Die deutsche Einheit, Teil eins: Betrachtungen zur Nation und zum Konservatismus. Mauerfall vor 35 Jahren. Erinnerungen an ein Erdbeben in Kalifornien. Diktatur damals und heute. Bankrott des Sozialismus und ein Fest der Dissidenten auf dem Bonner Petersberg. Sucharit Bhakdi spielt „Happy Birthday“ für Max Otte. Weltmeister Thomas Berthold und die woken WM-Versager um Leon Goretzka. David Engels verrät die besten Austernbänke in der Bretagne. Tino Chrupallas Bratkartoffeln gegen die von Matussek. Der Todestrieb der Linken. Robert Habeck und Bakunins Gebetbuch der Zerstörung. Dostojewskis „Dämonen“, die Intelligenzija, der Nihilismus und die Lust der links-woken Politik an der Totalüberwachung. Begleitende Lektüre: Matussek, „Palasthotel“, Exil-Verlag.
Liebe Freunde, hier ist wieder Mattussek und wir nähern uns dem 35. Jubiläum des Mauerfalls.
Und damit der Deutschen Wiedervereinigung, dem glückhaftesten Datum unserer Nachkriegsgeschichte.
Ein Datum, das völlig in Vergessenheit zu geraten scheint.
Ja, das sozusagen hinterm Horizont verschwunden ist.
Und das will ich in den nächsten beiden Sendungen ändern.
Denn wie wollen wir die Zukunft gestalten, wenn wir vergessen, woher wir kommen?
Eine Nation definiert sich nach Ernest Renan.
Vor allem dadurch, was sie auf ihrem Weg an gemeinsamen Leid und Glückserfahrung gemacht hat.
Die Franzosen feiern noch heute den Sturm auf die Bastille.
Die Briten den V-E-Day.
Die Armies ihre Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli.
In meinem Patriotismusbuch »Wir Deutschen – Warum die Anderen uns gern haben können«,
das zu meiner eigenen Überraschung und zum großen Ärger meiner damaligen Spiegelkollegen, ein Bestseller wurde.
Naja, vielleicht lag es daran, dass es im Jahr des Sommermärchens um der Fußball-WM 2006 herauskam
und die Leute dachten, dass es das offizielle Buch zur WM ist.
In diesem Buch also hatte ich mich unter anderem mit dem Historiker Hagen Schulze über die Nation unterhalten.
Ich habe ihm folgendes gefragt.
Also, seit dem Mauerfall ist die alte Frage von Ernst Moritz Erndt,
was das deutsche Vaterland sei, eindeutig beantwortet.
Es gibt keine Gebiete, von denen noch zu träumen wäre.
Es gibt keine, denen noch nachzutrauern wäre.
Geschichtlich sind wir zum ersten Mal endgültig angekommen.
Haben wir nicht zu wenig daraus gemacht?
Darauf antwortete Schulze, daraus haben wir viel zu wenig gemacht.
Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben sich die Deutschen nicht gegen ihre Nachbarn,
sondern mit deren Zustimmung zusammengeschlossen.
Das vereinte Deutschland wird nicht mehr als Störenfried Europas wahrgenommen.
Eine deutsche Erfolgsgeschichte, wie sie ähnlich kein anderes europäisches Land kennt.
Mit der deutschen Identitätssuche seit Generationen hat es jetzt ein Ende.
Ja, ich muss sagen, das war alles ein Gespräch, das wir 2006 geführt haben.
Dann schloss ich die Frage an.
Nur zögerlich kommen selbst den konservativen Worte wie Vaterlandsliebe über den Lippen.
Gibt es die große nationale Rede nicht mehr?
Darauf antwortete er, die gibt es schon lange nicht mehr.
Zum letzten Mal war sie während der 1848-Revolution in der Paulskirche zu hören.
Da traten noch die großen, meistens an französischen Vorbildern geschulten Politiker auf.
Gewiss, es folgten noch große Redner wie Bismarck, Ludwig Bamberger,
Gustav Stresemann oder Carl Schmid.
Aber das waren Ausnahmen.
Insgesamt wurden es immer weniger und zwar vermutlich in dem gleichen Maße,
in dem der Nationalstaat sich festlegte.
Ich fragte ihn dann, sehen Sie sich als konservativ?
Er darauf, ob ich konservativ bin oder nicht, weiß ich nicht.
Ich glaube, dass wir in Deutschland einen aktionsfähigen Konservatismus überhaupt nicht mehr haben.
Es hat mal den rheinischen Konservatismus in der Adenauer-Ära gegeben.
Der ist einfach weggestorben.
Der letzte große Konservative, der zweifellos diesen Namen verdient, ist Ernst Jünger gewesen.
Und der gilt ja mittlerweile als akzeptiert bei uns.
Die Franzosen hatten ihn schon immer bewundert.
Was ist eigentlich konservativ, fragte ich.
Schulze, die Fähigkeit, Gegenwart aus der Vergangenheit heraus zu gestalten und zu verändern.
Nach 1945 haben bei uns immer nur Sozialdemokraten und allenfalls Liberale ein intellektuelles Milieu gehabt.
Es wäre eine gute Sache, und das sagte er damals, 2006, zu Beginn der fängnisvollen Kanzlerschaft von Angela Merkel,
es wäre eine gute Sache, wenn Frau Merkel auf die Idee käme, intellektuellen Proviant an Bord zu holen.
Denn eins ist klar, unter den Umständen, in denen unsere Wirtschaft zunehmend wegzusacken droht, brauchen wir die Blaupausenleute.
Die Leute, die sagen, wie Deutschland überhaupt weiterleben soll.
Wir brauchen vor allen Dingen Menschen, die zurückblicken und aus dem Rückblick die Zukunft mitbestimmen können.
Unsere Produktivkraft ist der Geist.
Darauf ich, die zentrale Aufgabe, die sich die Politik derzeit stellt, ist die Zurüstung des Landes für die Globalisierung.
Steht da nicht der Nationalstaat störend im Wege?
Darauf er, nein.
Das verkennt die Funktion des Nationalstaates völlig.
Der entscheidende Punkt ist ja, dass der Nationalstaat als Filter dasteht.
Der es ermöglicht, im weltweiten Zusammenhang zu operieren, ohne die eigene Identität zu opfern.
Ich meine damit, jeder Einzelne, aber auch jede Körperschaft, von der Familie bis zum Staat,
muss imstande sein, die eigene Identität zu sichern und nach außen zu repräsentieren und dort auch wahrgenommen zu werden.
