Menschenbilder: Über Freiheit

Kontra Funk
30 Abonnenten
6 Videoaufrufe·06.10.2024
Source:
https://www.spreaker.com/episode/menschenbilder-uber-freiheit--62208251
Freiheit: Was ist das eigentlich? Woher kommt Freiheit? Was bedroht Freiheit persönlich und gesellschaftlich, politisch? Oder gibt es Freiheit gar nicht, und der Mensch ist nicht mehr als ein komplizierter Affe, wie einige Hirnforscher oder Evolutionsforscher behaupten?
Herzlich willkommen zu Menschenbilder, der Sendung im Kontrafunk.
Mein Name ist Giuseppe Grazia.
Ich darf diese Sendung regelmässig gestalten mit Jeannette Fischer,
der Psychoanalytikerin aus Zürich.
Jeannette, guten Tag.
Grüezi Giuseppe.
Freiheit, das ist das, was wir heute besprechen wollen, Freiheit.
Was ist das eigentlich?
Die meisten setzen einfach Freiheit voraus.
Man hört den Begriff tausendmal, so wie Liebe oder so.
Das ist die Grundlage der Menschenrechte.
Ohne Freiheit wäre das gar nicht möglich, solche Rechte aufzustellen.
Aber eigentlich ist gar nicht so klar, was wir unter Freiheit verstehen,
jetzt nach meiner Wahrnehmung.
Ja, das finde ich auch.
Darum finde ich es gut, wenn wir heute darüber reden
und einmal versuchen, diesen Begriff auseinanderzunehmen
oder vielleicht auch zu verstehen überhaupt.
Aber du schaust ja immer so gerne nach der Bedeutung
oder auch nach der Etymologie des Begriffs.
Was hast du nachgeschaut bei Freiheit?
Ja, habe ich natürlich gemacht.
Dann zeig mal hier.
Ich glaube, wir haben heute zwei komplett verschiedene Strömungen,
die diametral auseinandergehen.
Das hat der katholische Theologe Romano Guardini
schon in den 50er-Jahren vorausgesehen.
Er sagte, der Apostmoderne wird eine Mischung sein aus Halbgott und Ameise.
Damit hat er gemeint, quasi der Wahn der Selbsterlösung.
Also man ist total frei von allen Bedingungen
und kann sich sogar über die körperliche Realität wegschwingen.
Bis zu, wie sind deine Ameise?
Wie sind eigentlich Tiere oder komplizierte Affen oder so?
Und du findest heute, wenn du den Begriff Freiheit googelst
oder Freiheitsdiskussionen anschaust, genau diese zwei Strömungen.
Die einen, ich sage jetzt mal die esoterischen zum Beispiel,
die quasi sogar eine Freiheit jenseits deiner körperlichen Existenz predigen.
Das wäre heute die Gender-Theorie, oder?
Zum Beispiel eine Freiheit über meine Biologie hinaus.
Und die anderen, die Neurologen und die naturwissenschaftlichen Strömungen,
die sagen, nein, nein, also es gibt gar keine Freiheit.
Es gibt auch gar keinen Geist oder so.
Das ist alles Biologie und Chemie.
Und der Mensch ist mehr oder weniger ein komplizierter Affe, oder?
Und das läuft wie parallel nebeneinander.
Und ich finde das bemerkenswert.
Ich glaube, das ist wirklich die Postmoderne,
die diese Schizophrenie zum Teil gar nicht mehr merkt.
Also ich bin überzeugt, es gibt Humanisten,
die am Abend einen Vortrag besuchen über die tierische Natur des Menschen
und das Böse, was der Mensch alles macht.
Und am nächsten Tag spenden sie einem Gender-Beauftragten Geld,
damit der sagen kann, wir stehen über unserem Körper.
Das merken die gar nicht, dass das schizophren ist, oder?
Also das würde auch heissen,
wir sind nicht mehr bedingt gebunden an unsere Körper
oder an andere Menschen, oder?
Also das wäre ja quasi dieser Trakt.
Die Halbgott-Trakt, oder?
Ja, genau.
Also das heisst, wir sind keine bedingten Wesen mehr.
Genau. Wir schwingen uns über alles hinweg.
Also dass wir verleugnen, dass wir bedingt sind.
Auch indem wir das Geschlecht wechseln und so weiter.
Vielleicht verleugnen wir damit auch die Sterblichkeit.
Das ist ja auch eine Bedingung, die wir im Leben mitbekommen,
dass wir sterben.
Also das ist schon eigenartig, finde ich, oder?
Also dass man versucht, aus diesem Bedingtsein
in die Bedingungslosigkeit zu kommen.
Und dass man das dann unter Freiheit versteht.
Das finde ich jetzt grossartig zusammengefasst.
In die Bedingungslosigkeit zu kommen
und meinen, das ist Freiheit.
Ja, wenn ich das jetzt so verstehe, wie du das geschildert hast.
Das ist sehr gut zusammengefasst.
Und der andere Strang wäre dann
in die totale Unterwerfung unter die Bedingung.
Ja, da sind wir nur Bedingung.
Nur noch Bedingung.
Beides ist aber ein Extrem, oder?
So ein bisschen Sadomaso,
oder wie auch immer man das dann nennen kann.
Ja, aber ich meine, man sucht in der Esoterik ja immer
diese Überwindung von Bindung und von Bedingung.
Ich glaube, das ist auch der Trend hier,
wie man Buddhismus praktiziert.
Also ich will da nicht jemandem Unrecht tun,
aber diesen Touch hat es oftmals dabei,
aus der Bedingung rauszugehen,
aus der Gemeinschaft rauszugehen.
Und ich frage mich, warum das so einen Aufwind hat,
die Esoterik oder auch diese fernöstlichen Religionen,
auch Taoismus, Buddhismus und so weiter.
Zen, auch diese Praktiken.
Ich bin nicht dagegen, das meine ich nicht,
aber es ist doch wirklich ersichtlich,
dass die hier ein grosses Revival haben,
im Gegensatz zum Christentum,
das immer mehr verschwindet.
Ich meine, aus den alltäglichen Köpfen.
Und da frage ich mich, wieso suchen wir dann diesen Weg?
Also in die Bedingungslosigkeit zu kommen.
Wieso suchen wir das?
Hast du eine Ahnung?
Ich vermute auf einer spirituellen Ebene
oder auf einer psychologischen Ebene,
nein, eher auf einer spirituellen,
eigentlich vermute ich zwei Sachen.
Erstens, man möchte glauben,
dass die Selbsterlösung möglich ist.
Also ich brauche niemanden.
Ich brauche kein Du, kein Gegenüber,
um mich zu erlösen von Leitgefühlen,
von Leiterfahrungen, von unangenehmen Sachen,
von innerer Leere oder
wovon auch immer ich mich erlösen will.
Und dann gibt es eine spirituelle Technik
aus dem fernen Osten, die mir verspricht,
ich kann durch Meditation mich hinausheben
über diese Bedingungen,
die das Leben mir quasi zumutet.
Oder bei der Gender-Theorie,
ich bin nicht gern ein Mann, zum Beispiel.
Also ich schon jetzt,
aber es gibt Leute, die nicht gerne Männer sind.
Ich genieße meinen Mannsein sehr,
habe ich jeden Tag,
aber es gibt Leute, die das hassen.
Und jetzt verspricht mir irgendeine Technik
oder irgendeine Theorie,
ich kann mich davon erlösen,
indem ich mich umoperiere, zum Beispiel.
Oder wegmeditiere oder was auch immer.
Und das hat eine grosse Anziehungskraft.
Die Theorie ist eigentlich uralt,
3000 Jahre alt.
Es gibt die Manichäer,
300 nach Christus sind die Manichäer sehr gross.
Aber das sind eigentlich gnostische,
spirituelle gnostische Bewegungen,
die sind uralt und die sind nicht unbedingt
aus dem fernen, sondern auch aus dem nahen Osten.
Auch vor der christlichen Lehre
gab es die schon, war immer ein Begleiter
zu den anderen Strömungen der Religion,
die dich als Bedingung voraussetzen.
Also dieses
sich befreien können, selber wie ein Gott
sein können, das ist wie eine alte Geschichte.
Im Paradiesgeschichte
kommt das übrigens auch vor.
