Vom Torrausch zur Ratlosigkeit: Deutschlands WM endete nicht gegen Paraguay, sie kündigte sich vorher an
Es begann mit einem Ergebnis, das gefährlich gut aussah.7:1 gegen Curaçao. Sieben Tore, viele schöne Angriffe, ein Auftakt wie aus dem Werbeprospekt d

Es begann mit einem Ergebnis, das gefährlich gut aussah.
7:1 gegen Curaçao. Sieben Tore, viele schöne Angriffe, ein Auftakt wie aus dem Werbeprospekt des deutschen Fußballs. Wer wollte, konnte sich an diesem Abend einreden, dass da etwas Großes heranwächst. Dass diese Mannschaft wieder diesen alten WM-Geruch in den Schuhen hat. Ein bisschen Selbstvertrauen, ein bisschen Wucht, ein bisschen „wir sind wieder da“.
Deutschland spielte schnell, traf früh, legte nach und ließ den Außenseiter irgendwann so aussehen, wie Außenseiter bei Weltmeisterschaften manchmal aussehen: tapfer, bemüht, aber am Ende doch ziemlich durchgeschüttelt. Für die Fans war das ein angenehmer Abend. Für die Schlagzeilen auch. Für die Wahrheit allerdings war dieses Spiel nur bedingt geeignet.
Denn Curaçao war nicht der Maßstab. Curaçao war der rote Teppich.
Deutschland lief darüber, winkte kurz in die Kameras und nahm den Applaus mit. Nur verwechselte man danach offenbar ein gelungenes Auftaktspiel mit einem funktionierenden Turnierplan. Genau darin lag die erste Gefahr. Ein 7:1 kann Mut machen. Es kann aber auch betäuben. Und betäubt wirkte diese Mannschaft später erstaunlich oft.
„Wenn du in der ersten K.o.-Runde ausscheidest, ist das deutlich zu wenig für den deutschen Fußball.“ (Julian Nagelsmann auf DFB.de nach dem WM-Aus gegen Paraguay)
Schon gegen die Elfenbeinküste wurde aus dem Spaziergang ein Stolpergang. Das 2:1 reichte zwar zum Weiterkommen, aber es war kein Sieg, der breite Schultern machte. Eher einer, bei dem man sich hinterher über die Stirn wischt und sagt: „Uff, gerade noch mal gut gegangen.“
Die Nagelsmänner lagen zurück, fand lange keinen sauberen Zugriff und brauchte am Ende Deniz Undav, der mit seinem Doppelpack nicht nur das Spiel drehte, sondern auch den ersten ernsthaften Riss im deutschen WM-Bild notdürftig überklebte. So ein spätes Tor in der Nachspielzeit fühlt sich im Moment großartig an. Es macht Lärm, es macht Hoffnung, es macht Helden. Aber es kann auch vieles verdecken.
Und genau das passierte.
Denn gegen die Elfenbeinküste zeigte sich zum ersten Mal deutlich, was später zum Problem werden sollte: Sobald ein Gegner körperlich dagegenhielt, Räume zustellte und die DFB-Elf nicht in Ruhe kombinieren ließ, wurde es zäh. Dann fehlte Tempo. Dann fehlte Klarheit. Dann wurde aus Ballbesitz Beschäftigungstherapie.
Man konnte das noch weglächeln. Zweites Spiel, schwieriger Gegner, trotzdem gewonnen. Turniere muss man eben auch dreckig gewinnen. Stimmt alles. Nur war dieser Sieg nicht dreckig im Sinne von abgezockt. Er war wackelig.
„Wenn man die letzten drei Weltmeisterschaften nimmt, das ist für ein Fußball-Land wie Deutschland schwer zu ertragen.“ (Rudi Völler, DFB-Sportdirektor, auf DFB.de nach dem WM-Aus gegen Paraguay)
Gegen Ecuador fiel die Maske dann noch ein Stück weiter.
