganz angeblich genau sein wollen,
dieser Überfluss war ein sehr zweischneidiges Schwert.
Auf der einen Seite hat er dazu geführt,
dass der Mensch Kultur geschaffen hat,
denn er hatte die materielle Basis, um Kunst zu schaffen,
um schöne Bauwerke zu schaffen, um Staaten zu errichten
und so weiter und so weiter, um Philosophen zu ernähren.
Auf der anderen Seite führte aber der relative Mangel dazu,
dass die kleine Gruppe die große Gruppe ausbeuten musste,
denn man brauchte die Majorität,
um diese Wirtschaft, diese Ökonomie wirksam machen zu lassen
oder dass man Krieg geführt hat.
Die Kriegführung ist nicht, wie manche Leute heute behaupten,
begründet in einem menschlichen Instinkt oder irgend so etwas.
Die Kriegführung fängt überhaupt erst an im Neolithischen Zeitalter.
Nämlich, wenn es etwas gibt, was wert ist, wegzunehmen
und wenn sich die Menschen in einer Weise organisiert haben,
dass sie den Krieg als Institution erfinden konnten.
Nämlich, dass man, wenn man sich selbst gut organisiert,
andere überfallen kann, die etwas haben, was man will.
Und das wird dann begründet.
Heute begründen wir es sehr kompliziert, indem wir sagen,
wir werden bedroht.
Aber das hat man schon immer mehr oder weniger so gemacht.
Manchmal war man auch damit ehrlich und hat einfach gesagt,
wir führen Krieg, weil wir das und jenes wollen,
was der andere hat und was wir nicht haben
oder zumindest was wir gut gebrauchen könnten.
So hat der relative Überfluss, wie er im Neolithischen Zeitalter beginnt,
geführt einerseits zur Bildung der Kultur
und andererseits zur Entstehung des Krieges
und zur Ausbeutung des Menschen.
Und seitdem hat der Mensch mehr oder weniger im Zoo gelebt.
Das heißt, unsere ganze Psychologie,
die auf der Beobachtung des Menschen beruht,
ist, wenn man das vergleichen will,
mit dem Stadium zu vergleichen in der Tierbeobachtung,
wo alle Kenntnis vom Tier aufgebaut ist
auf der Kenntnis von den Tieren im Zoo.
Und nicht auf der Kenntnis von den Tieren in der Wildheit.
Und es hat sich herausgestellt, gerade in der Psychologie,
dass die Tiere im Zoo sich sehr viel anders benehmen
als die Tiere in der Wildheit.
Es gibt einen klassischen Fall von einem großen Tierbeobachter,
Zuckermann, der beobachtet hat,
dass Baboons in der Londoner Affeninsel ungeheuer aggressiv waren.
Und er hat geglaubt, das liegt im Wesen der Baboons,
im Wesen dieser Affen.
Und dann stellt sich heraus,
dass andere Leute dieselben Affen in der Wildheit beobachtet haben
und dass sie sehr wenig aggressiv sind.
Das heißt, dass einfach der Zustand der Gefangenheit,
die Langeweile, die Beschränkung der Freiheit
dazu geführt haben, dass die Aggression steigert,
die aber unter den natürlichen Bedingungen gar nicht gegeben sind.
Nun, die Erforschung des Menschen
war zum großen Teil immer eine Erforschung des Menschen im Zoo.
Wenn ich das so sagen darf,
nämlich des Menschen, der nie ganz frei war,
weil die materielle Grundlage zur völligen Freiheit aller Menschen
nicht gegeben war.
Nun, das beginnt sich zu ändern mit einer neuen Revolution,
nämlich mit der ersten industriellen Revolution,
wie sie eigentlich mit der Renaissance beginnt,
nämlich mit der neuen Wissenschaft beginnt,
sich aber dann steigert bis zum Beginn dieses Jahrhunderts
und die man definieren kann, indem man sagt,
dass mechanische Kraft die Kraft, die mechanische Energie,
die Energie von Tieren und Menschen ersetzt.
Das heißt, die Maschine im Wesentlichen Energie erzeugt,
die bis dahin vom Lebendigen geliefert werden musste.
Und die neue Hoffnung kam, dass wenn man diese Energie benutzen kann,
dass man dann einen Überfluss produzieren könnte
für alle und nicht nur für eine Minorität der Menschen.
Und dann kam in diesem Jahrhundert vor gar nicht so langer Zeit
eine neue Revolution, die man manchmal die zweite industrielle Revolution genannt hat
und die sich dadurch charakterisieren lässt,
dass nicht nur menschliche Energie durch Maschinen ersetzt wird,
sondern auch menschliches Denken.
Das finden Sie in der Cybernetik, in den Maschinen,
die selbst die Produktion und andere Maschinen leiten.
Und damit wurden die Produktionsmöglichkeiten
und werden die Produktionsmöglichkeiten so ungeheuer gesteigert,
dass man tatsächlich voraussehen kann, dass wir,
wenn nicht vorher ein Krieg ausgelöst wird
oder solche entsetzliche Hungersnöte entstehen,
dass Epidemien die Menschheit dezimieren werden,
dass tatsächlich mit dieser neuen Produktionstechnik
ein absoluter Überfluss geschaffen werden kann.