Was der Teufel dort verspricht, die Schlange ist genau das.
Also du kannst selber sein wie Gott.
Du bist nicht bedingt, du bist kein Geschöpf.
Das ist eine Lüge.
Und darum, das ist ein uraltes Ding
und das muss eine grosse Anziehungskraft haben
auf viele Menschen. Ich vermute mal
auf Menschen, die vor allem enttäuscht sind von Bindungen.
Ich glaube nicht so sehr
an die Hochmuttheorie.
Ich finde die zu negativ.
Ich will hoch hinaus. Das mag für einige
elitäre Menschen gelten, aber für die meisten
Menschen, die ich jetzt auch kenne,
die esoterische Angebote auch
nehmen, habe ich das Gefühl, es ist eher
eine Enttäuschung über Bindungen.
Also man hat eine schlechte Erfahrung gemacht,
indem man vom Du quasi abhängig war
irgendwie und will das nicht mehr.
Man meidet quasi
das Du und will eben im Ich
bleiben und dort das sich irgendwie
herausholen, oder?
Also ich glaube, wenn jetzt Menschen alle glücklich wären
mit Beziehungen, würde das nicht so einen Erfolg
haben. Das ist meine Theorie.
Ja, ja, das leuchtet mir ein.
Was ich noch zufügen möchte,
ist die Triebhaftigkeit.
Also die wird ja dann, so
wie ich das verstehe, im spirituellen
Raum wird die aufgehoben.
Also ist es auch eine Form,
dass gerade der
Buddhismus und Taoismus
und Zen hier so
weit verbreitet sind, glaube ich
auch ein Versuch,
Kontrolle über die Triebhaftigkeit
zu bekommen. Also ich bin
ja Freudianerin, weil das immer
eine subversive Energie ist,
die sich nicht an Konventionen hält,
und ich rede da nicht von Gewalt,
sondern einfach an gesellschaftliche
Konventionen. Das Ziel des Triebes
ist variabel, das hat schon Freud
gesagt, und dann gibt es natürlich
gesetzliche Einschränkungen mit
Kindern usw. oder
Inzest-Tabu, aber sonst
ist das Ziel des Triebes
variabel, und das heisst, man muss sich mit
einem Gegenüber
auseinandersetzen.
Weil dieser Trieb auch subversiv
ist, kann man ihn natürlich
am besten unter Kontrolle kriegen,
wenn man ihn verhindert.
Also wenn man so ruhig und gelassen
wird, ich bin jetzt vielleicht ein bisschen böse,
dass er gar nicht mehr stattfindet,
was ich eigentlich nicht glaube
und mir nicht vorstellen kann,
dann ist damit
auch Subversivität gebunden,
also eingebunden
oder domestiziert.
Und das andere ist ja, sonst
sind wir bedingt, also das heisst,
wir sind an ein Du gebunden,
also an ein Du und mehrere
Dus in der Gemeinschaft sind wir
gebunden, und da spielen immer
eine grosse Palette von Emotionen
eine Rolle. Man liebt
den Anderen, man hasst den Anderen,
man ist wütend auf den Anderen, man freut sich
auf den Anderen, man begehrt den Anderen,
man begehrt ihn erst recht nicht,
den Anderen, also sobald
ein Gegenüber auftritt, impliziert
es Reibung.
Und ich frage mich, warum wir
das dann versuchen, also
wir sind bedingt,
also an Gemeinschaft
und an ein Gegenüber.
Warum das so
unbedingt aufgehoben werden muss?
Und das dann
Freiheit bedeutet?
Das ist eine sehr gute Frage.
Und ich teile diese Diagnose,
man meidet das, man möchte das eben
auflösen. Und vielleicht
nicht einmal nur, weil ein Machtdiskurs
da ist, der mir einredet, meine natürliche
Neigung sei negativ, sondern
es ist auch Selbstkasteiung.
Es ist eben unangenehm, es ist eben
für einen selber unkontrollierbar, oder?
Auch im ganz Banalen,
du begegnest in einer Gruppe von Menschen,
verschiedenen Menschen, einem Raum, oder?
Bei einem Anlass. Und du spürst auch von
Anfang an sofort, jeder dimmt
sich selber auf das Minimum an Risiko herunter.
Keine schwierigen
Themen ansprechen, ja, nichts
wirklich Persönliches fragen,
ein oberflächliches Geschwätz, oder?
Ich persönlich vertrockne
dann ganz langsam in solchen Settings,
oder? Wenn das zwei, drei Stunden geht, bin ich
nachher total erschöpft, während ich,
wenn ich jetzt mit dir zum Beispiel spreche, geht es mir
nachher immer besser, ich bin immer frischer, als wenn
ich gekommen bin. Danke, gleichfalls.
Ja, aber das ist doch der Unterschied,
wir riskieren einander
ein bisschen, stückweit natürlich, nicht
total radikal, aber wenn bei guten
Begegnungen passiert ist, dann macht dich das lebendig.
Und wenn das aber nicht mehr passiert,
macht es dich nur noch müde, es kostet
dich Kraft und vielleicht leidest
du sogar darunter, bist einsam,
und dann denkst du vielleicht irgendwann, ich lass das
ganz, oder? Ich riskiere ja gar nichts mehr
und suche mir eben so einen
buddhistischen Zen-Kloster
und dann meditiere ich mich quasi aus der
Wirklichkeit raus, oder so. Und
fällt mir gerade ein, das, was du von Begehren gesagt hast,
ist ganz wichtig beim Buddhismus, ist
Begehren sehr negativ.
Also, Begehren bedeutet
freiwillig wieder ins Leiden hineinkommen,
oder? Das ist verschrecklich,
Begehren ist wirklich, das musst du überwinden, oder?
Ja, ja, das ist
mit Leiden verbunden.
Auch nach der Vertreibung aus
dem Paradies beginnt ja auch das
Leiden, oder? Unter Schmerzen
sollst du gebären, und so weiter.
Also steckt ja dahinter
eine Vorstellung von
sogenannter Freiheit, wenn ich diesen Begriff
hier einfügen kann, von
einem leidlosen Dasein.
Aber das kann nur leidlos ja sein,
dann in diesen Religionen, auch
im Buddhismus, und ich glaube vielleicht auch
im Christentum, wenn das
gegenüber keine Rolle mehr spielt.
Also beim Christentum ist es anders, oder?
Also dort ist alles Beziehung, oder?
Eben, es ist nicht zwingend, dass der Mensch leidet.
Absolut nicht, weil das ist ja das Paradies.
Dass er aber leidet und eben
sterblich wird, der war ja auch nicht sterblich am Anfang,
ist ja, weil er
selber sein will wie Gott, und das geht dann gründlich
schief, oder? Also das ist ja
eigentlich, es ist eine Beziehungsstörung.
Also für mich ist die ganze Erbsündenlehre
die Geschichte einer Beziehungsstörung, die bis
heute anhält. Ich habe Misstrauen
in meinen Vater im Himmel,
oder in die Schöpfung, in den Grund
meiner Schöpfung habe ich Misstrauen,
und dieses Misstrauen vergiftet mir
mein ganzes Leben derart,
dass ich daran zugrunde gehe.
Das ist für mich die christliche Anthropologie,
und dass das aber nicht sein müsste,
das ist am Anfang auch nicht so gewesen,
und der Herrgott will das auch nicht so.
Das ist die christliche
Anthropologie, ganz etwas anderes.
Das Leben ist eigentlich eine
große Freude, oder?
Und beim Buddhismus, wie Buddha
sagt, ist das Leben wesentlich
leiden. Deswegen ist das Ziel
ja auch herauszukommen aus dem
Rat des Leidens, oder? Das Ziel ist
ja nicht, gute Beziehungen zu haben,
das Leben weiterzugeben, das Leben
zu feiern, so wie das christliche
eigentlich voraussagt, auch das jüdische
im Übrigen. Jesus ist ja ein Jude, das
merkt man an der Anthropologie.
Leben feiern, Leben weitergeben,
die Welt besser hinterlassen, als man sie vorfindet.
All diese Dinge sind im Buddhismus
völlig dumm. Du musst einfach schauen,
dass du nicht wiedergeboren wirst. Das ist eigentlich
deine primäre Aufgabe. Dazu musst du nett
sein zu anderen, weil wenn du nicht nett bist,
wirst du nochmal geboren.
