Vortrag „Menschliches Wachstum“ (Erstsendung am 31.1.1971) aus der sechsteiligen Reihe “Überdruss und Überfluss“ für den Süddeutschen Rundfunk Stuttgart, veranlasst von Hans Jürgen Schultz. #ErichFromm#Psychoanalyse
Meine Damen und Herren, ich habe im letzten Vortrag über die Krise der Moral gesprochen.
Und ich möchte heute damit anfangen, über ein ganz besonderes Problem dieser Moralkrise zu sprechen,
nämlich über die junge Generation und speziell auch über den, wenn Sie so wollen, radikalen Teil der jungen Generation.
Mit radikal meine ich nun nicht gerade diejenigen nur, die sich besonders radikal nennen oder die glauben,
dass man mit Gewalt jeder Art, wenn man die gebraucht, dass man dann radikal ist.
Das ist manchmal mehr kindisch als radikal.
Und Lenin hat darüber schon einiges geschrieben in seinem berühmten Aufsatz über die Kinderkrankheiten des Kommunismus.
Aber immerhin, es gibt auch weite Kreise der jungen Generation, auch nicht notwendigerweise nur die Hippies,
viele andere, die radikale dann im ganz besonderen Sinn sind, nicht nur in ihren politischen Forderungen,
sondern in einem Punkt, der aufs engste mit dem zusammenhängt, wovon ich hier gesprochen habe,
nämlich in ihrer Ablehnung der autoritären Moral.
Das ist nicht nur eine Auflehnung gegen die Autorität, das ist verhältnismäßig wenig,
das haben sie in allen Revolutionen, das haben sie durch die Geschichte hindurch schon häufig gefunden,
sondern es ist eine Auflehnung gegen das patriarchalische Prinzip, das die Moral in der Autorität begründet legt.
Das heißt der autoritären Moral.
Das heißt, die das Prinzip anerkennt, dass letzten Endes gehorsam Tugend und ungehorsam Sünde ist.
Und zu dieser autoritären Moral gehört etwas, was sehr wichtig ist, dass man Schuldgefühle hat.
Dass man Schuldgefühle hat, wenn man nicht das tut, was man tun sollte.
Nicht das, was man tun sollte vom Standpunkt seines eigenen Herzensgefühls, seiner Menschlichkeit,
sondern was man tun sollte im Sinne dessen, was der Autorität vorschreibt.
Und ich habe den Eindruck, dass das, was einen großen Teil dieser jungen Generation charakterisiert
und was sie für viele, auch für mich, so außerordentlich sympathisch macht,
ist, dass sie mit dem Schuldgefühl, mit dem sich die westliche Menschheit,
die christlich-jüdische Tradition für 2000 Jahre lang herumgetragen hat,
das immer wieder produziert worden ist, was immer wieder den Menschen dazu bewegt hat,
aus Angst so zu handeln oder nicht zu handeln, dass sie mit diesem Schuldgefühl
im Großen und Ganzen Schluss gemacht hat, ohne aber deshalb unmoralisch zu werden,
sondern sich, wie ich das das letzte Mal schon ausgeführt habe, gewisse neue Prinzipien der Moral sucht.
Es gibt noch etwas anderes, was sehr damit zusammenhängt, eine neue Ehrlichkeit.
Und das ist vielleicht der hervorstehendste Zug dieser jungen Generation.
Sie fühlen sich nicht mehr dazu genötigt zu rationalisieren, sich zu entschuldigen,
Dinge nicht beim Namen zu nennen, und manchmal gebrauchen sie jetzt Namen,
die ästhetisch nicht so ungeheuer schön sind, speziell auch für die,
die in der alten Tradition aufgewachsen sind, aber daran kann man sich rasch gewöhnen, das sind ja Moden.
Aber es herrscht tatsächlich eine Ehrlichkeit, die ganz erheblich absticht von der typischen Unehrlichkeit,
die in der bürgerlichen, patriarchalischen Struktur liegt, wo man immer verbergen muss,
worüber man sich schuldig fühlt und wo man immer erscheinen muss, als wäre man ein Engel von guten Eigenschaften,
weil man das Menschliche, dass ein Mensch eben auch schlechte Eigenschaften hat, gar nicht anerkennen darf,
denn sonst ist man ja schon ungehorsam.