Diese Identitätssicherung ist letzten Endes eine der wichtigsten Funktionen des Nationalstaates überhaupt.
Man könnte wahrscheinlich sogar sagen, dass eine selbstbewusste Nation großzügiger im Umgang mit dem Anderen sein kann.
Toleranter gegenüber dem Fremden.
Ja, Leute, das sind Sätze, die heute wichtiger sind als je zuvor,
da uns klar wird, dass die Bindungskräfte nachlassen.
Die durch die Nationen sind längst verblasst, die durch den Glauben sind weggefallen.
Auch das Gefühl einer politischen und ökonomischen Partizipation ist nicht mehr da.
Wir zerfallen als Volk.
Politisch ohnehin.
Die überwiegende Mehrheit der Deutschen zum Beispiel ist gegen die Massenimmigration,
ebenso wie gegen die Diktate der Klimahysteriker.
Doch wird dieser Volkswille ignoriert.
Dass gestern eine Clique am Drücker ist, die die deutsche Identität verschleudert und geradezu hasst
und das Land einer neuen importierten Kultur opfern will, das wird jetzt zunehmend totalitär durchgesetzt.
Wo keine kulturellen und politischen Zustimmungen mehr existieren, greift die Politik zur Fessel.
Dabei war damals beim Mauerfall am 9. November 1989 alles auf Anfang und Neugeburt
und Zugehörigkeitsglück eingestellt.
Und die Männer mit Schicksal, die unser Land regierten, hatten Tränen in den Augen.
Und Willy Brandt sang gemeinsam mit Helmut Kohl die Nationalhymne
und Rudolf Augstein schrieb seine legendäre Titelgeschichte Danke, Kanzler.
Was ist nun daraus geworden?
Rudolf war ein Nationaler. Rudolf Augstein, der auf die Frage der FAZ,
diesen grünen Fragebogen, welche militärische Leistung bewundere Sie am meisten,
antwortete, meinen eigenen Rückzug von der Ostfront.
Es war die Kriegsgeneration, die feierte damals, 1989.
Und heute werden wir von Grünschnäbeln in der Komfortzone regiert,
die den Russen die Beine wegschießen wollen und nicht wissen, wer Bismarck war.
Also, liebe Freunde, feiern wir den Mauerfall.
Und vor allem nehmen wir uns ein Beispiel daran,
dass es damals Deutschen tatsächlich gelungen war, eine Diktatur abzuschütteln.
Erinnern wir uns daran, gerade heute, wo wir alle den Würgegriff
einer neuen, einer schleichenden Diktatur spüren.
Erinnern wir uns daran, dass es möglich ist, die Angst zu besiegen und den Aufstand zu wagen.
Heute, wo wir erleben, dass die Regierung Hass und Hetze gegen die Opposition schürt
und sie verbieten möchte.
Heute, wo die linke politische Nomenklatura die sogenannte, Zitat,
Delegitimierung des Staates unter Strafe stellen will
und damit ein Gesetz aus der DDR-Diktatur kopiert.
Heute, wo unter dem Vorwand von Pandemiebekämpfungen Grundrechte ausgehebelt werden
und die Meinungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit unter Polizeiknüppeln zerschlagen werden.
Heute, wo offizielle Meldestellen zur Denunziation von Dissidenten eingerichtet werden
und das, perverse Weise, unter dem Etikett der Demokratieförderung.
Soeben wurden sogenannte Trusted Flagger installiert,
die die sozialen Netzwerke durchforschen und jene anzeigen sollen,
die sogenannte Desinformationen zur Anklage bringen sollen,
die meistens aus unbequemen Wahrheiten, also realen Informationen bestehen.
Denen, die sie aussprechen, setzen dann Staatsanwälte oft in jahrelangen Verfahren zu,
bis die wirtschaftlichen Mittel der Zielpersonen erschöpft sind.
Etwa wie im Fall des ehemaligen Anwalts Hartmut Danisch,
der zwei Jahre zu kämpfen und Kontensperrungen in Kauf zu nehmen hatte,
weil er von der grünen Organisation Respekt denunziert worden war.
Ist auch wunderbar, diese Namen, Respekt.
Also, weil er von denen denunziert worden war, bis eine Richterin einsah,
dass ihm nichts vorzuwerfen sei.
Ja, wir haben erlebt, dass der AfD-Politiker Björn Höcke
zu einer Geldstrafe von 13.000 Euro verurteilt wurde,
weil er mit der Losung Alles für Deutschland eine Nazi-Parole benutzt habe.
Eine Losung, mit der Kanzler Schröder einst auf Wahlkampfschuhe ging.
Wir erleben diese Willkürjustiz auch, wenn Björn Höcke als Faschist betitelt werden darf,
aber der AfD-Politiker Stefan Brandner, der eine Spiegelredakteurin Faschistin nannte,
insgesamt 50.000 Euro Geldbuße aufgebrummt bekam.
In den USA nennt man solche juristischen Feldzüge gegen politische Gegner Lawfare,
was nicht zufällig wie Warfare klingt, das heißt Kriegsführung.
Ich habe Brandner nun auf einer hinreißenden Geburtstagsfeier bei Max Otte erleben dürfen,
in Petersberg oberhalb Bonns, im berühmten Edelhotel der Regierung für ausländische Staatsgäste.
Was für eine Party!
Und ich habe gestaunt über Stefan Brandners Schlafvermögen.
Er sagte achselzuckend, das sei nun mal die Situation, nach dem alten Motto,
er schieße einen, er ziehe hundert.
Wie gesagt, ein wunderbares Fest, eines der Gegenkultur,
auf dem man keine Trusted Flaggers befürchten musste und nicht die eigene Meinung kuratieren,
so wie es Tommy Gottschalk jüngst im Kölner Treff beklagte.
Er wurde dafür ausgerechnet von Mickey Beisenherz gerügt.
Man muss sich vorstellen, der Typ hat früher die Gags für das Dschungelcamp geschrieben,
diese ekeln Show im Fernsehen, die man durchaus als menschenverachtendes Entertainment bezeichnen kann.
Und der stellt sich jetzt als Woker Moralapostel hin.
Ich schweife ab.
Max Otte also, er hat mit einer Band losgerockt, als hätte er nie was anderes gemacht.
Er sei ja kein erfolgreicher Kapitalanleger und Privatinvestor,
er war mal Präsidentschaftskandidat der AfD und hatte später darunter zu leiden.
