Wenn man an das Schweizer Militär denkt, dann hat man Gefechtsuniformen und schweres Geschütz vor den Augen. Doch die Schweizer Armee hat auch eine ganz andere, musische Seite, denn die Armeemusik spielt eine ganz zentrale Rolle.
Darüber spricht Corinna Zigerli mit Ernst Lampert. Er war Major des Armeespiels und Zeit seines Lebens Blasmusiker mit Herzblut.
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Wenn man an das Schweizer Militär denkt, dann hat man gleich Gefechtsuniformen und schweres Geschütz vor Augen.
Aber die Schweizer Armee hat auch eine ganz andere, musische Seite.
Denn die Armeemusik spielt eine ganz zentrale Rolle.
Sie werden überrascht sein, was die Hintergründe dafür sind, dass in der Armee überhaupt musiziert wird.
Darüber spreche ich jetzt mit Ernst Lampert.
Er war in seinem Berufsleben Lehrer und ist schon sein ganzes Leben lang ein Musiker mit speziellen Verdiensten.
Ich grüsse Sie, Herr Lampert.
Grüß Gott, Frau Sigli.
Herr Lampert, Sie haben als Zehnjähriger angefangen, Musik zu machen, als Ihnen Ihr Vater ein altes Flügelhorn in die Hand gegeben hat.
Seit dann sind Sie ein pensionierter Blasmusiker und auch Dirigent.
Dann haben Sie eine schwierige Aufnahmeprüfung bestanden in die Militärmusik und waren fortan mit dabei.
Sie haben dann in der Rekrutenschule angefangen und haben sich bis zum Inspektor der Militärmusik entwickelt.
Stimmt das so alles?
Das stimmt ganz genau.
Wunderbar. Was hat Sie denn immer fasziniert an der Militärmusik?
Ich war vom ersten Moment, als ich eine Begegnung mit der Militärmusik hatte, und das war so ungefähr 1945,
da war ein Bataillonspiel in Flèches, wo wir gewohnt hatten.
Da hat sich eine Pause gemacht und hat dann die Instrumente so schön im Halbkreis aufgestellt.
Ich war fasziniert von diesen Messing-Instrumenten, wie die so schön aufgegliedert am Boden gelegen haben,
mit Trompeten, Flügelholz, Saunen, hinten die Bässe.
Irgendwann hat dann der Spielführer offenbar das Spiel versammelt und ich bin der Militärmusik nachgelaufen,
bis wirklich nach Bad Ragaz, das sind etwa drei Kilometer, und es hat mich niemand zurückgehalten.
Dann in Bad Ragaz sind zwei Frauen gewesen, die waren von Flèches und haben gesagt,
das ist ja der ernste Lampert, was macht der da?
Und haben mich an der Hand genommen und wieder zurückgeführt.
Und wie wir dann ins Dorf kamen, ist der Vater mit dem Velo gekommen.
Dann habe ich gesehen, mein Vater hat eine böse Miene gemacht,
hat das Velo an das Grasbord geworfen und hat mir den hinten versollt,
weil er gesagt hat, du darfst doch nicht davonlaufen.
Und in Flèches hatten sie schon Angst, ich sei in eine Jauchegrube gefallen.
Der Vater war natürlich ausser sich vor Angst und Zorn, dass ich davongelaufen bin.
Das war mein erster Kontakt mit der Militärmusik, das war ungefähr 1945.
Wie alt waren Sie da?
Fünf Jahre.
Und Sie sind der Militärmusik hinterher?
Nachgelaufen, das war für mich, da haben sie immer etwas gespielt oder wieder getrommelt.
Ich bin einfach davongelaufen, ohne dass ich gedacht hätte, die Mutter hätte mich suchen können
oder hätte Angst gehabt.
Das war mein erstes Erlebnis mit der Militärmusik, mit fünf Jahren.
Der kleine Ernstli, der fünfjährige Ernstli auf einmal verschwindet und im Nachbardorf wieder auftaucht.
Das macht natürlich den Eltern Angst, ganz klar.
Ich habe es am Anfang gesagt, zehnjährig waren Sie, da kam Ihr Vater mit einem,
wie ich gehört habe oder wie ich gelesen habe, mit einem Flügelhorn.
Was ist das genau so ein Flügelhorn?
Ein Flügelhorn sieht im Grunde genommen aus wie eine Trompete, die seitliche Tasten hat.
Aber vorn ist der Becher weiter geöffnet, der Flügelhorn ist an sich weicher im Ton,
die Trompete ist härter im Ton.
Darum ist das Flügelhorn in alten Besetzungen immer noch vorhanden.
Heute ist es fast ausgestorben, man braucht es hin und wieder noch.
Aber die neuen Besetzungen sind mit Trompete oder dann in den Bressbänden mit Kornetten versehen.
Also das Flügelhorn ist nicht mehr so oft anzutreffen.
Höchstens noch in der sogenannten böhmischen Volksmusik, da ist das Flügelhorn noch führend.
Da kam Ihr Vater fünf Jahre später, da waren Sie zehnjährig,
der hat wahrscheinlich auch gespürt, ja der Ernstli,
der hat was übrig für die Musik und für die Blasmusik.
Wie war das damals, als er kam mit diesem Instrument?
Ja, also er ist mit einem so alten Flügelhorn, das war auch nicht schön geputzt
und dann hatte er noch so einen farbigen Bändel daran,
sagt er, möchtest du Musik machen, hättest du Freude da zu spielen?
Ja, ich wusste nicht was sagen und probiere mal reinzublasen
und dann kam die Mutter hinzu und sagt, nein, nein, nein, das geht nicht Vater, geht nicht.
Ich muss das Mundstück zuerst reinigen, das ist ja voll Grünspan und Dreck und alles.
Dann hat die Mutter das Mundstück gereinigt
und ich habe dann probiert die ersten Töne dem Instrument zu entlocken,
aber es war natürlich ein schreckliches Reinblasen
und dann hat der Vater gesagt, aber wenn du Freude hättest,
so habe ich dir jemanden, der das zeigen würde.
