Vortrag „Die Krise der patriarchalischen Ordnung“ (Erstsendung am 17.1.1971) aus der sechsteiligen Reihe “Überdruss und Überfluss“ für den Süddeutschen Rundfunk Stuttgart, veranlasst von Hans Jürgen Schultz. #ErichFromm#Psychoanalyse
Ich habe in der letzten Vorlesung in dieser Reihe, die mit dem Problem Überfluss und Überdruss handelt,
von der Konsumtion gesprochen, oder genauer gesagt von der schlechten Konsumtion gesprochen,
von der Konsumtion nämlich, in der das Überflüssige konsumiert wird und in dem das Leben nicht ein Leben des Überfließens,
sondern ein Leben des Überflüssigen wird, was die Sphäre der Konsumtion anlangt.
Nun hat dieses Problem des modernen Konsumtionsmenschen sehr viel zu tun mit einer Krise, die in der westlichen Welt vor sich geht,
die sehr verschiedene Symptome hervorruft, aber die häufig als solche nicht genügend erkannt wird, weil man sich nur an den Symptomen interessiert.
Und was ich mit dieser Krise meine, ist die Krise des patriarchalisch-autoritären Prinzips oder der patriarchalisch-autoritären Gesellschaftsstruktur.
Nun, wenn man von einer patriarchalischen Struktur spricht, dann werden viele von Ihnen fragen,
ja, was ist denn das? Was gibt es denn anderes? Und da muss ich einen der größten Denker des 19. Jahrhunderts erwähnen,
den großen Schweizer Gelehrten Jakob Johann Bachofen, der zum ersten Mal in systematischer und wissenschaftlicher Weise aufgezeigt hat,
dass es in der Gesellschaft tatsächlich zwei ganz verschiedene Strukturprinzipien gibt.
Das Prinzip, das er genannt hat, das mutterrechtliche, denokratische Prinzip und das vaterrechtliche Prinzip.
Nun, wie sehen die aus? Wie sind die voneinander verschieden?
In der patriarchalischen Gesellschaft, so wie wir sie kennen vom Alten Testament, von Rom, von unserer Zeit oder bis auf unsere Zeit genauer gesagt,
ist der Vater der Besitzer und Beherrscher der Familie. Und wenn ich hier sage Besitzer, so ist das ganz wörtlich gemeint.
Denn ursprünglich im primitiven patriarchalischen Recht ist sowohl das Kind wie die Frau genauso ein Eigentum des Vaterfamilias,
des Familienoberhauptes wie der Sklave oder wie das Vieh. Er kann mit ihnen machen, was er will, denn sie sind sein Eigentum.
Nun, das klingt ja ein bisschen weit entfernt von der heutigen Jugend, aber immerhin in drastischer Weise oder in mehr abgeschwächter Weise
hat dieses patriarchalische Prinzip für ungefähr 4000 Jahre in der westlichen Welt bestanden.
In der mutterrechtlichen Gesellschaft ist das umgekehrt der Fall. Die Person, die am meisten respektiert wird,
die Person, ja hier kann man auch nicht einmal sagen, die herrscht, sondern die im Zentrum steht, ist die Mutter, die mütterliche Figur.
Da ist ein großer Unterschied, und darauf hat Bachhofen auch hingewiesen, zwischen der väterlichen Liebe und der mütterlichen Liebe,
die gesellschaftlich ungeheuer bedeutsam ist. Nämlich der Unterschied ist ungeheuer bedeutsam.
Die väterliche Liebe ist immer ihrem Wesen nach eine bedingte Liebe.
Und bitte missverstehen Sie mich nicht, wenn ich hier sage väterliche Liebe, dann meine ich nicht die Liebe des Vaters Müller oder Schulze.
Ich meine die Liebe des Vaters im Prinzip, die väterliche Liebe, als sagen wir mal, was Max Weber einen Idealtypus genannt hätte.
Der Vater liebt den Sohn am meisten, der am meisten ihm gehorcht, der am meisten das tut, was der Vater will, oder der am meisten ihm gleicht,
sodass er, dieser Sohn nämlich, auch am geeignetsten ist, der Nachfolger und Erbe des Vaters zu werden.
Sie werden finden, dass es in der patriarchalischen Struktur immer einen Lieblingssohn gibt.