Aber gerade wenn man sieht, dass die Realität des Menschen das Beste wie das Schlechteste in sich umfasst,
dann ist man menschlich, wenn man nicht empört ist über das Schlechte,
sondern auch das als einen Teil der Menschlichkeit und des Menschseins erlebt.
Ich möchte sagen, dass mir scheint, dass gerade zu dieser neuen Ehrlichkeit Freud sehr viel beigetragen hat.
Freud hat ja eine ganz neue Dimension der Ehrlichkeit eröffnet.
Vor Freud genügte es, wenn jemand sagte, ich habe gute Absichten gehabt,
und jede Handlung war damit moralisch entschuldigt, weil er nur eine gute Absicht hatte.
Seit Freud das Unbewusste entdeckt hat und systematisch entdeckt hat, genügt das nicht mehr,
denn man fragt ihn, ja, wer bist du denn hinter deinen guten Absichten?
Oder anders ausgedrückt, was sind denn die unbewussten Motive, die dich wirklich gelenkt haben
und dann kommt man zu dem Ergebnis, dass es gar keinen Unterschied macht,
ob sich jemand seiner schlechten Absichten bewusst war oder ob er geschickt genug war,
die zu rationalisieren und vor sich und vor anderen abzuleugnen.
Im Gegenteil, vielleicht hat der mit den schlechten Absichten schon einen größeren Fortschritt gebracht,
ein größeres Stück Ehrlichkeit errungen als der, der seine schlechten Absichten aus seinem Bewusstsein verdrängt,
aber gerade umso besser sie ausführen kann, weil er sie verbinden kann mit so vielen guten und tugendhaften Ideen.
Seit Freud wird der Mensch damit konfrontiert, dass er für sein Unbewusstes verantwortlich ist
und nicht nur für sein Bewusstes und nicht nur für seine guten Absichten.
Das heißt, dass seine Handlungen für ihn sprechen und nicht seine Worte,
dass die Worte überhaupt nichts ausmachen, dass sie kaum eine Rolle spielen, dass man nicht darauf hört
und daran ist nicht nur Freud schuld, daran ist auch die Erfahrung schuld, dass die Menschen so gelogen haben,
dass Kriege geführt worden sind mit solchen Lügen und dass hunderte von Millionen umgebracht worden sind
oder freiwillig gestorben sind aufgrund von solchen Lügen,
dass man immer weniger beeindruckt davon ist, was die Menschen sagen.
Worte und Gedanken sind so billig, dass man alles, wenn man nur geschickt genug ist oder die richtigen Zeitungen liest, parat hat.
Die junge Generation hat die Konsequenzen gezogen aus der freudschen Entdeckung.
Sie fragt nicht mehr, was hast du dir dabei gedacht, sondern sie sagt, das ist uns ganz uninteressant, was du dir dabei gedacht hast.
Wie hast du gehandelt? Und wenn du so handelst, dann musst du deine Motive haben.
Denn wenn du keine Motive hättest, dann hättest du nicht so gehandelt.
Also messen wir das, was du getan hast, nicht an deinen Gedanken darüber, sondern an deiner Handlung selbst, das heißt an deinen Motiven.
Ich glaube, das ist ein viel größerer Einfluss von Freud auf die Entwicklung der westlichen Welt
als der andere Einfluss, den man gewöhnlich ihm zuschreibt, nämlich auf die Entwicklung der neuen, was man so nennt, die sexuelle Revolution.
Die sexuelle Revolution, die wäre wahrscheinlich auch ohne Freud gekommen, nämlich in einer Gesellschaft, die ganz auf Konsum eingestellt ist.
Man kann ja nicht den Menschen dazu anhalten, alles zu wollen, was seine Sinne befriedigen,
wonach er begehrt und zwar unmittelbar, ohne Aufschub, mit Teilzahlungen
und ihm dann aber sagen, ja, aber das, was deine Sinne auch immer zu begehen, die Sexualität, das musst du nicht befriedigen, auch wenn es nichts kostet.
Das kann man psychologisch nicht gut und so liegt es sehr auf der Hand, dass in der Konsumgesellschaft,
und das hat schon Adolf Höchstle in seinem berühmten Buch gezeigt, dass in der Konsumgesellschaft die Sexualität auch zum Konsumartikel wird.
Sie wird auch konsumiert und man kann gar nicht sagen, dass sie nichts kostet.
Denn dazu kommen dann die Industrien, die das ausbeuten, die Parfüm und die Hautcremes.
