Vortrag für den Süddeutschen Rundfunk Stuttgart. Erstsendung am 17.11.1971 im Rahmen der Reihe „Was weiß man von den Träumen?“. #ErichFromm#Psychoanalyse
Veröffentlichung in Printform unter dem Titel “Der Traum ist die Sprache des universalen Menschen“ (1972a), in: Erich Fromm Gesamtausgabe, Band IX, S. 311-315 (E-Book: https://books.openpublishing.com/document/303762).
Alle glauben, dass wir nur eine Sprache sprechen,
das, was wir unsere Muttersprache nennen,
also zum Beispiel Deutsch.
Und dann vielleicht sprechen wir noch einige Fremdsprachen,
Französisch, Englisch, Italienisch,
und das sind halt die Sprachen, die wir sprechen.
Wir vergessen aber sehr leicht,
dass wir alle noch eine andere Sprache sprechen,
nämlich die Sprache der Träume.
Diese Sprache ist eine sehr merkwürdige Sprache.
Es ist eine universelle Sprache,
die gesprochen wird und gesprochen wurde
zu allen Zeiten in der menschlichen Geschichte
und in allen Kulturen.
Die Traumsprache eines Primitiven,
die Traumsprache vom Pharao in der Bibel,
die Traumsprache eines Einwohners von Stuttgart oder von New York
ist fast ganz genau dieselbe.
Wir sprechen diese Sprache in der Tat jede Nacht.
Wir träumen jede Nacht,
obwohl wir meistens vergessen, was wir geträumt haben
und deshalb meinen, wir hätten nicht geträumt.
Was sind nun die Eigenarten dieser Traumsprache?
Zunächst einmal ist es, wie ich schon gesagt habe,
eine Nachtsprache, eine Schlafsprache.
Es ist, als ob wir Französisch nur in der Nacht sprechen könnten
und am Tag verstehen wir kein Wort.
Eine sehr merkwürdige Sprache.
Es ist zweitens eine Symbolsprache.
Nun, was heißt eine Symbolsprache?
Ganz kurz gesagt können wir sagen,
dass die Sprache in konkreter Form
mit Bezug auf sinnliche, fast greifbare, sehbare Dinge
innere Erlebnisse ausdrückt.
Dass das Äußere für etwas Inneres steht,
das Ding für ein Erlebnis.
Das ist ja genauso in der Dichtung.
Wenn ein Dichter sagen würde,
die rote Rose macht mein Herz warm,
dann meint ja niemand, dass die Temperatur steigt,
sondern er bezieht sich damit auf ein Gefühl,
auf ein Erlebnis, was er ausdrückt
in der Form eines konkreten physischen Ablaufs.
Vielleicht kann ich Ihnen ein Beispiel geben
von einem sehr interessanten Traum,
den Freud selbst geträumt hat.
Das ist der Traum vom Herbarium.
Er ist sehr kurz.
Freud träumte einmal, dass er ein Herbarium hat
und das vor sich aufgeschlagen sieht
und in dem Herbarium ist eine getrocknete Blume.
Das ist alles.
Er hat dazu einige Einfälle
und das ist, diese Blume ist die Lieblingsblume seiner Frau
und seine Frau beklagte sich öfters,
dass er ihr nie Blumen bringt.
Gleichzeitig aber hat auch diese Blume etwas zu tun
mit dem Kokain, das er fast zur gleichen Zeit
wie der Entdecker des Kokains entdeckt hatte
für medizinische Zwecke.
Das ist ein einfaches Symbol, die Blume im Herbarium.
Nun, was bedeutet das?
Das bedeutet sehr viel.
Tatsächlich sagt es uns etwas aus
über einen der wesentlichsten Züge in Freuds Persönlichkeit.
Die Blume ist ein Symbol des Lebens, der Liebe,
wenn Sie so wollen auch der Sexualität,
des Lebendigen, des Erotischen, des Wachsenden.
Aber die Blume im Herbarium ist eine vertrocknete Blume,
die nur einen ganz anderen Zweck noch hat,
nämlich den der wissenschaftlichen Inspektion.
Sie wird untersucht als Gegenstand der Wissenschaft,
aber nicht mehr erlebt als etwas Blühendes, Lebendiges.
