Dass politische Gruppen Sprache benutzen, um Menschen von ihren Ideen zu überzeugen, ist ein alltäglicher Vorgang. In demokratischen Staaten stehen sie mit ihren Deutungen in Konkurrenz zueinander. In Diktaturen erhebt eine Gruppe die eigene Sprache zur Staatssprache. Totalitäre Regime gehen noch weiter und verordnen der gesamten Gesellschaft eine politische Sprache, die nahezu keine Abweichungen duldet. Genau dies war die Politik der Machthaber in der DDR. In seinem Vortrag untersucht der Historiker Dr. Hubertus Knabe anhand zahlreicher Beispiele, wie die DDR-Führung mit Sprache manipulierte und welche Instrumente sie dabei einsetzte.
In unserer Sendereihe Audimax, das Kontrafunkkolleg,
hören Sie heute den Essay
Sprache als Herrschaftsinstrument, das Beispiel DDR.
Autor ist der Historiker Dr. Hubertus Knabe,
langjähriger Direktor der Stasi-Opfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.
Kann man mit Sprache herrschen?
Zumindest ist Sprache ein wichtiges Hilfsmittel,
um Herrschaft zu erlangen und zu behaupten.
Sie kann Emotionen wecken und Menschen mobilisieren,
sie kann Sachverhalte in ein positives oder negatives Licht rücken,
sie kann Menschen zu Helden stilisieren
oder zu Unwert im Leben herabwürdigen.
Wir alle kennen Beispiele, wie mit Sprache manipuliert wird.
Wie das genau funktioniert und wie dadurch Herrschaft ausgeübt wird,
darüber machen sich jedoch nur wenige Gedanken.
Dabei kann die Kenntnis einschlägiger Methoden helfen,
ihnen weniger leicht zum Opfer zu fallen.
Für eine solche Analyse ist die DDR besonders aufschlussreich,
denn die kommunistische Bewegung maßt der Propaganda
und damit auch der Sprache eine zentrale Rolle zu.
Am Beispiel der DDR kann man zudem nicht nur die Methoden studieren,
sondern auch deren Wirkungen.
Die Aufgabe ist allerdings nicht ganz einfach,
denn Sprache ist ein sehr komplexes System.
Zudem hat sie sich in 40 Jahren erheblich verändert.
Ich kann deshalb nur einige mir wesentlich erscheinende Charakteristika herausarbeiten.
Dabei werde ich mich auf den offiziellen Wortschatz
und dessen Einsatz als Herrschaftsinstrument beschränken.
Eine wesentliche Voraussetzung, um mittels Sprache zu herrschen,
ist die Kontrolle der öffentlichen Kommunikation.
In der DDR wurde diese nahezu lückenlos von den Machthabern beherrscht.
Alle Zeitungen und Zeitschriften benötigten eine Lizenz,
sämtliche Bücher und sonstige Drucksachen eine Druckgenehmigung.
Radio und Fernsehen wurden vom staatlichen Komitee für Rundfunk verantwortet,
sogar Vervielfältigungsgeräte und Kopierer unterlagen einer strikten Kontrolle.
Dabei wurden die wichtigsten Medien nicht durch die Regierung,
sondern direkt durch die SID gesteuert.
Als Leitmedium fungierte deren Zentralorgan Neues Deutschland.
Doch auch die Regionalpresse war größtenteils im Parteibesitz,
da jede SID-Bezirksleitung eine eigene Tageszeitung besaß.
90 Prozent der Druckkapazitäten in der DDR gehörten dem Parteiunternehmen Zentrak,
zu dem auch die wichtigsten Zeitungs- und Zeitschriftenverlage der DDR zählten.
Selbst Rundfunk und Fernsehen sowie die einzige Inlandsnachrichtenagentur ADN
wurden vom Zentralkomitee der SID gelenkt.
Nur die Zeitungen der Blockparteien und Massenorganisationen,
die nicht der SID zugerechnet wurden,
kontrollierte das Presseamt des Ministerrates der DDR.
Unabhängig von SID und Regierung waren lediglich die Wochenzeitungen der Kirchen.
Das Presseamt hielt sie aber durch eine geringe Papierzuteilung künstlich klein
und intervenierte bei anstößigen Berichten.
Nach Auffassung der SID dienten Medien nicht der Information, sondern der Propaganda.
Zuständig für ihre Anleitung war deshalb der jeweilige Sekretär
für Agitation und Propaganda im Zentralkomitee.
Er war gleichzeitig für die Agitation verantwortlich,
die sich laut Lenin von der Propaganda dadurch unterscheidet,
dass sie sich auf wenige zentrale Botschaften beschränkt.
Dem ZK-Sekretär unterstand eine eigene Abteilung Agitation mit knapp 100 Mitarbeitern.
Für die Kontrolle der Medien waren dort speziell der Sektor Presse
und der Sektor Rundfunkfernsehen zuständig.
In den ersten Jahren spielte auch noch die Agitationskommission des Politbüros eine Rolle.
Diese Institutionen entschieden nicht nur über die Inhalte der Medien,
sondern auch über deren Personal.
Die Anleitung erfolgte entweder direkt durch die ZK-Abteilung
oder über die Agitationskommission und die regelmäßigen Treffen der Chefredakteure mit dem ZK-Sekretär.
Oft entschied der SID-Generalsekretär auch persönlich, was erschien.
Berühmt wurde zum Beispiel Erich Honeckers Korrektur eines ADN-Kommentars,
in dem es über die Ausreise hunderter Botschaftsflüchtlinge aus Ungarn im September 1989 hieß,
Honecker hatte dahinter noch eingefügt, man sollte ihnen deshalb keine Tränen nachweinen.
Der Kommentar wurde erst in der DDR-Nachrichtensendung aktuelle Kamera verlesen
und am nächsten Tag in allen 39 Tageszeitungen der DDR gedruckt.
Seit Ende der 1960er Jahre spielten die sogenannten Donnerstags-Argus,
Argu steht für Argumentation, eine wichtige Rolle.