Und das war ein alter pensionierter Bahnhofvorstand von Bahnhof Igis,
der hatte in der Langfahrt Fabrikermusik gespielt
und da bin ich dann zu dem gegangen und der hat so ruhig ein Heftchen aufgenommen
von einem Christ, der war Tollleiter, da hat er gesagt,
wie die Griffe gehen, hat man angeschrieben, 0, C war 0, D 1 und 3 Griff,
dann 1 und 2, probiere mal, hat er etwas vorgemacht
und ich habe das offenbar sehr schnell kapiert und habe Liedlein gespielt,
die ersten einfachen Liedlein, die Schweizer Lieder waren das
und dann fern im Süden Schöne Spanien.
Also auf jeden Fall drei Monate ungefähr später war ich schon in der Musik.
Also dann waren Sie in der Musik und waren da schon mittendrin in der Blasmusik
und dann waren Sie regelmässig üben, schon von 10 an gingen Sie da in die Musikstunden?
Jawohl, von 10 bis vielleicht ein Jahr höchstens,
dann habe ich dann selber für mich gelernt und ich war so begeistert
und so bei der Sache, dass ich dann von den Gassmannen,
gab es damals so Volksliederbüchlein, dann habe ich daraus die Lieder gespielt
und wie gesagt, ich bin in die Musik gekommen, man hat mich auch geschätzt,
ich wäre in die Musik gegangen, auch wenn es Eisbrocken gehagelt hätte,
für mich war dann klar, ich mache Blasmusik.
Dann vergingen ja einige Jahre, bis Sie dann in die Rekrutenschule kamen,
aber die Militärmusik, die war immer der Magnet, so quasi,
davon waren Sie immer angezogen?
Das war das Ziel und zwar hatten wir in der Gemeinde einen oder zwei,
die waren auch bei der Militärmusik und dann hat der Vater gesagt,
du, das wäre es, denk die Militärmusik, das ist das Beste, was es gibt
und das war wahrscheinlich von meinem 13., 14. Lebensjahr bestimmt,
ich will in die Militärmusik, für das gebe ich alles.
Was hatte denn das damals für einen Stellenwert, wenn man in der Militärmusik war?
Die Militärmusik war natürlich damals einfach, wie heute immer noch,
die Visitenkarte, so wie ein Militärspiel auftritt, ist die Armee.
Ich war dann einmal etwa zehnjährig, da hat es in dem Amtsblatt geheissen,
das Bataillonspiel, ich weiss natürlich den Namen nicht,
es gibt ein Konzert abends um 20.00 Uhr in Igis,
dann ist ein Lastwagen gekommen, die Trompeter sind da von dem Lastwagen herunter
gehüpft oder gesprungen, die haben sich aufgestellt
und dann ging es, die Kirchenglocken, 20.00 Uhr, auf, die haben da schön gespielt
und das war etwas und dann haben sie am Schluss den Zapfenstreich gespielt
und die Leute haben geklatscht, dann hat der Vater gesagt,
du, wenn der Zapfenstreich ist, gibt es nichts mehr.
Dann ist fertig.
Dann fertig, Schluss, das ist einfach so.
Und das habe ich schon fasziniert, die sind so stramm da gestanden
und das hat mich fasziniert, überhaupt, mich hat Disziplin das ganze Leben begleitet
und ich bin heute zutiefst überzeugt, mit Disziplin kann man so viel erreichen
und ohne Disziplin geht wahrscheinlich nichts und angefangen bei der Selbstdisziplin.
Ja, das ist ja auch so ein bisschen eine schweizerische Tugend, nicht wahr?
Auch diese Pünktlichkeit, von der Sie jetzt gesprochen haben,
darüber lacht man ja ein bisschen im Ausland, wenn man über die Schweizer spricht,
da schaut man immer wieder auf die Uhr, so als Witz oder sind die Schweizer überpünktlich?
Jetzt waren Sie damals ein Teenager und man kommt ja da noch nicht in die Rekrutenschule,
also in die Ausbildung zum Soldaten in der Schweizer Armee, die obligatorisch ist bei uns,
den alle machen müssen.
Dann haben Sie die Aufnahmeprüfung in welchem Alter gemacht für die Militärmusik?
Mit 19.
Und dann mit 20 sind Sie in die RS gekommen, in die Rekrutenschule?
Genau, also der Vorgang ist so, mit 19 Jahren muss sich jeder Schweizer Bürger stellen,
heisst das also eine Rekrutierung, Aufnahmeprüfung machen oder die Rekrutierung.
Und da wird dann mal zuerst geschaut, ob er gesund ist, überhaupt Militärdienst zu machen
und dann, je nachdem, muss er auch eine turnerische Prüfung machen.
Ich war natürlich sportlich sehr gut daran.
Und dann kann man unter anderem dann eben wünschen nach Neigungen
und das ist ja das Plus unserer Schweizer Armee, dass man die Berufe dort eingeteilt bekommt,
wo man dann später auch Militärdienst leistet.
Also zum Beispiel ein Bauarbeiter oder ein Maurer, der wird dann zu den Genietruppen
und die technischen Sachen, die gehen für dort hin und so weiter.
Und bei mir war es so, ich habe sportlich sehr gut abgeschnitten
und dann hat der Herr Oberst Ruch gesagt,
Herr Lampert, Sie kommen zu uns.
Sag ich, nein, ich möchte lieber zur Militärmusik.
Und dann sagt er, wissen Sie, da müssen Sie dann aber eine Aufnahmeprüfung machen.
Und wenn Sie die nicht bestehen, dann kommen Sie zu uns, wissen Sie, da können Sie Offizier werden.
In Militärmusik können Sie nicht Offizier werden.
Und dann habe ich irgendwie gesagt, ist mir eigentlich gleich, ich will einfach zur Militärmusik.
Was wollte er denn, der Oberst?
Er wollte, weil ich ja sportlich sehr gut war, er wollte, dass ich zur Infanterie komme
und dann die Unteroffizierlaufbahn, die Offizierslaufbahn einschlagen würde.
Das im Nachhinein, denke ich heute, das wäre auch eine Möglichkeit gewesen für mich.