Nun, wenn Sie sich Freuds Haltung zur Liebe und zur Sexualität ansehen,
dann sehen Sie tatsächlich, nicht nur offenbar hat er sie
zum Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung gemacht,
es ist tatsächlich sein Hauptwerk, sein Hauptgedanke,
aber tatsächlich war er auch im Leben eher ein etwas prüder, scheuer Mann,
der noch in den Anfang 40ern einmal einem Freunde schrieb,
es überrascht mich doch sehr, dass ich gestern eine Frau sah,
die ich attraktiv fand.
Das ist nur als Beispiel der Erlebnishaltung von Freud in einem Alter,
wo die meisten Männer darüber nicht so erstaunt wären.
Nun, hier sehen Sie ein Symbol wie in einem Gedicht,
und Sie sehen in diesem kurzen Symbol, das nur drei Worte bedarf,
um es zu beschreiben, sehen Sie tatsächlich eine Beschreibung
eines ganz wesentlichen Zugs in der Persönlichkeit und im Werk von Freud,
über das man Seiten schreiben muss, um das genau auszudrücken
und auch immer noch nicht so präzis,
wie was dieser kurze Traum ausdrückt in seiner symbolischen Sprache.
Ein dritter Zug der Traumsprache ist,
dass wir im Traum viel mehr über andere und über uns wissen,
als wir im Wachsein uns bewusst sind.
Wir sind, und ich komme darauf gleich zurück,
im Traum zwar in vieler Weise irrationaler,
aber in vieler Weise auch viel weiser, viel einsichtsvoller,
als wir im Wachsein sind.
Und Sie sehen ja auch an diesem Beispiel von Freud.
Freud war sich dieses Zuges von ihm selbst wohl kaum bewusst,
wie man aus seiner eigenen Selbstanalyse
oder von dem, was er darüber veröffentlicht hat, sehen kann.
Aber in seinem Traum war er sich dessen voll bewusst,
diese zwiespältige doppelwertige Stellung zu dem, was die Blume symbolisiert.
Damit hängt zusammen ein weiterer Zug der Traumsprache,
der gar nicht genügend gewürdigt worden ist
in dem, was über Träume gesagt wird.
Und das ist die Tatsache, dass die meisten Menschen,
ich sage die meisten, wir haben ja keine Statistik darüber,
so sollte ich vielleicht vorsichtiger sagen,
viele Menschen, oder ich sollte vielleicht sagen,
die meisten Menschen, die ich in der analytischen Praxis gesehen habe,
im Traum in einer Weise schöpferisch und kreativ sind,
wie sie sich das, wenn man so sagen will,
im Wachleben nicht träumen ließen.
Im Traum werden sie die Schöpfer von Kurzgeschichten,
von Gedichten, von Mythen,
dieselben Menschen, die im Wachzustand
nichts von dem auch mit der größten Mühe zustande bringen würden.
Wie viele Träume habe ich gehört,
die man wirklich veröffentlichen könnte
und die es aufnehmen könnten mit mancher Kurzgeschichte von Kafka.
Und doch, wenn derselbe Mensch wach ist
und man wollte ihm sagen, ich erschreibe doch mal
eine Kurzgeschichte wie Kafka,
dann würde er einen ansehen, als ob man verrückt ist.
Und sicherlich, es würde unmöglich für ihn sein, es zu tun.
Im Traum ist der Mensch ein Dichter, ein Künstler,
derselbe Mensch, der im Wachsein
alle diese Fähigkeiten verloren hat.
Ja, man könnte sogar vielleicht einen schöpferischen Künstler
dadurch definieren, dass man sagen kann,
es ist ein Mensch, der schöpferisch ist, ohne zu schlafen.
Das heißt, der im Wachsein schöpferisch ist.
Am Tage spricht der Mensch einer bestimmten Kultur.
Was wir am Tage sagen, das hängt sehr davon ab,
wann und wo wir geboren sind.
Ein primitiver Neger in Afrika,
der einem Jägerstamm angehört,
der spricht über andere Dinge in anderen Kategorien
als ein moderner Mensch und so weiter,
das versteht sich ja von selbst.