Jede Woche um 10 Uhr erteilten dabei die Leiter der Abteilung Agitation,
Anweisungen an 60 bis 80 journalistische Leitungskader aus Berlin.
Sie gaben nicht nur die Themen der Berichterstattung vor, sondern auch deren Kommentierung.
Auch einzelne Überschriften und bestimmte Formulierungen wurden von ihnen festgelegt.
Sogar Platzierung und Aufmachung eines Themas wurden vorgegeben.
So lautete zum Beispiel die Anweisung zu Honeckers 70. Geburtstag für die Seite 1,
Neben den Medien kam auch der sogenannten Agitation zentrale Bedeutung zu.
Transparente und Plakate mit politischen Losungen, die sogenannte Sichtagitation,
hingen in der gesamten DDR an Straßen und Gebäuden.
Auch die einzige Werbeagentur der DDR, die DEWAG, unterstand deshalb der Abteilung Agitation.
Regelmäßig wurde die Bevölkerung zu politischen Kampagnen, Unterschriftensammlungen und Großkundgebungen mobilisiert.
Die Losungen, etwa zum 1. Mai, wurden zentral vorgegeben,
durch Beschluss des Politbüros und anschließende Veröffentlichung in den Zeitungen.
Einen Sekretär für Agitation und Propaganda gab es auch in vielen Massenorganisationen,
etwa im Jugendverband FDJ oder im Gewerkschaftsbund FDGB.
Diesen unterstanden oft ebenfalls speziell zuständige Abteilungen.
Sogenannte Agit-Pop-Sekretäre gab es aber auch in den Bezirken, Kreisen und sogar in einzelnen Institutionen.
In der FDJ-Grundorganisation des Zentralinstituts für Physikalische Chemie
bekleidete zum Beispiel eine Ihnen wohlbekannte Person diesen Posten, Angela Merkel.
Durch regelmäßige Schulungen wurden die zentral festgelegten Argumentationen und Begriffe von oben nach unten durchgestellt.
Diesem Zweck dienten unter anderem das sogenannte Parteilehrjahr,
die Schulungshefte für Agitatoren, die Schulen und Hochschulen von SED und FDJ
sowie die in Betrieben, Universitäten und Schulen obligatorische Wandzeitung.
In der DDR war es dadurch kaum möglich, sich dieser allumfassenden Propaganda zu entziehen,
auch wenn sie vielfach zur Abstumpfung führte und durch einige westdeutsche Radio- und Fernsehsender konterkariert wurde.
Diese Kontrolle des öffentlichen Raumes verschaffte der SED in der politischen Kommunikation eine absolute Monopolstellung.
Was aber zeichnete ihre Sprache aus und wie wurde damit Herrschaft ausgeübt?
Schauen wir uns zunächst einige Schlüsselwörter näher an.
Nehmen wir zum Beispiel das Wort Befreiung.
Die SED benutzte es für die Besetzung Ostdeutschlands durch die Rote Armee.
Als Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus war der 8. Mai von 1950 bis 1967 gesetzlicher Feiertag.
Bis zum Ende der DDR war er Anlass für zahlreiche Veranstaltungen, Kranzniederlegungen und Fackelzüge,
bei denen nahezu ausschließlich der Roten Armee gehuldigt wurde.
Die von ihr installierte Diktatur wurde dabei stets als Befreiung hingestellt.
Dass die sowjetischen Truppen beim Einmarsch in Deutschland massive Kriegsverbrechen begangen hatten, war hingegen ein strenges Tabu.
Dass sie die Deutschen 1945 besiegen und nicht befreien wollten, wurde ebenso verschwiegen.
Die SED nutzte den doppeldeutigen Begriff Befreiung gezielt, um ihre Diktatur zu kaschieren.
Zwar hatte die Rote Armee tatsächlich mitgeholfen, das NS-Regime zu zerschlagen, doch führte dies keineswegs zu politischer Freiheit.
Der diametrale Gegensatz zwischen Begriff und Wirklichkeit erinnert an den Roman 1984 von George Orwell, in dem die Geheimpolizei Liebesministerium heißt.
Ähnliches gilt für die offizielle Bezeichnung der Nachkriegsjahre in Ostdeutschland.
Mit brutaler Gewalt hatte Stalin damals eine sozialistische Diktatur nach sowjetischem Vorbild errichten lassen.
Die SED nannte dies antifaschistisch-demokratische Umwälzung.
Der Begriff sollte ihre Machtergreifung als natürlichen politischen Prozess erscheinen lassen.
Mit einem doppelten Adjektiv wurde dieser gleichzeitig positiv aufgeladen.
Schauen wir uns den Begriff antifaschistisch einmal näher an.
Antifaschismus ist das Antonym zu Faschismus, was eigentlich nicht mehr als Bündlertum bedeutet und sich auf die italienischen Kampfbünde zu Beginn der 20er Jahre bezieht.
Die Kommunistische Internationale stellte die beiden Begriffe bereits damals in den Mittelpunkt ihrer Agitation.
Von der KPD wurden sie besonders konsequent verwendet, weil sie die Anhänger Hitlers nicht als nationale Sozialisten bezeichnen wollte.
Aber auch die SPD nannte die KPD Sozialfaschisten.
Nach ihrer Machtergreifung in Ostdeutschland gelang es der SED, den eigentlich unzutreffenden Begriff Faschismus in der DDR als übliche Bezeichnung für das NS-Regime durchzusetzen.
Die Ziele des Antifaschismus ließen die Kommunisten bewusst offen.
Sie nutzten den negierenden Begriff als Mittel, um Bündnispartner im Kampf für radikale politische Änderungen zu gewinnen.
Für sie stand dabei fest, dass sie die Macht am Ende allein ausüben wollten.
Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die Errichtung einer kommunistischen Diktatur verschmolzen so zu einer Einheit.
Im Programm der SED liest sich das dann so.
Sie, die SED, setzt das Werk der Kommunistischen Partei Deutschlands fort und erfüllt das Vermächtnis der antifaschistischen Widerstandskämpfer.