Also man kann eigentlich sagen, die Erde ist
eigentlich das Purgatorium
bei den Buddhisten, oder?
Das ist total negativ.
Wir wären gar nicht hier, wenn wir nicht das
Purgatorium verdienen würden.
Also das ist krass, oder? Und dein Glück
wäre es, im nächsten Leben nicht mehr geboren
zu werden, oder? Das ist dein grösstes Glück.
Das heisst, Buddhismus ist
die Lehre, wie ich die Welt
überwinden kann, im Grunde.
Dieses Leben, das wir führen, überwinden
ist das Ziel. Und Christentum
ist, wie ich das Leben richtig
verstehen kann, damit es in die Fülle
kommt. Es geht um Fülle.
Ich rede jetzt nicht von der Kirche, gell?
Was die Kirche daraus macht, ist was ganz anderes.
Leider. Aber die Idee
des Christentums und ja auch des Judentums
ist, in die Fülle des Lebens
zu kommen und die anderen sagen, wie du es
verlassen musst. Beim Islam kenne ich mich
leider nicht so gut aus.
Ich vermute dort eher eine Art
Königstheologie, also dass da irgendwie
der Herrscher im Himmel dir sagt,
was du tun musst. Und solange du diese
Checkliste quasi einhältst, ist alles gut.
Du musst gar nicht nachdenken eigentlich, oder?
Was erklärt darum diese
Religion eher etwas für,
sag jetzt mal, einfachgestrickte.
Also wie ist dann der Begriff der
Freiheit jetzt im Christentum und Judentum?
Ist bei Jesus einfach
zu lesen? Die Wahrheit macht dich frei.
Und die Wahrheit ist eben, was ich jetzt
gerade gesagt habe, also nach christlicher
Auffassung ist die Wahrheit, du bist
nicht dazu prädestiniert, hier
zu sterben und zu leiden die ganze
Zeit. Und du kommst auch nicht von hier.
Du bist hier nur ein Mieter. So ein
Vorläufiger. Und deine Bestimmung ist
das ewige Leben in grösster Fülle.
Das ist die Wahrheit. Und wenn du die in dir
leben lässt, wirst du ganz frei.
Also Freiheit ist nicht inhaltslos.
Und das ewige Leben,
was ist das ewige Leben? Das ist die ewige
Gemeinschaft mit Gott. Alle Menschen
sind da. Und gibt es auch Bindung
zwischen den Menschen? Ja, die Bindung löst
sich nicht auf. Die Behauptung ist eigentlich,
das ist der schönste Aspekt für mich beim Christentum,
die Bindung ist stärker als
der Tod. Deswegen ist die Lehre
der Auferstehung, also die ganze Geschichte der
Auferstehung hat ja nichts anderes für mich
zur Folge, als dass ich sage, die Beziehung
zur Schöpfung ist so stark, dass sie
sogar den Tod überwindet.
Der letzte Feind im Evangelium ist
der Tod. Der wird bezwungen.
Das ist die Behauptung des
Christentums, was die Christen
bei Auferstehungsfesten feiern,
also bei Ostern zum Beispiel.
Sagen sie, ah,
ganz spannend ist der Vergleich mit dem Buddhismus,
weil dort ist die Bindung eine
Illusion, weil das Ich ist ja eine Illusion.
Es gibt kein Ich und Du. Und je mehr
wir daran aber festhalten, dass es das
gäbe, desto mehr werden wir
leiden. Das heisst, das Nirwana
ist ein bindungsloser Raum.
Auf Wiedersehen.
Es ist eine radikale Spiritualität
und natürlich, was wir heute haben
in Europa oder in Hollywood ist natürlich
so eine Art esoterisch verdünnte Suppe
davon. Das nimmt niemand wirklich so ernst.
Aber grundsätzlich ist das eine ganz
andere Sichtweise auf die Existenz.
Es ist eine Illusion. Sie muss überwunden werden.
Alles, was wir jetzt hier machen
mit spannenden Begriffen, ist alles Illusion
und verstärkt nur noch unser Leiden
und so muss man alles überwinden.
Und bei jüdisch-christlicher Tradition sehe ich
eher, dass man in die Fülle des Lebens
kommen sollte. Und die
eigentliche Bindung eben an Gott
und an die Mitmenschen ist die eigentliche Wahrheit.
Ich finde es eben noch verrückt,
oder? Im Christentum
sind ja die Priester
sind zölibatär
unterwegs. Also das heisst,
sie dürfen nicht heiraten,
beziehungsweise sie dürfen eigentlich
überhaupt keinen Geschlechtsverkehr
haben. Sehe ich das richtig?
Ja, also es ist wie beim Zen-Buddhismus,
auch beim Dalai Lama, das sind ja auch
Zölibatäre. Es gibt eigentlich fast in jeder
Weltreligion Zölibatäre.
Gibt es schon seit Jahrtausenden
und die Idee ist, dass man alles auf eine
Karte setzt, auf Gott, oder?
Weil man ja hier vorläufig auf der Welt ist.
Jesus selber war ja Zölibatär,
so sagt es die Überlieferung
und das ist die Jesusnachfolge
dann für die Priester, die Christlichen und ich glaube
bei Buddha ist es so, dass der ja gar nicht
mal entscheiden konnte, ob er Buddha ist.
Dalai Lama finde ich noch krasser.
Der wird ja geboren als Dalai Lama
und dann heisst es einfach, wenn du
ein Kind bist, du bist die Wiedergeburt und dann kannst du
ja nicht sagen, als Priester kannst du
sagen, ich werde kein Priester.
Also ich finde das noch viel schlimmer.
Ich persönlich kann mir das jetzt auch nicht
vorstellen, mein Leben ohne Sexualität,
aber die können das und ich kenne
einige Priester, denen ich auf jeden Fall
sofort glaube,
weil ich das auch spüre, dass
sie für alle da sind und
da sein wollen und einfach wirklich
nur das sein wollen.
Das ist quasi wie eine Art Gnade, oder?
Und sie sind schon verheiratet, aber eben mit der Kirche, oder?
Es ist eine radikale
Spiritualität und auch nicht
zu verstehen ohne Gott, also letzten
Endes, kann man nicht nachvollziehen.
Ich frage mich nur, oder,
ich meine diese Triebhaftigkeit und
ich meine das nicht nur sexuell,
sondern das ist ein Ausdruck davon.
Diese Triebhaftigkeit, diese Lebensenergie,
auch, dass man Lust
hat auf ein Gegenüber, dass man Lust
hat auf Reibungsfläche, ob sie
jetzt sexuell ist oder nicht sexuell,
finde ich, spielt gar keine Rolle.
Das ist derselbe Diskurs, dass
man so etwas so Kreatives
einfach wie ausschliessen
kann aus einem Leben.
Das kann ich irgendwie nicht
verstehen, ausser dass
ich das verstehe als Kontrolle,
als Fakt in einem
Machtdiskurs. Wenn man das
nämlich ausschaltet, dann
hat man Macht über diesen Menschen.
Der Dalai Lama hat mal etwas gesagt,
was kein katholischer Priester und auch
kein Papst sich je getrauen würde.
Er hat mal gesagt zum Thema des Zölibats,
der Zölibat unterscheidet mich
vom Tier. So hat er das gesagt,
in einer bekannten Zeit, ich glaube in New York Times.
Ich meine, also das ist
natürlich nicht die christliche Perspektive auf den Zölibat.
Der Mensch ist nicht einfach ein
Tier, auch wenn er Sex hat. Das stimmt natürlich so
nicht. Aber mit Freud könnte
man eher das verstehen mit der
Sublimationsthese wahrscheinlich. Es ist ja
nicht so, dass die keinen Trieb haben und keine Lust
und keine Reibung, sondern die sublimieren das
und ganz bewusst.
Soviel ich weiss, wird das auch so
beigebracht, wie du sublimierst.
Übrigens auch bei den Frauen.
Das ist im Kloster sehr ähnlich.