Das ist gewöhnlich der Älteste, aber noch nicht einmal notwendigerweise.
Wenn Sie sich einmal das Alte Testament ansehen, was ja ein nicht zu viel gelesenes Buch mehr ist dieser Tage, obwohl es jeder hat,
dann werden Sie sehen, dass da immer einen Lieblingssohn gibt.
Und dieser Lieblingssohn wird vom Vater erwählt, er ist der, der dem Vater am meisten gefällt, am meisten gehorcht.
In der mutterrechtlichen Struktur ist es ganz anders.
Die Mutter liebt alle ihre Kinder gleich, denn sie sind alle die Früchte ihres Schoßes, denn sie bedürfen alle ihrer Hilfe.
Wenn eine Mutter ein Kind nähern würde, ein Säugling, weil er ihr gefällt, ja dann würden die meisten Kinder sterben.
Oder weil er das tut, was sie will, besser gesagt vielleicht.
Denn ein Säugling, wie Sie wissen, tut gar nicht, was die Mutter will.
Wenn sie die patriarchalische Liebe hätte, dann wäre das biologisch und physiologisch eigentlich das Ende der menschlichen Rasse.
Sondern sie liebt das Kind, weil es ihr Kind ist, weil es der Hilfe bedarf.
Und deshalb herrscht in der mutterrechtlichen Gesellschaft keine Hierarchie, sondern die gleiche Liebe zu allen, die der Hilfe bedürfen.
Wenn ich das hier sage und auch das, was ich jetzt weiter sage, so zitiere ich im Wesentlichen abgekürzt Bachofen.
In der patriarchalischen Gesellschaft ist das oberste Prinzip der Staat das Gesetz, die Abstraktion.
In der mütterlichen, in der patriarchalischen Gesellschaft sind es die natürlichen Bande.
Die Bande, die die Menschen verbunden, nicht weil sie vom Menschen gemacht und ausgedacht sind, sondern wie sie als natürliche Bande vorliegen.
Wenn Sie sich einmal die Zeit nehmen wollen, das Drama Antigone von Sophocles zu lesen,
dann finden Sie darin alles, was ich eben sage, nur sehr viel ausführlicher und außerdem werden Sie es mit Genuss lesen.
Denn dort wird geschildert der Kampf zwischen dem patriarchalischen Prinzip, das von Kräon vertreten wird,
und dem matriarchalischen Prinzip, das von Antigone vertreten wird.
Für Kräon ist das oberste das Gesetz des Staates und wer diesem Gesetz widerspricht, muss getötet werden.
Und für Antigone ist das oberste Gesetz das Gesetz des Blutes, der Menschlichkeit, des Mitleids.
Und dieses Gesetz darf niemals übertreten werden.
Und das Drama endet mit der Niederlage des Prinzips, das wir heute ein faschistisches Prinzip nennen würden.
Und wenn Sie das Drama lesen, dann werden Sie sehen, der Kräon ist dargestellt als ein typisch faschistischer Führer,
der nur an eins glaubt, an die Macht und an den Staat und für den das Individuum und das menschliche Individuum demgegenüber vollkommen untergeordnet ist.
Zusammen mit dem patriarchalischen Prinzip des Staates gehört auch die Religion.
Die Religion des Westens seit dem Alten Testament ist eine patriarchalische Religion.
Gott geschildert als die große Autorität, der man gehorchen muss.
Ganz zum Unterschied zum Beispiel vom Buddhismus, wo es eine solche autoritäre Gestalt Gottes gar nicht gibt.
Und eng damit verknüpft ist etwas anderes und sehr wichtiges, nämlich das Gewissen in der patriarchalischen Gesellschaft.
Das Gewissen in aller patriarchalischen Gesellschaft und bei uns auch ist im Wesentlichen die verinnerlichte Autorität.
Freud hat das genannt, das Über-Ich, nämlich die Verinnerlichung der Gebote und Verbote des Vaters.
Ich tue etwas nicht mehr, weil der Vater mir sagt, du musst das tun, sondern ich habe den Vater in mich hereingenommen.
Und der Vater in mir sagt, du musst das tun und du darfst das nicht tun.
Aber im Grunde genommen beruht die Gültigkeit dieses Gebots auf der Autorität des Vaters.
Nun damit hat Freud vollkommen recht gehabt, insofern er das Gewissen beim Menschen der patriarchalischen Gesellschaft beschrieben hat.
Aber er hat nicht damit recht gehabt, wenn er das Gewissen beim Menschen als solchen beschrieben hat.
Denn es gibt ganz andere Formen des Gewissens.
Nämlich in der nicht patriarchalischen Gesellschaft, ich will darauf und kann darauf jetzt nicht eingehen,
aber immerhin möchte ich eins sagen, es gibt ein humanistisches Gewissen im Gegensatz zum autoritären Gewissen.
Nämlich ein Gewissen, in dem eine Stimme im Menschen ihm selbst sagt,
was für ihn, für seine Entfaltung, für sein Wachstum gut ist, fördernd ist.
Das ist oft eine sehr leise Stimme, sie wird meistens überhört.
Aber es gibt heute schon aus dem Bereich der Physiologie und aus dem Bereich der Psychologie
eine ganze Reihe von Anzeichen und auch eine Reihe von Theoretikern, die hervorgehoben haben,
dass es auch ein sogenanntes Gesundheitsgewissen gibt, dass es ein Gefühl dafür gibt, was gut ist
und dass, wenn der Mensch dieser Stimme zuhört, er nicht mehr der Stimme einer Autorität zuhört,
sondern seiner eigenen Stimme, die ihm repräsentiert, eine Art Ziel,
die innerhalb des Organismus des Menschen physisch und seelisch potenziell vorhanden ist
und das ihm sagt, hier gehst du recht, hier gehst du falsch.
Nun häufig auch sind die zwei Arten Gewissen miteinander vermischt
und leider aber ist es im Ganzen so, dass die Stimme des humanistischen Gewissens
gewöhnlich viel leiser klingt als die Stimme des autoritären Gewissens.
Nun ja, das ist ja kein Wunder, das autoritäre Gewissen macht viel Lärm.
Die Autorität sagt, wenn du das tust, dann passiert etwas Schreckliches
und wenn du das andere nicht tust, dann wirst du sehr gelobt und prämiert
und kriegst alle möglichen Vorzüge. Das ist natürlich ein ziemlicher Einfluss.
Nun, das muss man alles bedenken, wenn man spricht von der gegenwärtigen Krise
der patriarchalisch-autoritären Ordnung.
Und nun sehen wir uns konfrontiert mit einer ganz besonderen Situation,
nämlich der Situation, dass wir uns heute im Westen in einem Prozess finden,
sagen wir einmal der Auflösung oder genauer gesagt vielleicht einer sehr schweren Krise
dieser patriarchalisch-autoritären Struktur.
Und diese Krise, wie ich schon andeutete, hat etwas zu tun mit dem Problem des Überflusses.
Lassen Sie mich beginnen, das zu erklären.
Natürlich ist es so, dass je mehr der Mensch verzichten muss,
desto mehr muss er gedrillt sein im Gehorsam.
Nämlich, dass er nicht rebelliert gegen den Verzicht, der ihm ja aufgezwungen ist,
sondern dass er diesen Verzicht als einen von Gott, dem Staat, von der Natur
von wem auch immer gewolltes und sinnvoll gemeinte Notwendigkeit ansieht.
Denn sonst, wenn die Menschen nicht gehorchen würden,
dann würden sie ja oft auf den Gedanken kommen, dass sie auch keine Lust haben weiter zu verzichten.
Und das wäre sehr gefährlich für jede Gesellschaftsordnung,
in der die Gesellschaft so wie sie ist und auch mit den ökonomischen Möglichkeiten, die sie hat,
als solche gar nicht existieren könnte, wenn dieser Verzicht nicht sehr tief eingebaut wäre
durch die psychologischen Mechanismen und gesellschaftlichen Veranstaltungen,
mit der das die Gesellschaft erreichen kann.
Aber je größer der Überfluss wird, desto geringer wird der Triebverzicht
und desto mehr kann man verzichten darauf, dass der Mensch gehorsam glauben muss an die Autorität.
Denn es ist gar nicht mehr so nötig.
Er muss sich nicht mehr so unterwerfen, er muss nicht mehr so sehr an die strenge Autorität glauben.
Denn er kann ja vieles haben, was er will.
Das ist nur ein Grund.
Ein anderer Grund liegt wohl in der neuen Produktionstechnik.
In der ersten industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, auch am Beginn dieses Jahrhunderts,
wo man nur mit den altmodischen Maschinen gearbeitet hat,
da musste der Arbeiter vor allen Dingen gehorchen, um seine acht Stunden abzuarbeiten,
für die er wenig Geld bekam, für die er und seine Familie hungern mussten.
Aber er musste gehorchen, damit er das so tut, wie das der Besitzer wollte.
Das ist natürlich zum Teil auch immer noch der Fall.
Aber das ändert sich sehr rasch, weil die Produktionstechnik sich mehr und mehr verschiebt
von der altmodischen Maschinentechnik zur steppernetischen Technik.
Und dort ist nicht mehr notwendig die Art der autoritären Disziplin,
die man im 19. Jahrhundert brauchte.
Heute arbeitet man im Teamwork.
Ja, es ist sogar so, dass mit den allermodernsten Maschinen
überhaupt viel weniger Disziplin sogar vom Einzelnen verlangt wird.
Weil nämlich die Maschine so sehr ihre eigenen Fehler korrigiert,
dass es gar nicht mehr so dringend wichtig ist,
dass der, der diese Maschine bedient, nun auch so streng diszipliniert ist.
Ich will nicht sagen, dass er auch diszipliniert sein muss,
aber das sich unterwerfen, das Gehorchen der Maschine,
ist eine ganz andere als das Erlebnis, sagen wir mal, am fließenden Band,
wo der Einzelne wirklich im Rhythmus der Maschine gehorcht.
In der zebernetischen Maschine, ja, Sie könnten beinahe sagen,
spielt man mit der Maschine, wie man Schach spielt.
Das ist vielleicht etwas übertrieben.
Aber es ist ein ganz neues Verhältnis zur Maschine
und auch vor allen Dingen, es ist nicht mehr das einfache
vorgesetzten untergebenen Verhältnis, sondern es ist vielmehr
ein Verhältnis des Teamworks, der Zusammenarbeit.
Dass das alles nicht so idyllisch ist, wie das oft gesagt wird,
das möchte ich nur nebenbei betonen.
Ich wollte damit nicht nun sagen, diese moderne Produktionstechnik
macht den Menschen zu einem unentfremdeten und selbstständigen Menschen.
Aber sie ist anders als die des 19. Jahrhunderts.
Ein nächster Grund für die Krise der patriarchalisch-autoritären Struktur
liegt meiner Meinung nach einfach in der offensichtlichen Tatsache
der politischen Revolution.
Seit der französischen Revolution haben wir eine Reihe von Revolutionen gehabt,
die zwar nie das erfüllt haben, was sie versprachen,
aber die überhin die alten Umstände geändert haben
und vor allen Dingen die die autoritäre Situation verändert hat.
Der Gehorsam, oder wenn Sie so wollen, der Kadavergehorsam,
der blinde Gehorsam, der das feudale Zeitalter ausgezeichnet hat,
das noch im 19. Jahrhundert geherrscht hat,
der wird aber trotzdem durch die Revolutionen langsam abgebaut.
Ja, schon die Tatsache der siegreichen Revolution ist ja ein Beweis,
dass der Ungehorsam siegen kann.
Und nun möchte ich gerade zum Begriff des Ungehorsams noch etwas sagen,
nämlich dass in der autoritären Moral es eigentlich nur eine Sünde gibt,
und das ist der Ungehorsam.
Und eine Tugend, und das ist der Gehorsam.
Das wird zwar nicht so gesagt, außer in ganz altmodischen
und wie man sagen könnte Reaktionärenkreisen,
aber im Grunde genommen steckt das hinter der Erziehung,
hinter der Wertbildung, hinter der Moral,
dessen was auch heute noch in der autoritär-patriarchalischen Gesellschaft vor sich geht.
Ungehorsam ist das Erzübel.
Sie finden das auch heute noch in der Erziehung,
und Sie sehen es ja auch, wenn Sie einmal an das Alte Testament denken,
da ganz deutlich, denn was Adam und Eva getan haben,
war ja an sich nichts Schlechtes, im Gegenteil.
Sie essen vom Baum der Erkenntnis,
und damit eröffnen sie überhaupt erst den Weg zur Menschwerdung.
Aber sie waren ungehorsam.
Und dieser Ungehorsam wurde ihnen von der Tradition ausgelegt
als die Erbsünde.
Und in der Tat, in der patriarchalischen Struktur
ist der Ungehorsam die Ur-Sünde.
Aber mit der Krise und mit dem Zusammenbruch
oder mit dem Anzweifeln der patriarchalischen Struktur
wird auch dieser Begriff der Sünde sehr fragwürdig.
Ich komme darauf bald zurück.
Sie sehen neben der Revolution des Bürgertums,
der Revolution der Arbeiter,
sehen Sie auch wachsende Revolution der Frauen.
Und wenn das auch jetzt manchmal etwas bizarre Formen einnehmen mag,
so ist tatsächlich eine Revolution der Frauen,
die ebenso wie die Kinder das Objekt und Eigentum der Männer waren,
in den ganzen letzten tausend Jahren,
hat erstaunliche Fortschritte gemacht.
Zwar werden die Frauen immer noch schlechter bezahlt als die Männer,
auch in den Städten, in den Vereinigten Staaten,
wo sie politisch ganz gleichberechtigt sind.
Aber trotzdem ist der Unterschied ein ganz beträchtlicher
zu der früheren Situation.
Und es ist anzunehmen,
dass diese Revolution der Frau weitergehen wird.
Genauso wie die Revolution der Jugendlichen
und die Revolution des Kindes.
Kinder waren ja auch wie Frauen und wie Sklaven Eigentum.
Und auch da beginnen die Dinge sich zu rütteln und zu ändern.
Und ich möchte nur darauf hinweisen,
wie zum ersten Mal Montessori im vorigen Jahrhundert
überhaupt gezeigt hat oder den Weg gebahnt hat
für die Revolution des Kindes.
Nämlich, dass das Kind genauso seine eigenen Rechte hat
wie der Erwachsene.
Und nicht ein Ding ist,
mit dem sich der Erwachsene amüsiert
oder von dem er glaubt, er kann über es herrschen.
Und endlich ein letzter Grund
für die Krise der patriarchalisch-autoritären Gesellschaft.
Und ich glaube, vielleicht der allerwichtigste.
Und das ist, in der Mitte und schon jetzt
nach der Mitte des 20. Jahrhunderts
stellen viele Menschen fest
und vor allen Dingen viele jungen Menschen fest,
dass sich die patriarchalisch-autoritäre Gesellschaft
als nicht kompetent erwiesen hat.
Ja, nun kann man sagen, was heißt denn das nicht kompetent?
Wir haben ja wunderbare Flugzeuge.
Obwohl das mit den letzten neuen Flugzeugen
gar nicht so ganz zu klappen scheint.
Aber das wird ja auch wieder klappen.
Wir sind sogar nach dem Mond geflogen.
Und wir haben alle möglichen Dinge,
die man früher nie hatte.
Aber das ist nur die eine Seite der Sache.
Aber worin hat sich die patriarchalische Gesellschaft,
unsere moderne Gesellschaft,
als inkompetent erwiesen?
Sie hat nicht verhindert
zwei große, entsetzliche Kriege.
Sie hat nicht verhindert weitere Kriege,
die vielen Menschen als sinnlos erscheinen.
Und sie hat bisher noch kein Mittel gefunden,
die Gefahr eines nuklearen Krieges zu verhindern,
der, wenn er erfolgt,
mit großer Wahrscheinlichkeit
oder zumindest großer Möglichkeit
die gesamte Menschheit ja sogar vielleicht
das Leben zerstören könnte.
Nun, wenn eine Überflussgesellschaft,
die sich leisten kann,
auf den Mond zu fliegen,
nicht imstande ist,
diese Zerstörungen zu beseitigen
und möglicherweise die Zerstörung des Lebens
als Gefahr aufzuheben,
dann hat sie sich allerdings
als inkompetent erwiesen, als nicht kompetent.
Sie hat sich auch als nicht kompetent erwiesen,
darin, dass sie nicht imstande war,
die ungeheuren ökologischen Schädigungen,
die ihrerseits wieder das Leben der Menschen bedrohen,
zu beseitigen.
Wir wissen heute,
dass wir wahrscheinlich in den 80er Jahren
vor ungeheuren Hungersnöten stehen,
in Indien oder in Afrika,
in den nicht industrialisierten Teilen der Welt.