Aber in diesem Alter habe ich dann den Offizier fast gebeten, mich vorzusehen.
Und dann hat er gesagt, Sie müssen eine Aufnahmeprüfung machen.
Die ist schwer, das weiss ich.
Und wenn Sie dann die nicht bestehen, dann kommen Sie zu uns.
Und dann habe ich natürlich anständig gesagt, ja, dann komme ich zu Ihnen.
Aber Sie haben bestanden, und zwar noch gut.
Und dann waren Sie da dabei in der Militärmusik und wahrscheinlich stolz, dass Sie das geschafft haben.
Auch Ihr Vater, denke ich, war darüber stolz.
Wie muss man sich denn jetzt das vorstellen, wenn man als Rekrut zur Militärmusik geht?
Also nehmen wir jetzt mal als Beispiel die Köche.
Die Köche, die kochen ja für die Soldaten.
Ich gehe mal davon aus, dass die Köche, die ja kochen müssen,
viel anderes, was die Soldaten so den ganzen Tag machen, nicht machen.
Ist das bei den Musikern auch so?
Machen die dann vorwiegend Musik oder absolvieren die einen ganz normalen Militärdienst,
eine normale Rekrutenschule wie alle anderen auch?
Genau, auch 17 Wochen.
Und zwar ist heute noch so, die Musik war der Abteilung Infanterie unterstellt.
Also die Artillerie hatte zu meiner Zeit keine Musik und die Fliegertruppen auch nicht
und die Sanitätstruppen auch nicht.
Die Musikspiele, die Rekrutenspiele waren der Infanterie zugeteilt.
Also Infanterieausbildungsplätze waren damals für die Militärmusik in St. Gallen,
Herisau, Zürich, Aarau, Bern und Savatain oder Semmeris unten.
Und dort waren auch die Infanterierekrutenschulen.
Und ich war dann in der Infanterierekrutenschule 206.
Das heisst, 206 ist Sommer und 6 ist Frühling.
Und das Schöne ist eben, ich kann dann im Militär das machen, was ich zivil auch mache.
Ich kann Musik machen.
Dazu mal war es noch so, dass wir 20 Prozent Sanitätsausbildung hatten
und 80 Prozent Musik.
Und dann kommt noch etwas Militärische Schulung, also Marschieren und das gehört auch dazu.
Aber dazu mal war es eben so, 1960 wusste man noch nicht,
wie sich die europäische Geschichte entwickelt.
Und man hatte ja immer Angst, es könnte nochmal zu einem Krieg führen,
diese kalte Kriegszeit.
Und deshalb wären wir, wenn ein Krieg ausgebrochen wäre,
so wären wir den Sanitätstruppen zugeteilt
und die wären dann durch diese ungefähr 5800 Militärmusikanten verstärkt worden.
Sanitätsdienst hatten wir nicht so gerne gemacht, wir wollten ja lieber Musik machen.
Aber das war einfach im Ausbildungsprogramm, wie gesagt, 20 Prozent Sanitätsdienst
und 80 Prozent musizieren.
Wobei im Nachhinein muss ich sagen, wir haben ja sehr viel profitiert.
Wie man Erste Hilfe macht, wie man einen Beinbruch fixiert,
wie man einen Kranken abtransportiert im Gebirge auf kleinen Pfadern usw.
Also der Sanitätsdienst war ganz nachhinein gesagt ein sinnvoller Dienst.
Aber 80 Prozent Musik, das ist doch relativ viel.
Das ist relativ viel, ja.
Also man weiss ja, wenn man Männer kennt, die meisten haben ja Militärdienst gemacht,
die erzählen ja dann von den Märschen und den Schießübungen und den Nachtübungen
und was sie da alles machen im Militär.
Ich bin ja da nicht so bewandert, ich war ja nicht im Militär.
Aber das mussten Sie alles nicht machen?
Mussten Sie nicht lernen zu schiessen?
Nein, das war sogar verboten.
Also die Musikleute, die hatten ein Verbot.
Wir sind dann dem irgendwo einer Verordnung unterstanden,
wonach die Sanitätssoldaten nicht schiessen dürfen.
Wir sind dafür die Rettung von Leuten.
Man darf auch Sanitätsfahrzeuge nicht angreifen im Krieg.
Darf man nicht.
Und aus diesem Grund waren wir nicht bewaffnet.
Aber alle Felddienstübungen, das heisst Manöver, Nachtübungen und Märsche,
die mussten wir genau mitmachen, wie die Fusiliere auch.
Neben der Musik, also hatten Sie sogar noch mehr zu tun als die anderen?
Nein, ich meine es gab dann irgendwo mal eine Übung, eine Nachtübung,
wo man marschiert ist und draussen gelernt hat, Zelt aufzustellen,
dann draussen kochen und draussen schlafen und so weiter.
Das war dann auch im Wiederholungskurs genau gleich.
Also ich habe meine Hände und Füsse schön gefroren,
wie wir 1963 im Wiederholungskurs im Ofenbassofen bei 26 Grad Minus
im Zelt übernachtet haben.
Also wir haben wirklich den Ernst des Lebens oder vielleicht auch des Krieges
schon eine Vorahnung bekommen.
Wir haben alle Märsche auch mitgemacht über Bitzkesch
und wo das auch überall war in Graubünden.
Also da sind wir nicht verschont geblieben
und das ist auch richtig so.
Ich meine, die Spielleute sollen auch sehen,
wie der einzelne Fusilier draussen schwitzt oder friert
und wir haben einen schönen Dienst.
Wenn es kalt ist, üben wir in den Lokalen
und der Fusilier ist jeden Tag im nassen Wetter und so weiter.
Also da muss ich sagen, da schadet den Spielleuten gar nichts.
Und hatten Sie da einen Übungsraum, eine Halle,
wie nennt man das im Militär?
Ja, ein Proberaum.
Ja, das hatten wir schon.
Und die Instrumente waren vom Militär
oder mussten Sie die Sachen mitbringen?
Die Instrumente bekommt man gratis
und kann sie sein Leben lang behalten,
wie der Fusilier das Gewehr auch.
