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Schwarz-Rot-Gold im Land der Patriots

Deutschland kommt nicht gerade mit breiter Brust nach Boston, denn als bereits feststehender Gruppensieger stolperte die DFB-Elf gegen giftige Ecuadorianer in eine verdiente 1:2-Niederlage. Sanés frühes Tor reichte nicht, weil Angulo und Plata die Partie drehten — vielleicht ist das ein kleiner Warnschuss vor der K.-o.-Runde.

Weiter geht es nun im Gillette Stadium, das während der WM offiziell „Boston Stadium“ heißt, gegen den Gruppendritten der Gruppe D, Paraguay. Das ist ein Team ohne große Weltstars, das aber traditionell unangenehm, zweikampfstark und schwer zu bespielen ist. Für europäische Fans klingt „Boston Stadium“ nach Hafen, Backsteinhäusern und Stadtromantik. Aber es steht nicht direkt in Boston, sondern in Foxborough, Massachusetts, etwa 29 Meilen von Downtown entfernt. Es ist ein riesiger Football-Komplex, der normalerweise 64.628 Zuschauer fasst und seit 2002 die Heimat der New England Patriots ist. Im September 2023 gab es eine große Renovierung der North End Zone, und im Zuge dessen wurde eine riesige Videowand — ungefähr 113 Meter breit und 18 Meter hoch, also gut 2.060 Quadratmeter — installiert. Gedacht ist sie natürlich für das volle amerikanische Stadionprogramm: Spielszenen, Wiederholungen, Statistiken, Grafiken, Showelemente — und alles so groß, dass vermutlich selbst der letzte Zuschauer auf dem Oberrang noch sieht, ob ein Spieler gerade gezwinkert hat.

Eröffnet wurde das Stadion damals übrigens ausgerechnet mit einem Fußballspiel: New England Revolution gegen Dallas Burn, 2:0 für die Revolution. Später wurde es vor allem durch die Patriots berühmt — und natürlich durch Tom Brady, jenen ehemaligen Superstar-Quarterback, der wegen seiner sechs Super-Bowl-Siege mit New England längst den Beinamen „GOAT“ trägt: Greatest of All Time. Die Patriots haben insgesamt sechs Super Bowls gewonnen, und wenn man in den USA über Sport spricht, kommt man an dieser Mannschaft nicht vorbei.

Eine Besonderheit des Stadions ist der neue 218 Fuß hohe Leuchtturm an der Nordtribüne. Er entstand im Zuge der großen Renovierung, besitzt eine Aussichtsplattform mit Blick auf das Stadion sowie auf die Skylines von Boston und Providence und gilt offiziell als höchster „nicht-traditioneller Leuchtturm“ der USA. Ein Leuchtturm an einem Football-Stadion — auch das muss man erst einmal hinbekommen.

„Boston war eine großartige Stadt, um dort aufzuwachsen …“ (Leonard Nimoy)

In der Vorrunde hatten hier bereits die Schotten ihren großen Auftritt. Und wie das bei der Tartan Army so ist, blieb es nicht einfach bei 90 Minuten Fußball. Die ehemaligen Patriots-Stars Rob Gronkowski und Julian Edelman mischten sich im Kilt unter die Fans, machten Fotos, feierten mit ihnen und zogen später gemeinsam durch Boston. Dazu wurde gesungen, was längst wie das inoffizielle Motto dieser Reise klang: „No Scotland, no party.“

Boston bekam diese Party durchaus zu spüren. Mehrere Bars kamen an ihre Grenzen. Im Sam Adams Taproom ging sogar das eigene Lager-Bier aus, sodass eine Notlieferung organisiert werden musste. Auch die White Bull Tavern meldete praktisch leere Vorräte, und das schottische Lokal The Haven, das normalerweise mit vier Fässern Tennent’s pro Woche plante, musste feststellen, dass während der Schotten-Tage 50 Fässer gerade so ausreichten.

Am Ende hinterließ die Tartan Army nicht nur leere Bierfässer, sondern offenbar auch bleibenden Eindruck, denn die Stadt brachte nach den Tagen mit den schottischen Fans eine Partnerschaft mit Glasgow auf den Weg. Bürgermeisterin Michelle Wu unterschrieb am 18. Juni 2026 im The Haven eine entsprechende Absichtserklärung. Andere Fans bringen Souvenirs mit nach Hause. Die Schotten bringen gleich eine Städtepartnerschaft mit zurück in die Highlands.

