Dr. Rainer Funk – Erich Fromm Study Center Berlin
26.10.2024
Vortrag von Dr. Rainer Funk mit dem Titel „Der Beitrag Erich Fromms zum Verständnis von Psychoanalyse“ bei der Eröffnung des Erich Fromm Study Centers (EFSC) an der der International Psychoanalytic University Berlin am 13.12.2016.
Wir danken der Karl Schlecht Stiftung, die die Einrichtung des EFSC an der International Psychoanalytic University durch ihre Finanzierung möglich gemacht hat.
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Ja, meine Damen und Herren, ich möchte mit His Master's Voice und auch Phase beginnen.
Das heißt, an den Anfang eine ganz kurze Videosequenz einspielen, um dann an dieser anzuknüpfen.
Dieser Mensch aber wird beeinflusst von seiner Umgebung, und zwar nicht nur im Sinne der französischen Aufklärungsphilosophie der Umgebung,
sondern der Struktur der Gesellschaft, in der er lebt, die eine Tendenz hat,
nämlich seine psychischen Energien so zu gestalten, dass der Mensch das gerne tut, was er tun muss,
damit diese Gesellschaft in ihrer speziellen Form existieren kann.
Ich habe das bewusst an den Anfang gestellt, um an diesem Satz anzuknüpfen.
Der Mensch wird beeinflusst von der Umgebung, nämlich der Struktur der Gesellschaft,
die seine psychische Struktur in einer bestimmten Weise prägt.
Diese Erkenntnis hatte der 1900 in Frankfurt geborene Soziologe
und 1930 am Berliner Institut ausgebildete Psychoanalytiker Erich Fromm bereits vor über 80 Jahren.
Nicht dass Freud der gesellschaftlichen Prägung nicht auch einen hohen Stellenwert beimaß,
aber Fromm verstand dieses Beeinflusstwerden von den Erfordernissen des Wirtschaftens,
des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der Kultur zunehmend auf eine andere Weise.
Es waren vor allem die Ergebnisse der Cross-Cultural Studies seiner Zeit,
sowie sein Kontakt zu Harris Tech Sullivan, die Fromm dazu brachten,
der Umgebung und den Erfordernissen der realen Lebenspraxis nicht nur einen prägenden,
sondern einen strukturbildenden Stellenwert einzuräumen.
Nicht zuletzt an der autoritären Charakterbildung ließ sich zeigen,
dass Menschen von starken, ihnen meist nicht bewussten irrationalen Strebungen angetrieben werden,
dass diese Antriebe aber unabhängig vom frühkindlichen Schicksal des Sexualtriebs
und seiner prägenitalen und genitalen Erscheinungsweisen ausgebildet werden.
Fromm entwickelte Mitte der 30er Jahre die Idee,
dass das psychische Kernproblem des Menschen sein bezogen sein müssen.
Die psychischen Strukturbildungen sind deshalb auf weiten Strecken
nicht das Ergebnis einer intrinsischen Triebintentionalität,
sondern resultieren aus der psychischen Notwendigkeit und Fähigkeit des Menschen,
bezogen sein zu müssen und dieses bezogen sein selbst gestalten zu können.
Das ist in der Tat noch einmal ein bisschen etwas anderes als das freudsche Triebverständnis, Klammer zu.
Fromm hat damit das, was die Bindungsforschung nach John Bowlby,
aber auch die sozio-biologische Attachment-Forschung bei den Primaten
Jahrzehnte später empirisch nachgewiesen haben, theoretisch mit seinem Ansatz bereits vorweggenommen.
Die Tatsache, dass Fromm das libidotheoretische Paradigma
durch ein bezogenheitstheoretisches ersetzt hat,
bedeutete für Fromm nie, dass der Mensch nur eine Widerspiegelung der Kultur sei.
Sehr wohl aber führte der andere Erklärungsrahmen dazu,
dass Fromm die im Einzelnen wirkenden, zerstörerischen und krankmachenden Kräfte und Konflikte
zu einem großen Teil als gesellschaftlich erzeugt begriff
und damit Raum für eine soziale und politische Dimension der Psychoanalyse schuf.
Fromm bekannte sich zeitlebens dazu, ein Freudianer zu sein
und richtete sein Hauptaugenmerk auf die irrationalen Kräfte, die den Menschen unbewusst steuern.
Auch als psychoanalytisch arbeitender Therapeut, der Fromm in seiner Hauptprofession 50 Jahre lang war.
Fromms Paradigmenwechsel Mitte der 30er Jahre führte allerdings nicht nur zum Rauschmess
aus dem Institut für Sozialforschung und zu einer beispiellosen Ächtung
durch die Vertreter der kritischen Theorie,
sondern auch zu einer Isolierung von der psychoanalytischen Community.