Und das war dazumal noch wichtig.
Wenn Sie sich vorstellen, heute kostet eine Trompete
vielleicht 3.500 Franken,
ein Bass kostet 13, 15, 18.000 Franken.
Das bekommen Sie vom Staat gratis
und können Sie zivil nutzen.
Schön, Sie haben sicher heute noch diese Instrumente bei sich, oder?
Nein, das wäre ja nicht gegangen.
Ich übe nicht mehr, ich spiele nicht mehr.
Und das Instrument, das ich dazumal gefasst habe,
das wäre heute nicht mehr spielbar.
Ich habe dann meine eigenen Trompeten gekauft,
die auch schon etwas qualitativ besser waren.
Aber ich spiele seit mindestens 40 Jahren nicht mehr,
weil ich komme nicht dazu.
Wo sollte ich auch mit meinen beruflichen Pflichtungen noch üben?
Ich kann ja in meiner Sechseinhalbzimmereigentumswohnung nicht üben.
Da mache ich die Leute verrückt.
Und während der Ausbildung konnte ich das machen,
weil ich Lehrer war und später noch Schuldirektor.
Da hatte ich mein Büro und konnte dort üben.
Aber zu Hause geht es nicht.
Ausserhalb des Unterrichts natürlich.
Ich möchte mit Ihnen gerne ein bisschen über die historische Bedeutung
der Musik im Militär sprechen.
Das ist ja etwas, das macht man seit Jahrhunderten.
Warum hat man Musiker dabei, wenn man in die Schlacht gezogen ist?
Es ist vor allem der Gedanke, die Leute zu motivieren,
in den Kampf zu ziehen.
Darum waren die ersten Instrumente keine Trompeten und Posaunen,
sondern Trommeln und Pfeifen im 14. und 15. Jahrhundert.
Das weiss man von der Schlacht von Marignano 1515.
Da hat man Trommeln und Pfeifen und es gibt auch ein Lied davon,
wie sie nach Mailand ziehen.
Das war vermutlich zum Mut machen, einen Schritt zu haben.
Und vor allem die Trommeln und Pfeifen haben etwas Faszinierendes
auf die Seele des Menschen.
General Suvorov hat geschrieben, es sei wichtig,
dass die Militärmusik da sei, um den Soldaten zu animieren
und sie müsse laut sein.
Napoleon hat das Gleiche gesagt,
dass die Militärmusik einen faszinierenden Einfluss hat
auf die Soldaten.
Es gibt schon viele markante Beispiele,
wo die Militärmusik eine zentrale Rolle spielt.
Daraus kann ich ein Beispiel von meinem Vater sagen.
Er hat gesagt, wenn sie früher in ein Dorf einmarschierten,
dann wären sie viel besser marschiert,
sie wären leichter marschiert, es wäre nicht mehr so schwer gewesen.
Das hat eine psychologische Wirkung.
Es waren also nur Trommeln und Pfeifen, keine anderen Musiker damals?
Wie viele waren das, die da jeweils dabei waren?
Zwei Trommeln und zwei Pfeifen, eine Trommel, eine Pfeife.
Das waren aber Holzpfeifen, nicht die Metallflöten.
Das waren Holzquerflöten, wie im Wallis die sogenannten
Natwerischpfeifen, die hatten sie im 15., 16. Jahrhundert.
Später kamen die Schweizer Militärmusik,
die ist ja immer etwas nachgehinkt.
Aber die Franzosen hatten damals schon im 18. Jahrhundert
diese Feldspiele, wo sie schon Oboisten hatten,
Klarinette, dann hatten sie auch ein Serpentin,
das ist so ein Bassinstrument.
Im Gefecht?
Nein, nein, das schon nicht, aber mit den Soldaten in das Gefecht zu ziehen.
Ja, im Gefecht ist die Musik nicht mehr da,
dann ist es ein harter, erbitterter, blutiger Kampf,
etwas Trauriges, aber die Geschichte hat das so geschrieben.
Und alle Armeen haben eine Militärmusik.
Das hat schon eine Ursache.
Man will die Soldaten animieren und vielleicht sie seelisch ermuntern,
einfach ihren Auftrag auszuführen.
Ich bin kein Psychologe, der das näher ergründen kann
und vielleicht fehlt mir jetzt auch hier die Zeit,
das tiefer so spontan zu sagen.
Auf alle Fälle, die Militärmusik haben über alle Jahrhunderte in Europa
eine ganz grosse Rolle gespielt.
Und ich war dann als Inspektor an all diesen Ländern.
Die Militärmusik hat einen sehr hohen Stellenwert.
Und die Militärmusik waren später auch Vorbild
für die zivilen Blasmusiker.
Das dürfen wir nicht vergessen.
Wer in der Militärmusik ist und zurückkommt in den zivilen Musikverein,
der bringt dort etwas mit.
Die gute Ausbildung, die Disziplin und eine gute Haltung.
Also nicht die körperliche Haltung, sondern die Einstellung
mit gutem Musizieren können wir gute Leistungen erreichen.
Und bei uns ist das natürlich jetzt seit weit über 100 Jahren so,
die zivilen Musikvereine, die üben ja nicht nur um gute Leistungen zu bringen,
sondern sie sind auch für die Zivilbevölkerung da.
Stellen Sie vor, die vielen Empfänge 1. August,
Frau Leichnam, Weiser Sonntag, Konfirmation, was es alles gibt.
Man hat doch noch einen Auftrag zu erfüllen
und darum werden die Musikvereine auch von den Gemeinden subventioniert.
Ein kleiner Vergleich, jetzt kurz Militärmusik, zivile Musik.
Diese alte Tradition von den Trommeln und den Pfeifen auch,
das sieht man zum Beispiel in Filmen über Napoleon,
wo es ja jetzt auch gerade einen neueren gibt,
da sieht man das auch, diese Trommeln und diese Pfeifen,
von denen Sie gesprochen haben vor Hunderten von Jahren.
Diese Tradition, die gibt es heute noch.
