Die Bedeutung des Denkens von Erich Fromm für die psychoanalytische Praxis. Abendveranstaltung am 9. Dezember 2021 an der International Psychoanalytic University Berlin.
Vortrag von Dr. Rainer Funk mit dem Titel "Die Psychoanalyse Erich Fromms und ihre Bedeutung für die psychotherapeutische Praxis".
Spätestens seit dem Abschluss der Ausbildung zum Psychoanalytiker 1930 in Berlin identifizierte sich der promovierte Soziologe Erich Fromm als Psychoanalytiker, dessen Hauptprofession bis zu seinem Lebensende die klinisch-therapeutische Anwendung der Psychoanalyse war. Sein erkenntnisleitendes Interesse war dabei die gesellschaftliche Prägung der vielen Einzelnen.
Wir bedanken uns für die finanzielle Förderung der Veranstaltung und deren Dokumentation bei der Karl-Schlecht-Stiftung.
Ich möchte mit meinem Beitrag zunächst die Entwicklung der Frommischen Sozialpsychoanalytischen
Methode noch etwas genauer nachzeichnen, um dann in einem weiteren Schritt mit der Skizzierung
von zwei Sozialkarakterorientierungen die Fruchtbarkeit dieser Erweiterung der Psychoanalyse
zu veranschaulichen.
Ich werde mich dabei beispielhaft auf den autoritären Sozialkarakter und den von mir
in Anschluss an Fromms Methode entwickelten, ich-orientierten Sozialkarakter beziehen
und bei Letzterem dann nach den Implikationen für die therapeutische Arbeit fragen.
Ich beginne damit, die Entwicklung der Frommischen Sozialpsychoanalytischen Methode nachzuzeichnen.
Es lassen sich zwei Fragen ausmachen, die Fromm zeitlebens umgetrieben haben.
Die erste Frage lautet, was lässt viele Menschen ähnlich denken, fühlen und handeln?
Dieser Frage ging er bereits in seiner Dissertation aus dem Jahre 1922 nach.
Fromm interessierte, welche religiösen Ethosformen jüdische Menschen, die in der Zerstreuung,
in der Diaspora leben, also ohne Schutz und ohne Außenhalt durch nationale und staatliche
Institutionen, was diese Menschen ähnlich denken, fühlen und handeln lässt.
Die Grundidee, dass eine bestimmte Lebenspraxis zu verinnerlichten Strebungen und Verhaltensmustern
führt, bestimmte bereits das Denken von Fromm zu einem Zeitpunkt, als er die Psychoanalyse
Freuds noch nicht kannte.
Die Bekanntschaft mit der Psychoanalyse Freuds hat dann zu einem ersten Paradigmenwechsel geführt.
Die gelebten Ethosformen sind jetzt als psychische Antriebskräfte zu begreifen, denen allerdings
nicht blindlings geglaubt werden darf.
Die Möglichkeit, dass irrationale und dysfunktionale Kräfte auf weiten Strecken das Denken, Fühlen
und Handeln des Menschen bestimmen, ohne dass sich der Einzelne dieser Antriebskräfte bewusst
ist, war die lang gesuchte Antwort auf eine andere Frage, die das wissenschaftliche Denken
Fromms Zeitlebens bestimmte, nämlich die Frage, wie ist so etwas möglich.
Schon der heranwachsende Fromm fragte sich, warum bringt sich eine Frau um und will an
der Seite ihres kürzlich verstorbenen Vaters beerdigt werden?
Oder warum ziehen die Deutschen 1914 mit einer solchen Begeisterung in einen todbringenden Krieg?
Welche unbewussten Kräfte sind hier am Werk und wie entstehen sie?
Die Antwort, die Freud mit seinen Triebtheorien gab, beeindruckte Fromm vor allem deshalb,
weil die Verdrängung von mit Libido besetzten Wünschen, Strebungen, Fantasien nicht aus
der Welt ist, sondern in irrationalen, gehemmten, selbstschädigenden Strebungen und Verhaltensmustern
in abgewandelter Form wiederkehrt.
Die von Freud gelieferte Erklärung, dass solche Kräfte ihre Triebenergie von angeborenen
Trieben erhalten, die nach Befriedigung trachten und dabei mit den Ansprüchen von Gesellschaft
und Kultur in Konflikt geraten, sodass sie verdrängt werden müssen, stand zwar im Widerspruch
zu Fromms Idee, dass eine bestimmte Lebenspraxis zu verinnerlichten Strebungen führt, doch
dies sollte Fromm erst Mitte der 1930er Jahre zum Problem werden.
Die Faszination, die von der Freud'schen Theorie ausging, führte bei Fromm Ende der
1920er Jahre zur Frage, welche Möglichkeiten es gibt, dass Denken, Fühlen und Handeln
vieler Menschen psychoanalytisch zu erforschen, um irrationale Reaktionen und Verhaltensmuster
gesellschaftlicher Gruppierungen erklären zu können.
Auch andere am Berliner Institut verfolgten diese Frage, etwa Sigrid Bernfeld oder Wilhelm
Reich und nicht zu vergessen Theodor Reich, der in seiner Abhandlung Dogma und Zwangsidee
von 1927 neurotische Phänomene beim Einzelnen einfach auf Gruppenphänomene übertrug und
so das Verhalten der vielen erklärte.