Was für ein Stehvermögen.
Ich habe mit Weltmeister Thomas Berthold und seiner hinreißenden Britta am Tisch gesessen,
Berthold schlank und rank, als ob er noch aktiv sei,
und über den Woken-Idioten Goretzka losgelästert,
der die letzte WM mit seinen Politaktionen im Alleingang vergeigt hat.
Also hat sich als der große Woker-Aktivist aggriert.
Ich hatte mich schon damals in der Bundesbahn aufgeregt im Zug,
da war dieses ominöse Bahnmagazin, lag da aus,
da war auf einer Strecke von mindestens acht Seiten sein Engagement als Antifa-Kämpfer
und Woker- und Aufrechter-Kämpfer für die Menschenrechte abgefeiert worden.
Und ich dachte, ich trau meine Augen nicht, hatte nichts mit Fußball zu tun.
Naja, auf jeden Fall mit am Tisch saß dann auch der grandiose Tino Chrupalla,
an dem sich noch die aggressivsten Talkshower, AfD-Hasser, mit Hass und Hetze,
die Zähne ausbeißen, weil der Kerl so in sich ruht,
und dann glasklar argumentiert und da ruhig sitzt und die anderen hetzen lässt und bellen lässt.
Normalerweise bin ich mit ihm einer Meinung, politisch stimmen wir überein.
Allerdings, was jetzt die Zubereitung von Bratkartoffeln angeht,
sind wir ganz weit auseinander.
Also mindestens so weit auseinander wie die Russen und die Amerikaner
über die Grenzen und die Ukraine.
Also da gibt es einen Schlichtungsbedarf.
Ich weiß nicht, in welchem Format wir das machen werden.
Irgendwann werden wir gegeneinander antreten im Bratkartoffel-Zubereiten.
Also er ist natürlich, er ist ein bisschen zwanghaft.
Er kommt von der Schule, dass er sagt, die müssen alle quadratisch geschnitten werden.
Und zwar mit exakt übereinstimmender Kantenlänge.
Während ich natürlich der Meinung bin, dass Bratkartoffeln flach sind
und flach geschlipselt werden müssen, damit sie schön geröstig und krustig angebraten.
Also da sind wir noch einander, aber an diesem Abend hat es keine Rolle gespielt,
weil das Menü ganz ausgezeichnet war.
Und dann habe ich mit dem berühmten Pflanzenprofessor Storl
über die Vorgänge an der Kent University 1968 gesprochen.
Ein wirklich mythisches Datum für die Counterculture,
weil damals Neil Young aus dem Stegreif sofort Stephen Stills angerufen hat
und ein Lied eingespielt hat, weil eben die Nationalgarde vier Studenten erschossen hatte.
Und der Storl erklärte mir, dass die offenbar vorher einen schwierigen Feuereinsatz hatten
und ziemlich abgeledert waren und abgekämpft.
Und dass da irgendjemand wohl überreagiert hat und falsch reagiert hat.
Auf jeden Fall war es ein tragischer Unfall.
Und da kamen dann eben vier Studenten ums Leben.
Und das hat der Gegenkultur natürlich auch wieder vier Märtyrer beschert.
Ein unglaublich interessanter Typ mit einem wahnsinnig interessanten Lebenslauf.
Professor Storl saß langhaarig da und bärtig wie ein russischer Pope.
Ja, und dann war da der ehemalige Buddy von Max Otte, Andy.
Ein theoretischer Physiker und olympischer Segler,
verheiratet mit einer Goldmedaillengewinnerin im Segeln.
Ein unglaublich netter Kerl, der aus der gemeinsamen Studienzeit mit Max Otte erzählte.
Beide waren zusammen in Princeton und teilten sich ein Room
und machte dem Otte herrlich nach, wie er in seinem sehr deutschen Akzent
ihn immer wieder aufrichtete, weil er, der theoretische Physiker,
sich verrannt hatte in einem Experiment, das nicht so klappen wollte.
Und Max Otte erinnerte ihn daran.
Ganz wunderbar.
Max Otte in Princeton, mit Summa Cum Laude abgeschlossen.
Und Andy erzählte dann, dass er Max ihm Tipps gegeben habe,
wann und wie zu investieren.
Und ich erzähle gleich, was ich 1989,
zur Zeit des Mauerfalls, in den USA gemacht habe.
Und zwischendurch spielte Max Otte wunderbare Lieder.
Und wir machen mal ein bisschen Musik.
Zurück also zu diesem wunderbaren Fest dort oben auf dem Petersberg,
hoch über dem Alijus-Kolleg in Bad Godesberg.
Wir sind damals fluchend auf Wandertagen dort hochgeschnauft.
Aber dafür gab es hinterher im Bus Schinkenbrötchen und Coca-Cola.
Aber unsere Zukunft war offen und grenzenlos die Freiheit.
Trotz der strengen Disziplinen im Internat.
Hier nun auf die Geburtstagsparty gab es Kürbissippchen
und das allerbeste Rinderfilet.
Und Thomas Berthold sah aus, als würde er täglich
einen Petersberg hochsprinten.
Es gab Reden, eine sehr ergreifende von Sukharit Bhakti,
der noch einmal einen Skandalauszug der RKI-Protokolle zitierte
und anschließend auf seiner thailändischen Zoo
Happy Birthday spielte und alle sangen mit.
Und dann ein wohlbekannter, äußerst angenehmer Redner,
der über ganz berühmtes Apriori
»Der Sternenhimmel über mir und das Sittengesetz in mir«
elaborierte und über die innere und äußere Moralität
des Geburts des Kindes.
Und der mir anschließend versicherte,
dass er gegen die tatsächlich haarsträubende Lüge,
die Sarah Wagenknecht über ein angebliches Zitat von ihm
in die Welt gesetzt hatte, klagen werde.
Aber ich wollte ja erzählen, wie ich damals, 1989,
diesen Freiheitstraumel erlebte.
Ich war nämlich in San Francisco, um das dorstige Erdbeben
für den Spiegel zu covern.
Ich muss sagen, es hatte sich ja angebahnt.
Die Grenzzäune nach Ungarn wurden durchschnitten
und Genscher sprach in der Prager Botschaft
und ich hoffte, dass ich rechtzeitig wieder zurück bin.
Aber dass es dann so schnell gehen würde, hätte ich nicht gedacht.