Die Trommeln und die Pfeifen an der Basler Pfarrersnacht,
das gründet aus dieser Zeit und diese Formationen sind heute noch so,
weil sie natürlich musikalisch sehr hochstehend sind.
Das sind Konzertinstrumente, die Tamboren, wie Sie gesagt haben vorher,
so heissen die in Basel auch, das sind die Trommler
und die kleinen Querflöten, das sind die Piccolos
und die Basler Fasnächtler, die üben ja über Jahre, einmal in der Woche.
Es ist ja nicht so, dass in Basel drei Tage Fasnacht ist im Jahr,
am Stück im Übrigen 72 Stunden, sondern Fasnacht ist das ganze Jahr.
Das sind Konzertinstrumente, man muss üben,
dass man so eine hochstehende Musik machen kann.
Gehen Sie an die Basler Fasnacht?
Nein, ich gehe nicht an die Basler Fasnacht und nicht,
weil ich das nicht gerne höre.
Ich habe einfach keine Beziehung zu Basel und zur Basler Fasnacht,
aber ich schaue das im Fernsehen an und bewundere die,
wie sie in ihren langsamen Schritten diese Märsche spielen
mit Piccolos und Trommeln.
Übrigens, die Basler Trommelkunst, die ist weltbekannt,
weltberühmt und einmalig auf der Welt.
So wie die Schweizer Trommelkunst entwickelt ist,
gibt es sie nirgends auf der ganzen Welt.
Wir haben eine ganz hochstehende Trommelkunst
und die wird vor allem auch von der Militärmusik aus bestens gepflegt.
Wir haben diese Tambourinstruktoren, die wirklich mit vollem Einsatz schauen,
dass die Trommelkunst und das Trommelwesen erhalten bleibt.
Da sind ganz tüchtige Leute dran, das muss ich sagen.
Ich kenne diese Instruktoren allesamt, die pensioniert
und die noch jetzt im Amt sind.
Die machen eine ganz hochkarätige Arbeit,
die man nur bewundern und beklatschen kann.
Und eben diese Basler Trommel, das ist ja eine extra Trommelkunst,
diese Basler Trommelmärsche, das kann uns niemand nachmachen.
Niemand.
Und die Basler Trommel ist ja auch weit verbreitet,
die wird aber in Basel hergestellt, jede einzelne von Hand.
Das sind keine maschinellen Produkte.
Das ist wunderschön.
Wann hat denn das aufgehört mit der Musik im Militär,
dass die Musiker, die Trommler und die Pfeifer die Heere begleitet haben?
Das kann ich Ihnen nicht genau sagen.
Man weiss ja, dass im Dreissigjährigen Krieg 1618 bis 1648
Militärmusiker in Begleitung der Truppen waren.
Dann weiss ich aber sicher vom Ersten Weltkrieg her,
dass diese deutschen Heeresmusikore sehr gut aufgestellt waren.
Aber wie sie dann diese begleitet haben, entzieht sich meiner Kenntnis.
Denn alle Geschichtsbücher, die über den Krieg schreiben,
schreiben über die Militärmusik nicht so viel.
Für diese Heerführer und für diese Leute, die in den Kampf sind,
ist die Militärmusik dann plötzlich lebenssächlich.
Aber dann gibt es die sogenannten Beförderungen.
Wenn die Offiziere befördert werden oder Staatsempfänge
oder irgendwo vor einem grossen Manöver,
dann ist die Militärmusik da, bietet ein Konzert und dann ist man stolz.
Ob es in Österreich ist oder auch in der Schweiz oder Holland oder Frankreich,
da kommt die Militärmusik zum Zug.
Und ich habe nichts anderes erlebt, als dass auch die Politiker
stolz sind, wenn ihre Militärmusik auftritt, mit strammem Schritt usw.
Und das ist eben auch etwas Faszinierendes.
Die Leute kommen nicht schlampend daher,
die Leute sind gut angezogen, sie haben eine Krawatte,
sie haben einen kurzen Haarschnitt und haben nicht irgendwo
diese zerfetzten Mähnen und diese lausigen Haltungen,
sondern die kommen stramm daher mit dem Spielführer
und das beeindruckt die Leute immer noch.
Was ich nicht beeindruckt ist, ohne es auch schein zu lassen.
Und das ist eben diese Disziplin, von der Sie gesprochen haben,
diese militärische Disziplin, die Trommler an der Basler Fasnacht,
die machen das von Kindsbeinen an, die machen das jede Woche
und die treiben das auf die Spitze z.B. in der heutigen Zeit
mit dem Top Secret Drum Corps, das Sie bestimmt kennen.
Das ist einmalig so etwas.
Also jeder, der trommelt und jeder, der ein Schlaginstrument spielt
und diese Truppe sieht, die in der Zwischenzeit weltweit überall auftritt,
ist einfach nur erstaunt und baff, weil es so etwas genau einmal gibt.
Ja, wissen Sie, ohne dass diese Leute einfach mit einem gewissen
gesunden Fanatismus das betreiben, ist diese Leistung nicht zu erzielen.
Das sind Leute mit einer ganz hohen Konzentrationsfähigkeit,
denn die schlagen das ja auswendig.
Die haben ja keine Notenbüchlein vor sich.
Und da hat kein Haar dazwischen Platz.
Also ich ziehe jedes Mal den Hut, wenn man so sagen kann,
wenn ich diese Top Secret Leute sehe.
Und eben die sind doch Visitenkarten von der Schweizer Trommelkunst,
von dem Schweizer Trommelwesen, Damburger Wesen.
Das ist doch etwas Wunderbares, was wir anzubieten haben.
Das kann uns niemand nachmachen.
Und diese relativ kleine Schweiz bringt solche Produkte hervor.
Da muss man einfach Freude haben und stolz über diese Leute sein,
die sich so viel Zeit nehmen, die Freizeit opfern und üben
und nochmals üben.
Und nur dann kommt etwas zustande, wenn man einfach so motiviert ist
und so einen Einsatz zu leisten bereit ist.
Und diejenigen, die das nicht bereit sind, die fallen weg.
Das sind keine bösen Leute, aber die haben es einfach nicht geschafft.