Man sprach Fromm einfach ab, ein Psychoanalytiker zu sein.
Diese Ausgrenzung Fromms im Blick, und Fromm hat sicher noch einiges zu diesen Ausgrenzungen selbst beigetragen,
bei diesem Blick ist es schon sehr erstaunlich,
dass die Psychoanalyse Erich Fromms an einer privaten Universität auf eine positive Resonanz gestoßen ist,
sodass Fromms psychoanalytisches Denken in Lehre und Forschung
rezeptiert, reflektiert und zur Anwendung gebracht werden kann.
Dafür ist neben dem finanziellen Förderer vor allem Martin Teising,
dem Präsidenten und der Vizepräsidentin Gast, für ihre Offenheit und für ihre tatkräftige Unterstützung zu Dank.
Erich Fromms Verständnis von Psychoanalyse zeichnet sich nicht nur
durch einen bezogenheitstheoretischen Erklärungsrahmen für das psychische Antriebsleben
und die damit einhergehende Überwindung der sozialen Amnesie der Psychoanalyse aus.
Es gibt noch einen anderen Punkt bei Fromm, der das Verständnis dessen, was Psychoanalyse ist, verändert.
Ich möchte dazu hier noch einmal diese kleine Videosequenz einspielen.
Dieser Mensch aber wird beeinflusst von seiner Umgebung und zwar nicht nur im Sinne der französischen Aufklärungsphilosophie
der Umgebung oberflächlich gesehen, sondern der Struktur der Gesellschaft, in der er lebt,
die eine Tendenz hat, nämlich seine psychischen Energien so zu gestalten,
dass der Mensch das gerne tut, was er tun muss, damit diese Gesellschaft in ihrer speziellen Form existieren kann.
Die Struktur der Gesellschaft hat eine Tendenz, die psychischen Energien des Menschen so zu gestalten,
dass der Mensch das gerne tut, was er tun muss, damit diese Gesellschaft in ihrer speziellen Form existieren kann.
Der soziologisch gebildete Psychoanalytiker Fromm gibt auf der einen Seite eine Antwort auf die Frage,
warum Menschen, die eine bestimmte Lebenspraxis teilen, warum diese ähnlich denken, fühlen und handeln.
Die Erfordernisse des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens führen zu einer eigenen psychischen Strukturbildung,
die Fromm mit dem Begriff des Sozialkarakters gefasst hat.
Dass es zu einer solchen psychischen Strukturbildung kommt, in der die Erfordernisse des Zusammenlebens
als leidenschaftliche Strebungen der vielen Individuen repräsentiert sind, erklärt Fromm aber mit der Notwendigkeit,
dass jeder Mensch nicht nur auf die Realität, auf einen anderen Menschen und auf sich selbst bezogen sein muss,
sondern sich auch mit der gleichen Dringlichkeit einer sozialen Gruppe zugehörig fühlen muss.
Nur so lassen sich Gesellschaft und gesellschaftliche Prozesse psychologisch und auch psychoanalytisch adäquat erklären.
Dies heißt aber auch, es gibt den Menschen nicht anders denn als ein Gruppenwesen.
Eine gesellschaftliche Ächtung und Isolation stellt deshalb eine fundamentale Bedrohung für den Menschen dar.
Oder um es positiv zu formulieren, die Sozialität des Menschen ist eine Dimension des Menschseins, die schon immer zum Menschen gehört.
Auch wenn sie als Sozialität eines Individuums erst dann erlebbar ist, wenn sie sich von kollektiven und familiären Abhängigkeiten befreit hat.
Mit dem Konzept des Sozialkarakters ist es Fromm möglich, das für die Moderne typische Gegenüber von Individuum und Gesellschaft zu überwinden.
Den Einzelnen gibt es nicht ohne die Gesellschaft und die Gesellschaft lässt sich nur im Blick auf die vielen Einzelnen sprechen.
In deren Sozialkarakterbildung sie präsent und für die empirische Forschung zugänglich ist.
Für das Verständnis von Psychoanalyse hat diese Neubestimmung weitreichende Konsequenzen.
Denn auch die Psychoanalyse folgt meist der Vorstellung, dass das Individuum der Gesellschaft gegenübersteht und Sozialität erst eine mühsam durch Trieb, Verzicht erreichte Fähigkeit ist.
dann wird nur ein sozial psychoanalytischer Ansatz dieser primären Sozialität des Menschen gerecht.
Das ist das eigentliche Provozierende des Ansatzes von Erich Fromm.
Und zugleich das, womit er meiner Meinung nach die Psychoanalyse bereisern kann.
So wichtig persönliche und ganz individuelle Umstände bei der psychischen Strukturbildung mit ihren positiven und negativen Effekten sind,
so wichtig ist es, den Blick auf die gesellschaftlich erzeugten Strukturbildungen mit ihren förderlichen und hinderlichen Wirkungen für das psychische Gelingen des Einzelnen und sozialer Gruppierungen zu richten.