Ich habe mich ja dann nach meiner Rückkehr ein Jahr lang
im Ostberliner Palast Hotel eingemietet
und es war das spannendste Jahr meiner Karriere.
Und auf meinen Reportagen kreuselnd quer
durch dieses zusammenstürzende System
habe ich die Terra Incognita DDR erkundet.
Die Reportagen sind in meinem Buch
Palast Hotel Zimmer 6101 erschienen, das lange vergriffen war
und das jetzt neu aufgelegt wurde
von Susanne Dagen in ihrem Exilverlag.
Tja, das ist wirklich eines meiner besten Bücher.
Aber hier erstmal der Aufgalopp in diese Reportagen hinein.
Also,
»You must be very happy these days being a German«,
sagte Paul Mitchell
und seine Stimme schwang in einem Ozean der Rührung.
»Finally the Iron Curtain comes down«,
der eiserne Vorhang, das hatte ich lange nicht mehr gehört.
Es war ein heißer Tag in den Bergen von Santa Cruz
und die Situation hätte absurder nicht sein können.
Im großen Audienzsaal seiner Hindu-Kommune
saß Baba Haridas, der weiswärtige Yogi,
im Kreis seiner Jünger
und gab profunde Antworten zu Fragen nach dem Sinn des Lebens.
Da er selber ein Schweigegelübde abgelegt hatte,
musste er die Antworten auf eine Schiefertafel kratzen
und so fielen sie sehr knapp und enigmatisch aus.
Und im Café-Raum nebenan stand Paul Mitchell
in seiner karierten Golfhose
und er schwängelte mir immer wieder überschäumend vor Glück den Arm,
als hätte er einen einarmigen Banditen vor sich,
eine Slot-Machine, die Gefühle ausspucken sollte,
Tränen, Nationalstolz, schwarz-rot-goldenen Patriotismus
und Hum-Ta-Ta, die deutschen Nationalhymne,
seit er erfahren hatte, dass ich aus Deutschland kam.
Mitchell, der Yogi und ich
waren aus dem gleichen Grund hier oben in den Bergen.
Das Erdbeben hatte uns zusammengebracht.
Ein Erdbeben von der Stärke 7.0
hatte Santa Cruz und Umgebung abgeräumt.
Immer der Andreas-Spalte entlang
hatte Freeways gewählt, Masten geknickt,
Dämme zerrissen und Häuser zerlegt bis nach San Francisco,
wo die Hafengegend zersägt wurde.
An einem Tag wie jedem anderen,
der sonnig war und schön, war die Erde gerissen
und hatte den gerade noch Davongekommenen
eine untückbare Kränkung zugefügt.
Sie hatte sie ihrer Souveränität beraubt, und zwar komplett.
Für einen kurzen Moment hatte die Katastrophe hier oben
ein irritierendes Loch in den Fortschrittstraum geschlagen
und durch dieses Loch einen Blick ins Absurde gestattet,
ins Nichts, ins Zen.
Mitchell hatte sein Haus in Santa Cruz verloren.
Der Yogi hatte mit seiner Kommune gerade eine Zeremonie beendet,
in der es darum ging, mit Weihrauch, Feueropfern
und endlosen Fürbitten die Erde wieder zu heilen.
Und ich war dabei, das aufzuschreiben.
Und plötzlich, am anderen Ende der Welt, gab es ein anderes Erdbeben.
Mitchell, ein sympathischer Bursche mit Stirnglatze
und gemütlichem Bauch, war bewegt.
Für ihn, wie für alle Amerikaner, ja selbst die Kinder der Counterculture,
war Patriotismus etwas Selbstverständliches.
Von diesem komplexen Bündel aus Schuldgefühlen und Verdrängungen,
das meine Generation beim Wort Deutsch empfand,
hatte er keine Ahnung.
Er, der mit dem einfachen Antikommunismus
der Kriegsgeneration aufgewachsen war,
mit Spionage-Thrillern von Kennedy's Ich bin ein Berliner
und Reagan's Wort vom Reich des Bösen,
sah den eisernen Vorhang fallen
und geknechtete gute Menschen endlich in Freiheit.
Deutsche. Die gespaltene Nation findet zueinander.
Mitchell, der wirklich genug Probleme hatte,
das Erdbeben hatte ihn obdachlos gemacht,
schaute nach Osten.
Und ich hatte nach Westen geschaut, mein ganzes Leben lang.
Mir war das, was ich in den Nachrichten sah,
eingestandenermaßen zunächst unheimlich.
Ich fühlte mich wohl in Santa Cruz mit seinen Palmen,
den tausend verschiedenen Religionen,
den Verrückten, den Burgershops und den Radiostationen,
in denen immer wieder die Grateful Dead gesendet wurden
mit ihrer Erdbebenhymne California Earthquake,
you never make us run.
Hier war ewiger Sommer und am anderen Ende der Welt November.
Was hatte ich mit Deutschland zu schaffen?
Mit Deutschland?
Die Bundesrepublik, meinetwegen.
Städte wie Hamburg, München, West-Berlin, Oberhausen,
in denen ich aufgewachsen war und studiert
und sozusagen dezentral gelebt hatte,
das Land war ein Provisorium als Nation.
Ich war mit Jefferson Airplane, Grateful Dead
und Jimi Hendrix groß geworden,
mit Weichen- und Harbendrogen,
mit Kerouac, Burroughs, Ginsberg
und der amerikanischen Gegenkultur
und nicht mit Brecht oder Haim oder Christa Wolf.
Bob Dylan sicher,
aber bei deutschen Liedermachern bekam ich Krämpfe.
Die Counterculture war doch, so dachte ich damals,
der groß angelegte Versuch,
mit Hilfe von Drogen
in einer hedonistischen Internationale zu verschwimmen
und die Konditionierung, die Familie, Religion
und vor allem sowas wie Nation zu unterbrechen.
Meine Internationale,
ja, ich war ziemlich woke damals,
muss ich sagen, im Rückblick,
meine Internationale wurde von den Mamas und den Papas gesungen.
Und seit Scott McKenzie wohnten wir Boom-Kinder
natürlich in San Francisco.
Dass ich 20 Jahre später erwachsen geworden
und berufstätig als Sternreporter
mit Scott McKenzie in einem Hotel in Ruf zusammensitzen würde
und nach einer Fernsehshow im Chor
mit ihm und John Phillips von den Mamas und den Papas
und einem stolzen Star namens Howard Carpendale
für einen urdeutschen Blödler namens Mike Krüger
Happy Birthday zu singen,
wäre mir wie ein ganz böser LSD-Trip vorgekommen.