Die für Fromms Theorie und Methodenentwicklung vielleicht wichtigste Arbeit wurde unter dem
Titel Die Entwicklung des Christus-Dogmas im Jahre 1930 in der gleichen Zeitschrift
Imago veröffentlicht, in der Reich sein Essay veröffentlicht hatte.
Der studierte Soziologe Fromm wollte zeigen, dass die psychoanalytische Methode bei gesellschaftlichen
Phänomenen eine andere sein muss als die bei der Erklärung irrationaler Phänomene
beim Einzelnen, weshalb er sich am Ende dieser Studie auch kritisch mit Reich auseinandersetzte.
Während Reich von zwanghaften rituellen Vollzug eines Einzelnen auf den Zwangscharakter von
Religion schließt, setzt Fromm an der konkreten Lebenspraxis der vielen Christen an und zeigt
dann im Einzelnen historisch auf, dass den Veränderungen bei den Bekenntnisformeln über
Jesus, Jesus als Menschensohn, als der Christus, als Erlöser, als der Sohn Gottes und so weiter,
dass denen immer politische und soziale Veränderungen der sich als Christen bekennenden Menschen
zugrunde liegen.
Fromm schloss daraus, dass es in jedem Einzelnen zu einer libidinösen Strukturbildung kommen
muss, in der die gesellschaftliche Lebenspraxis repräsentiert ist.
Die Strukturbildung beginnt bereits in der frühen Kindheit, wobei die Eltern als Agentur
der Gesellschaft begriffen werden.
Mit diesem Ansatz, bei einer besonderen psychischen Strukturbildung, lässt sich auch empirisch
in den vielen Einzelnen die libidinöse Struktur einer Gesellschaft erforschen.
Es dauerte nicht lange, bis sich Fromm des Problems bewusst wurde, dass sein sozialpsychoanalytischer
Ansatz sich mit der von Freud favorisierten Libidotheorie zur Erklärung bewusster und
unbewusster psychischer Strebungen nicht wirklich vereinbaren lässt.
Roger Frey hat bereits darauf hingewiesen, welche Bedeutung der Kontakt mit Harry Stack
Sullivan hatte, um den 1937 in einem Aufsatz vollzogenen Paradigmenwechsel von der Triebtheorie
zu einer Bezogenheitstheorie als Erklärungsrahmen für psychische Strukturbildungen zu verstehen.
Die primäre Sozialität des Menschen findet nach Fromm ihren Niederschlag in einer eigenen
Dimension der psychischen Strukturbildung, dem sozialtypischen Charakter oder Sozialkarakter,
im Deutschen im Allgemeinen in der Gesamtausgabe als Gesellschaftscharakter übersetzt, sowie
darin, dass es auch ein soziales Unbewusstes und auch ein soziales Vertränktes geben muss.
Fromms Sozialpsychoanalyse spricht wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Faktoren
bei der Ausbildung der psychischen Antriebsstrukturen eine ebenso wichtige, wenn nicht gar noch
wichtigere Rolle zu, als den sehr persönlichen Bindungserfahrungen, die sich in der individuellen
Charakterbildung als Antriebskräfte manifestieren.
Gemäß Fromms sozialpsychoanalytischer Theorie liegt also Gesellschaft immer mit auf der Couch.
Nach psychoanalytischem Verständnis eignet sich der Begriff des Sozialcharakters deshalb
zur Kennzeichnung jener Haltungen und Strebungen, die einer Gesellschaft oder gesellschaftlichen
Gruppierung gemeinsam sind, weil eine Charakterbildung nicht nur das relativ konstante und konsistente
Verhalten einer sozialen Gruppe erklärt, sondern weil sich eine Charakterbildung immer auch
durch etwas Ich-Synthones auszeichnet.
Mit Ich-Synthon ist gemeint, dass jemand eine bestimmte Charakterstrebung als natürlich,
als richtig, als normal empfindet, also in Übereinstimmung mit seinem Ich.
Und zwar auch dann, wenn der Betreffende mit ihr andere faktisch etwa zum Beispiel nur
bevormundet oder sich als Besserwisser durchsetzen will, weshalb Fromm bei manchen
Sozialkarakterorientierungen von einem gesellschaftlich erzeugten Defekt und von einer
Pathologie der Normalität spricht.
Die besondere Bedeutung bestimmter Sozialkarakterorientierung liegt also darin,
dass sie bei vielen Menschen ein ähnliches Denken, Fühlen und Handeln bewirken,
sodass ihre potentiell pathogenen Wirkungen nicht erkannt werden und es auch nicht zu
leidvollen, in der Regel auch nicht zu leidvollen Symptombildungen kommt.
Meist wird erst aus einer zeitlichen Distanz die menschlich nichtproduktive Orientierung,
wie Fromm die pathogenen Wirkungen von Charakterbildungen nennt, deutlicher erkennbar.
Fromm hat im Laufe seines Lebens eine ganze Reihe von Sozialkarakterorientierungen erkannt
und erforscht, die autoritäre, die hortende, das ist der bürgerliche Charakter vor allem,
die Marketingorientierung, die narzisstische, die nekrophile und die produktive
Sozialkarakterorientierung.
Nun, um die Bedeutung der Sozialkarakterbildungen zu illustrieren, möchte ich zunächst
den autoritären Charakter kurz skizzieren, wie ihn Erich Fromm vor 90 Jahren entwickelt
hat und verstanden hat.
