Mexiko-Fan sein bedeutet: Hoffnung. Hoffnung! Hoffnung … und dann irgendwann Herzschmerz. Zumindest behaupten das viele Fans mit einer gehörigen Portion Selbstironie.
Tatsächlich erreichten die Fußballer aus dem Land der Azteken bei all ihren WM-Teilnahmen als beste Platzierung zweimal „nur“ das Viertelfinale (6. Platz). Sie nennen es das Trauma des „Quinto Partido“ („Das fünfte Spiel“). Bei sieben Weltmeisterschaften in Folge schieden sie immer wieder im Achtelfinale aus. Das fünfte Spiel wäre das Viertelfinale gewesen. Deshalb wurde „Hoffnung. Achtelfinale. Herzschmerz“ im Laufe der Jahre zu einem (traurigen) Dauerwitz unter mexikanischen Fußballfans.
„Dieses Jahr werden wir Weltmeister!“ Nach dem ersten schwierigen Spiel: „Vielleicht Halbfinale.“ Nach dem zweiten Spiel: „Viertelfinale reicht auch.“ Und am Ende: „Nächstes Mal ganz bestimmt.“ (Ausspruch der Mexikaner vor jeder WM)
Was dabei oft vergessen wird: 1999 gewann Mexiko tatsächlich einen weltweiten FIFA-Titel. Im Finale des Confederations Cups besiegte „El Tri“ sogar Brasilien mit 4:3. Bis heute gilt das als einer der größten Momente der mexikanischen Fußballgeschichte.
Ihre Nationalmannschaft nennen sie liebevoll „El Tri“ („Die Trikolore“) und beziehen sich damit auf die Farben ihrer Staatsflagge: Grün, Weiß und Rot. Die Mannschaft trägt diese Farben seit Jahrzehnten als Symbol nationaler Identität.
Dieses Land, welches flächenmäßig sogar etwas größer ist als Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien zusammen, hält jedoch einen einzigartigen Rekord: Es ist das erste Land der Geschichte, das drei Weltmeisterschaften (1970, 1986 und 2026) ausrichtet. Keine andere Nation hat bisher drei WMs organisiert.
„Pasión azteca que cubre el mundo - Aztekische Leidenschaft, die die Welt umspannt.“ (Dieser Satz stand auf dem Mannschaftsbus von El Tri bei der WM 2006 und wurde zu einem bekannten Motto der Fans.)
Mexiko besitzt eine riesige Fußballkultur, und der Fußball lebt nicht nur von Toren und Titeln. Er lebt von Geschichten. Und manche davon klingen so verrückt, dass sie fast erfunden wirken.
So lief zum Beispiel bei einem Spiel von Querétaro F.C. plötzlich ein Hahn aufs Spielfeld. Nicht nur kurz. Er spazierte seelenruhig über den Rasen, während Spieler und Ordner versuchten, ihn einzufangen. Irgendwann feierte das Publikum den Hahn mehr als das eigentliche Spiel, und in den sozialen Netzwerken wurde er später scherzhaft als „Spieler des Tages“ bezeichnet.
Nicht minder kurios ist die Geschichte eines Fans, der sein Team Cruz Azul “verzaubern” wollte, weil es jahrelang dafür berüchtigt war, wichtige Titel auf dramatische Weise zu verspielen. In Mexiko entstand dafür sogar ein eigenes Verb: „cruzazulear“, was ungefähr so viel bedeutet wie: „eine sichere Sache noch irgendwie ruinieren.“ Um diesen angeblichen Fluch zu brechen, erschien er mit einem Schamanen vor dem Stadion, der die bösen Geister vertreiben sollte.
Fast schon legendär ist auch die Geschichte eines Fans, der einen kleinen Fernseher zu einem Public Viewing schleppte, weil er gleichzeitig auch noch ein anderes Fußballspiel verfolgen wollte. Deshalb nannten sie ihn „den Endgegner des Multitaskings“.
Mexikanische Anhänger feiern oft selbst dann noch weiter, wenn das Ergebnis schlecht ist. Natürlich wird geschimpft und diskutiert. Aber trotzdem wird weiter gesungen, und sie sagen:
„Wenn wir gewinnen, feiern wir. Wenn wir verlieren, feiern wir trauriger.“
Vielleicht beschreibt genau das den mexikanischen Fußball besser als jede Statistik: Man leidet gemeinsam, man hofft gemeinsam – und gefeiert wird sowieso.
In Mexiko gibt es bei dieser WM drei Spielstätten: in Guadalajara im Estadio Akron, in Monterrey im Estadio BBVA und in Mexiko-City im Estadio Azteca.
In letzterem findet das Eröffnungsspiel am 11. Juni 2026 statt. Es ist das erste Stadion der Geschichte, das bei drei Weltmeisterschaften Spiele austrägt (1970, 1986, 2026). Im Volksmund wird es oft als „der Koloss von Santa Úrsula“ bezeichnet. Es hat rund 87.500 Plätze und liegt 2.240 Meter über dem Meeresspiegel.
Aus diesem Grund gibt es einen Spruch: „Im Azteca spielt nicht nur Mexiko gegen dich – die Luft spielt auch gegen dich.“
Mehrfach berichteten Fernsehteams und Journalisten, dass Tribünen bei wichtigen Toren spürbar vibrierten. Es entstand der Eindruck, als würde das gesamte Stadion hüpfen. Viele Besucher schildern, dass das Estadio Azteca bei großen Spielen förmlich zu beben scheint.
„El fútbol se lleva en la sangre - Fußball trägt man im Blut. “ (Slogan der mexikanischen Fans)
Kaum ein Stadion der Welt hat so viel Fußballgeschichte erlebt. Hier gewann Pelé 1970 seinen dritten WM-Titel, und hier erzielte Maradona 1986 im Spiel gegen England zwei der berühmtesten Tore der Fußballgeschichte: die „Hand Gottes“ und das „Tor des Jahrhunderts“. Das erste Tor war eigentlich ein Handspiel, und das zweite war möglicherweise das schönste WM-Tor aller Zeiten. In diesen vier Minuten die zwischen diesen beiden Toren lagen, war Diego Maradona also gleichzeitig Schurke und Genie.
Lustige, verrückte und mysteriöse Geschichten ranken sich um diesen Fußballtempel. Eine bekannte Stadion-Legende erzählt von Geistern im Stadion und davon, dass nachts Wachleute nicht gerne allein durch die Logenbereiche gehen. Eine andere besagt, dass beim Bau Arbeiter lebendig in den Fundamenten eingemauert worden seien – historische Beweise dafür gibt es jedoch nicht.
„Die mexikanischen Fans machten die „La Ola“ bei der WM 1986 weltberühmt“, schrieb ein Sportportal, weil die „La Ola“, die heute fast jeder kennt, durch mexikanische Fans weltweit bekannt gemacht wurde.
Doch nicht nur das Stadion ist legendär. Auch die Millionenmetropole mit ihren rund 20 Millionen Menschen besitzt einen ganz besonderen Ruf. Viele Mexikaner sagen sogar: „Mexiko-City ist ein eigener Planet.“
In der Metro soll es sogar Geister, verschwundene Personen und angebliche „Zeitsprünge“ geben.
„In der Metro findest du alles. Außer einen Sitzplatz.“ (mexikanischer Volksmund)
Und dann ist da noch „La Llorona“ – die weinende Frau. Viele Menschen behaupten bis heute, nachts den Schrei „Oh, meine Kinder!“ von ihr gehört zu haben.
Es ist auch die Stadt, in der Tacos mitten in der Nacht wichtiger sind als Schlaf. In vielen Städten endet das Leben nachts, aber hier beginnt dann erst die zweite Schicht. Gegen 2 Uhr morgens bilden sich plötzlich lange Schlangen vor den Taco-Ständen. Viele Mexikaner scherzen: „Man geht nicht nach Hause. Man macht vorher noch einen Taco-Stopp.“
Auch eine Taxifahrt kann sich plötzlich wie eine Familienfeier anfühlen. Du steigst in ein Taxi und bereits fünf Minuten später weiß der Fahrer, woher du kommst, ob du verheiratet bist, was du beruflich machst, welche Fußballmannschaft du magst, und er berichtet dir dann auch noch, warum gerade seine Tante die beste Pozole-Suppe Mexikos kocht. Viele Touristen berichten, dass Taxifahrer manchmal innerhalb weniger Minuten wie entfernte Familienmitglieder wirken.
Ausländische Urlauber sagen später nicht: „Das Gebäude war toll.“ Sondern: „Die Menschen waren unglaublich.“
Vielleicht erklärt das am besten, warum so viele Besucher die Stadt zunächst überfordernd finden – und sich dann plötzlich in sie verlieben.
„Mexiko lässt sich nicht erklären – man muss an Mexiko glauben.“ (Carlos Fuentes, einer der berühmtesten Schriftsteller Mexikos )
Ahoi
Ihr Freischwimmer
Und hier der Link zur nächsten WM-Kolumne: https://www.ganjingworld.com/article/1ijnogbj0id5vYIBvMXJOZISh1jg1c
(Bildcredit: ProtoplasmaKid)