Was wir sprechen, hängt von der Kultur ab,
ist sehr sozial bedingt.
Im Traum aber sprechen wir eine universelle Sprache.
Und so kann man sagen, ganz allgemein gesprochen,
die Sprache, die wir sprechen,
die wir also als unsere Muttersprache
oder als eine Fremdsprache ansehen,
ist immer noch eine gesellschaftlich bedingte Sprache.
Die Traumsprache ist eine universelle Sprache
oder, wenn Sie so sagen wollen,
die Traumsprache ist die Menschheitssprache.
Wie erklären wir nun diese Eigenschaften?
Und da muss ich auf etwas eingehen,
was vielleicht kompliziert erscheint,
aber in Wirklichkeit doch recht einfach ist,
nämlich auf den Unterschied zwischen Wachsein und Schlafen.
Wir leben ja zwei Existenzformen,
die uns so selbstverständlich sind,
dass wir es oft gar nicht bewusst bemerken,
nämlich einen Teil unseres Lebens sind wir wach
und einen anderen Teil unseres Lebens schlafen wir, natürlich.
Was heißt das aber, wir sind wach?
Wenn wir wach sind, sind wir in einem Zustand,
wo wir für unser Leben sorgen müssen.
Wir müssen arbeiten, wir müssen das erwerben,
was wir brauchen, um leben zu können
und manchmal auch etwas mehr noch
und leider auch manchmal weniger
und wir müssen uns verteidigen gegen Angriffe und so weiter.
Das hat Folgen für unsere Handlungen
und es hat Folgen für unser Denken.
Für unsere Handlungen natürlich, wir müssen uns einordnen,
wir müssen uns so verhalten, wie es die Gesellschaft,
in der wir leben, erwartet, damit wir produzieren können,
damit wir arbeiten können.
Aber was wichtiger ist, das hat auch einen großen Einfluss
auf unser Denken, auf die Kategorien unseres Denkens
und auf unser Fühlen.
Am Tage müssen wir die Dinge so sehen,
wie wir sie sehen müssen, um sie zu manipulieren,
um mit ihnen umzugehen, um sie zu benutzen,
um etwas mit ihnen zu machen.
Wir müssen die Welt sehen vom Standpunkt,
so kann man wohl sagen, der Objektivität,
so wie sie ist.
Aber das ist kein philosophisches Problem, so wie sie ist,
so wie ich es hier meine, sondern so wie sie ist,
wenn wir sie benutzen wollen.
Wir müssen auch vernünftig denken
und vernünftig heißt hier, so wie die anderen,
so, dass die anderen uns verstehen,
aber auch so, dass die anderen uns mögen
und nicht denken, das ist hier ein ganz abwegiger
oder verrückter Mensch.
So denken wir und fühlen wir,
was der gesunde Menschenverstand
und man kann ja auch sagen, das sogenannte
gesunde Gefühl uns vorschreibt.
Wir denken und fühlen,
dass wir alle unsere Eltern lieben,
in gewissen Gesellschaftsschichten auch unsere Großeltern,
Tanten und so weiter, das ist nicht mehr so modern,
dass die Eltern und alle Autoritäten das Beste wollen
nicht nur, sondern auch das Beste wissen und tun
und was der Dinge mehr sind.
Wir fühlen uns glücklich oder heiter,
wenn der Anlass das gebietet und traurig,
wenn der Anlass es anders gebetet,
obwohl in Wirklichkeit manchmal wir gar nichts fühlen,
sondern nur denken, dass wir es fühlen,
weil wir ein fröhliches oder ein trauriges Gesicht aufsetzen.
Und wir denken nicht, was absurd erscheint,
was nichts sein kann, weil es nichts sein darf.
Das schönste Beispiel dafür haben Sie ja
in dem schönen Märchen von Andersen
von den Kleidern des Kaisers.
Der Kaiser ist nackt,
alle Erwachsenen denken, er hat wunderbare Kleider an,
weil man das ja erwartet,
nur der kleine Junge sieht, er hat gar keine Kleider an,
weil sein Denken noch nicht so geformt ist,
wie das Wachdenken der meisten Menschen sein muss.