Dass der autoritäre Sozialkarakter weitgehend der Vergangenheit angehört, ergibt sich schon
daraus, dass die personifizierten autoritären Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft
weitgehend abdanken mussten, dass es deshalb auch keine schwarze Pädagogik mehr gibt,
zumindest im Allgemeinen nicht und öffentlich nicht, die glaubt, den Menschen züchtigen
und strafen zu müssen und dass es auch kein probates Mittel mehr ist, den Menschen Schuldgefühle
einzuflößen, um ihn unterwürfig und erlösungsbedürftig zu halten.
Allerdings lassen sich aus der historischen Distanz zum autoritären Charakter sehr gut
seine pathogenen Wirkungen zeigen und lässt sich das, was unseren Eltern und Großeltern
als etwas Normales und Vernünftiges vorkam, etwa zu gehorchen, weil es die Autorität
gebietet, lässt sich das als gesellschaftlich erzeugte defekte Diagnostizierung und es lässt
sich zeigen, dass etwas, das so umfassend gesellschaftlich akzeptiert und selbstverständlich
war, eine Grundstrebung gewesen sein muss, die alle Bereiche des öffentlichen und privaten
Lebens bestimmt hat. Genau um solche Grundstrebungen in Abhängigkeit von Erfordernissen des
gesellschaftlichen Zusammenlebens geht es, wenn Fromm Gesellschaftscharakterorientierung
und deren Psychodynamik zu ermitteln versuchte. Beim autoritären Charakter lässt sich eine
aktive und eine passive Version bei der Grundstrebung beobachten. Entweder will der autoritäre
Charakter sadistisch Herrschaft ausüben oder masochistisch unterwürfig sein. Beide
Grundstrebungen sind in jedem autoritären Charakter vorhanden, wenn auch je unterschiedlich
bewusst ausgelebt oder unbewusst gelebt oder nicht ausgelebt. Kommt es zu einer interpersonellen
Aufteilung der beiden Aspekte, dann verbündet sich das Herrschaft ausüben wollen mit wirtschaftlichen,
politischen und gesellschaftlichen Machtstrukturen und Abhängigkeiten, denen man sich gehorsam
unterwerfen muss. Sie spielen aber auch im Geschlechterkampf eine Rolle und hier insbesondere
bei der Dominanz autoritärer Strukturen. Die Männer sind dann die Erzeuger und die
Ernährer, obwohl es die Frau ist, die das Kind hervorbringt und nähernde Brüste hat.
Die Frau hat immer eine Untertanen zu sein, wie der Leibeigene dem Landesherrn zu Diensten
sein muss. Die Grundstrebung Herrschaft auszuüben bzw. unterwürfig zu sein, zeigt sich nicht
nur im Miteinander, sondern auch in der Beziehung zum eigenen Selbst, etwa als Selbstbeherrschung
oder Selbstdisziplinierung oder als unterwürfige Selbstbeschuldigung oder als Selbstlosigkeit
und Verzicht auf alles eigene und Eigenwillige, auf alles Lustvolle, auf alles Selbstwirksame.
Nach Fromm zeichnet sich der autoritäre Charakter noch durch die Besonderheit aus,
dass Herrschende und Unterwürfige zugleich symbiotisch emotional aneinanderhängen und
aufeinander angewiesen sind und es zu einer starken emotionalen Abhängigkeit voneinander
kommt. Diese äußert sich im Wunsch zu strafen und zu züchtigen, um aus dem Untergebenen
einen anständigen Menschen zu machen bzw. in der idealisierenden Bewunderung der Autoritäten
und ihrer Überlegenheit oder ihrer Gnade. Dieser symbiotische emotionale Aspekt wird
in der Regel in der Autoritarismusdebatte völlig ignoriert, die sich von Adorno und
dessen Verständnis der autoritären Persönlichkeit her bestimmt. Fromm hat eine äußerst plausible
Erklärung der psychischen Dynamik geliefert, die das autoritäre System in Gang hält
und stabilisiert. Sie lässt sich etwa so beschreiben. Der Unterwürfige entledigt sich
auf Druck des Herrschenden dadurch jener autonomen Eigenkräfte, die ihn selbstkompetent,
wissend, stark, eigenständig, frei sein lassen, dass er sie auf die Autorität projiziert.
Diese Autorität ist nun mächtig, weise, erhaben, stark oder fürsorglich, wohlwollend, gnädig usw.
Dadurch, dass der Unterwürfige sich gleichzeitig der Autorität unterwirft, um mit ihr
symbiotisch verbunden zu sein, gelingt es ihm, an seinen auf die Autorität projizierten
Eigenschaften sekundär wieder Anteil zu bekommen. Er kann sich selbst aber nur gut, wertvoll
und menschlich vermögend fühlen, insofern er dies alles jemand anderem verdankt.