Dass das so schwer zu leben ist, sieht man
ja jeden Tag. An diesen ganzen Missbrauchsgeschichten
sieht man das ja überall. Also das ist
sehr schwer zu leben. Aber ich glaube,
dass das eine Lebensform sein kann, die
auch frei macht. Das glaube ich. Es gibt
diesen berühmten Satz, o Keuchheit, o Freiheit.
Von wem ist der?
Ich glaube von Camus,
der alles andere als Keuch
gelebt hat.
Alles andere als Keuch gelebt hat.
O Keuchheit, o Freiheit. Das schreibt er sogar
in einem Tagebuch, wo er da mal ein paar
Jahre... Ja, ja, eben. Ich kann
mir das schon vorstellen, dass er das so
gesagt hat, gerade weil er so
verwickelt war in diese Frauengeschichten,
dass er sich vielleicht
das gewünscht hätte,
also begehrenlos sein zu können.
Einfach zumindest mit Frauen nicht mehr
die ganze Zeit, weil der sah gut aus,
der war erfolgreich. Er hatte wahrscheinlich sehr
viele Verstrickungen, oder? Sagen wir mal so.
Ähnlich wie halt auch viele berühmte Leute das erleben
und so. Aber ich glaube, Freiheit
ist auf jeden Fall grösser als die
Bedingungen, die wir haben. Und vielleicht können
wir mal darüber reden, weil ich...
Mir scheint ja, heute ist ein grosser Irrtum
gerade unter jungen Menschen
da. Nämlich, die meinen ja, Freiheit
hat mit Optionen zu tun.
Also je mehr ich quasi wählen
kann, oder? Weisst du, Jobperspektiven,
Frauen, Männer,
Auswahl an Partnern, Auswahl
an Biersorten, Auswahl
an politischen Parteien und so weiter.
Je mehr ich wählen kann, auswählen,
desto freier bin ich. Also Freiheit
als quasi Option, oder?
Optionaler Freiheitsbegriff. Und da
müsste man, finde ich, schon mal darüber reden.
Ich glaube, das ist fatal falsch.
Also fatal falsch. Was wäre dann
die Freiheit, die Kontrolle zu haben,
zum Beispiel über den eigenen Körper?
Eine Option, oder? Ich kann mich so
kleiden, oder so, oder umschneiden.
Oder eben eine Gesellschaft,
die ist dann frei, wenn ich verschiedene Parteien
zur Auswahl habe.
Also ein politisches System und so.
Aber das stimmt doch nicht, weil das ist absurd.
Weil je mehr ich ja wähle,
desto unfreier werde ich, oder?
Also Freiheit ist ja dann abhängig von der Wahl.
Also dann ist die gescheiteste Variante,
das ist das für die Jugendlichen, die mich jetzt machen,
gar nicht mehr zu wählen.
Nicht mehr politisch wählen, keinen Partner mehr wählen,
keinen Beruf mehr wählen auf die Dauer.
Auch nicht einmal den Job mehr richtig wählen,
sondern so halbpatzig, halb Teilzeit.
Also das nicht mehr
sich entscheiden für etwas,
alles gleichzeitig wollen,
das führe ich zurück auf den
Freiheitsbegriff. Denn wenn meine Freiheit
darin besteht, viel auszuwählen,
muss ich ja möglichst wenig auswählen,
dass das immer noch möglichst frei bleibt.
Oder? Ist ja logisch. Und ich glaube,
das ist fatal. Freiheit ist
keine Entscheidungsoption,
die ich habe. Freiheit ist eine Folge davon.
Also wenn ich die falsche Wahl
treffe, in Bezug auf meine Arbeit
oder in Bezug auf meinen Partner,
und dann fühle ich mich
gefangen im falschen Leben, im falschen Beruf,
dann werde ich unfrei.
Wähle ich richtig, werde ich frei.
Verstehst du, was ich meine?
Ja, ich verstehe. Es geht nicht um die Freiheit
des Wünschens, auch nicht um die
Freiheit, die Bedürfnisse kontrollieren
zu können oder immer befriedigen
zu müssen. Das ist ja auch dieser
Freiheitsbegriff. Ich habe Bedürfnisse,
die müssen jetzt befriedigt werden.
Ob schnelles Auto oder
Kinderwunsch oder was auch immer.
Freiheit ist meines Erachtens nicht,
das tun zu dürfen, was
nicht verboten ist, sondern Freiheit ist
dieser Raum, der sich ergibt,
wenn ich den anderen als anders als ich,
als nicht ich anerkenne.
Freiheit bedeutet also
Bindung, Beziehung einzugehen.
Bedeutet Reibungsfläche.
Ganz anders, als die individuelle Freiheit
heute mehrheitlich
gedeutet wird, nämlich Grenzen auszuloten
bis zum Verbot. Ein jeder
nach seiner Fassung individuell,
wie es heute so schön heisst
und auch hochgehalten wird.
Zeitgleich in der Zelebrierung,
und das finde ich eben wichtig, zeitgleich in der
Zelebrierung von Unabhängigkeit,
von Gemeinschaft und Gesellschaft.
Die eigentliche Freiheit
relativiert mich selber
im Verhältnis zum Anderen.
Auch zur Welt.
Ich bin dann nur ein Teil davon.
Wenn ich Gemeinschaft akzeptiere,
also wenn ich davon ausgehe,
ich bin Teil von Gemeinschaft,
dann bin ich nur ein Teil davon.
Dann muss ich sie gar nicht verändern,
ich muss sie nicht revolutionieren,
die Welt. Ich muss keine Kriege führen
im Namen der Gerechtigkeit.
Ich bin nämlich nicht Welt.
Ich bin nur ich, und mit diesem Ich
habe ich genug zu tun,
an all den alltäglich entstehenden
Reibungsflächen zu arbeiten und zu wachsen.
Und Lust und Freude
am Leben zu generieren.
Das ist für mich Freiheit.
Verstehe ich dich richtig?
Also Freiheit ist eigentlich ein Beziehungsereignis?
Freiheit ist ein Beziehungsereignis
in dem Sinn,
dass Beziehung und Autonomie
gleichwertig sind
und zusammen stattfinden können.
Meine Autonomie
kann dann nicht narzisstisch
explodieren, oder?
Und dass ich mir sage, also Freiheit ist jetzt
das schnellste Auto zu fahren,
oder was auch immer.
Also über Grenzen zu gehen
oder bis an die Grenzen zu gehen.
Sondern Freiheit ist
Autonomie
in der Bedingung mit Gemeinschaft.
Und die Bedingung mit Gemeinschaft,
das meine ich nicht im Sinne
einer Korsettierung,
weil Korsettierung heisst ja immer,
Autonomie wird kastriert
zugunsten eines Machtdiskurses.
Und das meine ich nicht, sondern
heute wird ja eigentlich
mehrheitlich Autonomie
oder Eigenständigkeit
mit Ausschluss aus Gemeinschaft
bestraft. Die Idee der
Gemeinschaft ist eher eine symbiotische
Idee. Also man meint das Gleiche,
man will das Gleiche und wenn das nicht mehr so ist,
dann fällt man aus dieser Gemeinschaft
raus. Das haben wir ja jetzt
gesehen, also im Diskurs
Israel-Gasa, Ukraine-Russland,
Amerika
und im Corona-Diskurs, um nur jetzt quasi
von den letzten Jahren zu reden.
Wenn man aus einem bestimmten Narrativ
austritt, also autonom,
quasi eigenständig eine eigene Haltung
hat, dann wird man sehr schnell
ausgeschlossen. Man ist dann sofort
in einem Machtdiskurs drin.
Und ich verstehe eben
unter Freiheit, dass ich
auch anerkenne, dass der Andere
eine andere Person ist, also sich
von mir differenziert, die fremd
ist und dann
relativiert der Andere mich sofort
in meinen Ideen.
Dann kann ich nicht mehr auf die Idee kommen,
die sind jetzt absolut grossartig und für
alle gültig, oder? Oder
wenn ich jetzt meine, wir müssen Krieg machen,
dann machen wir jetzt Krieg, weil ich ja auf der richtigen
Seite bin. Das ist eigentlich
gar nicht mehr möglich, oder? Weil es gibt
einen Anderen, der etwas anderes
meint und weiß und
für den die Wahrheit etwas anderes ist.
Also relativieren wir uns
quasi gegenseitig und das hat aber nichts
zu tun mit Kastration
oder mit Domestizierung, sondern
das hat etwas zu tun mit
Kreation. Also man
reibt sich dann und damit
entsteht Neues, was auch immer.
Und nichts Endgültiges.
Es gibt sowieso keine endgültigen
Lösungen. Also Leben
ist sowieso ein Prozess. Eigentlich
kann man nichts unter Kontrolle kriegen,
weil das Leben lebt sich.
Aber wir tun immer so, als ob
das kontrollierbar wäre und dass
wir eine Ordnung reinbringen müssen.
Da besteht schon eine Ordnung.
Wir müssen das nur zulassen
und aus einem Machtdiskurs raussteigen.
Also für mich ist dann das
Freiheit oder Autonomie
und Gemeinschaft gleichzeitig.
Und das wiederum
eröffnet immer neue Denkräume
und neue Handlungsräume.
Und Freiheit ist für mich
ein dynamischer Prozess.
Diese Worte wähle ich absichtlich.
Dynamisch und Prozess,
weil es nie aufhört,
weil man immer an dieser Arbeit
ist, sich quasi mit einem gegenüber
zu arrangieren, das auszuhalten,
die Differenz auszuhalten und so weiter
und gleichzeitig diesen Raum
eröffnen können, wo immer
Neues möglich ist.
Alles andere, wenn wir Ordnungen
oder Machtdiskurs reinbringen oder
Hierarchien installieren,
dann schmälen wir diesen
kreativen Diskurs.
Und das finde ich extrem schade.
Also mehr als das finde ich gewalttätig
gegenüber dem menschlichen
Potenzial.
Ich finde das faszinierend,
was du sagst und es
kommt mir sehr entgegen, aus der
christlichen Anthropologie heraus,
mir sehr entgegen. Auch die ganze
philosophische Tradition, die ich jetzt mag,
die mir etwas sagt,
von Platon bis zu Kant,
geht immer von der personalen
Schaffenheit des Menschen aus.
Der Personalismus ist mir ganz nahe
jetzt als philosophische Strömung, also
Martin Buber und solche Leute,
die das Ich und Du als eigentlich
Ursprung des Lebendigen
und der menschlichen Existenz sehen,
auch der Identität.
Ich glaube, vielleicht ist das
auch eine gute Perspektive,
um zu sagen, die Hauptströmungen,
die wir heute haben, sei es,
der Mensch ist nur ein Tier und der Mensch ist
sowieso ein Affe oder eine Ameise und nichts
anderes und ein schlimmes Tier auch noch,
wie die Neurologen sagen, es gibt keine Freiheit
und so. Und die anderen, die Esoterik,
man muss sich selber erlösen,
man muss sich selber hochschwingen
vom schmutzigen körperlichen Geschöpf
zum spirituellen Wesen.
Beide sehen überhaupt nicht
den springenden Punkt der Beziehung.
Beide sind blind für die Beziehung
und deswegen sind beide falsch
und unlebendig und eigentlich schon tot.
Weil ja, das Beziehungsereignis
ist ja das Lebendige.
Ist das Kreative, oder?
Ja, und die Verordnung von sich selbst
in diesem Beziehungsverhältnis.
Wenn ich ein Beziehungsverhältnis
angehe, das spielt keine Rolle,
verorte ich mich
in dieser Bindung
und genau in dieser Bindung verorte ich
mich in diesem Moment so.
Drei Minuten später verorte
ich mich in dieser Bindung anders.
Zehn Minuten später mit einer
anderen Person verorte ich mich anders.
Also das Beziehungsereignis,
das du immer ansprichst, ist auch
ein Ereignis für beide Personen
in dieser Beziehung, weil man sich
ständig ja irgendwie
innerlich bewegen muss
und das meine ich jetzt nicht
Anpassung oder Unterwerfung,
sondern man muss sich innerlich bewegen,
um in dieser Bindung zu bleiben
oder Grenzen
auszuloten oder zusammen
etwas Neues zu schaffen.
Es kommt mir ein Vergleich in den Sinn.
Mir hat mal einer gesagt, der
eine Weltumsegelung gemacht hat,
dass er auf dem Boot nie
Verdauungsprobleme hat.
Also ich meine, das ist jetzt ein lustiges Beispiel,
aber wenn er auf dem Boot
ist, ist das, auch wenn es
absolut ruhig ist auf dem Wasser,
gibt es immer ganz, ganz kleine
Bewegungen und auf dem
Boot muss man diese kleinen
Bewegungen mitmachen.
Also man muss ausbalancieren. Auch wenn
die nur ein Hundertstel Millimeter sind
oder ein halber Millimeter,
der Körper ist immer in Bewegung.
Er muss das immer ausgleichen,
damit er also aufrecht steht
und das wiederum sagt
er, das würde die
Darmtätigkeit aktivieren.
Und das ist mir
jetzt in den Sinn gekommen, weil ich eben auch
davon ausgehe, mit einem gegenüber
sind wir in einer ständigen
Bewegung und das finde ich ja eigentlich
das Interessante an diesem Leben.
Also überhaupt das einzig
Interessante. Und das ist für mich
eben Freiheit. Freiheit ist für mich,
dass ich auch nicht
davon ausgehe, ich muss jetzt für
die Welt Verantwortung übernehmen,
weil das ist überheblich.
Auch wenn ich sage, ich wünsche
mir für die ganze Welt,
Greenpeace hat ein
grosses Plakat hier in Zürich,
also ein globaler
Frieden, also das finde ich ja
toll. Es fragt sich nur, was
unter Frieden verstanden wird
und was unter Freiheit
verstanden wird. Weil wenn
ich für sieben Milliarden etwas
wünsche oder etwas
will und sei es auch den Frieden,
dann hat das
mit meinem Wunsch zu tun.
Und wenn ich darüber hinaus
noch sieben Milliarden mit
meinem Wunsch bediene, dann
ist das überheblich und wenn ich
auch den Frieden meine. Und das
heisst nicht, ich bin für den
Krieg. Es geht nicht darum.
Es gibt ja auch Parteien, die so
operieren mit so grossen, globalen, edlen
Zielen und für mich ist das vor allem
Marketing. Man generiert Spendengelder
oder Parteimitgliedschaften
oder an der Wahlurne
kann man dann Punkte
sammeln mit so edlen Zielen, an die
die selber ja nicht glauben. Und wenn man
das ernst meinen würde, jetzt mit dem
globalen Frieden, müsste man ja dort anfangen,
wo am meisten Krieg geführt wird und das ist
ja definitiv von den grossen Mächten
oder?
Die Russen, die Chinesen, die Amerikaner.
Dort musste man so ein Plakat
hinhängen, sicher nicht in Zürich.
Ich kann mich nicht erinnern, wann Zürich das letzte Mal
invasiv gegen andere Länder vorgegangen ist.
Das ist so lächerlich.
Leider geht es natürlich um Geld und das ist ein gutes
Marketing. Die haben vielleicht gemerkt, dass Naturschutz
nicht so gut ankommt im Moment wie Frieden.
Also machen sie auch Frieden und so.
Also das Ziel ist ja edel,
aber ich meine, an jeder Beauty-Contest
sagt die Beauty-Königin,
ich wünsche mir den Weltfrieden. Also das heisst das schon.
Der Papst sagt das auch immer. Fast
jeden Sonntag. Also ich meine,
es ist einfach unrealistisch. Es sind Utopien.
Und vielleicht ist es auch so,
dass man überlegen muss, das gehört das
zur Freiheit eigentlich des Menschen.
Wenn der Mensch wirklich frei ist,
kann er ja auch den Krieg wählen.
Kann ich ihm dann sagen, er soll nicht
Krieg führen?
Das ist das Risiko der Freiheit.
Dass einer dann einfach den anderen
umbringt.
Das passt ihm grad nicht.
Gut, aber das geht über
meinen Begriff der Freiheit hinaus,
weil wenn ich zum Beispiel
postuliere, dass Freiheit auch
heisst, also Verantwortung
für mich zu übernehmen
und in dieser Eigenverantwortung
in Gemeinschaft zu sein,
dann wenn ich den anderen
umbringe, dann schäde ich
auch mich. Und wenn ich den
anderen hasse, dann hasse ich
auch mich. Weil Hass ist immer
auch Selbsthass. Also das heisst,
ich beschädige mich mit all
dem Destruktiven,
beschädige ich mich selber.