Und nun kommen also die Deutschen. Auf Reddit machte in Boston bereits der Satz „The Germans are coming“ die Runde. Dort wurde gescherzt, ob die Stadt nach den Schotten überhaupt noch genügend strategische Alkoholreserven habe. Ein anderer Nutzer fragte vorsichtshalber schon einmal nach einer Oktoberfest-Playlist. Ganz aus der Luft gegriffen ist diese Erwartung nicht: Die Boston Globe zitierte schon 2023 den deutsch-amerikanischen NFL-Spieler Jakob Johnson mit der Einschätzung, deutsche Fans seien extrem engagiert — egal ob beim Football, Fußball oder Handball. Wenn sie sich für etwas begeistern, dann richtig: Trikot an, Stimme ölen, ins Stadion gehen und möglichst das ganze Spiel über singen.

Nach den Schotten weiß Boston nun also, dass europäische Fußballfans nicht einfach Zuschauer sind, sondern reisende Wetterlagen. Und jetzt zieht die nächste Front auf: schwarz-rot-gold, textsicher, durstig — und vermutlich besser organisiert als der örtliche Nahverkehr.

„Boston hat mehr Wege zu freiem Denken, freier Rede und freien Taten offen gehalten als jede andere Stadt.“ (Oliver Wendell Holmes)

Wer nun aber glaubt, Boston sei nur ein Name auf dem WM-Spielplan, unterschätzt diese Stadt gewaltig, denn sie gehört zu den ältesten und geschichtsträchtigsten Städten der USA. Gegründet wurde sie bereits im 17. Jahrhundert, später wurde sie zu einem der zentralen Schauplätze der amerikanischen Revolution. Heute verbindet Boston auf ziemlich charmante Weise Geschichte, Bildung, Sport, Hafenluft, irische und italienische Einwanderungskultur, große Universitäten — und eine lokale Dickköpfigkeit, die vermutlich schon beim Stadtplanen begonnen hat.

Denn Boston ist nämlich keine dieser breiten, rechtwinkligen US-Städte, in denen man sich einfach an einem Straßenraster entlanghangelt. Die Straßen sind älter, enger, verwinkelter, und manchmal wirkt die Stadt fast europäischer als amerikanisch.

„Man sagt, die Kühe hätten Boston angelegt. Nun, es gibt schlimmere Stadtplaner.“ (Ralph Waldo Emerson)

Rund 675.000 Menschen leben in der Stadt selbst, die Metropolregion ist natürlich deutlich größer. Boston liegt im Bundesstaat Massachusetts, gehört zur Region Neuengland und trägt gleich mehrere Spitznamen: „Beantown“, „The Hub“ oder auch „Cradle of Liberty“ — also die Wiege der Freiheit. Und das ist nicht nur Werbesprache für Touristen. Boston lebt bis heute stark von seiner Revolutionsgeschichte. Die berühmte Boston Tea Party von 1773, bei der Kolonisten aus Protest gegen britische Steuern Tee der East India Company in den Hafen warfen, gehört zu den bekanntesten Protestaktionen der amerikanischen Geschichte.

Dabei ist Boston keine Stadt, die nur aus Denkmälern und alten Schulbuchseiten besteht. Sie lebt vor allem durch ihre Viertel. Die Stadt selbst beschreibt sich weniger über ihre Skyline als über ihre stolzen, lebendigen Nachbarschaften. Und genau das merkt man: diese Cradle of Liberty besteht aus vielen kleinen Eigenheiten, aus Straßenecken, Kneipen, Cafés, Backsteinhäusern, Hafenblicken und Menschen, die sehr genau wissen, wo sie hingehören.

Dazu kommt der akademische Glanz. Harvard liegt zwar streng genommen nicht in Boston, sondern in Cambridge auf der anderen Seite des Charles River, gehört aber gefühlt natürlich trotzdem zum geistigen Großraum der Stadt. Zusammen mit dem MIT, der Boston University, Northeastern University, dem Boston College und vielen weiteren Hochschulen ist Boston eine Stadt, in der Bildung, Forschung und Ehrgeiz fast zur Atmosphäre gehören. Gelegentlich bekommt man das Gefühl, hier könne selbst ein Hund im Park noch an einer Dissertation arbeiten.

„In Boston fragt man: Wie viel weiß er?“ (Mark Twain)

Und dann ist da natürlich der Sport. Beantown gehört zu den großen Sportstädten der USA: die Red Sox im Fenway Park, die Celtics im Basketball, die Bruins im Eishockey, die Patriots draußen in Foxborough und die New England Revolution in der MLS. Sport ist hier nicht bloß Freizeitbeschäftigung. Sport ist Identität, Familienerbe, Gesprächsthema, Lebensgefühl — und manchmal auch eine sehr laute Form von Religion. Bostoner Fans gelten als leidenschaftlich, stolz, treu und gnadenlos kritisch. Wer hier schlecht spielt, wird nicht einfach ausgewechselt. Er wird vorher noch ausführlich besprochen und kritisiert.