Das ist autoritärer Charakter. Wie eine autoritäre Orientierung in personifizierter Form
konkret aussieht, kann man auf politischer Ebene am besten in Nordkorea beobachten
oder auch in der Volksrepublik China. Man denke nur an die Feiern zum 100. Geburtstag
der Kommunistischen Partei Chinas. Auf familiärer Ebene hat dies Michael Haneke
in seinem Film »Das Weiße Band« zur Darstellung gebracht. Der Film spielt kurz vor Beginn
des ersten Jahrhunderts, also vor über 100 Jahren, in einem norddeutschen Dorf, dessen
Dorfbewohner von einem Baron als Großgrundbesitzer abhängig sind. Die Autoritätspersonen vor Ort
sind darüber hinaus der Pfarrer und der Dorfarzt. Eine kurze Szene soll einen Einblick
in die Familie des Dorfpfarrers geben. Die Familie hat sich verspätet zum Nachtessen
versammelt, weil die beiden größeren Kinder mit Namen Martin und Clara bei Einbruch der
Dunkelheit noch nicht zu Hause waren, sodass die Mutter sie im Dorf suchen musste. Nun
ist die gesamte Familie um den Tisch zum Tischgebet vereint, doch statt zum Essen kommt es zu
einer Strafpredigt des Vaters und Pfarrers. Die insgesamt sechs Kinder müssen wegen
des Ungehorsams der beiden Ältesten ohne Essen ins Bett gehen. Die beiden »Übeltäter«
in Anführungsstrich werden am nächsten Tag zehn Rutenschläge bekommen. Dass sie wegen
ihres Ungehorsams so verunreinigt sind, will der Vater auch keine Berührung beim Gutnachtgruß
haben. Sie müssen von nun an ein weißes Band öffentlich sichtbar tragen, um an ihre
Reinheit und Unschuld erinnert zu werden. Die Mutter vollzieht alles schweigend und senkt
unterwürfig ihren Kopf, als Tochter Clara ihren Blick hilfesuchend auf die Mutter rüstet.
Die väterliche Strafpredigt hat vor allem den Zweck, in den Kindern Schuld und Schamgefühle
zu erzeugen und dies auf sehr suggestive Weise. Wenn der Vater sagt, ich zitiere jetzt, »Ihr
seid wohl mit mir einer Meinung, dass ich euer Verhalten nicht ungestraft durchgehen
lassen kann, wollen wir in Hinkunft in gegenseitiger Achtung miteinander auskommen. Ich werde euch
also morgen Abend um die gleiche Zeit vor euren Geschwistern jeweils zehn Rutenschläge
zuzählen. Bis dahin habt ihr Zeit, über die Schwere eures Vergehens nachzudenken.
Seid ihr damit einverstanden?« Und Clara antwortet sofort, »Ja, Herr Vater, die kurze Szene mag genügen,
um anzudeuten, welche pathogenen Wirkungen eine solche Seelenmassage beim autoritären
Charakter hat. Es kommt zu einem permanent schlechten Gewissen, weil jedes Eigensein
als ungehorsam geahndet wird. Es kommt zu einer systematischen Hemmung aller Strebungen
nach Freiheit und Unabhängigkeit. Und es führt zu einem Selbstbild, das einen Kampf mit einem
inneren Schweinehund führt. Einem Selbstbild, das sündig ist und unrein ist und mit Gewalt
bekämpft werden muss. Die Szene macht noch etwas anderes deutlich. Die Art, wie da vor 100 Jahren
das familiäre Beziehungsgeschehen organisiert war, wurde von den Beteiligten als normal und vernünftig,
wir würden heute sagen, als zielführend angesehen. Ich habe hier den autoritären
Sozialkarakter bewusst als eine Art Kontrastfolie gewählt, mit der sich sowohl die Wirkmächtigkeit
als auch das psychisch Krankmachende dieser psychischen Strukturbildung illustrieren lässt.
Die spannende Frage ist, welche Sozialkarakterorientierungen heute eine gesellschaftliche
Dominanz erreicht haben und welche Grundstrebungen im Denken, Fühlen und Handeln sich darin Ausdruck
zu schaffen versuchen und eben von uns als völlig normal angesehen werden.
Ich könnte an dieser Stelle mit From von der Marketingorientierung sprechen, die auf weiten Strecken
die autoritäre Sozialkarakterorientierung abgelöst hat oder von der narzisstischen Sozialkarakterorientierung
und dem Gruppennarzissmus, Roger Free hat einiges dazu bereits gesagt, dieser narzisstische Sozialkarakter,
der eben spätestens seit der Wahl von Donald Trump immer hoffähiger wird.
Ich möchte aber stattdessen von einer neuen Sozialkarakterbildung sprechen, die sich schon vor 15 Jahren
bei knapp 20 Prozent der Erwachsenen Deutschen nachweisen ließ.
Diese Menschen werden in ihrem Denken, Fühlen und Handeln von der mächtigen Grundstrebung angetrieben,
alles ich-orientiert selbst bestimmen zu wollen. Sie wollen deshalb alles neu und anders machen
und wehren sich gegen alles, was vorgegeben oder bindend ist.
Eine solche Ich-Orientierung ist nicht egoistisch.
Versteht man unter Egoismus, dass man seinen Vorteil auf Kosten von anderen sucht.
Sie ist aber auch nicht von Haus aus narzisstisch. Sie will zwar Wirklichkeit, auch die eigene Persönlichkeit
neu und anders kreieren, aber nicht, um sich unbedingt kandios zu erleben und alles Nicht-Eigene entwerten zu müssen,
wie das für einen Narzissmus typisch ist, sondern Ich-Orientierte wollen selbstbestimmt sein und kreativ sich erleben.
