Heute wollte ich mich – wie eigentlich jeden Tag – endlich wieder so richtig aufregen. Egal worüber. Hauptsache ärgern.

Aber offenbar hat sich die ganze Welt gegen mich verschworen und beschlossen, mich einmal nicht zu erzürnen.

Normalerweise könnte ich mich über das Kind der Nachbarn aufregen. Wenn es im Hof herumrennt, mit den anderen Kindern spielt und dabei laut herumkrakeelt. Kinderlärm eben. Eigentlich eine sichere Quelle für gepflegte Empörung.

Doch heute: nichts.

Kein Rennen, kein Rufen, kein einziger Ball, der irgendwo gegen eine Hauswand fliegt. Nicht einmal ein erschrockenes Taubenpaar flattert aus dem Hof.

Mist!

Dann eben das Liebespaar über uns. Die hören manchmal ihre Musik etwas lauter. Einfach so. Als hätten sie tatsächlich Spaß daran.

Dabei hören die vielleicht gar nicht gern Musik. Womöglich machen sie das nur, um mich zu ärgern. Vielleicht sitzen sie sonst völlig schweigsam auf dem Sofa und denken sich: „Komm, wir drehen jetzt mal die Musik auf. Der unter uns war heute viel zu ausgeglichen.“

Aber auch von oben kommt kein Ton.

Diese Rücksichtslosigkeit ist wirklich unfassbar.

Wie soll sich denn bei dieser Ruhe ein Mensch noch vernünftig aufregen können?

„Gelobt wird, wer sich über die richtigen Dinge, über die richtigen Menschen, auf die richtige Weise und zur richtigen Zeit ärgert.“ (Aristoteles)

Früher konnte man sich wenigstens auf den Fernseher verlassen. Irgendetwas fand sich immer: das Programm, die Werbung, die Moderatoren, die Gäste, die falsche Meinung zur falschen Zeit.

Aber ich schaue schon lange kein Fernsehen mehr. Außer natürlich die Spiele meines Lieblingsvereins.

Und der spielt heute auch nicht.

Da kann ich mich noch nicht einmal über eine Niederlage ärgern. So ein gepflegtes 0:1 oder auch mal eine 1:4-Klatsche. Aber nichts! Es ist spielfrei.

Verdammt!

Vielleicht ist Aufregung inzwischen auch nur eine Freizeitbeschäftigung. Andere sammeln Briefmarken, gehen angeln oder legen sich einen Schrebergarten zu. Ich sammle Zumutungen und vermeintliche Aufreger.

Doch die Ausbeute ist im Moment erschreckend gering.

Sogar das Gehalt war wieder einmal pünktlich auf dem Konto.

Die wollen mich doch bloß ärgern!

Was ist das für eine Welt geworden, in der man sich nicht einmal mehr über verspätetes Geld, schlechte Musik oder schreiende Kinder beschweren kann?

Auch Frau Schnumbelbimbel hat neulich im Treppenhaus gelächelt und gegrüßt.

Einfach so.

Die hat doch bestimmt eine Macke. Wer kann denn noch so gut gelaunt sein, wenn das Waschmittel um drei Cent teurer geworden ist und die Bierpreise auch nicht mehr die von vor 20 Jahren sind?

Nee, über Frau Schnumbelbimbel könnte ich mich jetzt wirklich aufregen.

Allerdings ist sie immer ausgesprochen nett zu mir. Sie hat mir sogar schon die Haustür aufgehalten.

Wunderbar. Einfach wunderbar. Nichts zum Aufregen. Ich freue mir ein drittes Loch in die Nase.

Nicht einmal auf die Nachbarn ist noch Verlass.

Also sitze ich hier, mit pünktlichem Gehalt auf dem Konto, umgeben von freundlichen und leisen Menschen, während mein Fußballverein heute nicht verlieren kann.

Es ist wirklich nicht mehr auszuhalten. Die Hölle!

Früher konnte man sich wenigstens darauf verlassen, dass einem irgendjemand zuverlässig den Tag versaut.

Was ist das bloß für eine Welt geworden, in der man sich seine Aufreger nun selbst herbeifantasieren muss? Das ist erschreckend. Und darüber könnte ich mich aufregen…..!

„Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Vorstellungen von den Dingen.“ (Epiktet)

Ahoi

Ihr Freischwimmer