Ähnlich wie das Wort Befreiung stand der Begriff antifaschistisch in deutlichem Widerspruch zur Realität.
Denn im Aufbau ähnelte das politische System der DDR dem nationalsozialistischen.
Es gab keine freien Wahlen, sondern eine Einparteienherrschaft.
Die FDJ ahmte die Hitlerjugend nach und der Staatssicherheitsdienst war bald ähnlich gefürchtet wie die Gestapo.
Die Sowjets reaktivierten sogar die Konzentrationslager Buchenwald, Jamlitz und Sachsenhausen, um massenhaft Menschen ohne nähere Prüfung einzusperren.
Anfangs nutzte die SED den Begriff Antifaschismus vor allem, um der kleinen Gruppe Moskau-Treuer-Kommunisten mehr politisches Gewicht zu verschaffen.
Schon bald diente er aber zur Rechtfertigung umfangreicher Enteignungen.
Später legitimierte die SED ihre Diktatur mit der Behauptung, die DDR hätte unwiderruflich mit dem Faschismus gebrochen.
Die antifaschistische Propaganda schlug sich in zahllosen Reden, Veranstaltungen, Büchern, Filmen, Straßennamen und über 4000 Mahn- und Gedenkstätten nieder.
Bei der Bevölkerung fiel sie durchaus auf fruchtbaren Boden, weil sie diese von Schuldgefühlen entlastete.
Auch in Krisensituationen erwies sich das Begriffspaar als nützlich.
Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 bezeichnete die SED als faschistischen Putschversuch, die Berliner Mauer als antifaschistischen Schutzwall.
Die wirtschaftlich erfolgreichere Bundesrepublik wurde lange Zeit als Fortsetzung oder Neuauflage des Dritten Reichs dargestellt.
Vor allem bei Intellektuellen wirkte die Behauptung, die DDR sei ein antifaschistischer Staat, als Loyalitätsfalle,
wie die ostdeutsche Psychotherapeutin Annette Simon die so erzeugte Bereitschaft zur Identifikation mit dem SED-Staat nannte.
Ein ähnlicher Mechanismus zeigt sich auch bei der Selbstbezeichnung des SED-Staates als Deutsche Demokratische Republik.
Schon Willy Brandt bemerkte dazu, dass die DDR weder deutsch, weil sowjetisch beherrscht, noch demokratisch noch eine Republik war.
Mit dem anmaßenden Adjektiv demokratisch versuchte die SED, den diktatorischen Charakter ihres Regimes zu übertünchen.
Man erkennt an diesem Beispiel aber noch eine andere Wirkung.
Die SED löste das Adjektiv demokratisch nämlich von seinem ursprünglichen Sinngehalt und füllte es mit einer vagen neuen Bedeutung.
In der Propaganda stand es gleichzeitig für sozialistisch, was wiederum meinte von der SED beherrscht.
So nannte sich der Ostteil Berlins in den 1950er Jahren offiziell demokratischer Sektor.
Durch stetige Wiederholung wurde die Sinnverschiebung der Bevölkerung sukzessive eingeträufelt.
Bei der Selbstbezeichnung als Deutsche Demokratische Republik wurde sie schließlich sogar Teil der Alltagssprache
und die Diskrepanz zwischen Begriff und Wirklichkeit fiel kaum noch jemandem auf.
Ein letztes Beispiel.
Unter SED-Chef Erich Honecker wurde die DDR als real existierender Sozialismus bezeichnet.
Der Zusatz real existierend war eine eigentlich überflüssige Verstärkung,
vergleichbar mit der vom Verfassungsschutz neuerdings eingeführten Formel, die AfD sei gesichert rechtsextrem.
Die Beifügung richtete sich aber zugleich gegen mögliche Zweifel, dass es sich bei dem Regime der SED tatsächlich um Sozialismus handelte.
Schließlich wurde damit betont, dass Sozialismus nicht nur eine politische Utopie ist, sondern in der DDR praktisch verwirklicht wurde.
Was genau damit gemeint war, blieb allerdings unbestimmt.
Am Ende transportierte die Wortfolge real existierender Sozialismus nur die affirmative Botschaft,
das aktuell in der DDR herrschende System.
Beispiele dieser Art ließen sich noch viele nennen.
Weil wir dafür nicht die Zeit haben, will ich im Folgenden einige grundlegende Charakteristika der Herrschaftssprache in der DDR herausarbeiten.
Eine auffällige Eigenheit ist das Grundmuster der Dichotomie.
In der klinischen Psychologie versteht man darunter, dass eine Person die Wirklichkeit stets in zwei extreme Kategorien unterteilt.
Man spricht daher auch vom Alles- oder Nichtsdenken oder vom Schwarz-Weiß-Denken.
Diese Dualität prägte auch die Sprache der SED.
Sie ist bereits in den Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels angelegt, die behaupteten,
die menschliche Geschichte wäre stets eine Abfolge von Kämpfen zwischen zwei antagonistischen Klassen gewesen.
Der Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat, so meinten sie,
könne nur durch eine gewaltsame Revolution aufgelöst werden, die die Gesellschaft auf eine höhere Stufe höbe.
Diese mechanische Sicht auf politische und gesellschaftliche Prozesse hat Lenin noch beträchtlich verstärkt.
Der Sprachschatz der SED war deshalb voller Begriffe, die dieses dichotomische Denken widerspiegelten.
Arbeiterklasse versus Bourgeoisie, Kommunismus versus Kapitalismus, Sozialismus versus Faschismus oder Imperialismus,
Internationalismus versus Nationalismus.
Mit diesen und weiteren Begriffen reduzierte die Propaganda eine komplexe Wirklichkeit auf den Gegensatz zwischen Gut und Böse.
Während die Kommunisten auf der richtigen Seite der Geschichte stünden, weil sie deren vermeintlichen Gesetze kennten,
galt Kritik als feindlich, vom Gegner gesteuert oder zumindest objektiv schädlich.