Das heißt, dass die gesamte Menschheit
nicht mehr in der Not, nicht mehr in der Dürftigkeit,
sondern in dem guten Überfluss,
das heißt in dem nicht überflüssigen,
sondern in dem überfließenden Überfluss leben kann,
der die Menschen freimacht von der Angst vor dem Hunger,
der Angst vor der Bedrohung.
Nun hat diese moderne Gesellschaft
aber gleichzeitig etwas ganz Neues auch geschaffen,
nämlich sie produziert nicht nur Waren,
sondern sie produziert auch Bedürfnisse.
Was meine ich damit?
Nun, die Menschen haben immer Bedürfnisse gehabt,
das heißt Bedürfnisse nach gutem Essen, gutem Trinken,
schönen Häusern und so weiter.
Aber wenn Sie sich einmal heute die Lage ansehen,
dann werden Sie sehen, dass die moderne Inserate
sogar das Verpacken der Ware ständig Bedürfnisse erzeugt,
Bedürfnisse befriedigt.
Die Menschen denken gar nicht daran,
was sie noch haben könnten,
was sie noch wünschen möchten,
wenn ihnen nicht die Propaganda sagen würde,
ja, das könnt ihr jetzt haben.
Ich habe jetzt gerade gelesen,
dass man jetzt statt der Grammophone mit zwei Sprechern
vier Sprecher machen will.
Nun ja, dann muss man sich also jetzt schon
vier Sprecher anschaffen, wenn das so geschieht,
um ganz modern zu sein.
Ja, wo das dann endet, außer im Ehrenhaus,
das weiß ich nicht, denn es gibt gar keine Grenze
für die neuen Bedürfnisse, die man schafft.
Vor allen Dingen aus einem Grunde,
weil jeder sich als arm vorkommt
oder als ungenügend befriedigt vorkommt,
wenn er nicht alle möglichen Bedürfnisse befriedigen kann.
Ein Auto, zwei Autos, ein besseres Auto,
dann ein Flugzeug.
Ja, es ist gar kein Zweifel,
dass die Industrie gelingen wird,
Bedürfnisse zu produzieren,
die sie befriedigen will und befriedigen muss,
wenn sie im gegenwärtigen System existieren soll,
nämlich ihren Profit erzielen soll.
Unser gegenwärtiges ökonomisches System
beruht eben auf der maximalen Produktion,
auf dem maximalen Verbrauch,
während die Produktion, die Wirtschaft
des 19. Jahrhunderts noch beruht hat,
auf dem maximalen Sparen.
Was ein Laster erschien
für unsere Vorfahren im 19. Jahrhundert,
nämlich etwas zu kaufen,
wofür man noch nicht das Geld hat.
Ja, das ist heute eine Tugend.
Und umgekehrt, nichts zu kaufen,
das macht einen ja fast politisch verdächtigt.
Denn dann ist man ja ein merkwürdiger Mensch,
besonders noch vielleicht,
wenn man nicht einen Televisionsapparat hat.
Dann ist man schon sehr eigenartig,
denn man ist offenbar nicht ganz normal.
Und wo kann das hinführen?
Nun, das führt in der Tat
zu einem Menschen,
für den es ein Ideal gibt,
fast eine neue Religion gibt,
nämlich die Religion des Schlaraffenlandes,
in dem es immer mehr und mehr gibt,
in dem der Mensch passiv bleibt,
in dem er immer neue Wünsche entwickelt.
Und ich glaube, wenn man sich fragen würde,
wie sich der moderne Mensch
eigentlich das Paradies ansieht,
dann sieht das nicht mehr
wie bei den Mormedanern so viele Mädchen,
denn das war ja alles
vom Männerstandpunkt aus gesehen,
sondern dann, glaube ich,
sieht das eher aus wie ein ganz großes Warenhaus,
wo es alles gibt,
und man hat immer alles Geld,
um alles zu kaufen,
und immer auch noch
ein bisschen mehr als der Nachbar.
Denn das gehört auch dazu,
dass man sein Selbstgefühl davon erwirbt,
dass man viel hat.
Und wenn man der Beste sein will,
dann muss man das Meiste haben.
Und die Methode
einer uneingeschränkten Produktion,
das heißt, dass man gar nicht daran denkt,
die Produktion könnte einmal
ein bestimmtes Niveau erreichen,
wo man sagt, nun ist es aber genug,
jetzt haben wir ja alles, was wir brauchen.
Davon spricht kein Ökonom,
sondern eine Produktion,
die steigt und steigt und steigt,
und dementsprechend eine Konsumtion,
die keine Grenzen hat,
die steigt und steigt und steigt.
Ja, wenn das so ist,
dann gibt es immer Menschen,
die weniger haben als die anderen,
denn die Bedürfnisse sind unbeschränkt
und haben keine Grenzen.
Und dann bleiben die meisten Menschen
letzten Endes arm.
Nicht etwa, weil sie nicht genug haben,
sondern weil sie nicht
alles das haben,
was ihnen jeweils
die Bedürfnis
produzierende Maschine,
nämlich das Verpacken
und das Inserieren
und all die anderen Dinge damit zusammenhängen,
weil sie das gar nicht
alles haben und wissen,
da gibt es noch andere,
die haben schon mehr.
Damit wird die Passivität verstärkt,
aber auch der Neid und die Gier
und letzten Endes
das Gefühl der inneren Schwäche,
denn der Mensch
erlebt sich dann nur
als das, was er hat
und nicht als das, was er ist.
Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft!