Mit dem Kommunikationswissenschaftler Prof. Michael Meyen blickt Klaus Rüdiger hinter die Glitzerwelt der Digitalisierung und beleuchtet die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Tech-Konzerne sowie die Folgen des Konformitätsdrucks für junge Menschen, der auf den digitalen Plattformen herrscht. In einer weiteren Folge „Schule früher“ erinnert sich eine ehemalige Gymnasiastin an ihre Schulzeit. Und mit dem Unternehmensberater und Bildungsexperten Dr. Andreas Salcher bespricht Klaus Rüdiger die Frage, warum in Österreich der talentierte Schüler unter die Räder kommt und das dortige Bildungssystem bis heute nicht reformiert worden ist.
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Herzlich willkommen beim Lehrerzimmer, unserer Sendung über Schule und Bildung im Kontrafunk.
Mein Name ist Klaus Rüdiger.
Unsere Themen heute, in den Auslagen der Buchhandlungen häufen sich aktuell Titel wie
Generation Angst von Jonathan Haidt oder Generation lebensunfähig von Rüdiger Maas.
Sie und viele andere Autoren fragen sich, was ist mit unserer Jugend los?
Diese Frage hat sich auch der Münchner Kommunikationswissenschaftler Michael Mayn gestellt.
Der provokante Titel seines noch druckfrischen Buchs, der dressierte Nachwuchs.
Das ergibt Anlass zum Gespräch.
Deshalb werde ich Michael Mayn fragen, wieso er diesen Titel wählte und welche wirtschaftlichen
und politischen Interessen hinter den Entwicklern und Betreibern der mächtigen Social Media Plattformen stehen.
Zudem empfange ich in dieser Sendung den österreichischen Unternehmensberater und Bildungsexperten
Dr. Andreas Salcher aus Wien.
Er hat bereits 2008 mit seinem Bestseller Der talentierte Schüler und seine Feinde
auf grundlegende Versäumnisse des österreichischen Bildungswesens aufmerksam gemacht.
Er ist der Meinung, dass sich bis heute an der Struktur und der pädagogischen Grundausrichtung
des öffentlichen Bildungssystems nichts Wesentliches geändert hat.
Und warum sich verkrustete Strukturen und unbrauchbare Denkmuster in Österreich
so lange halten, werde ich mit ihm vertiefen.
Und die ehemalige Gymnasiastin Evelin Weinzir berichtet uns in der Folge Schule früher,
wie sie sich an ihre Schulzeit erinnert.
Der dressierte Nachwuchs, so lautet der Titel der neuesten Publikation des Medienwissenschaftlers Michael Mayn.
Eine ziemliche Provokation, junge Menschen in den Schulen und Universitäten
als dressierten Nachwuchs abzuqualifizieren.
Da assoziiere ich einen Dompteur in einer Zirkusmanege mit Peitscher und Zuckerstückchen.
Deshalb begrüße ich sogleich Michael Mayn, Professor für Kommunikationswissenschaft
von der Ludwig-Maximilians-Universität München, um ihm am Anfang die Frage zu stellen,
wen er denn mit dem dressierten Nachwuchs genau meine.
Herzlich willkommen, Herr Mayn.
Vielen Dank für die Einladung.
Die 38 Prozent jungen Wähler, die in Thüringen am 1. September die AfD gewählt haben,
meinen Sie doch wohl kaum.
Diese Vorgaben gibt es ja nicht, die gab es noch nie.
Und in Thüringen zeigen sich die Trennlinien wahrscheinlich noch deutlicher als anderswo.
Die Trennlinien, die wir ja auch in anderen sozialen Gruppen haben,
die wir in anderen Landstrichen haben, Trennlinien zwischen Ost und West,
zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern.
Insofern ist das Wahlergebnis in Thüringen nicht so verwunderlich,
zumal wenn man sich das Projekt Juniorwahl angeschaut hat,
ein Projekt, was die Bundeszentrale für politische Bildung seit etlichen Jahren betreibt,
das alle Schüler ab der siebten Klasse einbezieht und immer so tut,
als ob diese jungen Leute auch wählen könnten.
Da sehen wir den Einbruch bei den Grünen seit 2021.
2023 wird das dann zum Erdrutsch und 2024 im Juni bei der Europawahl
und jetzt im September bei den Landtagswahlen dann auch an der Wahlurne so zu sehen.
Also von wem sprechen wir?
Wer sind für Sie die interessierten jungen Menschen?
Ich spreche vor allen Dingen über junge Leute in den Mediengroßstädten,
in Frankfurt, Berlin, München, Köln, Hamburg,
um junge Leute, die die Universität verlassen haben,
sich jetzt auf den Weg begeben an die Schaltstellen der Macht
oder dort schon angekommen sind.
Ich würde es auch gar nicht so, wie Sie es in der Anmoderation gesagt haben,
mit dem Wort abqualifizieren verwenden.
Ich bin ja großer Zirkus-Anhänger, bin als Kind sehr gern dort hingegangen
und habe immer bewundert, was da Artisten, aber auch Tiere an Kunststücken gezeigt haben.
Da steckt schon eine Menge Arbeit drin, steckt eine Menge Zeit drin.
Ich habe es gar nicht als Abqualifizierung verstanden.
Sie benutzen ja als Kommunikationswissenschaftler in Ihrer neuesten Publikation
eine ganze Reihe von starken Begriffen,
die für mich doch einen Klärungsbedarf verursachen.
Also Dressur haben Sie jetzt schon etwas dazu gesagt,
aber auch bei den Social Media sprechen Sie von Konformitätsmaschinen.
Bei den jüngeren Generationen taucht dann später auch wieder
ein sehr starker Begriff auf, XYZ-Ichlinge.
Oder Sie sprechen bei den medial verbreiteten Ideologien
gleich von einer Bewusstseinsindustrie.
Beginnen wir doch vielleicht mit dem Begriff Konformitätsmaschine.
Was meinen Sie damit genau?
Das zielt auf die Digitalplattformen, die letztlich besser sind,
als es Lehrer, Mentoren, Eltern, Trainer im Sport früher gewesen sind.
Wir haben uns ja, ich weiß nicht wie viele Jahre, den Mund flüssig geredet,
wie sich Heranwachsende zu verhalten haben, was gut und richtig ist.
Das lernt man heute als Heranwachsender auf den Digitalplattformen innerhalb von Stunden.
Man sieht, was gut und richtig ist.
Man sieht, was belohnt wird durch positive Rückmeldungen.
Man sieht aber auch, was abgestraft wird,
möglicherweise sogar durch den digitalen Pranger oder den digitalen Tod.
Insofern lernt man auf den vielen Stunden,
die Jugendliche heute auf den Digitalplattformen verbringen,
welches Verhalten angesagt ist und welches nicht.
Und wenn man weiß, dass 16- bis 18-Jährige heute
neun bis zehn Stunden an jedem Tag auf diesen Digitalplattformen unterwegs sind,
dann ist einem klar, dass dieses Verhalten, was man digital lernt,
dass dieses Verhalten sich dann auch in die reale Welt überträgt
und wundert sich dann nicht mehr so sehr,
dass junge Menschen weit eher als Angehörige unserer Generation bereit waren,
die Corona-Maßnahmen zum Beispiel zu tolerieren
oder sogar noch nach schärferen Maßnahmen zu rufen.
Aber Maschinen bedürfen ja einer Programmierung,
die dann das entsprechende Produkt mit hervorbringen.
Es ist also offensichtlich nicht etwas, was nur unter den Jugendlichen abläuft,
sondern da ist auch ein Lenkungsprozess.
Ja, die Digitalisierung beginnt ja in den 60er-Jahren,
wenn man anschaut, wer an der Wiege dieser Maschinen gesessen hat,
dann kommt man schnell auf die üblichen Verdächtigen,
dann ist man schnell im US-Sicherheitsapparat.
Es dauert eine ganze Weile, bis diese Maschinen zur Perfektion entwickelt werden.
Man darf, glaube ich, Internet nicht gleichsetzen mit den Digitalplattformen.
Diese Plattformen, die Reputationsrückmeldungen in Echtzeit geben,
die Reputation mit Likes und Retweets verbinden,
diese Maschinen gibt es ja erst seit den frühen 10er-Jahren.
Das alte Internet funktioniert noch ein bisschen anders.
Ab den 10er-Jahren lohnt es sich, an dem eigenen Digitalauftritt zu arbeiten.
Lohnt es sich, Rückmeldungen zu zählen.
Lohnt es sich, das eigene Prestige zum Beispiel an der Followerzahl zu messen.
Und das macht mit Heranwachsenden etwas völlig anderes,
als das bei uns der Fall war, wo es schon diese Technologie gegeben hat,
wo man Mühe hatte, weil es mit dem Modem nicht funktioniert hat
und auch sonst die Seiten noch nicht so perfekt waren.
Es war eine völlig andere Zeit, als das, was wir ab den 10er-Jahren haben.
Also ja, das ist programmiert worden.
Es ist so ausgerichtet worden, dass wir diesen Nachwuchs heute haben,
den wir beobachten können.
Und was passiert jetzt mit dem Nachwuchs, wenn er in die Schule kommt,
wenn er dann nachher an die Universität kommt,
wo Sie ja diesen jungen Menschen selber dann auch begegnen?
Ich versuche in dem Buch verschiedene Linien zu zeigen
und das nicht als eine monokausale Geschichte zu erzählen.
Ich versuche zu zeigen, wie Plattformen und Ideologie,
verstanden als die Rechtfertigungslehre,
also eine Lehre, die die gegenwärtigen Verhältnisse rechtfertigt,
wie das zusammenspielt und versuche zu zeigen,
wie gleichzeitig Schul- und Universitätsreformen in Gang gesetzt wurden,
die das, was über Plattformen und Rechtfertigungslehre funktioniert,
noch verstärkt wird.
Was meinen Sie mit diesem Begriff Rechtfertigungslehre?
Was wird da gerechtfertigt?
Jede Gesellschaft braucht eine Geschichte, eine Erzählung,
die zum Beispiel Besitzverhältnisse legitimiert.
Ich habe mich in München über viele Jahre gefragt,
warum ich 2000 Euro Monatsmiete bezahle,
während andere, zum Teil sogar meine Studenten,
ganze Häuserzeilen besessen haben.
Und diese Art von Ungerechtigkeit, diese Art von Ungleichheit,
muss in Erzählungen gerechtfertigt werden,
damit die vielen, die sehr viel Geld für Miete bezahlen,
die ihre ganze Lebens- und Arbeitszeit damit verbringen,
ihre Existenz absichern zu können,
damit diese vielen nicht gegen die wenigen rebellieren,
denen fast alles gehört.
Und das gibt es in allen Gesellschaften.
Und die jetzige Rechtfertigungslehre,
die wir gerade bei der akademischen Jugend beobachten können,
die zum Beispiel auf die Klimaerzählung setzt,
die Identitätspolitik stark macht,
die so Demonstrationen wie Black Lives Matter generiert,
diese Rechtfertigungslehre wurde in den 60er Jahren
von den gleichen Stellen erfunden wie die Konformitätsmaschinen,
die heute auf den Digitalplattformen da sind.
Das war der Versuch,
eine damals kleine akademische Jugend im Westen
von der Eigentumsfrage abzulenken,
von sozialistischen Ideen,
möglicherweise sogar abzulenken von der Idee,
nach Moskau zu schielen
und eine ganz andere Art von Gesellschaftsform zu installieren.
Damit sprechen Sie die 68er-Bewegung an.
Und ich frage mich, auch als ich Ihre Lektüre lesen konnte,
ob da nicht auch eine gewisse Idealisierung
dieser 68er-Bewegung in den USA
und auch natürlich in der Bundesrepublik Deutschland
mitspielt.
Sie erwähnen ja hier auch in Ihrer neuesten Publikation
Gespräche mit anderen Personen aus dieser Generation,
die etwas Ähnliches feststellen,
die betroffen sind darüber,
dass zum Beispiel die jungen Menschen
gegen die Corona-Maßnahmen nicht protestiert haben,
dass sie sich in andere,
wie Sie eben auch gesagt haben,
in diese Narrative einbinden lassen.
Schwingt da nicht so eine gewisse Idealisierung
dieser alte 68er mit?
Gut, wenn man älter wird,
dann neigt man wahrscheinlich dazu,
die Vergangenheit zu idealisieren
und das, was man als junger Mensch erlebt hat,
zu vermissen in der Gegenwart.
Aber wir haben schon auf der demografischen Ebene
völlig andere Verhältnisse als in den 60er-Jahren.
Wenn wir in die alte Bundesrepublik hineinschauen,
haben wir in dieser Zeit
eine Hochschulquote von 5 oder 6 Prozent.
Das heißt, 5 oder 6 Prozent eines Jahrgangs
gehen auf die Hochschule links.
Nicht alle machen einen Abschluss.
Das ist ja damals noch gar nicht so üblich.
Es gibt viele Universitäten in der alten Bundesrepublik,
wo der erste Abschluss die Promotion ist.
Diese 5 bis 6 Prozent,
die ja zweifellos eine Elite sind,
das sind also Menschen,
die ein Abitur geschafft haben in einer Zeit,
in der das absolut selten war.
Die bekommen auch ohne diese Promotion
oft den Start in eine Karriere,
also einen Job,
haben keine Probleme, da Dinge zu finden.
Heute haben wir eine Hochschulquote von über 50 Prozent.
Das ist bewusst nach oben gedrückt worden.
Also 50 Prozent und mehr eines jeden Jahrgangs
gehen auf Hochschulen.
Es sind nicht nur Recherche,
also Mathe, Naturwissenschaften, Technik,
sondern es sind Geistes- und Sozialwissenschaften.
Es sind Disziplinen,
in denen man von dieser Rechtfertigungslehre lebt,
in denen man nicht viel mehr kann,
wenn man so einen Abschluss in der Hand hat,
als Ideologie zu produzieren.
Also wir haben da schon mal völlig andere Verhältnisse.
Wenn man dann in die 60er hineinschaut
und sich in den Universitäten umschaut,
auch mit alten Professoren redet,
wie sah denn damals so ein Seminar aus,
wie sah damals eine Vorlesung aus,
haben wir auch ein völlig anderes Herangehen
und haben auch einen Entdeckungsmodus,
einen Herausforderungsmodus nennt.
Wir haben also junge Leute,
die sich nicht zufriedengeben mit dem,
was ihnen da die alten Professoren vorne,
meist ja noch Männer erzählen.
Heute haben wir junge Leute,
die sich im Verteidigungsmodus bewegen,
die Angst haben anzuecken,
also auch getriggert durch die Erfahrungen,
die sie auf den Digitalplattformen gemacht haben.
Und wenn man verstehen will,
glaube ich, wie die 68er getickt haben,
wie zumindest die Minderheit,
auch die Minderheit dieser Minderheit
und dann empfehle ich immer das Interview,
was Günter Gauss mit Rudi Dutsch geführt hat,
einem der Köpfe der Studentenbewegung in Westdeutschland.
Da finden wir einen jungen Mann,
noch nicht mal 30,
der unglaublich reflektiert,
unglaublich gebildet über gesellschaftliche Verhältnisse redet
und es ist, glaube ich, auch kein Zufall,
dass gerade diese Köpfe dann attackiert worden sind.
Welchen Beitrag leistet dann aber die Universität dazu,
dass dieser Entdeckungsmodus verloren geht?
Oder vielleicht auch die Schule,
wo wir das genauer anschauen können.
Wir haben also auf der einen Seite
die Digitalplattformen,
durch die so eine gewisse Dressur stattfindet
und jetzt kommen die jungen Leute in die Schule und in die Uni.
Wie wird das verstärkt dort?
Oder spielt es zusammen, wie Sie gesagt haben?
Ja, buchziehlich auf die Pisa- und die Bologna-Reform,
die in Westeuropa in den 90er Jahren gestartet werden.
Wir sind ja kurz in den USA gewesen.
Ich bin in der Antwort jetzt gar nicht auf die USA eingegangen.
Da beginnt das letztlich schon in den späten 60ern,
weil die Studentenrevolte in den USA
ja auch mit Protesten gegen den Vietnamkrieg verknüpft ist.
Zum Teil ist da völlig normal, dass der Campus besetzt wird.
An einigen Universitäten wird Polizei eingesetzt.
Man ruft zum Teil sogar nach Militär.
Man sieht also, dass man da was tun muss
und fängt in den USA in den späten 60ern und frühen 70er Jahren an,
die Universitäten zu befrieden
über gemeinsame Forschungsaufträge,
die von Staat und Konzernen finanziert werden,
die letztlich Professoren dazu bringen,
sich in das System einzugliedern.
In Westeuropa kommt dann ab den 90ern
der Reformschub unter den Namen Pisa und Bologna.
Wenn man sich anschaut,
wie universitäre Lehre heute aussieht,
dann wird man das nicht wiedererkennen,
wenn man in den 80ern Student war.
Viele Ältere erinnern sich an eine Universität,
in der man auch mal ein ganzes Semester nichts machen konnte.
In der man nach der dritten Sitzung gesagt hat,
mein Gott, diese Vorlesung, dieses Seminar,
das lasse ich jetzt aus.
Ich mache dann irgendwann bei jemand anderem weiter.
Heute haben wir Lehrveranstaltungen,
initiiert durch Bologna,
die am ersten Tag auf die Endnote einzahlen,
die komplett mit Prüfungen belegt sind.
Bei mir in den Geistes- und Sozialwissenschaften
haben wir viele Vorlesungen,
die mit einer Multiple-Choice-Klausur enden,
die ja völlig unabhängig von den Inhalten
eine Meta-Botschaft transportiert.
Die Meta-Botschaft lautet,
es gibt eine Wahrheit und nur eine Wahrheit.
Und jemand hat diese Wahrheit schon,
nämlich der Dozent, der diesen Fragebogen konzipiert hat.
Ich als Student muss mich gar nicht mehr einbringen
in den Kampf um Wissen.
Ich muss zu einem bestimmten Termin auswendig lernen
und kann dann wieder vergessen.
Das ist also auf der formalen Ebene
ein völlig anderes Studium,
als wir das in den 70er, 80er,
noch frühen 90er Jahren gehabt haben.
Dazu kommt dann eine Politisierung der Forschung.
Der Staat finanziert ja die Universitäten in Deutschland,
aber er hat seit den Nullerjahren begonnen,
auch die Inhalte vorzugeben,
indem er sogenannte Zweitmittel ausgeschrieben hat,
also Forschungsprojekte auf EU-Ebene,
vom Bund aus den Parteistiftungen,
Forschungsprojekte ausgeschrieben hat,
in denen bestimmte Themen, Methoden und sogar Sprachformen
dieser Genderstern zum Beispiel vorgegeben sind.
Und er hat zugleich für ein Belohnungssystem gesorgt,
über eine Besoldungsreform,
das Professoren dazu bringt,
tatsächlich mitzumachen, sich zu bewerben,
um diese Zweitmittel, Drittmittel sind dann Gelder,
die aus der Wirtschaft kommen,
aber da gibt es auch Geld aus den Konzernstiftungen
in Deutschland von Bertelsmann, von VW, von Thyssen zum Beispiel.
Also er hat dafür gesorgt, dass Professoren mitmachen,
er hat dafür gesorgt,
dass keine jungen Leute mehr nachwachsen,
dass sie nicht mehr im Entdeckungsmodus
sich an den Universitäten bewegen,
sondern eher versuchen, die Regeln möglichst gut einzuhalten.
Das führt heute, knappes Vierteljahrhundert,
nach diesen Reformen dazu,
dass wir mittlerweile auf Professuren Leute haben,
die das Universitätssystem gar nicht mehr anders kennen,
die also mit Bachelor, Master groß geworden sind,
die mit der Idee groß geworden sind,
dass akademischer Erfolg an Zweitmitteln hängt,
dass akademischer Erfolg daran hängt,
in bestimmten Publikationen,
in der Regel finanziert vom Medienkonzern Thomson Reuters,
der das Web of Science erfunden hat,
dass sich bestimmte Publikationen auszahlen
und andere Bücher auf Deutsch zum Beispiel nicht mehr.
Da haben wir eine Reform gehabt,
die in der Hülle der Universitäten,
die Gebäude gibt es ja noch,
in der Hülle der Universitäten
für völlig neue Inhalte gesorgt hat.
Das heißt, wir sehen auf der einen Seite
die Rahmenbedingungen, die sich völlig verändert haben
durch die Bologna-Reform
und auf der anderen Seite dann auch die Inhalte,
wie Sie gesagt haben,
die entsprechend hier über solche Fördergelder gesteuert werden.
Jetzt stelle ich aber fest an den Universitäten,
das hört man ja immer wieder,
da gibt es auch das Phänomen der Social Justice Warrior,
also einer eigentlich auf den ersten Blick
doch auch rebellischen Jugend.
Ich würde gerne ein Beispiel geben,
was mich selber betroffen hat.
Da gibt es in Hannover
den alles andere als rechten Imperialismus-Historiker Helmut Pleit.
Der hat vor einigen Jahren dort einen Vortrag halten wollen.
Der klingt doch eigentlich unheimlich interessant.
Kolonialgeschichte von Afrikanern und Afrikanerinnen herdenken.
Dieser Vortrag wurde verunmöglicht,
weil man ihm natürlich vorgeworfen hat,
dass ein alter weißer Mann
über so etwas gar nicht sprechen dürfte.
Die haben es geschafft,
dass dieser Vortrag nicht gehalten werden konnte.
Also unterm Strich eine äußerst rebellische Aktion.
Ja, das gibt es aber nicht nur an Universitäten.
Wenn wir über Cancel Culture reden,
dann haben wir oft den Blick auf solche Einzelfälle,
auf solche Vorträge,
die an Universitäten abgesagt werden.
Aber mittlerweile ist das ja ein flächendeckendes Phänomen.
Mittlerweile haben wir Probleme
in staatlich finanzierte,
mit Steuergeldern finanzierte Räume
auch außerhalb der Universitäten hineinzukommen.
Und da kommen dann diese Krieger zum Einsatz,
die Sie erwähnen,
die ich an Universitäten schon auch erlebt habe,
auch schon vor Corona erlebt habe.
Ich habe mal geplant,
Ken Jebsen, der sich jetzt ja anders nennt,
2018 glaube ich an die Uni einzuladen.
Wir haben dann davon abgesehen,
weil wir wussten,
das wird einen Shitstorm auslösen,
der uns beide da aus dem Hörsaal fegen wird.
Also das hat auch zu tun
mit der Hochschulquote,
also einer deutlich größeren Konkurrenzsituation
im Bereich der Absolventen
von Geistes- und Sozialwissenschaften
und einem Arbeitsmarkt,
der von staatlichen Stellen
in den letzten Jahren installiert worden ist,
unter dem Stichwort Beauftragte.
Wir haben also sehr viele Projekte,
sehr viele Kurzzeitstellen,
die all die Schlagworte
der Rechtfertigungslehre bedienen,
angefangen von Nachhaltigkeit über Diversität
bis hin zu Klima und so weiter.
Da gibt es also einen Arbeitsmarkt,
auf dem man sich nur bewegen kann,
wenn man sich moralisch reinhält,
wenn man also gezeigt hat,
vor allen Dingen online gezeigt hat,
dass man weiß, worauf es ankommt.
Und das sind dann die Leute,
zum Teil finanziert von Steuern,
die dafür sorgen,
dass solche Vorträge abgesagt werden,
die dafür sorgen,
dass die eine Wahrheit
nicht herausgefordert werden kann.
Das ist also ein Denken,
was schon über die Digitalplattformen
bei Heranwachsenden
ab 10, 12 Jahren getriggert wird.
Das dann über Inhalte in den Schulen,
in den Universitäten.
Wir werden immer wieder aufgefordert,
zu den Ideologie-Schlagworten
extra Lehrveranstaltungen zu machen.
Es werden extra Wochen
zu den einzelnen Themen ausgerufen.
Sie werden in der Lehre implementiert
und dann belohnt über einen Arbeitsmarkt,
der in den letzten Jahren
erheblich ausgeweitet worden ist in Deutschland.
Am bekanntesten wahrscheinlich
eine Million Euro im Jahr ausgibt,
um diese Art von Aktivismus
auch mit einer Lebensmöglichkeit
zu unterfüttern.
Also der Konkurrenzdruck,
der dann entsteht,
führt natürlich auch leicht nachvollziehbar
zu einer Konformität.
Jetzt sprechen Sie aber auf den Begriff,
den ich gerne noch zu sprechen komme,
in Ihrer Publikation.
Den finde ich auch relativ stark
bei den jüngeren Generationen
von XYZ-Ichlingen.
Da assoziiere ich ganz komische
Begriffe.
Was meinen Sie denn mit diesem Begriff
und wie ordnen Sie den jetzt ein
in dieser Landschaft,
an den Universitäten,
die Sie gerade skizziert haben?
Gut, XYZ,
das sind ja die Generationsbezeichnungen,
die wir in der Literatur finden.
X bin ich,
das sind die ab Mitte der 60er
bis in die späten 70er geborenen.
Dann kommt die Y-Generation
und ab 95 haben wir dann die Generation Z.
Ichlinge gibt es stärker
den Code 1 versus 0
eingeschrieben haben.
Das bedeutet,
dass Komplexität reduziert wird.
Bedeutet auch,
dass moralisiert werden muss.
Wenn man auf TikTok X
Instagram Erfolg haben will,
dann muss man moralisieren,
dann muss man sich klar bekennen,
muss man Gut und Böse benennen
und sich dort positionieren.
Das überträgt man dann
auf die Kommunikation,
die man draußen hat.
Das ist für Herausforderungen
der einen Wahrheit,
die Sie gerade an dem Hannover-Beispiel
beschrieben haben.
Das ist eine Folge der Digitalplattform,
aber natürlich auch einer Ideologie,
die wie die Faust aufs Auge
dieser Digitallogik passt.
Wenn man sich die zentralen Erzählungen
der Rechtfertigungslehre anschaut,
also sowas wie Letzte Generation
oder die Klimaerzählung
oder auch Black Lives Matter,
das ist ja relativ schlicht.
Da muss man nicht sehr viel lesen,
was die Lehrefreiheit spricht.
Das ist deutlich weniger komplex
als das, was ich als Student
noch mit Karl Marx ausfechten musste.
Ich erinnere mich mit Schrecken
an die Seminarsitzung,
wo wir in anderthalb Stunden
eine Seite geschafft haben
und es trotzdem nicht verstanden haben.
So kompliziert sind die Sachen,
die ich digital kommunizieren kann,
heute längst nicht mehr.
Jetzt haben wir diese Situation
hier charakterisiert bzw.
Sie haben das umschrieben.
Was können Sie denn nun
eigentlich den Lehrern
oder auch den Eltern empfehlen,
um hier eventuell gegenzuwirken
oder muss man eigentlich
vor dieser Entwicklung kapitulieren?
Hände weg von den Digitalplattformen.
Das kann man als Eltern und Lehrer schaffen.
Ich meine, der Trend in der Schule
geht in die andere Richtung.
Der Trend geht in Richtung Digitalisierung.
Man sollte aber immer wissen,
dass dieses Internet, diese Plattformen
schon ein Fenster zur Welt sind,
dass dieses Fenster aber geputzt wird
und wir von Technik bezahlen können
und dass in diese Technologie
ein Kommunikationscode eingeschrieben ist,
der für Spaltung sorgt.
Eins und Null ist ja nicht umsonst
ein Spaltungscode.
Also Hände weg von diesen Geräten.
Eltern können dafür sorgen,
dass ihre Kinder sich nicht schon
mit zehn auf Instagram anmelden.
Jeder zweite Zehnjährige in Deutschland
hat ein Smartphone,
meldet sich dann unter falschen
Altersangaben auf den Plattformen,
fängt an, sein Selbstbild
zu verändern.
Es gibt einen Apotheker,
der glücklich war,
dass er eine Abiturientin
eingestellt hat für eine Lehre,
was ja eigentlich wünschenswert wäre
bei dieser hohen Abiturquote,
dass wir Leute finden,
die erstmal einen Beruf lernen,
bevor sie sich dann entscheiden
für eine Hochschulausbildung.
Diese junge Frau hat ihm nach vier Wochen gesagt,
dass sie das nicht mehr weitermachen könne,
dass sie die Lehre aufgeben müsse,
weil sie jeden Tag Follower verliert,
dass ein 12-14 ein zentraler Lebensinhalt wird.
In Schulen würde ich dafür sorgen,
dass diese Geräte abgegeben werden.
Viele argumentieren ja mit diesem Sicherheitsargument,
wenn denn doch der Attentäter durch die Schule läuft,
sollen die Kinder die Eltern anrufen können.
Man kann die Geräte am Schuleingang einschließen
und sie ihnen dann zurückgeben,
wenn sie 13, 14, 15 Uhr wieder nach Hause gehen.
Das eine Telefon, das der Lehrer dann hat,
das dürfte für jeden Katastrophenfall ausreichen.
Der dressierte Nachwuchs,
was ist mit der Jugend los,
fragt Professor Michael Mayn
in seiner neuesten Publikation,
in der er einen Schritt weiter geht als Jonathan Haidt,
der von der Generation Angst spricht.
Michael Mayn zeigt auf,
wie die jüngeren Menschen von den grundsätzlichen Fragen
Besitz- und Machtverhältnissen abgelenkt werden.
Herr Mayn, ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch.
Danke Ihnen.
Nach neun Wochen Sommerferien
gehen in Österreich seit Anfang September
die Kinder und Jugendlichen wieder in die Schule.
Sind sie für das kommende Schuljahr gut vorbereitet,
fragten sich nicht nur viele Eltern,
sondern auch jüngst der Beratungsunternehmer,
Buchautor und Bildungsexperte Andreas Salcher aus Wien.
Nein, sagt er, im Gegenteil.
An den Schulen fliegen uns die Probleme um die Ohren.
Das klingt dramatisch.
Und deshalb begrüße ich jetzt
den Bildungsexperten Andreas Salcher
im Lehrerzimmer des Kontrafunks.
Herzlich willkommen, Herr Salcher.
Vielen Dank für die Einladung.
Und aus deutscher Perspektive erscheint uns
die Dauer von neun Wochen Schulferien überlang.
Machen neun Wochen Sommerferien im 21. Jahrhundert noch Sinn?
Denn die meisten Schüler werden ja wohl kaum
auf den Feldern für die Ernte gebraucht.
Ja, man muss einmal dazu sagen,
in Österreich geht es ja nicht um neun Wochen
ausschließlich Sommerferien,
sondern in Summe gibt es fast 14 Wochen unterrichtsfreie Zeit.
Das ist natürlich vor allem für Eltern
oder gar Alleinerziehende eine riesen Herausforderung.
Aber jetzt zu den Sommerferien.
Also in Amerika gibt es ja klare Studien darüber,
dass vor allem bildungsferne Kinder,
die in einem nichtdeutschen Umfeld die Sommerferien verbringen,
deutlich in ihren Lernleistungen zurückfallen.
Weil in den Bildungsschichten
sind Kinder dann oft auf Sprachferien,
auf Lernferien,
gehen mit ihren Eltern im Ausland in Museen
oder machen Sportaktivitäten.
Aber im Prinzip sind sie im Lernen drinnen.
Da ist der Rückfall daher bei weitem nicht so groß.
Aber die Kluft zwischen den Bildungsschichten,
die geht ja nicht nur in Österreich,
immer mehr auseinander.
Die einen werden sehr massiv gefördert
und die anderen, deren Eltern können,
teilweise wollen das auch nicht tun.
Und das ist das Hauptproblem dieser langen Sommerferien.
Aber dann liegen die Erkenntnisse eigentlich auf dem Tisch.
Sie kritisieren ja auch,
dass das österreichische Bildungssystem
relativ starr und veränderungsresistent ist.
Warum ist dieses System eigentlich so unflexibel in Österreich?
Na ja, fragen wir uns einmal anders.
Wenn wir heute Schule neu gründen würden,
egal ob in Schweiz, in Deutschland oder in Österreich,
wir kämen ja wohl nie auf die Idee,
zu versuchen, in kleine Kinderköpfe
bis zu 21 unterschiedliche Gegenstände
in 45- oder 50-Minuten-Hände
völlig fragmentiert hineinzustopfen.
Das ist ja ein völlig veraltertes System.
Und die kleinen Kinderköpfe wehren sich auch dagegen.
Deswegen funktioniert das auch so schlecht.
Aber vielleicht einmal grundsätzlich zum Output
dieses Bildungssystems in Österreich.
Wir haben das zweitteuerste Bildungssystem
innerhalb der Europäischen Union.
Nur Luxemburg ist teuer,
aber mit bestenfalls mittelmäßigen Ergebnissen,
die trotz dem sehr hohen Bildungsbudget
immer mehr im Sinken sind.
Ich sage Ihnen nur, Österreich,
der erste PISA-Test war ja bekanntlich im Jahr 2000
und 22 Jahre, der letzte PISA-Test war 2022,
und Österreich ist in allen drei Kategorien
signifikant gesunken.
Das heißt, wir haben sehr hohe Ausgaben,
aber korrespondierend mit sehr schlechten Leistungen.
Das ist der Output.
Und warum ich gesagt habe,
mit diesen an sich systemischen Problemen
kommt natürlich in den letzten Jahren
ein massiver Zuzug primär aus bildungsfernen Ländern
auf Österreich zu.
Und es gibt so etwas wie eine Balance.
Wenn ein System außer Balance gerät,
dann ist es auch nicht mehr möglich,
das zu integrieren.
Nur ein Beispiel.
In Wien von zehn Pflichtschülern
sind sieben umgangssprachlich
nicht auf Deutsch ausgerichtet in ihren Familien.
Es gibt Klassen in Wien,
wo jedes dritte Kind ein außerordentliches Kind ist.
Das heißt, es kann aufgrund seiner Sprachdefizite
dem Unterricht überhaupt nicht folgen.
Diese Probleme summieren sich
und die klassischen Versuche,
wo man gesagt hat, okay, aber die Kinder lernen ja voneinander,
können einander sprachlich unterstützen,
das funktioniert nicht.
Ich habe einen bestimmten Ausmaß nicht mehr.
Ich darf daran erinnern,
Österreich hat eine große Leistung
damals im jugoslawischen Bürgerkrieg vollbracht,
wo wir viele Kinder aus Bosnien
und Ex-Jugoslawien aufgenommen haben.
Aber das waren Kinder,
die dort in eine Schule gegangen sind
und die haben sich relativ schnell integrieren können.
Wenn aber 90 bis 95 Prozent der Kinder
in einer Klasse des Deutschen nicht mächtig sind
oder nicht in einem deutschen Umfeld,
dann funktioniert diese Integration nicht.
Weil die Bildungsschichten
schauen natürlich schon sehr genau darauf,
dass ihre Kinder nicht in eine derartige Schule gehen,
sondern versuchen,
mehr oder weniger unter sich zu bleiben.
Das heißt, in Wien zum Beispiel
gehen mehr als die Hälfte der Kinder
in eine höhere,
bei uns heißt das AHS,
in eine höhere Schule in der Mittelstufe.
Und in der sogenannten Mittelschule
bleiben halt einfach die Kinder von den Migranten
und die sehr leistungsschwachen Kinder
untereinander über
und können wechselseitig voneinander nicht profitieren.
Und all das ist so eine Spirale nach unten.
Das heißt also,
neben den strukturellen,
vielleicht auch pädagogischen Problemen,
die Sie schon angesprochen haben,
kommt jetzt also noch diese ganze weitere Belastung
mit den fremdsprachigen Kindern hinzu.
Sie haben ja schon sehr früh
auf grundlegende Probleme
aufmerksam gemacht.
Sie haben in Ihrer Publikation
der talentierte Schüler und seine Feinde
für Aufsehen in Österreich gesorgt.
Sie haben in diesem Buch,
das circa zehn Jahre später
eine überarbeitete Neulauflage erhielt,
insbesondere auf diese Mängel,
die Sie jetzt mit dem PISA-Test schon angesprochen haben,
auf Mängel in Kernkompetenzen,
in der Muttersprache,
in der Mathematik hingewiesen.
Wer sind denn Ihrer Meinung nach,
wie Sie es nennen,
die ewigen Feinde des talentierten Schülers?
Ja, das große Missverständnis
ist, dass einige geglaubt haben,
die das Buch nicht gelesen haben,
vor allem Lehrer,
dass die Lehrer die Feinde sind.
Das stimmt überhaupt nicht.
Der größte Feind des talentierten Schülers
sind in Wirklichkeit wir alle,
weil wir uns mit einem ungemein
niedrigen Anspruchsniveau
an unsere Schulen zufrieden geben,
dass wir in keinem anderen Bereich
akzeptieren würden.
Also die dramatischste Zahl,
und die ist seit meinem ersten Buch
unverändert,
ist die Zahl nach neun Jahren Schule
nicht sinnerfassend lesen
und beherrschte Grundrechnungsarten nicht.
Und das muss man sich einmal vorstellen,
diese Kinder haben ja in Wirklichkeit
fast keine Lebenschancen,
weil wenn du mit 15 nicht sinnerfassend lesen kannst,
grundlegende Rechenkenntnisse nicht beherrschst,
dann bekommst du keine Lehrstelle,
geschweige denn,
dass du eine höhere Schulausbildung machen kannst.
Und diese Zahl ist wie gesagt unverändert.
Das ist das Kernproblem unser Schulsystem,
auf das ich damals schon hingewiesen habe.
Stellen wir uns vor,
jedes fünfte Flugzeug stürzt ab,
was da für eine Aufregung geben würde.
Oder ein Automobilproduzent
und jedes fünfte fabriksneue Fahrzeug
fährt einfach nicht.
Das würde einen riesen Aufstand machen.
Aber jedes fünfte Kind kann nach neun Jahren Schule
nicht sinnerfassend lesen.
Daran hat man sich offensichtlich irgendwie gewöhnt.
Und dann gibt es natürlich
eine ganz starke Lobby,
ein ganz starkes Immunsystem,
nicht nur in Österreich,
das dafür sorgt,
dass Schule sich nicht in die Richtung entwickeln kann,
ich mag diesen Begriff der Schule der Zukunft nicht,
ich glaube es geht um die Schule des 21. Jahrhunderts.
Und das Schöne ist, die gibt es ja.
Es gibt eine Vielzahl von vorbildlichen Schulen
in Deutschland und in Österreich
und in der Schweiz,
die das absolut richtig machen.
Aber das System an sich behindert das eher.
Es gibt in Österreich,
wir haben ein sehr
verparteipolitisiertes Schulsystem,
das heißt die Parteien haben einen riesen Einfluss darauf,
wer überhaupt Direktor wird.
Die Lehrergewerkschaft hat eine ganz starke Rolle
im österreichischen Schulsystem.
In der Schweiz,
um das positiv zu sagen,
durchaus anders.
Ich war einmal eingeladen von der Schweizer Lehrergewerkschaft
in Luzern zu einem Lehrerfortbildungstag,
also das wäre in Österreich undenkbar so etwas.
Also die Lehrergewerkschaften schützen natürlich
in Österreich die Schwächsten der Schwachen
und zementiert dieses System ein.
Es gibt diesen bösen Spruch
von der Lehrergewerkschaft,
gegen uns geht nichts
und mit uns geht auch nichts.
Und das Dritte ist der Föderalismus.
Ich weiß, die Schweiz ist ein sehr föderales Land,
aber die Schweiz richtig macht,
sie koppelt zumindest die Ausgaben
und die Verantwortung mit den Einnahmen.
Das heißt, ein Kanton ist gezwungen,
für das Geld zu sorgen,
dass er dann für seine Schulen ausgibt.
In Österreich herrscht das Bestellprinzip
und das macht es natürlich besonders schwierig.
Wir haben eine riesige, aufwendige Schulverwaltung,
ein großes Bildungsministerium,
neun Schulverwaltungen auf Landesebene
mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen
und das blockiert das ganze System natürlich
und alle miteinander wollen natürlich
ihre Macht nicht aufgeben.
Es gibt keine Lösung dazu.
Das hat man versucht.
Die Lösung ist klarerweise
ein schmales, aber starkes Bildungsministerium
auf Bundesebene
und alle Macht, alle Budgets,
alle Entscheidungsfreiheit an die Schulen,
also in die Schulautonomie.
Das machen gute Schulsysteme.
Das wäre ein wichtiges Stichwort,
die Schulautonomie.
Das haben Sie ja auch in Ihren Publikationen
immer wieder dargestellt,
dass es zum Beispiel die Möglichkeit geben muss,
für Schuldirektoren
zum Beispiel ihre Lehrer
selber einstellen zu können,
Schwerpunkte für die Schule zu setzen
oder aber auch dann Ergebnisse messen zu können.
Damit erwarten Sie sehr viel
von diesen Schuldirektoren.
Verstehe ich das richtig?
Genau. Die sollten auch entsprechend ausgewählt werden.
Also in Österreich zählen die Lehrer,
das zeigen alle UICT-Studien
zu den Bestbezahlten der Welt,
auch wenn Ihnen das nicht bewusst ist.
Aber der Unterschied zwischen einem Schulleiter
und einem Lehrer ist in Österreich
im internationalen Vergleich gesehen
sehr gering.
Das heißt, wir sollten die Besten der Besten
zu Schuldirektoren ausbilden.
Ich habe das in Singapur gesehen.
Da gibt es eine knallharte Ausbildung,
aber dort haben Schuldirektoren
natürlich ein ganz anderes Ansehen
und viel, viel mehr Möglichkeiten,
weil am Ende des Tages
kann eine Schule nur so gut sein
wie der Direktor
und die Summe seiner Lehrer.
Sie haben ja auch selber
mit einer Schule gegründet.
In Österreich gibt es
eine Schule,
die seit dem 25. Jahr
tätig ist.
Was war denn hierbei Ihre Rolle
und was wollten Sie damals
mit dieser Neugründung auch erreichen?
Also ich muss dazu sagen,
Sie haben es ja gesagt,
ich bin Unternehmensberater und kein Lehrer,
aber mich hat Schule immer sehr interessiert,
mich hat Talentförderung
immer sehr interessiert.
Und die Grundidee der Sir Karl Popper Schule war,
was passiert,
wenn wir begabte Schüler
und es hat viel Kritik gegeben.
Einen der führenden Universitätsprofessoren
für Bildung hat damals gesagt,
das ist eine Sonderschule
für Schwerstbegabte,
die spätestens nach zwei Jahren
komplett scheitern wird.
Also mittlerweile gibt es uns 25 Jahre.
Wir gehören zum Netzwerk
der besten internationalen Begabten-Schulen
und es ist eine öffentliche Schule.
Das war uns von Anfang an wichtig.
Sir Karl Popper war einer
der Hausphilosophen
der deutschen Sozialdemokratie.
Und das war uns wichtig,
auch diese Überparteilichkeit
mit einem ganz großen Namen,
eben Sir Karl Popper, zu besetzen.
Wir haben ihn auch im Jahr 1999,
glaube ich, besucht
und haben ihn persönlich ersucht,
die Schirmherrschaft für diese Schule zu übernehmen
und das hat er auch getan.
Aber das, was diese Schule ausmacht,
ist eben eine ganz andere Pädagogik.
Obwohl das eine öffentliche Schule
mit einem Lehrplan ist,
aber wir haben einen Schulversuch.
Das heißt, Schüler lernen
von den Schülern zur Verfügung.
Ein ganz entscheidender Schritt,
das könnte man an jeder öffentlichen Schule einführen,
ist, dass jeder Schüler einen Coach hat,
der mit ihm Jahresziele festlegt.
Wir haben einen eigenen Gegenstand,
der heißt Kommunikation und Sozialkompetenz,
von den Schülern liebevoll Koso genannt.
Da geht es einfach darum,
an der Schulkultur zu arbeiten,
die an einer solchen Schule
besonders wichtig ist.
Das sagen auch die Lehrer.
Es ist ja auch für Lehrer nicht ganz einfach,
Schüler zu unterrichten,
bei jedem Gegenstand gibt es immer
ein, zwei Schüler in der Klasse,
die mehr wissen als der Lehrer.
Das heißt, an dieser Schule,
und das ist auch ein Prinzip von Sir Karl Popper,
dieses Trial and Error Prinzip,
ausprobieren, Fehler machen,
dass eine Fehlerkultur aufgebaut wird
zwischen Schülern und Lehrern,
die diese wertschätzenden Beziehungen
eine ganz wesentliche Haltung
und ein ganz wesentliches Element
dieser Sir Karl Popper Schule sind.
Wer darf denn an dieser Schule
als Schüler sich unterrichten lassen?
Aber an der Oberstufe,
das sind in Österreich die 14- bis 18-Jährigen,
um dort aufgenommen zu werden,
gibt es einen international standardisierten
Begabungstest.
Den macht nicht einmal die Schule,
sondern die macht eine deutsche Begabungsforscherin,
die Frau Dr. Rohrmann,
die kommt da extra eine Woche nach Wien.
Der Test ist kostenlos
und testet im Prinzip kognitive Begabung.
Und zwar, der Test umfasst zwei Testbatterien.
Das eine ist eher schulwissensabhängig,
also da geht es ja wohl auch um Mathematik,
natürlich nicht um Jahreszahlen in Geschichte,
aber sozusagen um schulisches,
kognitives Verständnis.
Aber es gibt auch einen wissensunabhängigen Test.
Das sind zum Beispiel Matrizentests,
bestimmte grafische Symbole und so weiter.
Das ist deshalb so wichtig.
Es gibt tatsächlich Schüler,
die fallen im Regelschulsystem durch,
sind aber hochbegabt.
Um nicht missverstanden zu werden
bei unseren Hörerinnen und Hörern,
nicht jedes Kind, das in der Schule schlechte Noten hat,
ist hochbegabt.
Aber dieses Phänomen gibt es
in einem sehr unabhängigen Teil.
Und anschließend wird den Schülern
und den Eltern das Ergebnis kommuniziert,
wird ihnen auch gesagt,
was an dieser Schule gefordert ist.
Wir sind zum Beispiel in Wien die einzige Schule,
die noch eine Sechstagesschule ist.
Das gibt es sonst in Wien überhaupt nicht mehr.
Das heißt, es ist eine sehr leistungsorientierte Schule.
Aber die Schüler gehen dort wahnsinnig gerne hin,
weil es einfach ein ungemein
wertschätzendes Verhältnis
auch zu den Lehrern gibt.
Sie haben ja die Lehrer aus der Schusslinie genommen,
auch in den öffentlichen Schulen.
Was erwarten Sie denn insbesondere
von den Lehrern,
die ja nun vielleicht nicht gerade
an so einer solchen speziellen Schule arbeiten?
Was sind hier wichtige Prinzipien?
Also zunächst muss man dazu sagen,
90 Prozent dessen,
was die Popperschule pädagogisch macht,
kann an jeder öffentlichen Schule
problemlos gemacht werden.
Wir haben auch immer wieder Visitationen,
interessanterweise mehr aus dem Ausland
als aus Österreich und wir geben das her
und wir zeigen das her,
wie man das entsprechend machen könnte.
Das sind zwei Dinge.
Die Fähigkeit, Schüler zu begeistern
und eine tiefe Übereinstimmung
und Begeisterungsfähigkeit
für sein eigenes Fach.
Es gibt ein wunderschönes Zitat
vom Gründer der SOS Kinderdörfer,
Hermann Gmeiner,
der mal gesagt hat,
alles Große in der Welt geschieht nur,
weil jemand mehr tut, als er muss.
Und das ist das,
was nicht nur gute Lehrer auszeichnet,
sondern das ist etwas,
was an sich viele Menschen auszeichnet,
was auch immer.
Das sind Menschen,
die bereit sind,
mehr zu tun, als man muss.
Und leider sind das nicht unbedingt
jene Lehrer,
die vom Schulsystem gefordert werden
und gefördert werden,
ganz im Gegenteil.
Man mobbt die Leistungsmotiviertesten
und die Besten
und schützt diejenigen,
die gibt es leider auch,
die sogenannten Minderleister,
die einfach nur ihr Mindestprogramm absolvieren
und den falschen Beruf vergriffen haben
oder die irgendwann ausgebrannt sind,
sich von denen zu trennen.
Bei uns heißt das dann der Wanderpokal.
Der wandert dann von einer Schule
zu einer anderen und wird weitergegeben.
Aber das kann ja nicht der Sinn der Sache sein,
dass ja auch für den Betroffenen nichts Positives ist.
Also dieses Feuer dafür zu brennen,
mit Schülern zu arbeiten,
das ist nichts Leichtes.
Das sage ich auch zur Ehrenrettung der Lehrer.
Das ist vor allem bei uns in den Mittelschulen
immer schwieriger geworden.
Wir haben immer mehr verhaltensauffällige Kinder.
Die einfach nicht ruhig sitzen.
Die mit dem Zirkel auf andere Kinder einstechen.
Die überhaupt keinen Respekt
vor den Lehrern haben und so weiter.
Und ein normales Unterrichten,
auf das die Lehrer ja in ihrer Ausbildung vorbereitet werden,
ein normales Unterrichten fast unmöglich machen.
Gerade an diesen Brennpunktschulen
wird der Lehrer ja immer mehr zum Sozialarbeiter.
Natürlich hat jeder Lehrer
auch eine bestimmte sozialarbeiterische Funktion.
Aber der Lehrer und der Sozialarbeiter,
das sind schon getrennte Berufe.
Und deswegen ist es auch notwendig
in den Mittelschulen
viel verstärkter Schulpsychologen einzusetzen,
die sich dann besonders
um diese schwierigen Kinder kümmern,
damit nämlich die anderen
in ihrem Fortschritt, in ihrem Lernwillen
nicht gestört werden.
Wenn wir diese gesamten Problemfelder,
die Sie angesprochen haben,
bis hin zur Ausbildung der Lehrer zusammenfassen,
dann müsste man ja eigentlich erwarten,
dass von Seiten der Politik
ja endlich etwas in Angriff genommen wird.
Es sieht aber so aus,
und da haben Sie auch darauf hingewiesen,
dass die Politik eine,
sagen wir einmal,
sehr untergeordnete Rolle spielt.
Wie ist das zu erklären?
Naja, wirkliche strukturelle,
mutige Veränderungen im Schulsystem
werden natürlich nicht morgen oder übermorgen sichtbar,
sondern das hat eine gewisse Zeitverzögerung.
Aber wir werden nicht drum herum kommen,
das letztlich zu tun.
Und was ganz entscheidend ist,
die wenigen Länder,
die es wirklich geschafft haben,
strukturelle positive Reformen durchzuführen,
also ich nenne hier nur Singapur,
wobei man dazu sagen muss,
Singapur ist keine mit uns vergleichbare Demokratie.
Aber nehmen Sie Kanada her.
In Kanada sprechen die Kinder der Migranten
nach Abschluss der Schulzeit
teilweise besser Englisch
als die in Kanada geborenen Kinder.
Estland ist der große PISA-Sieger bei der letzten,
gibt pro Kind fast halb so viel aus wie Österreich.
Also Neuseeland macht das ja vorhin,
aber der Grundgedanke war immer,
dass der Premierminister,
der Bundeskanzler,
das zu seiner Sache macht
und grundlegende Schulreformen
einfach auch gegen alle Widerstände durchsetzt.
Das ist die einzige Möglichkeit.
Wir schauen bei uns immer auf den Bildungsminister,
aber die Kompetenzen des Bildungsministers,
diese Verlangs an Systembewahrern
ist so stark,
dass es wahnsinnig schwierig ist,
da wirklich was durchzusetzen.
Daher ist meine Forderung,
jetzt auch in diesem Wahlkampf in Österreich,
Bildung muss eine der drei nationalen
Top-Prioritäten für Österreich werden.
Meiner Meinung nach übrigens auch für Deutschland,
weil es ja auch deutsche Zuseher hier gibt.
Wir können uns nicht leisten,
als Europa hier noch weiter zurückzufallen.
Was haben wir denn?
Es gibt übrigens ein paar Dinge,
die man ganz schnell machen könnte,
die dann natürlich auch Wirkung zeigen würden.
Und da sagen Sie uns doch vielleicht
noch gerade ein Beispiel,
in Bezug auf diese Brennpunktschulen,
in Bezug auf den sehr hohen Anteil
nicht deutschsprachiger Kinder.
Was wäre eine erste wichtige Maßnahme?
Die wichtigste Maßnahme wäre,
massiv in die Elementarpädagogik zu investieren.
Wenn wir die besten Kindergärten der Welt
schaffen würden,
dann hätten wir in zehn Jahren automatisch
eines der besten Bildungssysteme der Welt.
In Kanada ist es zum Beispiel so,
dass die Elementarpädagoginnen
gleich viel wie die Lehrer verdienen
und dass das dort auch ein Teil
des Bildungssystems ist.
Das wäre ein ganz entscheidender Schritt.
Elementarpädagogen entsprechend wie Lehrer auszubilden,
entsprechend zu fördern
und auch entsprechend das gesellschaftliche Standing
zu geben, das sie verdienen.
Das wäre der entscheidendste Schritt.
Gehirnforscher sind sich einig,
dass du im Kindergarten in Deutschland,
in der Kita,
mit dem geringstmöglichen Aufwand
den maximalen Bildungsnutzen erzielen kannst.
Aber wir haben viel zu große Gruppen
in Österreich und in Deutschland.