Und die Top Secrets, die sind einfach wunderbar.
Das ist also eine sensationelle Truppe.
Ja, das ist die Crème de la Crème.
Das kann man von Ihnen allerdings auch sagen,
weil Sie haben ja eine beachtliche Karriere gemacht im Schweizer Militär.
Als Musikant, sagt man das? Als Musiker?
Als Militärmusiker sagt man Musikant, sagt man Musiker?
Ja, also man muss natürlich am Ende aller Dinge auch bescheiden bleiben.
Also das wäre das Letzte, wenn ich da beginnen würde,
so wie man sagt, aufzuschneiden, was man gemacht hat.
Es war eine Folge von Zuverlässigkeit, von Berechenbarkeit
und dass die Höheren, die über mich gestanden haben, gemerkt haben,
doch, dieser Mann, den wollen wir.
Und das ist an und für sich vielleicht auch eine DNA von mir,
dass ich zuverlässig bin, ehrlich, aufrichtig
und vor allem in der Führung berechenbar.
Es gibt bei mir keine launenhafte Sache,
sondern wenn irgendetwas ist, so schaue ich mir die Sache an
und schaue, wie man auch schwierige Fälle zu einem guten Ende führen kann.
Man muss gegenüber Leuten, die unter mir sind, mit mir, über mir sind,
vor allem muss man berechenbar sein, also man darf nicht launenhaft sein.
Oder wenn man schlechte Laune hat, dass man das auf andere Leute überträgt.
Das ist möglicherweise ein Teil meines Erfolges.
Dazu kommt natürlich die Ausbildung.
Wenn Sie glaubhaft sein wollen, dann gehört dazu eine gute, fundierte Ausbildung.
Also in meinem Beruf dann, also Lehrberuf, die Ausbildung,
dann Lebenserfahrung, fachliches Können und eine natürliche Autorität.
Ja, und so haben Sie es zum Major gebracht im Schweizer Militär.
So eine Militärkarriere auch als Musiker verläuft aber natürlich nicht immer ganz reibungslos.
Da kann es schon mal passieren, dass einem ein Schnitzer vorkommt.
Und da habe ich eine schöne Episode von Ihnen gehört.
Da waren Sie bei einem Staatsempfang, also bei einem Regierungsempfang im Bündnerland, und zwar in Chur.
Da ist etwas passiert. Erzählen Sie uns die Geschichte.
Ja, noch so gerne.
Das war wahrscheinlich einer oder zwei der Führungsfehler, die ich begangen hatte.
Mehr, glaube ich, habe ich nicht gemacht.
Das war so. Ich war mit meinem Bataillonspiel 114 im Engadin stationiert und dann kam der damalige Kompaniekommandant,
das war ein Oberleutnant Marti, sagte, du musst zu einem Behördenempfang in Chur spielen vor dem Regierungsgebäude.
Beim Fontanedenkmal oben solltest du noch Marschmusik machen und dann ein Ständchen unten bei der Regierung,
und nachher gibt es irgendwo einen Imbiss und du kommst wieder zurück.
Und es war ausgerechnet in diesem WK hatte ich nur 20 Trompeter und 4 Tambourins, also ein kleines Bataillonspiel.
Da habe ich gedacht, ja, dann machen wir es so.
Ich stelle die vier Kolonnen so breit auf in den Kolonnen und Gliedern, dass es so gross aussieht und das ist auch optisch so.
Wenn sie 20 Mann aufstellen, breit in den Kolonnen und Gliedern, dann sieht es aus, wie das ein grosses Spiel wäre.
Dann habe ich noch die Tambourin vorgezogen, die vier und ich noch weiter vorne und das hat dann so bombastisch ausgesehen.
Dann habe ich die Pfeife genommen und gesagt, Tambourin vorwärts, Marsch!
Und da konnte man es sehen. Ich habe ja vergessen zu sagen, was ich spielen wollte.
Wir hatten zwei Märsche, die konnten sie praktisch auswendig.
Der eine hiess «Symbol of Honor» und der andere «Sankt Trifon».
Und dann rief ich zurück «Trifon» und die Vorderen haben «Trifon» verstanden und die Anderen «Symbol».
Das klingt so etwas ähnlich.
Und dann haben die Vorderen «Sankt Trifon» angefangen und die Hinteren «Symbol of Honor»
und ich hätte wie das Rumpelstilzchen im Boden verkriechen können, habe ich mich geschämt,
aber ich konnte nichts mehr reden.
Aber die Trombeter waren so clever und so quick, dass sie die Mehrheit der Stimmen bald übernommen haben
und dann hat man nur noch einen Marsch gespielt.
Welcher es war, das entzieht sich jetzt meiner Erinnerung.
Aber auf alle Fälle, es war gerettet, aber ich war wütend auf mich, nicht auf die Leute.
Und dann ist dann alles gut gegangen, wie dann der Postplatz in Chur kam, hat das wieder geklappt.
Ich glaube, die Verwirrung hat fünf, sechs Sekunden gedauert, vielleicht sieben Sekunden,
dann hat das Spiel sofort funktioniert.
Das zeigt nur, wie die Trombeter doch intelligente Leute sind und sofort hören,
was muss ich jetzt spielen und sind umgeschwenkt, weil sie diese beiden Märsche praktisch auswendig konnten.
Die haben wir immer wieder am Anfang bei der Fahnenübernahme eines Bataillons gespielt.
Das haben sie auswendig.
Sie waren der erste Major im Schweizer Militärspiel.
Wie hat sich die Militärmusik entwickelt in der Zeit von Ihren Anfängen bis heute?
Wie ich die Rekrutenschule 1960 besuchte in Zürich bei dem Musikinstruktor Friederlin Bünder,
da waren wir eine reine Blechbesetzung mit fünf Blechklarinetten.
Wir wären gerne eine Harmoniemusik gewesen.
Das hat sich aber dann doch entwickelt, dass wir ein Jahr später bereits die Saxophone hatten
und wenn mich die erinnern und ich täusche, zwei Jahre später schon die Flöten.