Viele Begriffe wurden dabei durch Adjektive zusätzlich emotional aufgeladen.
Der Putsch der Bolschewiki in Russland galt als große sozialistische Oktoberrevolution.
Der Kampf der Roten Armee gegen die Wehrmacht als großer vaterländischer Krieg.
Die sowjetkommunistischen Diktaturen und ihre Verbündeten waren fortschrittlich, friedliebend und demokratisch,
ihre Führer groß, genial und überragend.
Die Gegner der SED wurden dagegen mit hasserfüllten Invektiven gebrandmarkt.
Als Klassenfeind Junker und Kulak, als Brandstifter, Gangster und Verbrecher,
als Handlanger, Helfershelfer und Komplize, als Bestie, Hyäne, Raubtier, Schmarotzer usw.
Die Bundesregierung, West-Berlin, die USA und die NATO firmierten als Kriegstreiber Ultras, Spionagesumpf, Hort der Reaktion oder des Faschismus.
Nicht selten schuf die SED auch neue künstliche Worte wie Blutrichter oder Atombischof,
die dann jahrelang stereotyp wiederholt wurden, bis sie sich fest eingeprägt hatten.
In meinem Buch 17. Juni 1953 habe ich beschrieben, wie das Politbüromitglied Rudolf Herrnstadt den Einfall hatte,
den Volksaufstand in der DDR als Tag X zu bezeichnen.
Der Begriff, der suggerieren sollte, dass der Westen den Aufstand angezettelt hätte,
wurde von der Propaganda tausendfach wiederholt und fand sogar in Gerichtsurteile Eingang.
Diese aggressive Polemik gegen Andersdenkende findet sich schon bei Marx, Engels und Lenin.
Sie kam auch und gerade gegenüber Sozialisten mit abweichenden Meinungen zur Anwendung.
In der DDR wurden sie, wie in der Sowjetunion, als Revisionisten, Renegaten, Feinde, Verräter oder Agenten tituliert.
Von den Sowjets übernahm die SED auch die Methode an Namen das Suffix "-ismus anzufügen
und dadurch den Eindruck einer geschlossenen Ideologie zu erzeugen.
Der Vorwurf des Luxemburgismus, des Trotzkismus, des Bucharinismus oder des Tituismus
konnte nicht nur zum Parteiausschluss führen, sondern auch zur Verhaftung oder sogar zur Hinrichtung.
Auch andere pejorative Namensableitungen wie Schuhmacheragenten oder die Adenauers und Glopkes
waren besonders in den 1950er Jahren üblich.
Zu diesem Freundfeinddenken passt die Vorliebe der SED für militärische Begriffe.
Worte wie Klassenkampf, Waffen des Proletariats oder Eroberung der politischen Macht
finden sich schon bei Marx und wurden von der SED unbesehen übernommen.
Dasselbe gilt für Lenins Vokabular, der die Kommunisten zur Avantgarde des Proletariats erklärte
und mit einer paramilitärisch organisierten Kaderpartei den Umsturz in Russland herbeiführen wollte.
Unter Stalin, Ulbricht und Honecker gehörten kriegerische Ausdrücke erst recht zur Propaganda.
Da war die Rede von Vorhut, Stoßtrupp, Angriff oder Feldzug, von Bastion, Wollwerk, Waffen oder Front,
von Pionieren, Kampfesgrößen, Bannern oder dem wöchentlichen Fahnenappell in der Schule.
Während die FDJ als Kampfreserve der Partei galt, sollten die Arbeiter die Höhen der Kultur erstürmen
und den Sieg in der Produktionsschlacht erzielen.
Auch die Bauern mussten sich jedes Jahr an der Erntefront bewähren.
Selbst in der Alltagssprache wurden militärisch geprägte Begriffe wie Brigade, Brigadier,
Kampfgruppe oder Held der Arbeit benutzt, ohne dass die sonderlich auffielen.
Der militärische Sprachgebrauch diente einerseits dazu,
die Gesellschaft in ständiger Kampfbereitschaft zu halten und auf einen externen Feind einzuschwören.
Dies wiederum diente vor allem der inneren Gleichschaltung.
Selbst im Politbüro waren abweichende Meinungen untersagt.
Zugleich half die Behauptung, die DDR befände sich in einer Art Krieg,
Kritik an inneren Missständen zu unterdrücken.
Vor allem in den frühen 1950er Jahren war es üblich,
den USA und der Bundesrepublik, aber auch inaktierten DDR-Bürgern vorzuwerfen,
sie wollten einen Dritten Weltkrieg entfesseln.
Zur Rhetorik der SED gehört es auch, beständig Angst vor einem Krieg zu schüren.
Dies schlug sich vor allem in einer uferlosen Friedenspropaganda nieder.
Je stärker der Sozialismus, desto sicherer der Frieden, lautete eine der ständig wiederholten Parolen.
Auch bei der Friedenspropaganda ging es darum, Gefolgschaft zu erzeugen.
Zu diesem Zweck mobilisierte die SED die Bevölkerung zu zahlreichen Kundgebungen und Kampagnen,
während sie gleichzeitig die innere Militarisierung vorantrieb.
Den darin liegenden Widerspruch versuchte sie zu überdecken mit Parolen wie
»Der Frieden muss bewaffnet sein«.
Das Bestreben der Machthaber, eine homogene, volksame Gesellschaft zu erzeugen,
machte sich sprachlich noch in anderer Hinsicht bemerkbar.
In der Verherrlichung des Kollektivs und der Verachtung des Individuums.
Ob Pioniergruppe, Klassenkollektiv, FDJ-Aktiv, Seminargruppe, Brigade oder Kollektiv der sozialistischen Arbeit,
der erzwungene Zusammenschluss in einer Gemeinschaft spielte in der DDR eine enorme Rolle.
Viele dieser Bezeichnungen stammten übrigens ebenfalls aus dem Russischen.
Wer in der DDR beruflich vorankommen wollte, musste unter Beweis stellen,
dass er sich in das jeweilige Kollektiv integrierte und damit auch dessen sozialer und politischer Kontrolle unterwarf.