Milliarden von Mark werden ausgegeben, um sich sexuell attraktiver zu machen.
Außer bis auf kleine Gruppen, die nur nackt gehen oder als Hippies gehen.
Die kaufen dann wenigstens die Journale und die Magazine mit den Annoncen, wo man liest, wie man sich attraktiver in dieser Weise macht.
Aber das, was neu ist, ist bei der jungen Generation, dass die Sexualität nicht mehr mit Schuldgefühl verbunden ist.
Und ich möchte hier ein Wort sagen über den Zusammenhang zwischen Sexualität und Schuldgefühl.
Nämlich, wenn man, wie das die Autoritäre der Ethik tut, sagt, die sexuellen Begierden sind sündhaft,
dann hat man natürlich eine unerschöpfbare Quelle von Schuldgefühlen.
Man könnte sagen, dann wird jeder geboren oder zumindest vom dritten Lebensjahr an hat er ein großes Bankkonto von Schuldgefühlen.
Da der Mensch, so wie er ist, mit Notwendigkeit sexuelle Wünsche hat,
wenn die nun stigmatisiert werden, dass außer unter ganz gewissen Bedingungen die schuldhaft sind,
ja, dann muss er sich eigentlich immer schuldig fühlen,
denn in seiner Fantasie, in seinen Wünschen werden diese richtigen Bedingungen gar nicht immer hundertprozentig ausgefüllt,
auch wenn er vielleicht sich nicht danach richtet im Handeln.
Und das ist zum großen Teil auch schon nicht der Fall in der modernen Gesellschaft.
Und so führt die Restriktion der Sexualität zweifellos zu Schuldgefühlen,
die dann gebraucht werden für die Aufrichtung der autoritären Ethik im Allgemeinen.
Nun, diese junge Generation, aber zum Teil auch die ältere, scheint diese Schuldgefühle endlich über Bord geworfen zu haben.
Und das scheint mir, ist ein ganz wesentlicher Fortschritt,
wenngleich auch viele von Ihnen das als einen ganz wesentlichen Rückschritt ansehen werden.
Aber ich möchte trotzdem sagen, es ist nicht alles Gold, was glänzt hier.
Denn auch hier hat die Sexualität sehr oft und nimmt sehr oft an den reinen Konsumptionscharakter.
Das heißt, sie wird in Wirklichkeit zu einer Verschleierung des Mangels an Intimität, an menschlicher Intimität.
Man ersetzt die menschliche Fremdheit, man ersetzt die menschliche Entfremdung durch die körperliche Nähe.
Aber man kann sagen, und das liegt wohl im Bereich der Erfahrung der meisten Menschen,
körperliche Intimität als solche schafft keine seelische Intimität.
Die seelische Intimität, die echte Nähe zweier Menschen, mag zwar mit der körperlichen Intimität zusammenhängen,
mag zwar sogar von ihr eingeleitet werden, aber im Großen und Ganzen ist sie in keiner Weise mit ihr identisch.
Und gerade wenn einem die seelische Intimität fehlt oder schwer wird,
dann natürlich liegt es nahe, sie durch die körperliche Intimität zu ersetzen,
die natürlich sehr leicht ist, wenn man normal gebaut ist und veranlagt ist.
Und wenn man es nicht ist, dann geschieht es halt auf andere Weise,
aber es bleibt ziemlich mehr oder weniger dasselbe Prinzip.
Ich sagte, dass die junge Generation die patriarchalische Ordnung und auch die Konsumentengesellschaft nicht anerkennt.
Das ist richtig, aber wenn man das sagt, muss man auch bedenken,
dass sie eine neue Art von Konsumententum hat, was man darin sieht, in welcher Weise Drogen eingenommen werden.
Die Eltern, die kaufen sich viele Wagen und viele elegante Kleider und Schmuck und die Kinder nehmen die Drogen.
Das ist schließlich eine Frage der Geschmackssache, was da nun besser ist.
Aber das Drogennehmen ist genauso ein Ausdruck des passiven, faulen Konsumentums wie das Kaufen und Essen.
Es ist nur anders, hat andere Folgen, aber es bleibt derselbe passive Charakter.
Und man muss leider sagen, dass viele dieser jungen Leute, die glauben, das ganze Gegenteil ihrer Eltern zu sein,
gar nicht so verschieden sind, dass sie auch konsumorientiert sind, dass sie auch passiv sind,
dass sie auch zu denen gehören, die im Grunde genommen immer auf etwas warten, was von außen kommt.