Weil die ausländischen Militärmusikorps, also das ist Deutschland, Österreich, die Niederlande, Frankreich,
die hatten schon über Jahrhunderte ihre Holzinstrumente.
Dann hatten wir 1964 unsere Harmoniemusikorps im Auszug, in der Landwehr und im Landsturm.
Das waren damals 98 Militärkapellen.
Und wie ich 1989 zum Inspektor der Schweizer Militärmusik gewählt wurde,
hatte ich, wie gesagt, 98 Militärkapellen aufgeteilt im Auszug.
Auszug heisst 20 bis 32, Landwehr 33 bis 42 und Landsturm 43 bis 50 Jahre eingeteilt.
Und es hat sich so gut entwickelt und ich hatte dann immer den Eindruck,
dass die Schweizer Militärmusik auch Offiziere haben sollte als Spielführer.
Wir waren das einzige Land in ganz Europa, wo der Spielführer, also der Chef einer Militärmusik,
noch Unteroffizier war, also entweder Wachmeister, Feldweiber oder dann Adjutantunteroffizier.
Und dann hatte ich mit meinen Instruktoren, da muss ich auch bescheiden sein, zusammengesessen
und sie haben dann gesagt, du bist jetzt der Inspektor der Schweizer Militärmusik,
in Klammer, ich bin der einzige und erste vollberufliche Militärmusikinspektor der Schweizer Armee.
Nach mir ist es nicht mehr gewiss, ist diese Funktion wieder abgeschafft worden.
Haben sie gesagt, ernst, wir müssen zusammen Argumente suchen,
wie wir das begründen, dass ein Spielführer auch Offizier werden konnte.
Wir hatten einfach auch im Schweizerischen Offizierskorps Leute, die das nicht haben wollten.
Und ich hatte einmal ein Gespräch in Bern, da war ein Pressesprecher des EMD,
das war ein Dr. Hans-Rudi Kunz, der hat mir gesagt, ja, Herr Lampert,
was wollen Sie auch Offizier werden? Schau mal da an,
der hat die Goldmedaille geholt im Springreiten, das ist doch ein Monsieur,
stellen Sie vor. Und dann habe ich gedacht, ja, mit diesem Menschen kann ich ja nicht weitersprechen,
der lebt Generationen zurück. Das geht nicht mehr.
Das Spiel ist der grösste Zug im Regiment oder im Bataillon und braucht einen Spielführer,
der eben auch ein gewisses Ansehen hat, er hat eine Ausbildung.
Und ich habe ja angeboten, die Spielführerausbildung ging acht Wochen,
der Leutnant muss 17 Wochen machen, er muss 17 Wochen den Grad abverdienen,
gibt 34 Wochen, wir müssen acht Wochen den Grad abverdienen, gibt 16 Wochen.
Die Differenz können Sie selber ausrechnen. Wir müssen die Spielführer besser ausbilden
und dann muss es möglich sein, dass wir die Spielführer zum Offizier befördern können.
Das wurde dann stattgegeben und ich muss sagen, heute noch bin ich meinem damaligen
Vorgesetzten dankbar, das ist ein gewisser Divisionär, A.D. Hans-Rodi Sollberger,
in Einsilien, der hat mir dabei sehr fest geholfen, weil er überzeugt war,
dass das Spiel für Offizier werden muss. Und die erste Offizierschule in Zürich,
in Kaserne-Rippistal, habe ich zusammen mit dem dazumal noch Hauptmann Anton Wiemann geführt,
die zweite auch noch und dann die dritte ist dann schon in die neue Armee übergegangen,
die neue Armeereglementation oder Regimente, da war ich dann praktisch schon pensioniert.
Aber da bin ich noch stolz, dass ich die erste Offizierschule als Kommandant
zusammen mit dem Hauptmann Anton Wiemann aus Zürich führen durfte.
Hatten Sie in Ihrer langen Karriere bei der Schweizer Militärmusik einen Lieblingsmarsch,
den Sie immer am liebsten mochten?
Ich hatte mehrere Lieblingsmärsche. Ganz klar war es natürlich der Graubündnermarsch
von Heinrich Steinbeck, aber dem übergelagert natürlich ist es der schönste Marsch,
den ich ins Herz geschlossen habe, das ist der Generalgisamarsch.
Weltweit gibt es diese Militärspiele, das hatten Sie schon angesprochen und irgendwann
Mitte der 90er Jahre begann eine Vernetzung zwischen diesen Militärspielen weltweit.
Wie war das damals, können Sie sich erinnern, mit welchen Ländern hatten Sie als erstes
Kontakt und Austausch?
Jawohl, die ersten Kontakte waren bei mir mit Österreich und Deutschland.
Und da gingen Sie auch nach Deutschland mit Ihrer Musik zum Spielen?
Nein, nein, wir waren ja vor 1980 kaum im Ausland, das war ja fast ein Unglück,
weil wir keine Auslandaufträge bekamen. Ich kann den Grund nicht genau eruieren.
Auf alle Fälle hatten wir eine gute Qualität und gingen eigentlich nicht ins Ausland.
Was der genaue Grund war, weiss ich heute im Nachhinein nicht mehr.
Aber wie wir dann mit unseren Rekrutenspielen gute CDs produziert haben und ich dann
ins Ausland ging, vor allem erinnere ich mich an 1995, war ich eingeladen an die
Jahreskonferenz der Deutschen Heeresmusikspielführer in Mannheim,
habe ich CDs mitgebracht von unseren Rekrutenspielen, vom Armeespiel.
Und die waren wie verrückt darauf und sagten, was ist so gut, seid ihr?
Und dann kamen die Anfragen und ich habe dann die Verbindungen hergestellt mit dem
Schweizer Militärprotokoll, mit den Musikinstruktoren und dann kamen die Anfragen,
wir sind nach Berlin gegangen und manchmal sind sie allein gegangen.
Auch war ich schon der Begleiter, ich war mit dem Schweizer Armeespiel in St. Petersburg,
in Berlin, in Düsseldorf, in Stuttgart, habe ich sie als Begleitung, als Leiter,
also nicht als musikalischer Leiter, als Delegationschef mitgegangen und wurde dort
auch immer vom Militärattaché empfangen und dann gab es interessante Gespräche,
ich bin mit diesen Kommandanten und Spielführern zusammengekommen.