Ja, mit der deutschen Nation hatte ich,
bis auf die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaften,
nichts zu tun.
Und mit der Ostdeutschen ganz bestimmt nicht.
Dresden kannte ich nur von jenem Zerstörungsfoto her,
mit dem Engel auf der zerbombten Frauenkirche.
Und irgendwie dachte ich,
es hat sich seitdem nicht groß verändert.
Allerdings interessierte mich am Zusammenbruch der DDR
der Zusammenbruch einer Idee,
nämlich des sozialistischen Erziehungskonzepts.
Die Sackgasse des Marxismus,
das Ende des dialektischen Materialismus.
Nicht der Aufbau Deutschlands,
sondern der Abriss des Sozialismus faszinierte mich,
als ich schon den ganzen Sommer über
die Nachrichten über die Flüchtlingstrecks
an der ungarischen Grenze verfolgte.
Die wollten nur eins, raus und weg aus diesem Sozialismus.
Mein Interesse am Scheitern
dieses letzten welthistorischen Erziehungsexperiments
hing mit meiner eigenen Erziehung zusammen.
Ich bin in einem streng katholischen Elternhaus aufgewachsen
und mit der Idee, die Welt zu verbessern.
Mit sechs wollte ich Missionar werden,
mit zwölf war ich Ministrant
und mit sechzehn logischerweise Atheist und Marxist.
Ich las Sartre und Kierkegaard ziemlich ungeduldig,
weil ich die Antworten, die ich brauchte,
möglichst schnell haben wollte.
Und ich las Marx Lohnarbeit und Kapital.
Natürlich fiel es mir wie Schuppen vor den Augen.
Da stand in einem blauen Buch des Dienstverlags
die Lösung aller Probleme.
Und ich trommelte die Wohngemeinschaft zusammen,
in der ich lebte und rief,
Leute, lest das Zeug, das ist die Antwort.
Meine sozialistischen Grundüberzeugungen waren Anti-Establishment.
Ich wusste Bescheid über die Vergesellschaftung
der Produktionsmittel und über Mehrwert
und die Befreiung der Produktivkräfte.
Baron Sweezy sorgte mit ihrem Monopolkapital
für verfeinerte Begriffe wie Supplusvernichtung.
Philosophiegeschichte war mir damals über Vulgärformen
wie Lenins Materialismus und Empirokritizismus vertraut.
Kurz gesagt, für mich war der Sozialismus
eine subkulturelle Gegensprache.
An eine offizielle Spießerreligion mit dem Namen Staatssozialismus
hatte ich dabei nie gedacht.
Marx auf der Blümchentapete
und gleich daneben der röhrende Elch über dem Sofa.
Pfui!
In meiner sozialistischen Grundüberzeugung
konnte ich um die DDR einen Bogen machen.
Gerade um sie.
Ich kritisierte sie von links.
Mein Schwärmersozialismus war zwar auch eine Attacke auf meinen Vater,
der als CDU-Bürgermeister Kommunalpolitik machte,
aber im Grunde genommen hatte der Marxismus
meine jesuitische Internatserziehung eher ergänzt als bekämpft.
Das gleiche Sophistische Rhetoriktraining,
der gleiche Welterrettungsheiligenfuhrrohr.
Vielleicht gab es nun ein Leben ohne Gott,
aber immerhin eines mit Marx, das genauso Sinn machte.
Mein Sozialismus war eine schwarze, antibürgerliche Religion.
Aber er war Religion.
Er kannte einen idealisierten Religionsstifter, Karl Marx.
Er hatte einen Paulus, der sich Lenin nannte,
der die Religion dogmatisierte und popularisierte und verbreitete.
Und er hatte eine Utopie,
mitsamt einer Reihe von Märtyrern, die sich für sie opferten.
Ich werde am Schluss auf diese Märtyrergeschichte
und auf diese Religionsstifter noch zu sprechen kommen,
diesmal unter einem aufgeklärteren Vorzeichen.
Es war die Zeit, wo einem beim Flugblattverteilen zugerufen wurde,
geht doch rüber, wenn es euch hier nicht passt, rüber in die DDR.
Eine abenteuerliche Vorstellung.
Tja, liebe Freunde, so war das.
Ich war, wenn ich mir diese Zeilen jetzt durchlese,
die ich mit 35 geschrieben hatte, also halb so alt wie heute,
ich war mindestens so ahnungslos wie die Leute in und um Dresden,
die im sogenannten Tal der Ahnungslosen lebten,
weil man dort kein Westfernsehen empfangen konnte.
Mein Problem, ich hatte nur Westfernsehen.
Und ich durfte reisen, was schön war.
Mein Schicksal war, dass ich keines hatte.
Und nun sollte mich Weltgeschichte anlehnen
und tatsächlich das Schicksal unseres Volkes.
Weiter im Text sprechen wir über den Sozialismus,
wie ich ihn kennenlernte, aus Büchern.
Der Sozialismus für mich, ein Rollenkonzept der Revolte.
Theoretisch war ich darin stark.
Im Kreisgymnasium in Stuttgart,
das auch einst unser Freiheitsdichter Friedrich Schiller besuchte,
leitete ich Schulungen, dozierte über Lenins was tun,
Marx, Lohnpreis, Profit.
Ja, und mein Lohnpreis, Profit,
war das schönste Mädchen in der Schule.
Aber lauter Kinderkram.
Dennoch war mir der Sozialismus
als kulturelle Widerstandsformel geblieben.
Ich war Sozialist, weil mir alle Antisozialisten,
die ich kennengelernt hatte, ziemlich dumm vorkamen.
Erst in den Literaturseminaren an der Berliner FU,
erst mit Adornos Kunstesoterik,
die sich meiner Ansicht nach nur noch
aus einem konsumkritischen Irrsinn heraus für marxistisch hielt,
hatte ich meine alte Schwärmerei für eine neue eingetauscht.
Die fürs Theater.
Ich hatte mich in eine Schauspielerin verliebt
und damit ins Theater und begann, Kritiken zu schreiben.
Ich fieberte nicht mehr dem Glück der Menschheit,
sondern meinem eigenen entgegen,
das ich bei Peter Steins Sommergästen erlebte.
Oder bei Klaus Bayermanns Kätchen von Heilbronn.
Oder bei Zadeks Möwe.
Oder bei Flims Leons und Lena.