Dabei lassen sich ebenfalls zwei Arten unterscheiden.
Selbstbestimmte, die Selbstwirklichkeit, Gefühle, Vorstellungen, Erlebnisse inszenieren und erfinden,
und solche, die an derart inszenierten und simulierten beziehungsweise virtuellen Wirklichkeiten selbstbestimmt Anteil haben wollen,
weil sie, wie sie sagen, zu ihnen passen.
Die Ich-Orientierte Sozialcharakterbildung hat offensichtlich ganz viel mit der digitalen Revolution
und einer damit einhergehenden fast grenzenlosen Freiheit zu tun.
Da man mithilfe von Digitalisierung, elektronischen Medien und Vernetzungstechnik auf weiten Strecken Wirklichkeit neu und anders herstellen kann,
muss man nicht mehr auf Grenzen und Bindungen, auf naturale Vorgaben und soziale Maßgaben Rücksicht nehmen.
Flexibilisierung und Virtualisierung ist auf allen Ebenen da.
Die neuen Simulationstechniken eröffnen ungeahnte Gestaltungsmöglichkeiten
und führen zur Entwicklung eines mächtigen Strebens, Grenzen beseitigen zu wollen,
also alles zu entgrenzen und Bindungen entbinden zu wollen, um an nichts mehr gebunden zu sein, um alles selbst bestimmen zu können.
Digitalisierung, elektronische Medien und Vernetzungstechnik sind in erster Linie natürlich etwas sehr Begrüßenswertes.
Sie schaffen ganz neue Möglichkeiten des Wirklichkeitsbezugs, des Miteinanders, des Selbsterlebens, der Wissensaneignung,
der Alltagsbewältigung und nicht zu vergessen ganz neue Forschungsfelder.
Der sich mit den neuen technischen Möglichkeiten auch bildende, ich-orientierte Sozialkarakter
wird in psychodynamischer Sicht eigentlich erst dann wirklich problematisch,
wenn sich das Streben, alles entgrenzen und neu konstruieren zu wollen, auch auf die eigene Persönlichkeit.
Unter Einsatz von suggestiven und Simulationstechniken trainiert man sich dann eine neue Persönlichkeit an.
Er lernt Soft Skills und schafft sich nach eigenen Vorstellungen eine virtuelle Persönlichkeit,
mit der man zum Beispiel immer nur freundlich sein kann, wo man keine Aggressionen mehr kennt gegen andere,
wo man sich sehr selbstbewusst zeigen kann, über alle Zweifel erhaben ist,
wo man keinen Ärger mehr spürt und immer gut drauf ist.
Eben weil die gewachsene und von inneren Antrieben, Motivationen und Gefühlen geprägte Persönlichkeit
einen auch mit seinen negativen Eigenschaften und Gefühlen konfrontiert,
wird sie durch eine simulierte, auf Erfolg, Genuss und Können trainierte ersetzt.
Eine solche mentale Neukonstruktion der Persönlichkeit zeigt tatsächlich im psychologischer und gesellschaftskritischer Perspektive
bei vielen Menschen pathogene Effekte, von denen hier in aller Kürze die Rede sein soll.
Ein erster pathogener Effekt ist hinsichtlich der eigenen motivationalen Antriebskräfte zu beobachten.
Mit ihnen sind wir fähig, nicht nur aufgrund von äußeren oder auch inneren Reizen,
sondern eben auch selbsttätig, das heißt aus eigenem Antrieb aktiv zu sein.
Alles, was einen aus eigenem Antrieb aktiv sein lässt, motiviert, was einen belebt, was einen interessiert,
aus eigenem Antrieb, hat angesichts der mitreißenden, begeisternden und stimulierenden Effekte inszenierter
und virtueller Erlebnisangebote immer weniger eine Chance, noch mithalten zu können,
sodass die eigenen Antriebskräfte zunehmend deaktiviert werden.
Erkennbar ist diese Deaktivierung daran, dass es zum Beispiel erst eben etwas Interessantes braucht,
um ein Interesse spüren zu können.
Um selbst wahrnehmen zu können, dass man etwas will und aktiv wird, braucht es immer öfter erst eine Beseelung,
eine Animation und dies selbst dann, wenn es um das Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Liebe
oder auch nach sexueller Befriedigung geht.
Die Richtung der Aktivierung ist grundsätzlich umgedreht.
Belebung, Aktivität, Wirksamkeit, Gestaltungskraft, dies alles geht statt vom Menschen,
von den Erlebnismöglichkeiten und den Angeboten.
Ein zweiter pathogener Effekt betrifft das originäre Identitätserlebnis.
Dieses ermöglicht es uns, in relativer Unabhängigkeit von äußeren Bezugsgrößen,
uns als abgegrenzt, als autonom, als identisch, als stimmig und zugehörig und wert zu erleben.
Grund hierfür sind die inneren Bilder von dem, wer wir sind.
Eben dies aber, diese werden zunehmend als ungenügend oder als ambivalent erlebt.
Wer sich wirklich frei erleben will, muss sich auch sein vertrautes Identitätserleben hinter sich lassen.
Das heißt, auf ein definiertes, auf ein begrenztes, in definieren steckt die Grenze,
muss auf ein solches definiertes Selbst verzichten.