Also ich hatte dann an und für sich gemäss dem Pflichtenheft endlich arbeiten können,
nämlich die Verbindung zu den ausländischen Militärkapellen herzustellen.
Da haben sich Freundschaften entwickelt, Besuche, Gegenbesuche.
Wir waren auch in Hilden bei Düsseldorf mit der ganzen Instruktorenmannschaft,
wo wir dann die Ausbildung der deutschen Militärmusik verfolgt haben usw.
Also da muss ich sagen, da hat sich ein guter Austausch entwickelt, der bis heute anhält
und das ist ja gegenseitig auch befruchtend.
Also ich bin heute darüber glücklich, wenn unsere Schweizer Militärmusikorps,
vor allem die auf der Stufe Armee, ins Ausland gehen können und unser Produkt verkaufen können.
So weit müssen die ja gar nicht gehen, das waren ja fast so ein bisschen die Vorläufer
des Baslers und übrigens des Basler Tambouren, Eric Juillard,
der nicht nur das Top Secret Drum Corps gegründet hat, sondern auch das Basel Tattoo.
Und da kommen ja die spektakulärsten Militärmusikeinheiten jedes Jahr nach Basel.
Gehen Sie da hin?
Nein, ich war noch nicht. Jetzt werden Sie sagen, was denn?
Ja, das muss ich jetzt sagen.
Also der geht da nicht hin, was ist das für ein Mann?
Aber der Grund ist ein einfacher, er ist vielleicht nicht entschuldbar,
aber ich habe in meiner Karriere so viele Tattoos gesehen, das sage ich Ihnen.
Eben in Berlin und wo überall, in Holland, in Österreich, in Deutschland.
Ich habe diese Tattoos, ich weiss nicht wie viele es waren,
aber ich würde mal sagen, sicher 40, 50.
Dann sind sie gesättigt, aber ich sehe sie dann im Fernsehen und ich bewundere die.
Da kann man nur ein Hut abmachen, das ist eine tolle Sache.
Also da gibt es nichts Negatives zu finden, aber ich habe keine Lust dahin zu fahren,
weil ich da so viel erlebt habe.
Die gleichen, ähnliche, solche, die ebenso gut waren und es gibt auch solche,
die, also vor allem habe ich die gesehen in Österreich, die sind musikalisch dann noch höchstehen.
Das muss ich auch sagen. Es hat beim Basler Tattoo mir oft etwas zu viel Folklore dabei
und Militärmusik vielleicht etwas zu wenig, aber ich möchte da diese nicht reinfunken
und dann, dass sich noch Böse über mich denken, das wäre auch nicht meine Absicht.
Aber ich war schon in Tattoos in Prag und auch in Österreich,
geschweige dann in St. Petersburg, da wird dann auch noch eine andere Qualität geboten.
Das muss ich Ihnen hier schon sagen.
Waren Sie auch schon in Schottland oder in England?
Nein, das hat auch einen Grund, ich kann nicht Englisch.
Ich spreche zwar ordentlich Französisch und Italienisch, das brauchte ich für meinen Beruf.
In der Schweiz spricht niemand Englisch im Militär, also Ausbildung usw.
Und ich musste, um mein Amt auszuüben, musste ich zwei dieser beiden Fremdsprachen können.
Ich musste im Weltschland die Rapporte in Französisch und nicht in Englisch führen
und in Tessin, in Italienisch.
Verstehen Sie, das war ich an und für sich dazu mal vielleicht etwas unklug.
Ich hätte in der Sekundarschule, weil ich immer gute Noten hatte,
ohne weiteres eine zweite Fremdsprache lernen können,
aber ich habe mich fokussiert auf das Französisch und dann im Seminar noch Italienisch.
Das habe ich gebraucht.
Sind Sie heute noch mit der Militärmusik in Verbindung, im Kontakt?
Ja, ja, ich bin schon noch in Kontakt. Ich kenne ja viele ganz liebenswürdige Kameraden.
Letztens war ich mit einem Kameraden aus Wallenstadt, dem Werner Horber,
war ich in Innsbruck beim Militärkapellmeister der Militärmusik Tirol.
Habe ich ihn besucht? Doch, doch.
Aber es ist eben so, ich habe am 1. Februar des nächsten Jahres,
meinem 85. Geburtstag, ich möchte einfach mich etwas zurückziehen
und nicht immer wieder Konzerte und Tagungen und Referate besuchen.
Ich möchte jetzt meine Freizeit, die ich noch habe, die ich noch gesund erleben darf,
für mich verwenden und nicht wieder überall «Grüss Gott» sagen und «Weiss Gott».
Ich möchte einfach nicht in die Einsamkeit, ich bin sehr interessiert, auch Politik usw.,
aber ich möchte einfach nicht mehr in diese Konzertlokale gehen und diese Konzerte anhören,
weil ich einen Sättigungszustand habe, der nicht rückgängig gemacht wird.
Ich habe an und für sich, es ist fast böse, ich habe einfach genug.
Ich habe genug, ich bin zu Hause, bin zufrieden, ich möchte mit meiner Familie,
mit meinen Freunden zusammen sein und vielleicht über alte Tage sprechen,
aber ich mag nicht mehr an diese Militärkonzerte gehen,
weil ich habe so viele Jahre da gemacht. Mein Bedarf ist gedeckt.
Ernst Lampert war Major der Schweizer Militärmusik, er ist mit Leib und Seele Musiker
und war heute Gast in der Schweizer Zeit beim Kontrafunk.
Herr Lampert, ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche Ihnen auch weiterhin sehr viel Freude an der Musik.
Ich danke Ihnen, das wird auch so geschehen. Danke.
Auch Ihnen zu Hause ein Dankeschön fürs Zuhören.
Ich wünsche Ihnen besinnliche Weihnachtstage und einen guten Start ins neue Jahr.
Ich bin Corinna Ziegerli. Auf Wiedersehen.
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