Und wir tun nichts,
außer reden,
außer ein paar Gästen.
Aber alles geht so weiter,
wir verschwenden auf der einen Seite
und wir leben dahin,
als ob wir nicht die Vernunft hätten zu sehen,
wohin diese Dinge führen.
Ja nun, das ist ein Mangel an Kompetenz,
die Dinge der Gesellschaft so zu führen,
wie sie geführt werden müssen,
um die Gesellschaft vor schweren Schäden zu vermeiden.
Und ich glaube,
dass trotz aller Erfolge unserer Gesellschaft
dieser Mangel an Kompetenz
an den wichtigsten Problemen etwas zu ändern,
tatsächlich auch sehr viel dazu beigetragen hat,
dass man nicht mehr dasselbe Zutrauen hat
in die Struktur und in die Wirkungsweise
dieser patriarchalisch-autoritären Gesellschaft.
Ich möchte,
bevor ich jetzt über die Folgen der Krise
der autoritären Gesellschaft spreche,
ein paar Worte sagen,
die wir bedenken müssen,
im Anschluss an das,
was ich soweit gesagt habe.
Und das ist,
dass natürlich die Überflussgesellschaft
nur zum Teil auch in der westlichen Gesellschaft existiert.
Wir sehen in den Vereinigten Staaten zum Beispiel,
dass 40 Prozent der Bevölkerung
unter dem Lebensniveau leben,
das man als ausreichend bezeichnet.
Es gibt in Wirklichkeit zwei Bevölkerungen.
Eine, die im Überfluss lebt
und eine, die in der Armut lebt.
Nicht mehr wie zu Lincolns Zeiten
eine in Freiheit und eine in der Sklaverei,
aber eine im Überfluss,
oft im überflüssigen Überfluss
und eine in der Not, in der Armut.
Nun, das heißt natürlich,
dass alles das,
was ich hier über den Konsumenten gesagt habe,
gar nicht in derselben Weise gilt
für diese in der Armut lebende Bevölkerung,
die aber ihrerseits von dem wunderbaren Bild
gefangen genommen worden ist,
dass die, die im Reichtum leben
oder was als Reichtum, als Luxus erscheint,
ein paradiesisches Leben führen.
Das heißt, der, der sein Auto,
zwei Autos, drei Autos und was noch hat,
ja, der ist glücklich.
Und der, der das nicht hat,
ist unglücklich,
aber er ist wirklich unglücklich,
wenn er noch nicht einmal
eine anständige Wohnung hat
oder kein Bad
oder nicht einmal das Minimum hat
von dem, was ein Mensch
zu einem würdigen Leben braucht.
Dasselbe gilt natürlich für die Minoritäten
in den Vereinigten Staaten,
also speziell für die Neger.
Und es gilt für die ganze große Welt,
für zwei Drittel der Menschheit,
die nie in der autoritären
patriarchalischen Gesellschaft gelebt haben,
nämlich für die Inder, für die Chinesen,
für die Afrikaner,
für die alles das, was ich hier gesagt habe
über patriarchalische Gesellschaftsstruktur
in dieser Weise gar nicht gilt.
Für manche gilt es überhaupt nicht,
für andere in sehr verschiedener Form.
Also wir müssen uns klar sein,
um zu balancieren,
um die richtige Balance zu treffen,
mit Hinblick auf die autoritären
und nicht autoritären Teile der Gesellschaft,
dass tatsächlich die Überflussgesellschaft
nur einen Teil der modernen Gesellschaft erfasst,
die autoritäre Gesellschaft,
ihre alten Schichten,
speziell auf dem Land, in den kleinen Städten,
und dass die große Mehrheit der Menschen
nicht in der patriarchalischen,
auch nicht in der matriarchalischen Welt leben,
sondern in ganz anderen Traditionen,
die zunächst einmal ohne weiteres
hier nicht darin passen.
Das muss man bedenken,
wenn man sich mit dem Problem beschäftigt,
welche Folgen die Krise
der autoritär-patriarchalischen Gesellschaft
und der neue Konsum,
welche Folgen die haben
auf die Entwicklung,
die mit der Menschheit im gegenwärtigen Moment
vor sich geht oder die wahrscheinlich erscheint.