Das Selbst muss vielmehr je nach Anlass, Situation und Lust durch eine neu erfundene Rollen-Selbst
oder durch eine simulierte Identität ersetzt werden.
Pathogene Effekte zeigen sich drittens auch bei der Beziehungsfähigkeit.
Mit eigener Beziehungsfähigkeit ist gemeint, dass wir auf die Wirklichkeit,
auf andere Menschen und auf uns selbst aufgrund eigener emotionaler Bindungskräfte bezogen sein können.
Hier zeigt auch das Entgrenzungstreben bei der Neukonstruktion der Persönlichkeit fort,
zeigt sich das Entgrenzungstreben vor allem darin, dass die für die eigene Beziehungsfähigkeit
unerlässlichen emotionalen Bindungskräfte, also etwa Gefühle der Sehnsucht,
Gefühle des Vermissens, des Erinnerns, des Vertrauens, der emotionalen Nähe oder des emotionalen Gleichklangs
oder Gefühle des Trauerns, der empathischen Fürsorglichkeit oder des geteilten Leids,
alles das sind emotionale Bindungskräfte, die dem Menschen im Laufe seines Lebens zuwachsen,
dass solche emotionalen Bindungskräfte als zu schwach erlebt werden,
angesichts der fantastischen Liebesgeschichten und Lebensdramatik,
die uns über die Medien frei Haus geliefert werden.
Selbstbestimmte Menschen wollen frei und ungebunden und doch mit Hilfe von Vernetzung und Kontaktmedien verbunden sein.
Das bindungslose Verbundensein über Kontaktmedien ist eine neue Form der alltäglichen Beziehungsgestaltung
und wird auch so erlebt, je mehr Followers und Freunde man hat, je länger man sich in Chatrooms
oder auch in Meta alias Facebook aufhält, je mehr Fotos über WhatsApp auf den Weg gebracht werden
und je umfangreicher die Verzeichnisse von Mail- und SMS-Empfängern ist,
desto verbundener und beziehungsstärker erlebt man sich.
Pathogene Effekte zeigen sich viertens auch hinsichtlich der Fähigkeit,
sich selbst sowie das Miteinander normativ steuern zu können.
Diese Fähigkeiten sind Funktionen psychischer Strukturbildungen,
traditionell gesprochen des Über-Ichs, Ich-Ideals oder Gewissens.
Als Teil der psychischen Ausstattung stellen sie eine Vorgabe und eine Maßgabe dar,
von der man sich entbinden muss, wenn man ohne permanente oder punktuelle Angst,
Schuld und Schamgefühle ein freies und entgrenztes Leben führen will.
Es tritt aber an die Stelle der inneren Regulationssysteme.
Wenn heute der Ruf nach Regulierungen, nach neuen Orientierungen und Werten,
nach einer Ethik der Wissenschaften und der Medizin, nach einer Unternehmenskultur,
nach Berufs- und Standesethiken, nach politischer und betrieblicher Correctness,
nach Zielvereinbarungen, Leitbildern und Vorbildern erhoben wird,
dann hat dieser Bedarf an Ethik, an Consultants, an Ratgebung und nach Coaching,
auch mit der Entbindung von verinnerlichten Wertvorstellungen
und Orientierungen beim entgrenzten Ich-Orientierten.
Und schließlich pathogene Effekte zeigt die Neukonstruktion der Persönlichkeit
schließlich auch hinsichtlich der eigenen Gefühlsfähigkeit.
Mit dieser sind wir fähig, eigene Effekte und Gefühle zu spüren,
um so ihre regulierende, belebende und Bindung ermöglichende Funktion nutzen zu können.
Das eigene Fühlen gehört neben dem Wollen und dem Fantasieren
zu den wichtigsten psychischen Äußerungsweisen.
Selbstbestimmte Menschen befinden sich hinsichtlich ihrer eigenen Gefühle in einem Dilemma.
Auf der einen Seite sind es gerade die eigenen Gefühle,
die ihnen ihre Begrenztheit und ihr Gehbundensein deutlich machen,
sodass sie sie hinter sich lassen möchten.
Andererseits sind Gefühle etwas höchst Individuelles, etwas Lebendiges und Belebendes
und eine äußerst effektive Möglichkeit, selbstbestimmt Wirklichkeit, Kontakt und Kommunikation herzustellen
und mit anderen verbunden zu sein.
Dieses Dilemma löst der Ich-Orientierte Mensch dadurch, dass er voll auf Emotion fährt,
dabei aber eben nicht auf eigene Gefühle setzt,
sondern entweder aktiv zum Teil völlig andere Gefühle inszeniert und simuliert
oder passiv mit den heute auf Schritt und Tritt angebotenen Gefühlsangeboten verbunden sein will
und also virtuell mitfühlt, statt selbst zu fühlen und das auch nicht unterscheiden kann mehr.
Natürlich wird ein solcher sagen, das sind meine Gefühle, aber es sind in Wirklichkeit nur Mitgefühle.
Nun, die genannten pathogenen Effekte bestehen alle darin,
dass eigene psychische Fähigkeiten zunehmend deaktiviert werden,
sodass diese, use it or lose it, um mit den Neurobiologen zu sprechen,
dass diese verkümmern beziehungsweise verdrängt werden
und es zu einer zunehmenden Abhängigkeit von Kräften kommt, die außerhalb des Menschen liegen.