Bei Freiers Zauberflöte.
Oder Grübers Sechs-Personen-Suchen-einen-Autor.
Ich war pubertär, als ich mich für den Marxismus begeisterte
und für die Vorstellung, das Glück der Menschheit zu gestalten.
Drüben in der DDR aber schien, welthistorisch,
eine ganze Gesellschaft in dieser pubertären Allmachtsfantasie erstarrt,
vergreist zu sein.
Winterschlaf hinter Betonbegriffen.
Dass dieser eiserne Vorhang nun gefallen war,
ein ideologischer, das interessierte mich.
Dass nur ein kulturelles Geländer mit Ewigkeitsversprechen zusammenbrach,
ein Ensemble kollektiver Symbole und elementarster Konditionierung,
das war faszinierend.
Was kannte ich von der DDR?
Ein trostloses Zuchthaus mit lieben, sauberen, geknechteten Deutschen.
Da war nichts mit Anarchie, keine Luft zum Atmen.
Als ich in West-Berlin studierte,
besuchte ich des Öfteren den Freund einer Kommilitonin im Ostteil der Stadt.
Wir brachten immer Weingummi und Schokoladenkekse mit.
Der Typ war ziemlich muffig und irgendwie hatte er es fertiggebracht,
dass ich regelmäßig ein schlechtes Gewissen hatte,
wenn ich abends über die Friedrichstraße
wieder in den Westteil der Stadt fuhr, nach Neukölln.
Im absoluten dekadenten Luxus.
Meine Einzimmer, Studentenwohnungen mit Ofenheizung,
Außenklo und all die gleich um die Ecke.
Tatsächlich trug ich die Briketts für meinen Ofen,
selber die vier Stockwerke hoch.
Damals war ich noch in Form.
Nimm das, Modellathlet Thomas Berthold.
Allerdings hat mir keiner den Weltcup dafür in die Hand gedrückt,
obwohl ich ihn verdient hätte.
Zurück.
Die DDR für mich, das waren Staatsathletinnen
mit ernsten kantigen Gesichtern,
die bei den Olympiaden die Medaillen abräumten
und uns vielleicht Bonze im Schießen auf den laufenden Keiler ließen.
Die DDR, das war der Dresdner Mittelstürmer Sparwasser,
der uns beinahe aus der WM rausknallte,
aber mit seinem Tor uns letztlich den Weg ins Finale freiballerte.
Der Eisene Vorhang, das hatte ich kapiert,
war Sprachgebrauch der Revanglisten und Reaktionäre.
Für mich gab es keinen Eisenen Vorhang,
aber für mich gab es auch keine DDR.
Ein weißer Fleck.
Kein Staat, ehrlich gesagt, auf der Welt war mir gleichgültiger als damals.
Aus diesem Provisorium Bundesrepublik
und dieser nicht existierenden zweiten Hälfte
sollte sich für mich nun Patriotismus ergeben?
Doch nun lag mir Paul Mitchell in den Armen
in der Hindu-Kommune in Santa Cruz und verlangte Begeisterung.
Da war dieser Mann, ein Techniker im Wasserwerk,
der gerade sein Häuschen verloren hatte
und freute sich, dass am anderen Ende der Welt
die beiden Germanys wieder zusammenkamen.
Wieso war ich nicht außer mir vor Freude?
Jay Lenoris in diesem tagenden Witz hat ja schon gehört,
die beiden Deutschlands vereinigen sich wieder.
Jetzt fragt sich natürlich jeder, wann sie wieder auf Tournee gehen.
Abends im Hotelzimmer, das Elche an Tapeten hatte
und farbiges Kaminholz, das für farbige Kaminfeuer sorgen sollte,
sah ich die Fernsehbilder.
Alle großen Anstalten hatten ihre Teams von der Erdbebenfront abgezogen
und berichteten in Sonderzendungen rund um die Uhr.
Peter Jennings von ABC News und Dan Rather von CBS News.
Wahrscheinlich war ich der einzige Journalist,
der nicht am Brandenburger Tor war.
Ich fühlte mich auf verlorenen Posten. Unwohl.
Ein brandneuer Witz über den als dämlich geltenden Dan Quayle,
damals Vizepräsident unter George Bush,
machte die Runde, der ziemlich genau meine Stimmung wiedergab.
Haben Sie schon gehört, fragte einer seiner Berater,
die Berliner Mauer ist gefallen.
Oh nein, sagt Quayle, nicht noch ein Erdbeben.
Ich ahnte, dass mein Erdbeben
das noch vor wenigen Tagen die Nachrichtensendung bestimmt hatte,
Schnee von gestern war.
Wer in Deutschland interessierte sich noch für Santa Cruz,
wenn selbst die Cruzana es nicht taten?
Ich hatte eine sauber recherchierte, atmosphärisch dichte Geschichte.
Im Gepäck mit Palmen, Sonne, Endzeit, ein bisschen Wahnsinn
und Poesie und Tanz auf dem Vulkan.
Alles umsonst.
Der schlimmste aller anzunehmenden Unfälle für einen Journalisten drohte.
Papierkorb.
In der Transit Lounge auf dem John F. Kennedy Airport
schmissig, übernächtigt und missmutig ein paar Quarters in den Münzfernseher.
Der Kasten brachte den Tanz auf der Mauer.
Pete Jennings hatte ein Pärchen vor dem Mikrofon,
Dampf stand vor den Mündern, der Junge ein Student aus dem Westen
und das Mädchen eine Kindergärtnerin aus dem Osten.
Und Pete Jennings fragte das Mädchen,
wann sie erfahren habe, dass die Mauer geöffnet wurde.
Ihr Freund übersetzte, der Mann möchte wissen, wie es dir geht.
Gut, sagte das Mädchen, gut, übersetzte ihr Freund.
Und Pete Jennings wiederholtig irritierte seine Frage,
bis er merkte, dass keiner von den beiden Englisch konnte,
was aber nicht weiter schlimm war, denn alles dampfte vor Glück.
Vor sprachloser Euphorie und Bilder sowieso waren allen Kommentaren überlegen.
Die Kommentare, die waren nur Soundtrack, Hintergrundmusik.
Die Bilder übertrugen den sprachlosen Moment einer Revolution.
Die Bilder vom Brandenburger Tor, die gleißenden Lichter im Todesstreifen,
die novemberfeuchte Sektkorkeneuphorie kollidierten merkwürdig in meinem Kopf
mit den kosmischen Farbtrips, die mir mein Freund Gregory aus Santa Cruz
am Tag zuvor auf seinen Computerbildschirmen gezaubert hatte.