Wir tun, denken und fühlen,
was man von uns erwartet,
im Großen und Ganzen, wenn wir wach sind.
Ich möchte Ihnen ein anderes Traumbeispiel geben,
was das auch illustriert.
Das ist das Beispiel eines Managers,
der eine hohe Position hat in seinem Unternehmen,
es ist nur noch ein Direktor über ihm
und bewusst sagt er,
ja, er steht mit dem sehr gut,
den mag er sehr gerne, er hat gar keine Schwierigkeiten.
Dann hat er einen Traum und er träumt,
er sieht sich gefesselt,
mit Telefondraht sind ihm seine Hände gefesselt
und das Telefon, das hängt noch an der einen Seite herunter.
Und er sieht diesen Direktor
auf der Erde liegen, neben sich,
anscheinend schlafen
und er fühlt eine ungeheure Wut
und sieht einen Hammer neben sich,
nimmt den Hammer mit beiden Händen
und versucht, den Kopf des Direktors zu zerschmettern.
Er trifft auf den Kopf,
aber nichts passiert,
der Manager macht die Augen auf
und lächelt ihm ironisch an.
Nun, was heisst das?
Das heisst, während er glaubt,
er mag den Direktor sehr gerne,
während er glaubt, alles ist in bester Ordnung,
sehen wir, dass in Wirklichkeit
er diesen Direktor hasst,
dass in Wirklichkeit aber
er sich gefesselt, unterdrückt, gebunden fühlt
und vollkommen impotent,
vollkommen machtlos irgendetwas zu tun.
Das ist die Wirklichkeit von sich,
von seinem Erleben, die er im Traum erlebt.
Im Wachsein ist das vollkommen verschwunden.
Nun, was geht ihm im Schlafzustand vor?
Im Schlaf sind wir frei.
Das ist eine sehr merkwürdige Tatsache
und es klingt vielleicht befremdlich,
aber in gewisser Weise kann man sagen,
nur wenn wir schlafen, sind wir ganz frei.
Das heisst, da haben wir keine Verantwortung
für unseren Lebenskampf,
wir brauchen nichts zu erobern,
wir brauchen uns nicht zu verteidigen,
wir brauchen uns nicht anzupassen,
wir denken und fühlen, was wir denken und fühlen.
Das heisst, unser Denken und Fühlen
ist das Äußerste Subjektivität.
Es heisst nicht, dass es nicht wahr ist,
dass es zufällig ist, es heisst nur,
dass es sich nicht darauf bezieht,
zu denken und fühlen, wie das andere Menschen auch tun,
sondern dass ich denke und fühle,
was ich selbst denke und fühle
und mir von niemandem suggeriert wird.
Im Schlaf brauchen wir nichts zu tun,
wir brauchen bloß zu sein.
Zu sein, nämlich wir selbst.
Im Schlaf haben wir keine Zwecke.
Wir können die Welt so erleben,
wie sie uns erscheint,
wie wir sie wirklich sehen
und nicht, wie sie uns erscheinen soll,
um irgendeinen Zweck zu erfüllen.
Anders ausgedrückt, im Schlaf erscheint
das Unbewusste auf der Bühne.
Das Unbewusste ist aber gar nichts Mysteriöses.
Das Unbewusste heisst nur,
im Schlaf erscheint das, was wir im Wachsein nicht wissen,
als das, was wir wissen
und umgekehrt, im Wachen wissen wir nicht das,
was wir im Schlaf wissen.
Sie können sogar sagen,
im Wachen ist das Schlafbewusste unbewusst
und im Schlafen ist das Wachbewusste unbewusst.
Es sind zwei verschiedene Ebenen.
Die eine ist im Wachen,
die andere ist im Schlafen, bewusst oder unbewusst.
Heisst das nun, dass wir im Schlafen
irrationaler, triebhafter sind?
Manchmal, gewiss, aber durchaus nicht immer.
Nicht einmal in den meisten Fällen.
Obwohl Freud geglaubt hat,
dass der Traum immer das Irrationalere ausdrückt
gegen das Rationale.
Wir haben im Gegenteil sehr häufig
und ich sagte das schon vorher,
im Traum eine größere Einsicht, eine größere Weisheit,
weil wir freier sind,
weil wir sehen und fühlen können ohne Scheuklappen.