Die mediale Neukonstruktion des Ichs enthält nicht nur zahlreiche neue Möglichkeiten,
sondern führt bei vielen Menschen zu einer Überforderung und Erschöpfung
mit entsprechenden klinischen Symptombildungen.
Um nicht missverstanden zu werden, möchte ich noch einmal unterstreichen,
dass es mit der digitalen Revolution einhergehenden neuen technischen Möglichkeiten ein ungeheurer Segen sind.
Dies gilt auch für die Steuerung vieler Prozesse mit Hilfe von Algorithmen
oder hinsichtlich der Entwicklung von künstlicher Intelligenz
zur Übernahme von Entscheidungsprozessen in Zusammenhängen,
die rein sachlich und rational sind und die keine pathogenen Effekte haben können.
Zu pathogenen Effekten kann es jedoch überall dort kommen,
wo die Gestaltungsfähigkeit und Verantwortung eines Subjekts gefragt ist.
Aber das eigene Denken, eigene Fühlen, eigene Interesse, eigene Wollen, eigene Urteilen
und eine Aktivität aus eigenem Antrieb immer weniger praktiziert werden und deshalb verkümmern.
Dem Doppelgesicht der digitalen Revolution begegnen wir auf Schritt und Tritt.
So wirbt zurzeit Google mit dem Slogan, jede Suche bringt dich weiter.
Das stimmt, aber psychologisch gesehen auch eben weiter weg von deinem eigenen Denken und von deinem eigenen Urteilen.
Die Folge ist eine verstärkte Abhängigkeit von fremden, nicht eigenen Kräften und ein tiefreichendes Gefühl von Onmacht,
das mit noch immer mehr Technik und mit mehr Sicherungsstrategien vom Bewusstwerden ferngehalten werden muss.
Lassen Sie mich abschließend noch einige Aspekte nennen, die dieser zuletzt beschriebenen Sozialcharakter für die therapeutische Praxis hat.
Sowohl die Skizzierung des autoritären als auch die des ich-orientierten Sozialcharakters macht deutlich,
dass es abgrenzbare sozialcharakterologische Antriebskräfte gibt,
die sich aus dem psychischen Bedürfnis ergeben, sich als Individuum einer sozialen Gruppe zugehörig fühlen zu wollen und zu müssen.
Solche mehr oder weniger stark ausgeprägten Antriebskräfte bestimmen nicht nur das Denken, Fühlen und Handeln der Patienten,
sondern auch der therapeutisch Tätigen und Roger Free hat das ja an dem Beispiel des Rassismus sehr deutlich gemacht.
Damit psychoanalytische Therapie sich nicht in den Dienst einer Pathologie der Normalität stellt,
indem sie Patientinnen und Patienten vor allem durch die vorherrschenden gesellschaftlichen Zielsetzungen dafür wieder fit machen will,
müssen Therapeutinnen und Therapeuten sich ihrer eigenen sozialcharakterologischen Orientierung im Bewusstsein
und dürfen nicht selbst Opfer von deren pathogenen Wirkungen sein.
Eine zweite generelle Konsequenz betrifft die Fokussierung psychoanalytischer Therapie auf innere Objekte und auf innere Prozesse und auf sogenannte frühe Störungen,
welchen Anteil daran die aktuellen Beziehungserfahrungen und späten Störungen haben,
in Beruf, Familie, öffentlichem Leben, was die da für einen Anteil haben können,
dafür kann Fromms Sozialpsychoanalyse und die Erkenntnisse der aktuellen Sozialkarakterorientierung sensibilisieren.
Neben diesen beiden generellen Hinweisen möchte ich noch einige Aspekte nennen,
die in der therapeutischen Beziehung bei dominant ich-orientierten Menschen relevant sind.
Natürlich ist die ganze Darstellung hier sehr zugespitzt, idealtypisch zugespitzt,
in der Realität sind alle Menschen eine Mischung aus vielerlei Dingen
und dennoch ist es wichtig zu sehen, ob eine solche ich-orientierte Dynamik am Werk ist.
Hier wurde bereits angedeutet, dass die Deaktivierung und Verdrängung von kognitiven und emotionalen Eigenkräften
bei ich-orientierten Menschen zu einer faktischen Ich-Schwäche und zu einem tiefreichenden,
meist unbewussten Gefühl der Ohnmacht, der Isolierung sowie der Abhängigkeit,
und zwar der Abhängigkeit von Hilfs-Ichs, Hilfs-Über-Ichs und Hilfs-Ich-Idealen.
Die genannten Gefühle sind so unerträglich, dass sie verdrängt beziehungsweise abgespalten werden
und auch abgespalten bleiben müssen.
Um sich vor deren Bewusstwerden zu schützen, gehen ich-orientierte Menschen eine Symbiose
mit den Wunderwerken digitaler Technik und elektronischer Medien ein,
um sich permanent ein starkes Ich selbst zu beweisen und sich ganz selbstbestimmt und grenzenlos frei.
Diese Psychodynamik einer ich-orientierten Sozialkarakterbildung manifestiert sich in einer für sie typischen Übertragung.
Ich-orientierte Menschen suchen in der Psychotherapeutin und dem Psychotherapeuten ganz oft eine Verstärkung ihrer Ich-Orientierung.