Gregory, der als Programmierer in Silicon Valley arbeitete
und schon damals sehr wog meinte, dass die menschliche Vernunft
befleckt sei von Vorurteilen, von Konditionierungen.
Im Informationszeitalter, so Gregory, werden die wichtigsten Prozesse
von Computern gesteuert, die den Menschen als Fehlerquelle aushalten.
Eine Epoche ohne ideologischen Schleier, ohne eiserne Vorhänge,
kühl, sachlich, effizient.
Doch nun brach Drügen in einer wirklich widersinnigen und widerspenstigen Weltgeschichte
am anderen Ende des Münz-TV noch einmal mit Getöse das 19. Jahrhundert zusammen.
Mitsamt den versteinerten Resten seiner Systemphilosophie.
Als die zwei Dollar, die ich in den Kasten gesteckt hatte, aufgebraucht waren,
schmiss ich nicht nach.
In der Spiegelredaktion empfing man mich wie einen Leprösen.
Nein, schlimmer, wie einen Urlauber.
Ich war braun gebrannt, ich sah erholt aus,
während vor allem die älteren Kollegen diesen überarbeiteten,
asketischen, glühenden, schwarz-rot-goldenen Nachrichtenblick in den Augen hatten.
Kurz, ich war eine Provokation.
Den jüngeren Kollegen ging die nationale Mauertanzbesoffenheit ähnlich wie mir auf die Nerven.
Und sie waren ähnlich ratlos vor den Emotionen, die dort frei wurden.
Doch sie alle hingen rund um die Uhr in der Mühle
und ich hatte das Top-Ereignis des Jahrzehnts verschlafen.
Im Fahrstuhl fragte der Chef an der Tür eisig,
»Na, schönen Urlaub gehabt?«
In seinen Augen las ich die kalte Erwägung,
eine Gehaltskürzung und Verbannung zur Szeneseite.
Als ich meinem Ressortchef kurz darauf
mein atemberaubend gutgeschriebenes, ja genialisches Feature
über das Erdbeben in Kalifornien auf den Tisch legte,
knurrte er wirklich und wahrhaftig einen vertrauten Satz.
Er sagte, »Warum gehen Sie nicht endlich rüber?«
Meine Reportage wanderte durch drei Ressorts.
Keines wollte sie drucken.
Ein Journalist, der nicht gedruckt wird, ist tot.
Und ein Journalist, dem egal ist, ob er gedruckt wird, taugt nichts.
Ich wollte gedruckt werden.
Also ging ich rüber.
Ja, und dann?
Davon werde ich dann in der nächsten Folge erzählen.
Und dann machen wir noch ein bisschen Musik.
Wie bereits erwähnt, ist mein Reportagebuch von 1989,
»Palast Hotel – Wie die Einheit über die Deutschen hereinbrach«,
gerade neu aufgelegt worden in Suse Dagens »Exilverlach«.
Und wer nachlesen will,
wie sich dieses Aufatmen in der Freiheit angefühlt hat,
sofern er es nicht miterlebt hat,
das ist schon eine ziemlich authentische Sammlung
von Eindrücken und Überlegungen.
Ich erlebte in den Trümmern der eingestürzten Diktatur
viel Absurdes und Komisches, aber auch sehr Trauriges.
Aber ich erlebte vor allem das große Aufatmen der Freiheit.
Und an dieses Freiheitsaufatmen erinnere ich mich heute deshalb so drastisch,
weil ich spüre, dass diese Freiheit,
die wir lange als demokratische Selbstverständlichkeit genossen haben,
ja, dass diese sich wieder einhängt.
Damals wunderte ich mich,
wie man diesen Irrsinn der Gängelung ertragen kann,
wie man zum Mitläufer wird.
Heute nicht mehr.
Heute erlebe ich das Mitläufertum täglich.
Die Propagandasendungen im Staatsfernsehen
heißen nicht mehr aktuelle Kamera, sondern Tagesschau oder heute.
Und ich erlebe, wie die linke Lust an der Diktatur
die ganze westliche Welt erfasst hat.
Soeben hat der Walker-Premier Trudeau in Kanada
ein Gesetz zu sogenannten Hate Crimes eingeführt,
das Leute inhaptieren kann,
die in der Vergangenheit irgendwann mal ein Hate Posting gepostet hatten
oder in Zukunft ein Hate Crime planen,
also Gedankenverbrechen ahnden, mit Hausarrest.
Denunzianten erhalten 2000 Dollar Belohnung.
Das linke Establishment Leute dreht durch.
Selbstverständlich auch in den USA.
Hillary Clinton ist besorgt darüber,
dass der Staat die Kontrolle über seine Bürger verlieren könne,
wenn er die sozialen Netzwerke nicht kontrolliert.
Bidens Umweltminister John Kerry fürchtet um seine Klimadiktate,
wenn gegenteilige Meinungen geäußert werden
und fordert, verschlüsselt, ein Verbot von Twitter,
was bei uns schon der zottelhaarige Nichts-Nutz-Hofreiter verlangt.
Und das, liebe Freunde, bringt mich nun erneut zu Igor Schavarewitschs
Todesstrieb in der Geschichte, Erscheinungsform des Sozialismus,
aus dem ich schon öfter hier referiert habe.
Ein Todesstrieb, der besonders in sozialistischen Utopien zur Geltung kommt,
in filiastischen Sekten wie den Nikolaiten,
lauter Sekten, die sich der absoluten Gleichheit verschrieben hatten.
Die katholische Kirche hatte gegen alle möglichen dieser Heresien zu kämpfen,
gegen die Manichäer, die die Welt für eine Erschaffung des Satans hielten,
oder die Katarer und später die Albigenser im Mittelalter.
Die katholische Vernunft hat sich dagegen durchgesetzt.
Utopien wie die des Thomas Moros oder der Sonnenstaat des Tommaso Campanella,
alle befürworteten Gemeinschaftsbesitz und eine frühe Trennung der Kinder
von ihren leiblichen Eltern und die Erziehung in staatlichen Einrichtungen
und ähnlichem Unfug. Aufregend das Schlusskapitel,
in dem sich Schafriewicz mit dem Todesstrieb der frühen Anarchisten
und Revolutionäre des 19. Jahrhunderts beschäftigt,
die ja geradezu eine Hymnik der Selbstauslöschung entwickelten.