In Beurteilungen und Zeugnissen wurde deshalb nicht nur die Leistung,
sondern auch die Einfügung ins Kollektiv bewertet.
Nonkonformes Verhalten führte dagegen vielfach zu Benachteiligung, Rebellionsüberwachung oder sogar zu Haft.
Sprachlich wurden die Betroffenen mit Begriffen wie bürgerlich, kleinbürgerlich, zurückgeblieben oder dekadent stigmatisiert.
Die Betätigung im Kollektiv nannte sich gesellschaftliche Arbeit.
Gemeinschaftserlebnis und politische Indoktrination verschmolzen dabei zu einer Einheit.
Vor allem Jugendliche sollten auf diese Weise zu sozialistischen Persönlichkeiten erzogen werden, wie es im DDR-Schulgesetz hieß.
Aber auch in den Betrieben gab es Prämien für Brigaden, die nachwiesen,
dass sie sozialistisch arbeiten, lernen und leben, wie es auf der Auszeichnung als Kollektiv der sozialistischen Arbeit hieß.
Der Kollektivismus der SED schlug sich auch in einem inflationären Gebrauch des Wortes Volk nieder.
Dieser zeigte sich besonders in Begriffen wie Volkspolizei, Volksarmee, Volkseigener Betrieb oder dem Pleonasmus Volksdemokratie.
Wie schon im Nationalsozialismus diente die Berufung auf das Volk dazu, die Diktatur sprachlich zu legitimieren.
Was genau mit Volk gemeint war, blieb freilich widersprüchlich.
Laut Marx und Engels bestand die Bevölkerung ja aus Klassen, die sich antagonistisch gegenüberstünden.
In der ersten DDR-Verfassung hieß es dann, das deutsche Volk, also alle Deutschen, hätten sich diese gegeben.
In der Verfassung von 1974 war dagegen nur noch vom Volk der Deutschen Demokratischen Republik die Rede.
Im Gegensatz dazu definierte Artikel 1 die DDR als sozialistischen Staat der Arbeiter und Bauern
und als politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter Führung der Arbeiterklasse.
Auch dies war aber nicht wörtlich zu verstehen, denn die rund 60.000 vietnamesischen Vertragsarbeiter,
wie ausländische Arbeitskräfte in der DDR euphemistisch genannt wurden, wurden nicht zum Volk der DDR gerechnet.
Eine weitere Eigenart der SED-Diktatur war es, dass ihre Führer behaupteten, ihre Politik wäre wissenschaftlich begründet.
Dies schlug sich auch in der Sprache nieder.
Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.
Dieser in der DDR oft zitierte Satz Lenins brachte den geradezu religiösen Unfehlbarkeitsanspruch deutlich zum Ausdruck.
Unter Stalin wurden auch Leninschriften in den Kanon wissenschaftlicher Analysen aufgenommen.
Der Marxismus-Leninismus galt fortan als wissenschaftliche und damit einzig wahre Weltanschauung,
eben als wissenschaftlicher Sozialismus.
Dessen wichtigstes Dogma lautete, dass nur die kommunistische Partei die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte erkennen
und den Weg in eine bessere Zukunft weisen könne.
In Louis Fürnbergs Lied der Partei wurde dies auf die Formel gebracht,
die Partei, die Partei, die hat immer Recht.
Auch in der DDR-Verfassung von 1968 hieß es, die Planung und Leitung der gesellschaftlichen Entwicklung
nach den fortgeschrittensten Erkenntnissen der Wissenschaft bilden unantastbare Grundlagen der sozialistischen Gesellschaftsordnung.
Abweichende Auffassungen wurden dagegen als unwissenschaftlich, pseudowissenschaftlich, unmarxistisch oder mechanistisch verurteilt.
Vor allem in den 1960er Jahren nahm der Wissenschaftskult der DDR-Führung groteske Züge an.
Kybernetik, also die Wissenschaft der Selbststeuerung von Systemen, avancierte zum Zauberwort der DDR-Planwirtschaft.
Die wissenschaftlich-technische Revolution, abgekürzt als WTR, sollte nicht nur Wohlstand erzeugen,
sondern die grundsätzliche Überlegenheit des Sozialismus unter Beweis stellen.
Entscheidende Aufgabe der entwickelten sozialistischen Gesellschaft, so hieß es in der Verfassung von 1974,
sei die Erhöhung der Effektivität des wissenschaftlich-technischen Fortschritts.
In diesem Kontext sei auch noch auf die Vorliebe der SED für Fremdwörter verwiesen.
Einerseits gaben diese ihren Aussagen einen gewichtigeren Klang.
Andererseits blieb der Sinngehalt vage, da es keine deutschsprachigen Kontextbegriffe dazu gab.
Dies galt besonders für Bezeichnungen, mit denen die SED ihre Gegner titulierte,
also etwa als Militaristen, Revanchisten, Revisionisten oder Renegaten.
Begriffe wie Boykotthetze, Reaktion oder die aus dem Russischen übernommene Ausdruck Diversion waren praktisch beliebig auslegbar.
Häufig benutzt wurden auch die bereits erwähnten Ismen wie Objektivismus, Kosmopolitismus, Revisionismus usw.
Die Behauptung, der SED ihre Politik wäre wissenschaftlich begründet, wirkt heute grotesk.
Zu DDR-Zeiten erwies sie sich aber als außerordentlich wirksam, um sich jeder Kritik zu entziehen.
Die vermeintliche Unangreifbarkeit der sozialistischen Ideologie machte sie zugleich anziehend,
weil sie ihren Anhängern ein Gefühl der Überlegenheit vermittelte.
Ein letzter Aspekt, den ich ansprechen möchte, ist das Ausüben von Herrschaft durch die Ideologisierung der Alltagssprache.
Um das zu verstehen, stellen Sie sich vielleicht einmal vor, die Bundesregierung würde das Wort Baum in allen ihren Äußerungen durch den Begriff Klimaretter ersetzen.