Also dann müssen wir eigentlich mit der Frage
ansetzen, also warum komme
ich auf die Idee oder habe ich den Wunsch,
mich selbst zu beschädigen?
Also darf ich zurückfragen, ist es aus der
Psychoanalyse ein gesichertes Wissen, also
Menschen, die destruktiv sind, beschädigen
sich selbst? Ja, das muss
man nicht nur psychoanalytisch so sehen.
Also ich glaube, psychoanalytisch sicher
auch, weil wir gehen ja
grundsätzlich davon aus, das hat Freud
schon postuliert, also die Psychoanalyse
ist eigentlich eine
subversive Methode,
die auch zur eigenen
Verantwortung führt, auch zur eigenen
Freiheit führt, aber dass wir
gleichzeitig nicht, wenn wir analysieren
oder analysiert werden,
dass wir nicht zum Verbrecher werden.
Also so subversiv im Sinn, dass wir
Verbrecher werden, weil in der Psychoanalyse
gehen wir davon aus, dass
nichts Selbstschädigendes passieren
darf. Aber wenn ich jetzt zum Beispiel
jemanden hasse, oder? Dann hasse ich
mich selbst, sagst du, oder? Ja,
das geht gar nicht anders, oder?
Jemand anderen zu hassen, bedeutet
auch immer einen Selbsthass.
Einen Selbsthass, der eigentlich
vermutlich zuerst da ist,
den ich dann aber aus Unerträglichkeit
und also unbewusst auch
vielleicht
externalisieren kann, und dann kann ich
mir ein Objekt suchen,
einen sogenannten Sündenbock,
und an den hafte ich dann meinen Hass.
Also ist quasi diese
starke Emotion, kann gebunden
werden an ein Aussen,
und geht dann von mir weg.
Also über die Projektion kann ich
etwas externalisieren.
Aber es funktioniert
endgültig oder nachhaltig nie,
weil es bleibt etwas
stecken, oder es kommt wieder zurück,
oder der Sündenbock verschwindet,
dann braucht es einen anderen Sündenbock.
Ich habe eben gestaunt, als ich
die Rede von Himmler gelesen
habe, die er 1943,
seine berühmte
Rede in Posen
1943 vor den
SA-Generalen gehalten
hat, die ging über drei Stunden,
wirklich eine Hassrede,
und dann hat er gegen Schluss gesagt,
und am Schluss, wenn wir die
Russen besiegen, und die besiegen, und die
alle diese Bösen besiegen,
dann, nach tausend
Jahren, bleibt uns nur noch der
Asiat als Feind.
Und das fand ich bemerkenswert,
weil ich dachte, also
es muss immer noch einen Feind
geben. Also er könnte auch
sagen, in tausend Jahren haben wir die
Welt quasi unter unsere
Kontrolle gebracht, und es gibt
keinen Feind mehr. Aber
er antizipiert in tausend
Jahren noch den Asiaten als
Feind. Das heisst, er kann sich
eigentlich mit seinem Hass gar nicht
vorstellen, dass es einen Bereich
oder eine Zeit geben kann, ohne
diesen Hass. Also er postuliert
immer einen Feind.
Und das denke ich, auch
das Empfinden von so jemandem, also ich meine,
ich habe ihn ja nicht gekannt, oder? Ich kann
da nur darüber theoretisieren.
Also das Empfinden von Hass
bei ihm, auch schon
in der Vorstellung, unendlich ist.
Also er sieht keinen
Ausweg aus dem Hax. Er
postuliert noch in tausend Jahren
einen Feind.
Und ich gehe davon aus, dass
Hass eigentlich primär
ein Selbsthass ist, also den man
irgendwie von außen auch internalisiert
hat, das muss man untersuchen.
Aber dass ein Hass auf sich selbst
besteht, den man mit Projektion
externalisieren kann und damit
zeitweise von sich fernhalten
kann. Könnte man sagen, dass dieses
ganze Destruktive, was Beziehungen
zerstört, auch, es ist ja
eine völlige Zerstörung, oder? Von
anderen Menschen, von Kulturen. Das
macht eigentlich total unfrei, oder?
Also je mehr ich quasi hasse,
zerstöre, destruktiv bin, desto
unfreier werde ich selber. Kann man
das sagen? Ja, das kann man sagen,
ja, ja, ja. Wegen dem Freiheitsthema,
oder? Wenn Freiheit ein Beziehungsereignis
ist und eine sehr
gelungene Freiheit gute Beziehungen
als Boden hat, fruchtbare
Beziehungen führen zu Kreativität,
zu diesem Raum, den du beschrieben hast, eine Art
Garten des Lebens, der dann immer mehr wächst,
oder? Dann ist ja das Gegenteil
auch wahr, also dass man sagen könnte, ja, also
wenn man Beziehungen zusammenkürzt oder
zerschneidet, sogar zerstört, indem
man andere zerstört, dann wird man immer
einsamer und isolierter und am Schluss ist man
völlig unfrei. Es gibt ja dann keine Freiheit
mehr, weil es keine Beziehung mehr gibt. Ja, ja, genau.
Man ist unfrei und
nicht nur das, man ist
manipulierbar.
Wir kennen ja, dass Soldaten
quasi trainiert werden.
Gedrillt. Gedrillt werden
und dass man sie zuerst aus
Beziehungen holt, oder? Also dass sie
aus diesem Beziehungsgeflecht
raus sind, also wie abgeschnitten
von Beziehung und dann
sind sie natürlich viel
besser manipulierbar.
Das sagt auch zum Beispiel
David Graeber, dieser amerikanische
Anthropologe, in seinen Büchern
oder vor allem in diesem Buch
«Über 5000 Jahre Schulden», dass die
Sklaven und die Knechte
ja auch zuerst aus Bindungen
rausgeholt wurden. Die wurden
aus Bindungen geholt,
in Söldnertum gesteckt
oder in Paläste,
wo sie auch ihre Sklaven arbeiten, oder
in Goldminen oder Diamantenminen
und so weiter, und dann
sind sie manipulierbar
und unterwerfbar, oder?
Zuerst muss man sie aus Bindung holen
und darum durften die auch
keine Bindungen mit Sklaven
eingehen, weil dann
schon eine Bindung da ist, eine
Emotionalität da ist und
das macht es schwieriger, um den
Anderen zu kontrollieren. Das hat
auch Himmler, jetzt kommt mir auch wieder in den Sinn,
genau in dieser Rede gesagt,
als er gegen die Juden gehetzt hat,
man muss alle Juden
vernichten, und er hat gesagt,
jeder von uns hat
seinen Lieblingsjuden.
Das habe ich mir dann vorgestellt,
das ist vielleicht der Zahnarzt oder der
Arzt oder der Bäcker oder der
Schneider, den man in der Nachbarschaft
hat, den man mag, den man seit
20 Jahren kennt und so weiter, und er
hat auch dafür plädiert,
auch den Lieblingsjuden zu eliminieren
und zu töten. Also immer
aus dieser Bindung rein, darum
ist für mich raus, aus dieser
Bindung raus, darum ist für mich das
auch ein Instrument
eines Herrschaftsdiskurses.
Wenn ich dir so zuhöre,
die ganz krassen Beispiele historisch,
aber wenn man in die Gegenwart zurückkommt,
interessant, bei der Coronapolitik
war ja, wenn ich das jetzt so analysiere,
die haben ja auch die Bindung
kaputt gemacht zwischen den Geimpften
und den Ungeimpften. Ja, genau.
Spaltung heisst ja immer, Bindung
kaputt machen. Jeder hat
seinen Lieblingsungeimpften, oder?
Ja.
Und soll ihn jetzt aber trotzdem verdammen, dass er
nicht geimpft ist, oder die Maske nicht
richtig trägt, oder gar nicht trägt, oder?
Es ist eigentlich die gleiche Methode,
oder? Ja, ich denke auch.
Ich will nicht das Naziregime banalisieren,
das muss ich hier deutlich sagen,
das war für mich eine einmalige Grausamkeit,
Sondergleichen in der Geschichte, aber
ich finde, von der
Zerstörung der Bindung hat es doch Parallelen,
also ich muss ja eigentlich
den Gegner zuerst entmenschlichen,
oder? Ich muss sagen, das ist ja gar kein
Mensch eigentlich, das ist eben ein Ungeimpfter.
Ich erinnere mich noch, bei uns
in der Nachbarschaft hat es einen gegeben,
nicht besonders hell, aber halt so ein Staatsangestellter
mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein,
für meine Meinung nach ohne viel
Grund, aber wie kamen diese Idioten,
wir können die sich nur nicht impfen lassen,
ich bin so wütend, wenn ich nur an die denke,
hat er gesagt. Also der war sich
so sicher, dass das jetzt die
größten Gefährder sind, die Ungeimpften,
Egoisten und so,
der würde sich heute auch dafür nie
entschuldigen, oder?
Und das finde ich, das sind gefährliche Menschen,
die handeln ja nicht aus echter Überzeugung,
das ist mehr so eine Art, auf Knopfdruck
sind die dann wütend,
weil irgendjemand im Fernsehen gesagt hat,
oder? Also die haben keine Beziehung
zu den Menschen, oder? Das finde ich
ganz gefährlich, also. Ja,
das stimmt, also die gehen aus der
Bindung raus, also die haben eine
Obrigkeitsbindung.
Ich frage mich eben auch, um jetzt
wieder zurückzukommen zum Anfang,
dieser Wunsch aus der Bedingung,
wir sind ja bedingte Wesen,
aus der Bedingung in diese Bindungs-
und Bedingungslosigkeit
zu kommen, ob das vielleicht
eher etwas zu tun hat mit
aus der Destruktion zu kommen.
Ich kenne die Vita
von Buddha nicht, ich muss sagen.
Ich weiss nur, er kommt
aus aristokratischen Verhältnissen,
aber wie seine
Sozialisierung gewesen ist und
wie er dann zum Buddhismus gekommen ist,
das weiss ich nicht, oder?
Ich habe mich das schon ein paar Mal gefragt
und auch gedacht, ich möchte mich damit
beschäftigen. Wir müssen ja auch
sehen, aus welchem Kontext
jemand wie Buddha kommt,
um in welchen Kontext
zu gehen oder für welchen Kontext
zu plädieren. Das kann man
ja nicht rausschälen, oder? Einfach
so. Und da frage ich mich eben,
diese Sehnsucht nach
diesem leidfreien Raum,
ob er vielleicht das wie
verwechselt hat mit, also ohne
jetzt jemanden da zu
verletzen, das meine ich jetzt nicht,
aber ob er damit die Destruktion
gemeint hat. Also,
dass er den anderen Menschen
nur gekannt hat als potenzieller
Feind und dass quasi
dieser Erlösungsgedanke
kommt oder gekommen ist
aus dem Gedanken, wie wir
aus der Destruktion kommen.
Also, dass es gar kein
Erleben gab von einer
konstruktiven Kraft. Also, Wut
ist ja auch konstruktiv,
letztendlich, oder? Wenn man sie
nicht in Hass umwandelt. Also,
das ist eine Kraft. Verstehst du,
was ich meine? Das frage ich mich.
Absolut. Das verstehe ich total, ja.
Ich kenne auch
die Biografie zu wenig. Ich habe einfach mal
ein Buch gelesen über den Zen-Buddhismus
und dort kam halt auch Buddha vor
und dann im Theologiestudium zwei, drei
Schriften von Buddha selbst, wo auch
klar ist, was passiert während der
Meditation zum Beispiel.
Und davon habe ich jetzt irgendwie
mein halbes Wissen dazu.
Aber ich habe es immer so verstanden,
es geht darum, dass man
die Welt sieht und sieht, es gibt so viele Menschen,
die leiden an dieser Welt
aus verschiedenen Gründen. Krankheiten,
Ungerechtigkeiten, Krieg, was auch immer
es ist. Und auch die
Natur leidet, auch die Tiere sind
grausam zueinander und so. Und es muss
eine Erklärung dafür geben. Und die
Erklärung von Buddha ist eben anders als die christliche,
dass es eine Erbschuld gibt.
Die buddhistische ist eben, das ist ja gar nicht
alles real. Wir machen
es real, indem wir daran hängen.
Also der Durst nach Leben ist die
eigentliche Problematik. Und die
bringt das Leiden überhaupt erst hervor.
Also der Durst
nach Leben wird derart ins Gegenteil
verkehrt. Das ist wie wenn du
sagen würdest, Begehren ist immer destruktiv.
Ja, genau das ist es,
was ich anspreche.
Du meinst das Gleiche.
Ja, genau.
Eben zum Beispiel, wie du sagst, das Begehren,
das finde ich gut, diesen Begriff zu
nehmen. Habe ich auch das Gefühl,
also vermute ich,
dass das Begehren per se
als Destruktion angesehen wird.
Ja, Selbstzerstörung,
weil du klebst dich dann an der Welt fest.
Also ich meine,
das Begehren ist ja
eigentlich etwas Positives,
aber dass man das als
Negation erfahren kann,
also es gibt Gewalt in der Welt
und Destruktion.
Aber ich würde eben
unterscheiden zwischen Begehren
als Lebenskraft
und der Destruktion
als zwei ganz verschiedene Stränge.
Aber es ist nicht in diesen Kategorien.
Also ich erinnere mich jetzt gerade an ein Seminar,
das ich mal besucht habe zum Thema Zellenbuddhismus.
Und da war ein Meister anwesend,
also einer, der schon, keine Ahnung,
20, 30, 40 Jahre meditiert.
Der war schon ganz alt.
Der kam aus einem Zen-Kloster.
Und der hat uns gesagt, wenn Sie sich vorstellen,
es gibt ein Meer, oder?
Und da sind eine Welle und die zweite Welle.
Und die surfen so, die Wellen kommen so Richtung
Strand, oder?
Und dann sagt die eine Welle zur anderen Welle,
hallo, wer bist denn du?
Und die andere Welle sagt, ich bin der und der,
und der sagt, ich bin der und der.
Und dann sinken sie irgendwann wieder ins Meer zurück,
die zwei Wellen.
Das sind wir, oder? Hallo, hallo.
Und wir merken nicht, dass wir das Gleiche sind,
dass wir ein einziges Meer sind.
Dieses Bild hat er uns auf den Weg gegeben,
zum zeigen, das gibt keine Identität,
das gibt kein Du und Ich,
das ist alles Illusion.
Und wenn die Welle sich jetzt weigern würde,
nur die Welle zu sein von einem einzigen Meer,
dann würde sie quasi, das ist nichts,
die stirbt, oder?
Sie muss zurücksinken ins Meer.
Das ist eine Einheitsmystik, ja?
Und daher, das Leiden besteht darin,
das nicht zu verstehen,
und das nicht zu glauben, oder?
Das ist Leiden. Und dann klebst du an dieser Welt.
Du fällst nicht ins Urmeer zurück.
So hat er uns das irgendwie erklärt.
Und ich weiss noch genau, ich saß da und dachte,
was für ein Bullshit, dass ich meine,
ein Mensch ist doch keine Welle,
also was soll denn der Scheiss?
Und das bedeutet ja auch, dass meine Mutter
und alle Beziehungen, die ich habe, sind ja eigentlich,
das ist ja ein Tropfen,
also für mich eine große Banalisierung
des Menschen auch damit, oder?
Und ich weiss noch, da war ein Typ, der im Raum,
der war ein bisschen älter als ich, der hat dann gesagt,
also nehmen Sie mal den Holocaust, oder?
Da waren 6 Millionen Juden,
sind das 6 Millionen Wellen,
oder 6 Millionen Menschen.
Und dann hat der geschwurbelt,
und der konnte nie direkt, also er konnte nicht sagen,
das waren eigentlich keine Morde,
sondern das war in Natur,
das war halt einfach eine, das konnte der nicht sagen,
weil das kannst du nicht sagen, ja?
Aber eigentlich ist das ja die letzte Konsequenz
aus dieser Logik. Also ich finde es,
im Kern am Schluss ist es doch sehr gegen die
Menschenwürde gerichtet,
weil es gibt ja gar keine Menschen in diesem Sinne,
es gibt eigentlich nur noch Wellen, oder?