Den Effekt der Droge, der Effekt der Sexualität oder die, wie hypnotisiert zuhören,
den Mans, die einen Rhythmus spielen, der sie wegnimmt, der sie mitreißt,
der nicht ein Rhythmus ist, der ihre Aktivität befördert, sondern wie in einem Trance, der sie mitnimmt,
wie in einer Orgie, wie in einem von Drogen erzeugten Zustand, indem man sich vergisst.
Das heißt, indem man grundsätzlich und tief passiv ist.
Der aktive Mensch vergisst sich eben nicht, sondern der ist er selbst.
Er wird reifer, er wird aktiver, er wächst.
Der passive Mensch ist ja, er ist der ewige Säugling.
Ob er nun Wasser konsumiert, ist ganz ziemlich gleichgültig.
Ob er konsumiert Zigaretten, Alkohol, Bier, Wein, Frauen oder Männer, Bücher, Zeitungen, Television, alles.
Es kommt gar nicht darauf an.
Wenn Sie einmal beobachten, wie der konsumierende Mensch isst, trinkt, raucht, der Television zuhört und ein Buch liest,
dann sehen Sie, dass im Grunde genommen dieselbe Haltung vorliegt,
nämlich eine vollkommen passive Haltung, in der er nur aufnimmt,
die Haltung, wenn Sie so wollen, des offenen Mundes, des Säuglings, der auf die Flasche wartet,
und dann wird er langsam befriedigt, er hat nichts zu tun.
Keine seiner seelischen Kräfte wird davon berührt.
Er wird in keiner Weise aktiviert, aber er wird zum Schluss, wenn Sie so wollen, schläfrig.
Und auch physiologisch, wenn er, hat der Tag ja ein Ende,
und wenn man eben bis zum Letzten ein Detektivroman gelesen hat,
oder Television zugeschaut hat, oder bei einer Cocktailparty war, oder getrunken hat,
oder was weiß ich, naja, schließt die Schlafbahn ja ein.
Und dann sind die Menschen, die sich so freuen, dass sie zu leben, glücklich sind, wenn sie schlafen können.
Aber nicht aus einem gesunden Ermüdungsprozess heraus, sondern letzten Endes auf der Langeweile,
weil sie schon nicht mehr wüssten, was sie noch eine Stunde länger mit sich anfangen sollten.
Das mag Ihnen vielleicht als eine sehr drastische Schildung erscheinen,
es gibt dazu auch viele Ausnahmen, aber ich glaube, im Großen und Ganzen ist im Prinzip das so,
mit einer sehr großen Zahl von Menschen, und das nimmt immer nur mehr zu,
unter der Trommel und dem Rhythmus aller der bedürfnisproduzierenden Medien,
die auf den Menschen einhauen und die ihm eben sagen,
wenn du nicht mehr konsumierst, dann bist du eigentlich kein richtiger Mensch.
Nun, wenn ich sage, das ist der schlechte Einfluss der Konsumtion,
dann entsteht die Frage, ja, ist das also dasselbe wie der schlechte Überfluss,
der überflüssige Überfluss, der Überfluss, den der Mensch gar nicht verdauen kann,
der zwecklos ist, der nichts zu seinem Lebendigsein beiträgt?
Ich glaube, die Antwort ist ja.
Was wir heute konsumieren, ist zum großen Teil zweckloser, überflüssiger Überfluss.
Und demgegenüber scheint mir die Frage, können wir in unserer Gesellschaft
im Prinzip wenigstens den guten Überfluss produzieren?
Können wir von dem Überfluss, den wir technisch produzieren können,
einen guten Gebrauch machen, sodass er nicht ein zweckloser,
den Menschen passiv und faul machender Überfluss ist?
Und ich glaube in der Tat, das ist sehr möglich.
Nämlich, wenn wir erkennen, dass die Bedürfnisse gesteigert und befriedigt werden müssen,
die den Menschen aktiver, lebendiger machen, die ihn dazu führen, freier zu sein.
Nämlich nicht getrieben von Leidenschaften oder nicht reagierend auf gewisse Reize,
von denen er gelernt hat, man muss darauf so reagieren,
sondern in einer Weise, dass Anregungen, Interessen geschaffen werden,
auf die der Mensch reagiert, indem er seine Kräfte entfaltet,
indem er seine Kräfte übt.