Und das ist ja der Grund,
warum wir sogar im Traum unseren Traum zensurieren.
Warum wir gar nicht wagen, ganz frei zu träumen,
sondern den Traum,
den wirklichen Trauminhalt verändern,
verdecken, wie das man tun würde, wenn man nicht will,
dass ein anderer versteht, was man wirklich meint.
In diesem Fall, man will selbst im Schlaf nicht ganz verstehen,
was man wirklich meint.
Und es ist auch ein Grund, warum wir den Traum vergessen.
Denn die meisten unserer Träume vergessen wir,
weil sie nicht hineinpassen in das Leben des Wachseins,
weil sie dort nur störend wirken würden
und weil sie so verschieden sind,
von einem so verschiedenen Gesichtspunkt gesehen sind,
dass wir in Wirklichkeit auch damit gar nichts anfangen können.
Wir sind im Traum Schöpferischer.
Nun, das ist eine sehr merkwürdige Erscheinung,
dass wir im Traum Fähigkeiten zur Kreativität,
zum Schöpferischen haben,
die wir im Wachsein nicht haben.
Lassen Sie mich Ihnen ein oder zwei Beispiele geben
für Träume, wo Sie das sehen.
Ich denke an den Traum eines Mannes.
Das ist auch ein Traum,
ein erfolgreicher Manager.
Diese Träume sind nicht von Patienten von mir,
sondern sie sind auch von Studien genommen,
die studiert haben, die Persönlichkeiten von Managers.
Dieser Mann fühlt sich sehr glücklich, sehr wohl,
sehr erfolgreich und tatsächlich.
Seinem Einkommen und seiner Macht nach muss er sich so fühlen,
denn wir fühlen ja meistens das,
was wir zu fühlen gewohnt sind
oder was wir denken müssten wir fühlen unter gewissen Umständen.
Wenn man wenig Geld hat,
dann fühlen sich die meisten Menschen unglücklich,
auch wenn sie gar nicht hungern,
weil eben die Gesellschaft sagt, dann sind sie erfolglos.
Und wenn jemand sehr viel Erfolg hat,
dann fühlt er sich gewöhnlich sehr glücklich,
weil ja er das Stichwort bekommt,
wenn du Geld und Macht hast, dann bist du eben glücklich.
Und diese Gefühle suggerieren wir uns selbst
und sie sind so, als ob sie echt wären,
während sie in Wirklichkeit nur Reaktionen sind
oder Adaptationen sind dessen,
was man fühlen sollte.
Also dieser Mann fühlt sich auch sehr glücklich.
Und dann hat er einen Traum.
Der erste Teil dieses Traumes,
da ist er an einem kleinen See.
Der See ist schmutzig,
es ist dunkel, es ist düster,
es ist eine hässliche, unschöne Atmosphäre.
Und er erinnert sich dabei,
nachdem er das geträumt hat,
dass tatsächlich dieser See genauso ist wie ein See,
wo er als Kind mit seinen Eltern oft
als Ausflug gegangen ist.
Es ist eine unschöne Erinnerung,
nicht nur an den See, sondern auch an die Atmosphäre,
an das ganze Traurige und Armselige seiner Kindheit.
Das ist die erste Szene im Traum.
Dann kommt eine zweite Szene.
In dieser zweiten Szene sieht er sich
in einem der teuersten Automobile
auf einer hochmodernen Landstraße
einen Berg herauffahren großer Geschwindigkeit
und mit einem Gefühl der Macht und des Erfolgs
und fühlt sich glücklich.
Und dann kommt eine dritte Szene.
Diese dritte Szene ereignet sich,
nachdem er den Gipfel des Berges erreicht hat,
also wo die Landstraße vielmehr am höchsten ist.
Und plötzlich sieht er sich
in einem Pornografie-Laden.
Er ist ganz allein, in dem Auto war er mit seiner Frau,
ganz allein, kein Mensch da,
alles ist staubig und schmutzig
und er fühlt sich vollkommen einsam und verlassen.
Nun, was bedeutet der Traum?
Der Traum sagt uns,
was er in Wirklichkeit über sein eigenes Leben fühlt,
über sein Schicksal fühlt.