Aber ich habe da verstanden, was die meinen,
wenn sie sagen, auch was Buddha meint,
wenn er sagt, wir kleben an dieser Illusion,
dass wir hier sind und dass wir uns sind und so.
Eben, und das meine ich,
also setzt das nicht die Prämisse,
dass das Dasein
destruktiv ist?
Ja, es ist das Purgatorium.
Wie du gesagt hast.
Es ist die Hölle eigentlich, oder?
Oder die Vorstufe?
Purgatorium, ist das nicht Fegefeuer?
Das ist das Fegefeuer. Und ich würde sagen,
es ist eher das Purgatorium, ja?
Weil du brennst dich ja frei, oder?
Die Hölle ist das endgültige Sich-Selbst-Abschneiden
von Gott, also von der Quelle des Lebens.
Darum ist ja bei Botticelli
der Teufel im innersten Kreis
in einem Eisblock.
Also du bist für immer abgeschnitten von Beziehung,
oder? Von Bindung.
Das ist die Hölle. Aber der Purgatorium ist ja
wie der Versuch, dass du wieder rauskommst
aus deinem Unglück. Und bei den Buddhisten
wäre das die Erde, oder?
Also dieses Leben hier. Und wenn du es richtig
anstellst, kommst du raus, oder?
Aber nicht in den Himmel, sondern ins Nirwana.
Eben, du bist dann der Tropfen, der zurückgeht ins
Meer. Das ist dann das Nichts,
sagen wir. Auf jeden Fall bist du nicht du.
Und das ist interessant.
Bei mir war das Christentum vom Herzen her
einfach auch immer näher, weil es
nicht nur sagt, das Entscheidende sind die
Beziehungen, sondern auch noch sagt,
wenn es dann die richtige Beziehung
auch mit Gott ist, ist es stärker als
der Tod. Also die Beziehung
endet nicht mit dem Tod. Das hat für mich
eine unglaubliche Kraft, diese Botschaft,
oder? Und das andere ist doch
sehr trostlos irgendwo,
quasi. Es mag ja sein, dass dann
einige finden, ja, jetzt muss ich nicht mehr so leiden,
oder? Ich kann das loslassen, und so.
Es kann ja schon sein, aus dem Alltag,
dass das ein bisschen hilft.
Aber am Schluss ist es doch sehr trostlos,
weil die Beziehungen sind ja alle nicht echt, oder?
Also das heisst,
wenn ich die Beziehung zu Gott,
wenn die stabil ist,
dann bin ich letztendlich,
habe ich den Tod überwunden.
Verstehe ich das richtig?
Also Gott hat den Tod rückgängig gemacht für uns,
durch Jesus Christus, oder?
Und wenn du den Nächsten liebst und dich selbst,
dann ist es stärker als der Tod.
Das ist die Aussage.
Das hat zur Folge,
wenn ich das glaube, hat es zur Folge,
dass ich mich
dann in diesem Leben auch nicht
mehr so enorm wichtig nehme.
Ich meine jetzt das positiv, oder?
Also im Sinne von narzisstisch
überhöhe, und den
anderen irgendwie unter Kontrolle
kriegen muss, oder den anderen
überzeugen muss von meiner Meinung.
Also kann ich sagen, das ist dann
die natürliche Folge davon,
von diesem Glaubenssatz.
Ja, ich finde, ein natürlicher Vorgeschmack
ist ja der, ich fand dein Beispiel vorher
wunderbar mit der, wo bin ich im Raum,
oder ich komme in einen Raum, und dann habe ich
Leute treffe, die ich noch nie getroffen habe,
die aber sich öffnen und interessant sind,
und dann muss ich mich neu verorten, oder?
Und dass ich dabei, da ich mich
selber verlassen habe in diesem Moment,
weil es ist ein neues Koordinatensystem,
weiss ich nicht mehr, bin ich
jetzt noch der Giuseppe von grad vorher,
oder ändere ich meine Meinung,
weil es ist ja interessant in einem neuen System
aufzugehen, und dann
nicht mehr auf sich achten, sondern gerade dadurch
bei sich zu bleiben, dass man nicht
bei sich bleibt, dass man nicht
an sich an den alten Vorstellungen festhält,
das ist für mich ein kleiner Vorgeschmack,
was gemeint ist,
ich überprüfe das ja in meinem eigenen Leben,
ganz genau so ist es ja.
Und es ist nicht die Verschmelzung,
wie beim Buddhismus, es ist genau nicht,
indem ich mich nicht darauf konzentriere,
dass ich jetzt unbedingt bei mir bleibe,
bleibe ich bei mir. Dieses Paradoxon habe ich
in meinem Leben schon so oft erfahren,
auch jetzt in unseren Gesprächen,
indem ich mich völlig einlasse auf dich,
bin ich ja eigentlich ganz bei mir.
Und wenn ich mich festhalte,
ganz fest, dann ist es ja wahnsinnig
tot irgendwie, und jetzt mache ich
nur noch den Sprung ins Spirituelle und sage,
ja, das Christentum behauptet, wenn du das ganz fest
machst, dann ist das sogar
stärker als dein körperliches Sterben.
Das muss man nicht nachvollziehen,
das ist eine religiöse, aber die Erfahrung,
dass du ganz nahe zu dir kommst,
indem du dich gibst, das ist für mich
eine völlige Lebenserfahrung bis jetzt.
Und das wollte ich vorher ansprechen,
das relativiert dich
auch in Bezug auf ein Gegenüber, oder?
Kann man dann sagen,
das lässt nicht mehr zu,
dass du zum Beispiel überheblich wirst?
Im Idealfall, ja, wenn du dich
wirklich hingibst, hast du ja gar keinen Grund,
weil du bist ja gar nicht so wichtig, eben.
Eben, dann wird man wie bescheidener,
oder? Also, wenn ich mir das...
Ja, und ich finde auch, diese Meinungen sind dann
nicht mehr so wichtiger. Dann hat
halt der die Meinung, der andere hat die Meinung.
Ja, schon wichtig, aber nicht
mehr im Sinne, dass
ich die Meinung des Anderen
übernehmen muss, dass ich jetzt
die Wichtigkeit vom Anderen quasi
übernehmen muss, um das
zu bestätigen und so. Und dann kann ich eher sagen,
auch wieder, das wäre so mein
Plädoyer zu sagen, aha,
der hat da seine Meinung, und ich
habe dann meine Meinung, oder eine
andere, oder vielleicht gar keine im Moment,
oder was auch immer. Also, was meine ich?
Mir ist es immer wieder ein Bedürfnis,
quasi mit Gegenüber,
mich in Relation,
das heisst ja schon in Beziehung, aber
relativiert zu sehen. Also,
relativiert auch vom eigenen
Narzissmus, dass ich davon ausgehe,
ja, die Anderen müssen das jetzt auch denken,
wie ich das denke, oder? Das macht
mich eben schon unfrei.
Ja, das macht dich unfrei. Und viele Gesinnungsgemeinschaften
sind so, wie du am Anfang gesagt hast.
Die bilden sich überhaupt erst durch
dieses Symbiotische, sagst du dem, oder?
Das ist schrecklich, unfrei.
Wir müssen zum Ende kommen,
vorläufig. Vielleicht können wir das Thema
Freiheit nochmal nehmen, oder?
Das sagst du immer. Ja, aber wir müssen
das ja, weil wir müssen irgendwann zum Ende kommen.
Aber Donald Trump hat mal gesagt, America first.
Ich würde sagen, zu dem Thema Beziehung
first. Zuerst die Beziehung
und das ist dann Freiheit, für mich.
Janet, ich danke dir für dieses Gespräch.
Ganz frei, oder? War das jetzt?
Ich danke dir auch, Giuseppe.
Und Ihnen danke ich fürs Zuhören. Das waren
die Menschenbilder im Kontrafunk. Mein Name ist
Giuseppe Grazia. Ich hoffe, Sie sind auch nächstes Mal
in grosser Freiheit dabei.
Wir versorgen Sie täglich
mit Informationen
frei von Lügen,
Humbug und Gedudel.
Bitte unterstützen Sie uns
mit einer Spende. Oder
abonnieren Sie den
Kontrafunk-Rundfunk-Beitrag.
www.
kontrafunk.
radio