Auch die Medien würden diese Bezeichnung übernehmen.
Das Ziel der Indoktrination wäre erreicht, wenn sie zu ihrem Nachbarn sagen würden, ich musste gestern in meinem Garten einen Klimaretter fällen.
In der Alltagssprache der DDR gab es hunderte solcher politisch aufgeladener Vokabeln.
Dafür sorgten schon die tiefgehenden Eingriffe in ökonomische, politische und soziale Strukturen.
Eine Fabrik hieß jetzt Volkseigener Betrieb, ein Unternehmen Kombinat, ein Bauernhof Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft und eine Supermarktkette Handelsorganisation, kurz HO.
Aber auch die inneren Abläufe wurden jetzt, meist nach russischem Vorbild, mit neuen Worten belegt.
Kollektiv, Brigade, Kaderleitung, Planerfüllung, Aktivist, Neuerer, Bestarbeiter, Parteisekretär usw.
Selbst Berufsbezeichnungen wie Agronom, Dispatcher oder Traktorist übernahmen die SED aus der Sowjetunion.
Aber auch außerhalb des Berufslebens erfand die SED zahlreiche neue Begriffe.
Auf dem Weg zum Pioniernachmittag traf man den ABV und erzählte ihm von der Jugendweihe des großen Bruders,
während die Eltern erst im Delikat einkauften und dann im Intershop, um schließlich bei der KWV nach der ersehnten Zweiraumwohnung zu fragen.
Am Abend kam ein Bräuler auf den Tisch und im Kulturhaus sorgte der Schallplattenunterhalter für Stimmung.
Am nächsten Tag steckte man die Fahrerlaubnis in die Tasche und holte mit dem Wartburg die alte Tante aus dem Feierabendheim,
um ihr von einem Stadtbilderklärer die Innenstadt zeigen zu lassen.
Bis heute gibt es Worte, an denen Sie einen ehemaligen DDR-Bürger sofort erkennen können.
Bei der Ideologisierung des Alltags spielten aber auch die Namen von Städten, Betrieben und vor allem Straßen eine wichtige Rolle.
Wer in Karl-Marx-Stadt, in der Ernst-Thälmann-Straße wohnte, musste gleich zwei kommunistische Epigonen verinnerlichen.
Bis heute sind die Hauptstraßen in vielen ostdeutschen Orten nach Karl Marx, Ernst Thälmann, Karl Liebknecht oder Rosa Luxemburg benannt.
In der Anfangszeit der DDR trugen auch die großen Industriebetriebe ihre Namen, sowie die von Josef Stalin und Walter Ulbricht.
Sogar in den Sport drang die neue Sprache vor.
In den 1950er Jahren mussten alle lokalen Sportvereine Großorganisationen beitreten, die Namen wie Vorwärts-, Dynamo-, Fortschritt-, Turbine- oder Lokomotive trugen.
In der Bezeichnung mancher ostdeutscher Clubs leben sie bis heute fort.
Das sozialistische Pendant zur Tour de France hieß internationale Friedensfahrt und für Kinder und Jugendliche gab es die sogenannten Sparta-Kiaden.
Auf diese Weise schuf die SED eine in Teilen völlig neue Sprachwelt.
Ihre Begriffe waren nicht immer politisch konnotiert, unterschieden sich aber deutlich von westdeutschen Lexemen.
Sie nicht zu benutzen war im Alltag der DDR praktisch unmöglich.
Die so veränderte Sprache schuf sukzessive eine unsichtbare Klammer zwischen Volk und Führung,
während sie zur Bundesrepublik eine wachsende kulturelle Distanz entstehen ließ.
Diese subtile Indoktrination wurde vielen DDR-Bürgern beim Sprechen gar nicht mehr bewusst.
Es war aber nicht nur die Lexik, die Ost- und Westdeutschland unterschied.
Auch stilistisch wies die Offizialsprache der DDR Besonderheiten auf.
Typisch war vor allem der aus dem Russischen übernommene Nominalstil mit seinen Substantivierungen und den aneinandergereihten Genitivketten,
wie etwa mit dem Ziel der Verbesserung der Bedingungen der sozialistischen Produktion.
Regelmäßig benutzt wurden auch Kombinationen aus immer oder noch mit angehängtem Komparativ,
etwa wenn von der immer optimaleren Planerfüllung oder den noch lückenloseren Erfolgen im Bauwesen die Rede war.
Das Floskelhafte dieser Sprache machte sie einerseits schwerfällig und ermüdend.
Andererseits engte sie das Denken auf Stereotype Redewendungen ein,
die von kleinen und großen Funktionären bequem abgerufen werden konnten.
Wenn man am Beispiel der DDR über Sprache als Herrschaftsinstrument spricht,
kommt man an einer Institution nicht vorbei, dem DDR-Staatssicherheitsdienst.
Auch hier tut sich allerdings ein ganzes Universum auf.
Ein von der Stasi erstelltes Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit umfasst allein 427 Buchseiten.
Ich möchte nur einige Aspekte hervorheben.
Anders als die Sprache der SED war die der Stasi bis Ende 1989 in weiten Teilen unbekannt.
Die meisten DDR-Bürger wussten zum Beispiel nicht, dass die Stasi ihre Informanten als inoffizielle Mitarbeiter bezeichnete.
Noch weniger konnten sie etwas anfangen mit Abkürzungen wie IM, OV oder PUT.
Dass die Stasi eine besondere Sprache benutzte, diente nicht nur der Verschlüsselung ihrer Aktivitäten.
Ihre kodierte Ausdrucksweise förderte vielmehr auch das Gruppenbewusstsein der Offiziere,
die sich als Elite mit besonderen Aufgaben und Vorrechten verstanden.
Gleichzeitig verband sie ihre Sprache mit den anderen sozialistischen Geheimdiensten,
die dieselben von der Sowjetunion übernommenen Begriffe benutzten.
Die Sprache der Tschechisten, wie sie sich selber nannten, ähnelt damit den sogenannten Gaunersprachen,
zum Beispiel dem Rotwelsch, die von Außenstehenden nicht verstanden werden.