Wenn Sie es einfach ausdrücken wollen,
so sagt der Traum,
als Kind war alles traurig und schmutzig,
jetzt bin ich der erfolgreiche Mann,
der mit rasender Geschwindigkeit zum Gipfel fährt,
aber zum Schluss,
wenn dieser ganze Erfolgsrummel vorbei ist,
dann werde ich wieder im selben Schmutz,
in derselben Unseligkeit,
in derselben Traurigkeit,
in derselben Verlassenheit sein,
wie ich das als Kind war.
Alles das wird vergehen
und ich komme zurück dahin,
wo ich hergekommen bin.
Nun, Sie sehen hier,
das ist ein Gefühl von sich selbst ausgedrückt
in einer Sprache,
die zwar nicht in dieser Form
eine Kurzgeschichte ist,
die aber doch sehr schöpferisch ist,
in diesem Bild.
Und Sie könnten sehr wohl sagen,
dass vielleicht ein surrealistischer Maler
das Schicksal dieses Menschen auch darstellen könnte,
oder nicht nur notwendigerweise
ein surrealistischer Maler,
dass dieser Mensch da in diesem traurigen,
verlassen, schmutzigen Pornografie-Laden steht.
Das ist ein sehr künstlerisches Bild
und in dem Wachzustand hat dieser Mann
überhaupt kein Gefühl
oder keine Fähigkeit für die Schöpferigkeit,
die in diesem Traum enthalten ist.
Wir können sagen,
dass viele Menschen
zum Schöpferischen fähig sind,
aber am Tage so sehr unter dem Druck
der Gesellschaft,
des, was Heidegger das Mann nennt,
des gesunden Menschenverstandes und so weiter stehen,
dass sie nicht wagen,
sie selbst zu sein
und deshalb auch nicht wagen,
etwas selbst zu schaffen.
In der Tat ein trauriger Kommentar
zu unserer Gesellschaft und zur meisten Gesellschaft,
die nicht erlaubt, den Menschen
die schöpferischen Qualitäten, die er hat, auszudrücken.
Ein Wort zum Schluss.
Im Traum machen wir uns selbst eine Mitteilung.
Wie ein Mal der Talmud gesagt hat,
ein ungedeuteter Traum ist wie ein nicht geöffneter Brief.
In Wirklichkeit ist das Wort
Deuten sogar noch nicht einmal richtig.
Man braucht den Traum gar nicht zu deuten.
So wenig wie man chinesisch oder italienisch deutet,
wenn man die Sprache lernt,
ist eine Sprache, die man lernt,
die ihre eigene Grammatik hat,
die ihre eigenen Formen hat,
eine Sprache, die das Erleben ausdrückt
und die nicht dient der Beschreibung von Tatsachen.
Es ist sehr leicht möglich,
die Traumsprache zu lernen.
Dazu muss man nicht Psychoanalytiker werden.
Man kann die schon in der Schule lernen,
zur selben Zeit, wo man Fremdsprachen lernt.
Und ich glaube, wenn man beginnen würde,
die Traumsprache zu lernen,
dann würde das sehr große Vorteile haben.
Denn einmal wissen wir mehr über uns
und mehr über andere,
wenn wir unsere Träume verstehen.
Nun, ich sage, das kann Vorteile haben.
Es ist Ihnen ja klar,
dass es auch große Nachteile haben kann.
Denn im Allgemeinen wollen wir ja gar nicht
zu viel über uns wissen oder über andere.
Es stört uns nur.
Aber, doch leben wir reicher,
lebendiger, stärker,
je mehr wir über uns wissen
und je weniger Illusionen wir über andere haben.
Und zweitens, wenn wir die Traumsprache verstehen,
kommen wir etwas weg von der einseitigen
intellektuellen Orientierung,
die gerade heute in der modernen Welt
die der meisten Menschen ist.
Wir denken nicht nur intellektuell,
sondern wir verstehen
die Differenziertheit der Gefühle.
Das ist, glaube ich, sehr wichtig.
Die Traumsprache kann uns das lehren
und, wenn ich mich so ausdrücken darf,
im Träumen können wir zu Dichtern werden.