Genau das macht diese Stadt so spannend: Boston ist historisch und hochmodern zugleich. Europäisch eng, aber amerikanisch teuer. Liberal, aber lokalpatriotisch. Gebildet, aber im Stadion gerne rau. Eine Stadt, die an ihrer Geschichte festhält, während daneben neue Glasfassaden, Biotech-Firmen und Luxuswohnungen wachsen. Kurz gesagt: Boston sieht manchmal aus, als hätte es Geschichte studiert — und sich danach im Stadion trotzdem heiser geschrien.

Und dann gibt es noch dieses andere Boston. Nicht das der Revolution, der Universitäten und der rauen, gnadenlosen Sportfans, sondern die Stadt der kleinen Gesten.

„Boston ist groß genug, um Unabhängigkeit zu lernen, und klein genug, um es zu deinem eigenen Ort zu machen.“ (Henry Winkler)

Im Boston Public Garden stehen die berühmten Bronze-Enten aus dem Kinderbuch „Make Way for Ducklings“. Jedes Jahr gibt es am Muttertag den Duckling Day: Kinder verkleiden sich als Enten, Familien ziehen durch den Park, und eine Stadt, die sonst gern von Freiheit, Forschung und Football erzählt, feiert plötzlich eine kleine und sehr liebevolle Tradition. Selbst eine so geschichtsschwere Stadt kann dann ziemlich niedlich sein.

„Der Frühling in Boston ist wie Verliebtsein.“ (Louise Closser Hale)

Boston gilt oft als rau, direkt und nicht unbedingt übertrieben sentimental. Aber wenn es darauf ankommt, wird aus dieser Rauheit offenbar Verlässlichkeit. Nach dem islamistisch-extremistisch motivierten Anschlag auf den Boston Marathon 2013 saßen viele Läufer und Besucher plötzlich in der Stadt fest. Innerhalb kurzer Zeit boten Bostoner ihre Wohnungen, Sofas, Gästezimmer und Hilfe an. In öffentlichen Listen standen Tausende Unterstützungsangebote. Eine Stadt, die im Alltag gern hart klingt, machte nun plötzlich ihre Haustüren auf.

Diese Hilfsbereitschaft zeigt sich aber nicht nur in großen Momenten. In Roslindale, einem Stadtteil von Boston, brach 2022 nachts ein Feuer in einem Mehrfamilienhaus aus. Eine Mutter und ihre zwei Kinder saßen im zweiten Stock fest. Der Nachbar Clidfod Saintjean hörte die Alarme, schleppte kurzerhand seine Matratze nach draußen, legte sie unter das Fenster und rief der Familie zu, sie solle springen. Erst zögerten sie, aber dann ließ die Mutter ihre Kinder springen, und Saintjean fing sie auf. Danach sprang auch sie selbst in Sicherheit. Manchmal ist Heldentum eben kein großes Wort, sondern eine Matratze unter einem brennenden Fenster.

Auch in Newton, im Großraum Boston, zeigte sich, wie weit Nachbarschaft gehen kann. Dort bekamen Glenda und Raphi Savitz eine Tochter namens Samantha, die gehörlos geboren wurde. Als die Familie mit ihr spazieren ging und dabei Gebärdensprache benutzte, fragten Nachbarn zunächst neugierig nach einzelnen Zeichen. Dann gingen viele noch einen Schritt weiter: Sie meldeten sich für Abendkurse in American Sign Language an, damit sie mit dem kleinen Mädchen sprechen konnten. Das ist vielleicht eine der schönsten Formen von Nachbarschaft: Menschen lernen nicht nur den Namen eines Kindes, sondern seine Sprache.

Und natürlich passt auch der Boston Marathon perfekt zu dieser Stadt. 2026 brach der Läufer Ajay Haridasse kurz vor dem Ziel zusammen. Zwei andere Läufer, Aaron Beggs aus Nordirland und Robson de Oliveira aus Brasilien, hielten an, hoben ihn hoch und halfen ihm die letzten rund 300 Meter bis ins Ziel. Beggs sagte später, es sei ein natürlicher Instinkt gewesen, zu helfen.

Vielleicht erzählt genau das viel über Boston. Diese Stadt kann laut sein, kritisch, teuer, stolz und manchmal ziemlich kantig. Aber wenn jemand fällt, findet sich offenbar oft jemand, der stehen bleibt und hilft.

„Boston ist eine Oase in der Wüste, ein Ort, an dem ein größerer Anteil der Menschen liebevoll, vernünftig und glücklich ist.“ (Julia Ward Howe)

Ahoi

Ihr Freischwimmer

 

Foto: Kenneth C. Zirkel / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.