Sportlich war das 1:2 im letzten Gruppenspiel nicht mehr verheerend, weil Deutschland bereits weiter war. Aber vom Gefühl her war es ein sehr ungemütlicher Begleiter auf dem Weg in die K.o.-Runde. Schwarz-Rot-Gold ging früh in Führung, als wolle es schnell Ordnung schaffen. Doch statt Sicherheit entstand Nachlässigkeit. Ecuador antwortete, drehte später die Partie und zeigte ziemlich deutlich: Dieses Team kann man aus der Fassung bringen.
Und zwar nicht mit Hexenwerk, sondern mit Mut, Laufarbeit und Überzeugung.
Das war vielleicht der unangenehmste Teil dieser Niederlage. Ecuador gewann nicht, weil Deutschland einen tragischen Aussetzer hatte. Ecuador gewann, weil der viermalige Weltmeister nach gutem Beginn immer unsauberer, fahriger und einfallsloser wurde. Der Ball lief, aber er lief nicht gefährlich genug. Die Mannschaft hatte Phasen, aber keine Dominanz. Sie hatte Qualität, aber keine Wucht.
Plötzlich stand da nicht mehr die Mannschaft aus dem Curaçao-Spiel. Da stand eine Mannschaft, der beim ersten Gegenwind die frisch geföhnte Turnierfrisur zerzaust wurde.
Natürlich konnte man auch das noch relativieren. Gruppenerster, Kräfte schonen, kein Grund zur Panik. Aber genau so entstehen trügerische Turniergeschichten. Man redet sich kleine Warnzeichen klein, bis sie irgendwann groß genug sind, um einen aus dem Turnier zu werfen.
„Das ist für mich kein Zufall! Es ist kein Zufall, dass seit der EM 2016 kein einziges starkes Turnier mehr von Deutschland dabei war.“ (Mats Hummels, MagentaTV-Experte, nach dem WM-Aus gegen Paraguay)
Dann kam Paraguay.
Und Paraguay war kein Gegner für Schönwetterfußball. Paraguay war kein Gegner, der brav Spalier stand, damit Deutschland seine Ideen sortieren konnte. Paraguay war eng, hartnäckig, leidenschaftlich und defensiv genau so unangenehm, wie man es vorher hätte erwarten können. Diese Mannschaft schenkte dem Team von Trainer Nagelsmann nichts. Keine Räume. Keine Ruhe. Keine Einladung.
Die DFB-Elf hatte den Ball, viel vom Spiel und statistisch genug Material, um daraus später eine Erklärung zu basteln. Aber Fußball wird nicht nach Ballbesitz entschieden, sondern nach Wirkung. Und genau die blieb viel zu oft aus.
Das Spiel gegen Paraguay war über weite Strecken ein emotionsloser Vortrag ohne Pointe. Viel Anlauf, wenig Überraschung. Viele Pässe, wenig Stich. Viele Versuche, kaum Durchschlagskraft. Man sah eine Mannschaft, die wollte, aber nicht wusste wie. Und das ist bei einem K.o.-Spiel fast schlimmer als eine schlechte Phase. Eine schlechte Phase kann man überstehen. Ideenlosigkeit klebt jedoch wie ein alter Kaugummi am Trikot.
Paraguay ging in Führung, die DFB-Elf glich aus. Danach blieb eigentlich noch genug Zeit für einen echten deutschen Sturm. Aber dieser Sturm kam nicht. Es kam eher ein lauer Wind, der an der paraguayischen Abwehr rüttelte, ohne sie wirklich aus den Angeln zu heben.
Man wartete auf den Moment, in dem das Team mit dem Adler auf der Brust das Spiel an sich reißt, kämpft, kratzt und beißt. Auf ein Dribbling, einen Pass, eine plötzliche Beschleunigung, irgendetwas, das sagt: Jetzt reicht’s, jetzt übernehmen wir. Stattdessen wurde der Ball von links nach rechts geschoben, als suche man irgendwo auf dem Rasen einen Messias, der mit Spielwitz und einer plötzlichen Idee alles zum Guten wendet.