Ihre philosophische Grundlage bildete der Nihilismus.
Der entschlossene Kampf gegen christlichen Glauben,
den wir natürlich auch heute erleben, wenn Grüne wie Claudia Roth
gegen das Kreuz auf der Kuppel des Berliner Schloss wütet.
Überhaupt kommt es mir so vor, als hätte die rot-grüne Clique,
die sich in den letzten dreieinhalb Jahren unseren Staat zur Beute gemacht hat,
Bakunins Proklamation über die Grundlagen der Revolution genauestens studiert.
Darin heißt es, Zitat,
Wir müssen uns also auf Grundlage des Gesetzes der Notwendigkeit
und strengen Gerechtigkeit ganz der beständigen, unaufhaltsamen,
unablässigen Zerstörung weihen, die solange Crescendo wachsen muss,
bis nichts von den bestehenden sozialen Formen zu zerstören bleibt.
Ja, wer denkt da nicht an die Gebote zu schlechter Verwirrung
durch die grüne Familienministerin oder an die Talfahrt,
zu der unser Kinderbuchautor die deutsche Wirtschaft verdonnert hat
und an seinen Stolz darüber, dass er von allen europäischen Kollegen
wahrscheinlich die meisten Verordnungen zur Erdrosselung der Wirtschaft umgesetzt hat?
Ganz nach Bakunins Devise, Zitat,
Wir sagen, die jetzige Generation muss alles Bestehende ohne Unterschied blindlings zerstören,
in dem einzigen Gedanken, möglichst rasch und möglichst viel.
Und denkt man daran, dass Robert Habeck dem Vernehmen nach
sein Ministerium mit einer Unzahl von neuen Beamtenstellen gepflastert hat,
wird ersichtlich, dass er daran denkt,
sein Zerstörungsprojekt auch in künftigen Generationen weiterzureichen.
Die sozialistische Idee, das sollten wir nicht vergessen,
sagt allem den Kampf an, was die Individualität und die freie Persönlichkeit stützen könnte,
also Religion, Kultur, Familie, Privateigentum.
Notgedrungen arbeitet sie mit Lügen,
denn sie muss erhebliche Selbstwidersprüche der marxistischen Lehre überwinden.
Zum Beispiel den, dass der historische Materialismus einerseits behauptet,
das kapitalistische System würde von allein kollabieren,
auf der anderen Seite aber ständig das Proletariat mobilisieren muss,
um dieses Ziel zu erreichen.
Das führt dann zu Zynismen wie dem Satres, der fand,
man dürfe nicht über die stalinistischen Lager reden,
um die französische Arbeiterschaft in ihrem revolutionären Enlang nicht zu entmutigen.
Selbstverständlich maskiert sich der Sozialismus mit den hehren Zielen der Solidarität der Menschen.
Unsere Annalena Baerbock zitiert ja gerne Che Guevara mit dem Satz
»Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker«, ausgerechnet von diesem Gangster.
Also, der sozialistische Mensch, zumindest nach dem Gebetbuch von Herbert Marcuse,
der sozialistische Mensch lebt die freie Entfaltung seiner Talente und so weiter.
Nur muss man ihm ab und zu erklären, warum auf dem Weg dahin so viele erschossen werden müssen.
Das ist ähnlich wie unsere Woken-Systemlinge,
die gegen Hass und Hetze ständig angehen müssen mit Hass und Hetze und Schildern wie AfDler-Tüten.
Interessant übrigens ist, dass es sowohl bei den Frühsozialisten Fourier und Saint-Simon
wie auch bei Friedrich Engels bereits den Gedanken einer Klima-Apokalypse gab.
Bei Friedrich Engels war es nicht die Erwartung einer Erwärmung, sondern des Gegenteils.
Also nicht der Hitze- sondern der Kältetod.
»Unerbittlich rückt die Zeit heran, wo die sich erschöpfende Sonnenwärme nicht mehr ausreicht,
das von den Polen herandrängende Eis zu schmelzen,
wo die sich mehr und mehr um den Äquator zusammendrängenden Menschen
endlich auch dort nicht mehr Wärme genug zum Leben finden,
wo nach und nach auch die letzte Spur organischen Lebens verschwindet.«
Den Todeskult der Revolutionäre und Nihilisten, wie er sich bei Bakunin findet,
hat Dostoevsky in seinen »Dämonen« ganz wunderbar und auch das grellste ausgeleuchtet und parodiert.
Und klar könnten die folgenden Sätze Bakunins auch von dem Zyniker Pyotr Stepanovich stammen
oder von dem Verschwörer Kirillow, der durch seinen Selbstmord beweisen will, dass es Gott nicht gibt.
Bakunin schreibt, Zitat, »Alle zärtlichen, verweichelnden Gefühle der Verwandtschaft,
Freundschaft, Liebe, Dankbarkeit, sogar der Ehre müssen in ihm, dem Revolutionär,
durch die einzige kalte Leidenschaft der revolutionären Sache erstickt werden.
Er ist kein Revolutionär, wenn ihm irgendwas in dieser Welt leidtut.
Er erkennt nur eine Wissenschaft, die Wissenschaft der Zerstörung.
Und er lebt in ihr, in der Welt, nur mit dem Ziel ihrer völligen, möglichst raschen Vernichtung.«
Aber wir wollen jetzt schnell wieder auftauchen ins Licht und in den Ballsaal,
in die Freude einer Geburtstagsfeier unter Freunden, die eines Max Oster, der 60 wurde,
und er im Saal aus dem Petersberg feierte, in dem ich einst auf Einladung des
Amerikanerpaters Ockenfels mit Norbert Blüm über irgendwas Kirchliches diskutierte.
Ich schätze mal, dass es um die Irrtümer des progressiven Katholizismus ging, lange her.
Da war mein katholisches Abenteuer gerade erschienen.
Ja, und auf diesem Abend spielte Max Otte Udo Lindenbergs »Ich mach mein Ding«
und man konnte sagen, dieser Max Otte hat wirklich sein Ding gemacht.
Und im Übrigen, ach Udo, eigentlich doch ein wahnsinnig netter Kerl.
Wir waren mal befreundet. Er wollte, dass ich seine Biografie schreibe.
Ich hab ihm mal einen Preis verliehen, laudiert.
Und damit wollen wir das Fest abschließen bei Max Otte.
Wir hören uns wieder am nächsten Freitag. Das war's mit Mattussek. Bis dahin. Tschüss.