Um wenigstens einige Konsequenzen anzudeuten, die sich aus diesem sozial psychoanalytischen Ansatz Fromms ergeben.
Eine Psychoanalyse, die den Einzelnen in seiner primären Sozialität begreift, wird nicht nur danach fragen,
was der einzelne Mensch aufgrund seines besonderen Gewortenseins nicht denken und fühlen darf, also verdrängen muss.
Sie wird auch danach fragen, was in einer bestimmten Gesellschaft und Kultur nicht gefühlt und gedacht werden darf
und deshalb dem sozialen Unbewussten und Verdrängten anheim fällt und von dort her zu inneren Konflikten führt.
Sie wird zweitens eine ganz andere Sensibilität für das entwickeln, was gesellschaftlich und kulturell akzeptiert ist
und als normal und sozial wünschenswert ausgegeben wird und dieses mit den Indikatoren für eine gesunde psychische Entwicklung und ein gelingendes Zusammenleben abgleichen.
Sie wird also zum Beispiel danach fragen, ob in einer Gesellschaft und Wirtschaft, die ganz auf Rivalität und Erfolg setzt,
nicht Fähigkeiten wie Empathie oder Liebe unterentwickelt bleiben und der Verdrängung anheimfallen müssen.
Eine Psychoanalyse, die vom Ansatz her die soziale Amnesie überwindet, wird also wirtschaftskultur- und gesellschaftskritisch sein,
wie das Herr Gün schon aufgezeigt hat, und das pathologische und pathogene dessen benennen, was als normal gilt.
Und sie wird Skizzen entwickeln, wie Wirtschaft und Gesellschaft organisiert sein müssten,
um jene psychischen Fähigkeiten zu befördern, die Mensch und Gesellschaft gelingen lassen.
Ein dritter Aspekt, in ihren klinischen Anwendungen wird sie nicht nur die Frühstörungen im Blick haben,
sondern sich auch für die aktuellen pathogenen Effekte beruflichen und sozialen Erfolgs interessieren.
Auch wird sie ihr Augenmerk auf die Widerspiegelung der aktuellen beruflichen und familiären Konflikte in innerpsychischen Konflikten rüsten.
Das Leiden an der Pathologie der Normalität und die Frage der Sozialkarakterorientierung spielen dabei nicht nur bei den Patienten eine Rolle,
sondern auch bei den therapeutisch Tätigen.
Ein vierter Gesichtspunkt.
Zweifellos schaffen die sozialcharakterologischen Erkenntnisse Fromms gute Voraussetzungen dafür,
die Psychodynamik von Organisationen und Führungsstrukturen zu erkennen
und ihre menschlich produktiven und nichtproduktiven Effekte zu analysieren.
Gerade weil Fromm immer das psychische Gelingen der in Unternehmen und Organisationen arbeitenden und führenden Menschen im Blick hat,
ermöglicht eine Sozialkarakterologie psychoanalytische Erkenntnisse über die psychisch förderlichen
beziehungsweise pathogenen Wirkungen der Organisation von Arbeit und Führung.
Und ein letzter, fünfter Punkt.
Die durch die Psychoanalyse herbeigeführte Götterdämmerung philosophischer und theologischer Ethiken,
nämlich, dass Werte und Normen, Ideale und Tugenden, Funktionen psychischer Strukturbildungen
und deshalb aus sich heraus kraftlos sind, es sei denn, sie werden von motivationalen Antriebskräften determiniert.
Diese Entmachtung der Ethiken gilt verstärkt für einen sozialpsychoanalytischen Ansatz,
der auch alle gesellschaftlich akzeptierten Ideale und Werte hinsichtlich ihrer Wirkungen sozialcharakterologisch hinterfragt
und auf den Prüfstand der faktisch gelebten Wertorientierungen und der dabei wirksamen, unbewussten Motivationen stellt.
Genug der Perspektiven, die sich aus dem frommschen Verständnis von Psychoanalyse ergeben
und die sich in einer entsprechenden Programmatik des Erich Fromm Study Centers niederschlagen können.
Ich bin sehr froh, dass wir heute die Eröffnung des Erich Fromm Study Centers feiern können.
Ich möchte Herrn Prof. Schlecht und seiner Stiftung, aber auch Frau Dr. Schlecht aus der Karl Schlecht Stiftung
an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich danken, dass sie das Erich Fromm Study Center finanziell ermöglicht haben
und dass sie der Fachlichkeit von Herrn Kühn und von mir vertrauen.
Das Denken Erich Fromms in Lehre und Forschung präsent zu machen und weiterzuentwickeln.
Danke Ihnen.