Wie diese zeichnete sich die Sprache der Stasi vor allem durch eine spezifische Lexik aus.
Diese bestand nicht nur aus Begriffen, sondern vor allem aus zahlreichen Abkürzungen.
Ein von der Stasi-Unterlagenbehörde erstelltes Abkürzungsverzeichnis umfasst ganze 129 Seiten.
So gab es etwa zum Kürzel IM für inoffizieller Mitarbeiter noch zahlreiche Unterabkürzungen,
wie FIM für Führungs-IM, HIM für hauptamtlicher IM oder IMB für inoffizieller Mitarbeiter mit Feindverbindung.
Das Abhören eines Telefons hieß A-Maßnahme, die Verwanzung einer Wohnung B-Maßnahme,
die visuelle Überwachung eines Raumes D-Maßnahme.
Auch die sogenannten Diensteinheiten mit ihren jeweils verschiedenen Zuständigkeiten
wurden meist nur mit Abkürzungen in Zahlen benannt.
Mich selbst überwachte zum Beispiel die HA24, das war die zentrale Kirchenabteilung der Stasi.
Die Stasi nutzte auch diverse Spezialbegriffe, die vielfach aus dem Russischen stammten.
Kompromat war zum Beispiel eine russische Silbenabkürzung für kompromittierendes Material,
mit dem Menschen unter Druck gesetzt werden konnten.
Auch der Begriff aktive Maßnahme stammte vom KGB und meinte geheime Aktionen,
um die westliche Öffentlichkeit zu beeinflussen.
Operationsgebiet hatte nichts mit Chirurgie zu tun,
sondern stand für die nicht sozialistischen Länder und besonders für die Bundesrepublik.
Eine operative Kombination waren mehrere aufeinander abgestimmte Maßnahmen,
um Personen zu einem bestimmten Verhalten zu veranlassen.
Die Stasi gab vielen Begriffen zudem eine neue Bedeutung.
Aufklären bedeutete zum Beispiel nicht, über Sex zu informieren,
sondern eine Person oder eine Einrichtung auszuforschen.
Zersetzung meinte nicht die Zerlegung einer chemischen Verbindung,
sondern die Zerstörung von Widerstand durch geheimen Psychoterror.
Und eine Legende hatte nichts mit einer alten Erzählung zu tun,
sondern bezeichnete eine Identität oder Situation, die von der Stasi vorgetäuscht wurden.
Auch Konspiration war keine Verschwörung, sondern bedeutete schlicht Geheimhaltung.
Die Sprache der Stasi zeichnete sich außerdem dadurch aus,
dass sie ihre Tätigkeit gezielt verharmloste.
Das berufsmäßige Lügen, Täuschen und Betrügen wurde durch Euphemismen und Abstrakter kaschiert.
Jemanden aushorchen nannte sich Abschöpfen.
Jemanden festnehmen hieß Zuführen.
Der Vernehmer bezeichnete sich als Untersuchungsführer.
Die Gefängniszelle hieß Verwahrraum.
Illegal beschaffte Informationen nannte die Stasi inoffizielle Beweise.
Auf diese Weise verschleierte der DDR-Staatssicherheitsdienst seine hässliche Arbeit auch vor sich selbst.
Täuschung, Verrat und Verfolgung wurden zu einem abstrakten, bürokratischen Vorgang.
Aus denselben Gründen nannten die Nationalsozialisten den Massenmord an den europäischen Juden Endlösung
und die sowjetischen Kommunisten ihren blutigen Terror Säuberung.
Wie die Sprache der SED war die der Stasi stark militärisch geprägt.
Doch während die Partei immerhin die Fiktion einer Mitbestimmung der Mitglieder aufrechterhielt,
handelte es sich bei der Stasi um ein militärisches Organ.
Das schlug sich auch in der internen Kommunikation nieder.
Schriftstücke trugen neben dem Nachnamen des Unterzeichners stets auch dessen militärischen Dienstgrad.
Stasi-Chef Mielke nannte sich deshalb nicht nur Minister, sondern auch Armeegeneral.
Seine Anweisungen erteilte er in Form von Befehlen, Weisungen, Direktiven, Dienstanweisungen und Richtlinien.
Die Untergebenen wiederum hatten in Form von Auskunftsberichten, Treffberichten, Sachstandsberichten
oder Abschlussberichten über ihr Handeln Rechenschaft abzulegen.
Sich selbst sah die Stasi in einem verdeckten Krieg mit Feinden aller Art.
Im Unterschied zur SED ging es ihr aber nicht um einen abstrakten Klassenfeind, sondern um einzelne Menschen.
Kritiker nannte sie Parteifeinde oder Feindpersonen.
Waren es mehrere, hießen sie feindliche Plattformen, Stützpunkte oder Gruppen.
Fluchthelfer nannte die Stasi kriminelle Menschenhändlerbanden.
Selbst Personen, die sich nicht als Gegner der DDR verstanden, wurden zu Feinden erklärt.
Wie die SED besaß die Stasi ein großes Arsenal an herabsetzenden Bezeichnungen.
Kritik war fast immer verleumderisch oder Hetze.
Mit Vorliebe bildeten die Offiziere daraus pejorative Wortverbindungen wie Hetzartikel, Hetzsendung oder Hetzflugblätter.
Sogar das Abschreiben eines Gedichts konnte zur Feindtätigkeit avancieren.
Mehr oder weniger harmlose Aktivitäten bauschte sie zu schweren Straftaten auf,
wie Diversion, Subversion, Sabotage, Untergrundtätigkeit oder Terror.
Was genau einen Feind ausmachte, blieb dabei unbestimmt.
Das Spektrum der Adjektive reichte von antisozialistisch, antisowjetisch und sozialismusfeindlich
über kleinbürgerlich, reaktionär und faschistisch bis hin zu revisionistisch, pseudopazifistisch oder einfach nur negativ.
Daneben gab es auch noch die ungefestigten oder schwankenden Elemente.