Wenn auf eine ausgebildete Kindergarten,
also Elementarpädagogin,
21 Kinder kommen,
ja wie soll denn da Sprachförderung passieren?
Wie soll denn da geschweige denn
individuelle Förderung passieren?
Das kann nicht funktionieren.
Da sind uns zum Beispiel
einige Maßnahmen,
wo man sehr früh
Staatnachteile, Sprachnachteile,
soziale Nachteile kompensieren könnte.
Andreas Salcher gehört
zu einem der bekanntesten Kritiker
des österreichischen Bildungssystems
und zu den erfolgreichsten Sachbuchautoren
in seinem Heimatland.
2023 erschien sein aktuellstes Werk
Unsere neue beste Freundin,
die Zukunft.
Herr Salcher,
unser Gespräch und Ihre Publikationstätigkeit
beweisen es,
ich bedanke mich bei Ihnen
ganz herzlich für das anregende Gespräch.
Vielen Dank.
Evelyn Weinziel
hat in den 80er Jahren die Schule besucht
und erzählt,
welches Schulerlebnis sich bei ihr
am meisten eingeprägt hat
und wie sie aus heutiger Perspektive
diese Lebensspanne beurteilt.
Ich komme aus dem Schwarzwald.
Ich kam dann ins Gymnasium 1980.
Die lebhafteste Erinnerung
an meine gymnasiale Zeit,
das war der Chemielehrer,
der mir das Chemiebuch hinterherwarf,
weil ich das zum wiederholten Male
vergessen hatte
und er daraus einen Rückschluss
auf mein Verhältnis zu seinem Unterricht zog.
Wir haben also diesen Klassenraum
nach dem Chemieunterricht verlassen
und hatten Schubfächer unter den Pulten.
Ich bin dann gemütlich aus der Tür raus
den Schulgang entlang geschlendert
und plötzlich flog ein Chemiebuch
seitwärts an mir vorbei.
Ich habe das wirklich
nur noch als Bild im Kopf.
Das war mein Verhältnis
zu den Naturwissenschaften.
Ich konnte viel anfangen mit Sprachen.
Ich habe in Baden-Württemberg
mit Französisch angefangen,
weil wir französische Alliierte haben.
Englisch mochte ich dann auch sehr,
wobei ich auch sagen muss,
ich fand es an den Rückblicken betrachtet
nicht schlecht, mit Französisch anzufangen,
weil wenn man eine neue Sprache lernt,
halte ich Französisch für die deutlich
anspruchsvollere Sprache,
die einfach ein höheres Maß
an Strukturen und Disziplinen
bei meinem Lernen braucht.
Ich mochte Deutsch.
Ich las gerne.
Es fiel mir nicht schwer.
Ich hatte einfach
einen natürlichen Zugang dazu
und Kunst mochte ich.
Ich hatte in der fünften,
sechsten, siebten Klasse
einen für damalige Verhältnisse
sehr progressiven Lehrer.
Da gab es natürlich Menschen,
mit denen man gut konnte
und gerade so in den unteren
Stufen des Gymnasiums
halte ich dieses Lehrer-Schüler-Verhältnis
immer noch für wahnsinnig prägend.
Man sagt ja, dass Kinder eigentlich
in der Grundschule nur für den Lehrer lernen.
Und ich glaube, das zieht sich einfach
auch in der Gymnasialstufe
noch eine ganze Zeit.
An wen habe ich da eigentlich
positive Erinnerungen?
Das war ein Französischlehrer
ganz definitiv.
Es war einer der Seltenen,
der diese natürliche Autorität hatte,
den natürlichen,
hintergründigen Witz
und musste einfach überhaupt
zu keiner Zeit und an keiner Stelle
zu irgendwelchen
drakonischen Maßnahmen greifen.
Er hatte diese natürliche Autorität
und die feine Beobachtungsgabe.
Das war auch mit einer allgemeinen
Menschenfreundlichkeit verbunden.
In meiner Schulzeit wurden
Hausaufgaben kontrolliert,
definitiv.
Es gab eigentlich immer Hausaufgaben.
Ich komme ja auch aus der Generation,
die die Grundschule hatte.
Meistens die gefürchteten Doppelstunden
Mathe untereinander.
Hausaufgaben wurden auch
in irgendeiner Form abgefragt.
Es war besser, man machte sie.
Auch wenn es in den letzten
fünf Minuten vor dem Unterricht war,
wo man sich dann von irgendeinem
anderen Schüler das Heft schnappte.
Ich bin nach vier Jahren Grundschule
aufs Gymnasium gekommen und es war so,
dass es vorher Eignungsprüfungen gab
in der vierten Klasse.
In Mathe und in Deutsch wurden
Schulformen entschieden.
Und da haben es auch bei weitem
nicht alle aufs Gymnasium geschafft.
Bei mir in der Schule war es eben so,
dass unser Klassenverband wirklich
von der fünften bis zur elften Klasse
zusammen war.
Klar, natürlich kamen da gelegentlich
mal Schüler noch von außen dazu
oder es gab Sitzenbleiber.
Der Kernklassenverbund war bis zur
elften Klasse und dann hatten wir in
den letzten beiden Jahren die
Leistungskurse.
Mathe verpflichtend, im Abitur
Sport und Biologie wählen.
Sie kamen aber nicht drum rum,
im Grundkurs Mathe und im Grundkurs
Deutsch ein Abitur zu schreiben.
Also es war kein schlanker Fuß.
Allerdings konnte man auch den
Fächer abwählen und ich konnte dann
auch das Chemiebuch abwählen
und das Physikbuch.
Wir hatten durchgehend Geschichte
bis zur elften Klasse.
Wir hatten durchgehend Biologie,
wir hatten durchgehend Physik,
wir hatten durchgehend Chemie.
Die Unterrichtsführung war frontal.
Es gab keine Gruppenarbeit.
Einschließlich der elften Klasse
waren wir 30 Leute.
Das war für den ländlichen Raum
ein großes Gymnasium.
Wir hatten tausend Schüler.
Das waren jeweils vier Klassen
und das waren 30 Leute.
Und ich glaube, das war für die
Lehrerseite stellenweise durchaus
eine Herausforderung.
Es hat mir zum Beispiel,
und das bedauere ich sehr jetzt
gerade in den letzten Jahren,
den deutschen Astronomen
die Furcht vor gelbem Reklamheftchen
eingetragen.
Wer geht denn davon aus,
dass ein Achtklässler
der zerbrochene Krupp lesen will
oder Nathan der Weise
oder Hans und Heinz Kirch?
Das hat mit der Lebensrealität
absolut nichts zu tun.
Es holt die Kinder in ihrer
Entwicklung absolut nicht ab.
Man pfeift sich das dann rein.
Ich habe es später überhaupt nie
mehr gemacht bis zum Leistungskurs.
Und heute weiß ich,
ich habe kein Wort verstanden,
aber ich fand es trotzdem toll.
In der 11. Klasse habe ich
plötzlich verstanden,
Mensch, das hier hat etwas
mit dir zu tun.
Das ist nachher ein Eintrittsticket.
Und ich habe das Geschäftsmodell
des Ganzen kapiert
und habe mir vorgenommen,
okay, ich gehe aus dem Laden
raus mit einer Eins vorm Komma.
Das war Ende 10. Klasse
absolut nicht abzusehen,
dass ich das Geschäftsmodell
begriffen habe.
Ich war ziemlich verblüfft,
wie einfach sich Lehrer
einwickeln lassen
und wie einfach diese Regeln sind.
Sie hörten die neuste Ausgabe
unserer Sendung Lehrerzimmer.
Jede Woche eine Stunde
rund um Bildung und Schule.
Es freut mich,
dass Sie dabei waren.
Unter lehrerzimmer
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Am Mikrofon verabschiedet sich
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