Die Kräfte am Denken, am Fühlen, am künstlerischen Gestalten,
die im Menschen angelegt sind.
Das heißt natürlich, dass sowohl die Freizeit,
sogenannte Freizeit, wie die Arbeit vollkommen anders organisiert werden müssen.
Unsere Freizeit heute ist ja zum großen Teil nur ein sich erholen von der Zwangsarbeit,
von der monotonen Arbeit durch vollkommene Fauleit.
Oder durch die Illusion der Macht, indem man sich hinter einen Wagen setzt
und dann losfährt und sich einbildet, man ist sehr potent und sehr mächtig,
weil man 60 Pferdekräfte hat oder wie viele das immer sind.
Sondern stattdessen Bedürfnisse erzeugt und Bedürfnisse fördert,
die im Menschen liegen, die zur Entfaltung seiner Aktivität führen.
Und das heißt sowohl in der Freiheit, das sagte ich schon, wie auch in der Arbeit.
Das heißt, dass die Arbeit aufhört, monoton zu sein, langweilig zu sein.
Und dass das Hauptproblem der Arbeitsorganisation sein muss,
wie kann die Arbeit entweder direkt physisch oder die Beteiligung an der sozialen Einheit,
die eine Fabrik darstellt, wie kann dieses interessant, anregend,
lebendig gemacht werden statt monoton.
Und hier steht die Frage, die grundsätzliche Frage, was ist unser Ziel?
Ist unser Ziel die größere Produktivität oder ist unser Ziel das Wachstum und die Entfaltung des Menschen?
Nun meistens sagen die Menschen heute, was gut für Industrie ist, ist auch gut für den Menschen,
was gut für den Menschen ist auch gut für Industrie.
Ja, das ist eine sehr schöne Idee von einer prestabilierten Harmonie.
Sie ist nur ein Schwindel.
Denn es lässt sich zeigen, so ist das eben nicht.
Viele Dinge sind gut für Industrie, die schlecht sind für den Menschen.
Zum Beispiel die Art des Konsumierens und der Bedürfnisse, die Industrie erzeugt.
Und umgekehrt.
Und die Frage ist, welche Entscheidung trifft der Mensch?
Trifft er die Entscheidung, wenn Sie biblisch reden wollen, für Gott oder für Cäsar?
Das klingt vielleicht sehr dramatisch.
Aber wissen Sie, meine Damen und Herren, wenn man ernsthaft über das Leben spricht,
wenn man damit sich wirklich beschäftigt, dann sind die Dinge sehr dramatisch.
Nicht nur Tod und Leben im physischen Sinn, das nehmen wir alles als Drama auf,
sondern das Lebendigerwerden oder das Toterwerden des Menschen in seinem Leben.
Darüber täuschen sich die Menschen leicht hinweg.
Aber wie einmal jemand gesagt hat, von 40 Jahren an ist jeder für sein Gesicht verantwortlich.
Das heißt, die eigene Lebensgeschichte zeigt, ob er das Leben richtig oder falsch gelebt hat.
Und auch alles, was man ihm sagt, dass er ja doch so nützlich war und so ein gutes Rad an der Maschine war,
wichtiges oder unwichtiges Rad, das alles mag ihn nicht darüber hinweg täuschen,
dass letzten Endes er nicht lebendig war.
Und ich glaube, dass Marx, wie auch Disraeli, die sehr ähnlich gedacht hat, ganz recht hatten,
wenn sie sagten, Luxus ist ein ebenso großes Laster wie Armut.
Und mit Luxus meinten sie sicher genau dasselbe, was ich hier gemeint habe, mit überflüssigem Überfluss.
Im Gegensatz zu dem überfließenden Überfluss, der das Gegenteil ist der Not, der Bedrängtheit, der Sorge.
Wenn das das Ziel ist, dann allerdings müssten die gesellschaftlichen Verhältnisse sehr grundsätzlich verändert werden.
Denn die sind ja im Augenblick darauf aufgebaut, dass der Konsum bestimmt wird von dem Profitinteresse der Industrie,
die auch gar nicht anders kann, weil alles so organisiert ist.
Das ist kein schlechter Wille, es gibt eine Konkurrenz.