Die Unterstützer der SED galten dagegen als realistisch, positiv oder parteilich
und hatten, was immer das bedeuten sollte, einen festen Klassenstandpunkt.
Sich selbst bezeichnete der Staatssicherheitsdienst als Schild und Schwert der Partei.
Sein Ziel war die Zerschlagung, Liquidierung, Vernichtung, Ausschaltung, Unschädlichmachung
oder zumindest das Zurückschlagen der Angriffe des Gegners.
Entsprechend häufig verwendete er Begriffe wie Front, Mobilisierung, Hauptstoßrichtung, Kampf oder Einsatzgebiet.
Aber noch etwas anderes zeichnete die Stasi-Sprache aus.
Wer schon einmal eine Richtlinie der Stasi gelesen hat, weiß, wie langatmig und bürokratisch formuliert diese sind.
Oft umfassten sie mehr als 50 eng beschriebene Seiten.
Manchmal fragt man sich, ob die Offiziere das aufgeblähte Amtsdeutsch überhaupt verstanden haben.
Dass Bürokratien einen eigenen Sprachstil entwickeln, ist nicht neu.
In der Regel strebt dieser nach Sachlichkeit und Präzision.
Doch die Stasi hatte einige Besonderheiten entwickelt.
Typisch für sie war der auch von der SED bevorzugte Nominalstil.
Sogar das Verb wurde oft gestreckt, sodass das Substantiv in den Vordergrund rückte.
Statt bewiesen hieß es dann unter Beweis gestellt, statt kontrollieren unter Kontrolle halten.
Hinzu kamen adjektivistische Ableitungen aus Substantiven wie abwehrmäßig oder vorgangsmäßig
und Präpositionen wie gemäß oder entsprechend, auf die stets Substantive folgen müssen.
All dies machte die Sprache der Stasi furchtbar schwerfällig.
Eine Besonderheit war die häufige Verwendung von Doppel- oder Dreierformen.
Mit Vorliebe sprach die Stasi von Plänen und Absichten, Mitteln und Methoden,
Vorbereitung und Durchführung, Bestimmungen und Weisungen.
Oft wurden sie sogar zu einem Dreiklang aufgebläht.
Pläne, Absichten und Methoden, Gruppen, Gruppierungen und Organisationen
oder besonders skurril Pfarrer, Christen und Katholiken.
Auch Adjektive wurden oft verdoppelt.
Wenn zum Beispiel ein konkreter und lückenloser Nachweis gefordert wurde,
wenn von feindlich negativen Gruppierungen die Rede war
oder wenn die Stasi politisch operativ vorgehen wollte.
Diese Aneinanderreihungen entsprangen einem Bedürfnis nach Lückenlosigkeit und Präzision,
auch wenn sie häufig nur tautologischen Charakter trugen.
Durch ständige Wiederholung gerieten sie zu leicht abrufbaren Stereotypen,
die deshalb auch viele Berichte der unteren Chargen durchziehen.
Ein letztes.
Liest man die Texte der Stasi fällt auf,
wie Menschen durch Sprache zu Objekten gemacht werden können.
So wurden Personen oft nur mit dem ersten Buchstaben ihres Nachnamens benannt,
vor dem dann ein bestimmter Artikel stand.
Das klang dann etwa so.
Der M beabsichtigt eine Provokation an der Staatsgrenze der DDR durchzuführen.
In ihren Beobachtungsberichten verwendete die Stasi sogar Nummern oder Sachbezeichnungen für Menschen.
Blume betrat um 7.15 Uhr das Haus, konnte es zum Beispiel heißen,
oder das Objekt verließ um 9.25 Uhr die U-Bahn.
Auch Informanten wurden oft als Objekt behandelt.
Die Quelle überbrachte einen Brief, hieß es dann.
In den zusammenfassenden Berichten wurden Personen ebenfalls nicht als Menschen bezeichnet,
sondern als Exponenten, Organisatoren, Initiatoren, Elemente, Täter, Verräter oder Feindpersonen.
Mehrere Menschen firmierten als feindliche Kräfte,
verfassungsfeindlicher Personenzusammenschluss oder als Freizeitkonzentration.
Besonders deutlich wird die Entmenschlichung bei den Decknamen für Operativvorgänge.
Diese konnten die Offiziere frei vergeben.
Die Bandbreite reichte von Sachbezeichnungen wie Graben, Leopard oder Transport
bis hin zu ausgesprochen pejorativen Namen wie Hetzer, Opponent oder Schädling.
In den Maßnahmenplänen der Stasi ging es dann nicht mehr um einen bestimmten Menschen,
sondern nur noch um Leopard oder Opponent, die weiter aufgeklärt werden sollten.
Diese Verdinglichung drückte sich auch noch auf andere Weise aus.
Eine Reihe von Verben, die normalerweise nur in Verbindung mit Gegenständen stehen,
wandte die Stasi nämlich auch auf Personen an.
Der M ist im Zusammenhang mit dem Versuch des illegalen Grenzübertritts angefallen, hieß es zum Beispiel.
Und aufklären wollte die Stasi keine Sachverhalte, sondern Personen.
Ähnliches gilt für die Verben bearbeiten oder sichern,
auf die bei der Stasi häufig ein personales Akkusativobjekt folgte.
Was lehrt uns nun dieser Einblick in die Herrschaftssprache von SED und Stasi?
Zweifellos dient Sprache als Herrschaftsinstrument.
In totalitären Diktaturen wird dies besonders deutlich.
Aber auch heute wird mit Begriffen manipuliert und Macht ausgeübt.
Vielleicht macht uns dieser Rückblick auch aufmerksamer für gegenwärtige Versuche,
die Sprache für politische Zwecke zu instrumentalisieren.
Vor allem sollte er uns davor warnen, auf Menschen mit schwerem Sprachlichen geschützlos zu gehen
und sie zu Feinden zu erklären.
Denn, das zeigt die Geschichte der DDR, die Gefahr ist groß, dass auf Worte Taten folgen.