Ja, es gab das aberkannte Tor von Jonathan Tah in der Verlängerung. Und ja, diese Szene wird diskutiert werden. Vielleicht lange. Vielleicht sehr lange. Sie passt perfekt in jene deutsche Fußballabteilung, in der man bis heute über Wembley, Linienrichter und Zentimeter spricht. Aber wer das ganze Ausscheiden nur an dieser Szene festmacht, macht es sich zu bequem.
Denn Deutschland hatte vorher 120 Minuten Zeit, Paraguay zu schlagen.
„Es wäre vermessen zu sagen, wir gehören noch zur Weltspitze. Das tun wir nicht.“ (Julian Nagelsmann auf DFB.de nach dem WM-Aus gegen Paraguay)
Und genau darin liegt der Kern dieser WM. Das Problem war nicht ein einzelner Pfiff. Nicht ein einzelner Elfmeter. Nicht ein einzelner Moment Pech. Das Problem war ein Verlauf, der sich von Spiel zu Spiel verschlechterte. Gegen Curaçao war Deutschland glänzend. Gegen die Elfenbeinküste schon mühsam. Gegen Ecuador anfällig. Gegen Paraguay schließlich ideenlos und lasch.
Das ist keine gerade Linie nach oben. Das ist eine Treppe nach unten.
Besonders bitter war das Elfmeterschießen. Deutschland und Elfmeterschießen, das war früher fast ein kulturelles Eigentum. Andere Länder hatten Traumstrände, gutes Wetter oder bessere Küche. Deutschland hatte Elfmeterschießen. Man musste es nicht schön finden, aber man konnte sich darauf verlassen.
Diesmal nicht.
Havertz verschoss. Woltemade verschoss. Tah verschoss. Paraguay blieb am Ende kälter, klarer und konsequenter. Ausgerechnet dort, wo Deutschland jahrzehntelang so zuverlässig wirkte wie ein TÜV-Stempel, riss die alte Gewissheit.
Natürlich kann man sagen: Elfmeterschießen ist Glückssache. Nur stimmt das eben nur halb. Es ist auch Nervenstärke, Vorbereitung, Selbstvertrauen und diese innere Überzeugung, die man nicht herbeireden kann, wenn sie im Spiel vorher schon gefehlt hat.
Deutschland fuhr nicht nach Hause, weil es einmal Pech hatte. Deutschland fuhr nach Hause, weil aus dem guten Auftakt kein gutes Turnier wurde.
Und vielleicht ist genau das die ernüchterndste Erkenntnis. Diese Mannschaft hatte genug Qualität, um weiterzukommen. Sie hatte Spieler, die Spiele entscheiden können. Sie hatte Erfahrung, Talent und einen Trainer, der sehr genau weiß, wie moderner Fußball funktionieren soll. Aber bei dieser WM funktionierte zu vieles nur in Ansätzen.
Der Auftakt gegen Curaçao war ein schönes Bild. Danach wurde der Rahmen schief.
Gegen die Elfenbeinküste rettete Undav den Abend. Gegen Ecuador wurde die Warnlampe übersehen. Gegen Paraguay ging schließlich das Licht aus.
So bleibt diese WM nicht als großes Drama in Erinnerung, sondern als verpasste Möglichkeit. Als Turnier, das mit sieben Toren begann und mit leerem Blick endete. Als Geschichte einer Mannschaft, die einmal kurz glänzte, danach aber immer weniger wusste, wie sie ihre Qualität auf den Platz bringen sollte.
Deutschland ist nicht plötzlich gegen Paraguay ausgeschieden. Deutschland ist langsam aus dieser WM herausgesickert.
„Dass wir uns über eine Schiri-Entscheidung aufregen, dazu darf es niemals kommen.“ (Christoph Kramer, ZDF-Experte, in der ZDF-Nachanalyse zum WM-Spiel Deutschland gegen Paraguay


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