So muss man den Konsum steigern, muss man neue Bedürfnisse erfinden, produzieren,
damit man mehr Waren produzieren kann, muss den Menschen manipulieren.
Und der Mensch wird letzten Endes ein Gefangener, ein Gefangener seiner eigenen Gier,
seiner Machtgier, seiner Geldgier, seiner Geltungsgier.
Er wird halt ein gieriger Mensch.
Und ein gieriger Mensch ist ein getriebener Mensch und kein freier Mensch.
Ich bin mir sehr bewusst, wenn ich diese Dinge sage, über die außerordentlichen Schwierigkeiten,
die darin bestehen, solche Veränderungen herbeizuführen.
Ich glaube aber, wenn sie herbeigeführt werden können, dann ist das nur möglich,
aufgrund des tiefen Erlebnisses der Menschen, dass sie mehr leben wollen,
dass sie weniger Routine wollen, dass sie keine Langeweile wollen
und dass sie Bedürfnisse wollen, die sie lebendiger, freier, fröhlicher machen
und nicht Bedürfnisse, die letzten Endes ihnen einen schlechten Geschmack lassen,
weil sie nun schon alles gehabt haben und doch sind sie nicht glücklich.
Es gibt ja heute viele Völker, die denken, wenn sie das hätten, was die Amerikaner haben,
dann wären sie wirklich glücklich und zwar gerade die am wenigsten technisch Fortgeschrittensten.
Und vielleicht gibt es in den Vereinigten Staaten die größte Zahl der Menschen,
die schon erlebt haben, mit den zwei und drei Autos und allem, was dazu gehört,
wird man auch nicht glücklich.
Und es ist ja auch kein Zufall, dass gerade diese radikale Jugend in den Vereinigten Staaten
zum großen Teil aus der mittleren Oberklasse kommt.
Das heißt von den Klassen, wo sie schon diesen Überfluss genossen haben und gesehen haben,
erlebt haben, der macht sie nicht glücklich, sondern höchstens in der Fantasie.
Und wenn die Realität da ist, dann schon gar nicht.
Nun, scheint mir, ist außerordentlich wichtig, sich über ein Prinzip klar zu werden.
Und das ist ein Prinzip, was für die Strategie der Kunst des Lebens von ungeheurer Wichtigkeit ist.
Nämlich, dass man das Leben verfehlt, wenn man konfliktierende Ziele verfolgt
und sich nicht darüber klar ist, dass sie sich widersprechen.
Es gibt ein wunderbares Beispiel beim Pavlovschen Hund.
Den hat er also so erzogen, so getrainiert, dass er Hunger bekommt, wenn er einen Kreis sieht
und dem Essen abgenerkt ist, wenn er eine Ellipse sieht.
Und dann hat er den Kreis und die Ellipse so aneinander genähert,
dass der Hund sie nicht mehr unterscheiden konnte.
Und in diesem Konflikt wurde der Hund neurotisch.
Und zwar zeigt er die klassischen Symptome der Neurose.
Er wurde ängstlich verwirrt, weil er keine klare Linie hatte dessen, was er tun soll.
Das gilt mehr oder weniger für alle seelische Leben.
Der Mensch wird seelisch krank, wenn er konfliktierende Ziele verfolgt
und sich nicht dessen darüber klar ist.
Das heißt, gar nichts daran ändern kann.
Deshalb scheint mir, für heute ist die wichtige Aufgabe,
erst einmal zu sehen, welche konfliktierenden Ziele wir verfolgen
oder dass wir sie verfolgen.
Was dieser Konflikt uns antut.
Das ist nicht eine Frage, wo man Reden hält, wo man Propaganda macht,
wo man Menschen fanatisiert,
sondern das ist eine Frage, sich an jeden Einzelnen zu wenden
und sich zu sagen, nun ja, du lebst ja auch nur eine kurze Zeit,
denn das Leben ist kurz, gemessen mit unserer Fantasie.
Sieh doch einmal, was du eigentlich willst.
Und ich glaube, dann ergibt sich die Frage, die Grundfrage,
die man vielleicht formulieren kann mit dem großen amerikanischen Schriftsteller Emerson,
der einmal sagte, auf seine Zeit, das ist schon 100 Jahre her,
es gilt aber heute viel mehr, formuliert,
Dinge sitzen im Sattel und reiten den Menschen.
Ich glaube, die Frage unserer Zeit ist, kann der Mensch wieder zum Reiter werden?