Sie wollen mit der Therapie ihr Ich optimieren und also noch besser von lästigen Bindungen und Begrenzungen
in Gestalt von Symptombildungen oder nachhaltigen Kindheitserlebnissen befreit werden.
Sie suchen ein Hilfs-Ich und wollen mit einem Menschen verbunden sein, der weiß, wie es geht
und der deshalb möglichst zielführend, ressourcenorientiert und ergebnisorientiert ist.
Ich-orientierte Patienten zeigen deshalb spezielle Widerstandsformen.
Sie wollen sich neu erfinden und zwar bevorzugt mit Hilfe von simulierenden und suggestiven Techniken.
An einer Veränderung innerer Strukturen sind sie meist genauso wenig interessiert
wie an der Bearbeitung von strukturbedingten Ängsten, Konflikten oder Fantasien.
Sie reagieren deshalb mit Widerstand, wenn sie sich mit ihren Begrenztheiten, Bindungen und Ambivalenzen anfreunden sollen.
Das psychoanalytische Konzept eines kohärenten Selbst oder eines definierbaren Identitätserlebens,
aber auch die Vorstellung einer unbewussten oder verdrängten Wahrheit,
ist für Ich-orientierte Menschen nur schwer nachvollziehbar,
weil sie in ihren Augen Relikte theoretischer Bevormundung sind,
die sich mit ihrem Selbsterleben nicht mehr decken.
Die therapeutische Arbeit mit der Regression evoziert nicht prinzipiell einen Widerstand,
weil jede Regression auch eine Form der Entgrenzung ist.
Gleiches gilt für hypnotherapeutische Verfahren.
Unter Umständen wird die Therapie deshalb wie eine wohltuende, virtuelle Realität wahrgenommen.
Für die Regression jedoch zu Übertragungsbindungen und zu emotionalen Abhängigkeiten,
dann bleibt oft nur noch die Flucht aus der therapeutischen Art.
Da psychoanalytische Therapieverfahren in erster Linie an eigenen emotionalen Beziehungswahrnehmungen
in Übertragung und Gegenübertragung interessiert sind,
neigen Ich-orientierte Menschen verstärkt zu Übertragungswiderständen.
Die Gefahr besteht dann darin, dass man den Übertragungswiderständen dadurch gerecht zu werden versucht,
dass man sich nicht an die abgespaltene menschliche Impotenz und Ohnmacht zu rühren getraut
und sich den Patienten lieber als Hilfs-Ich und Hilfs-Über-Ich und Ich-ideal anbietet
und oder von ihnen dazu gemacht wird.
Dass man in die Abwehr also mit einsteigt, zeigt sich dann etwa darin,
dass man in eine Konversation über die Alltagsprobleme überwechselt
oder den Patienten dabei hilft, die Konflikte in der Ehe, bei der Erziehung oder im Beruf eben anders zu managen.
Nimmt die Therapie eine solche Entwicklung, dann weist dies auch auf einen Gegenübertragungswiderstand
im Therapeuten oder der Therapeutin hin, der den Zweck hat,
die unbewusste Ohnmacht und Hilflosigkeit des Gegenübers nicht spüren zu müssen.
Nicht außer Acht lassen sollten wir als Therapeuten und Therapeutinnen die Möglichkeit,
dass man selbst stark ich-orientierte Strebungen entwickelt hat,
sodass die eigene Gegenübertragung den Zugang zur unbewussten Befindlichkeit der Patienten oder der Patientin erschwert.
Ein weiterer Aspekt kommt hinzu.
Psychoanalytisch Tätige sind heute mit ähnlich gelagerten berufspolitischen Erwartungen konfrontiert,
die vor allem von den anerkannten Versicherungsleistungen definiert werden.
Ihnen zufolge soll immer weniger Prozess und immer mehr ergebnisorientiert gearbeitet werden
und den Patienten eine effektivere Ich-Konstruktion angedient werden,
indem störungsspezifisch definierte therapeutische Manuale zur Anwendung gebracht werden.
Anders als bei narzisstischen Störungen, bei denen man in der Gegenübertragung
die Entwertung und die Wertlosigkeit zu spüren bekommt,
bekommt man bei ich-orientierten Menschen etwas von jenen verdrängten und abgespaltenen
negativen Selbstgefühlen zu spüren, unter denen diese unbewusst leiden.
Gefühle von Onmacht, von Unvermögen, von Isolierung und Ratlosigkeit.
Zu solchen eigenen Gefühlen stehen zu können und sie den Patienten zuzumuten,
ist oft die einzige Möglichkeit, diese dazu zu ermutigen,
die sehr unerträglichen Gefühle bei sich selbst zuzulassen.
Die therapeutische Arbeit mit ich-orientierten Menschen sollte deshalb darauf zielen,
dass diese sich wieder trauen, mit einem begrenzten Ich gern und gut leben zu wollen
und leben zu können.
Einem Ich, das seine Wurzeln in einer bescheidenen und ambivalenten,
aber eben eigenen kognitiven, imaginativen und emotionalen Kräfte hat.
Diese Andeutungen sollen hier genügen, um eine Vorstellung von dem zu geben,
wie in Erich Fromms Sozialpsychoanalyse die Erfordernisse des Zusammenlebens
ihren Niederschlag in der Psyche jedes Einzelnen finden
und wie sie das therapeutische Geschehen mitgestalten.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.