Operation Maßanzug – aber maßlos überfordert

Wie ich ja schon in anderen Kolumnen zaghaft angedeutet hatte, bin ich in meiner Freizeit Fußballfan. Aber nicht so ein „Ich-habe-alle-Abos-von-allen-Bezahlsendern-Fan“, sondern einer, der regelmäßig ins Stadion geht. Ich sehe mich selbst als Mitglied der aktiven Fanszene und gehöre somit einer Gruppe an.
Das können Max Mustermann und Schöni Meierhuber gut oder schlecht finden – Fakt ist jedoch, dass ich mich aus einem gewissen Gruppenzugehörigkeitsgefühl heraus weitgehend so kleide, wie es viele Supporter tun.
So weit, so gut.
Nun ist es aber so, dass ich mittlerweile knapp über 28 Jahre alt bin und mir in den vergangenen Monaten gelegentlich Gedanken darüber gemacht habe, einmal einen anderen Kleidungsstil auszuprobieren. Leider habe ich von klassischer Männermode ungefähr genauso viel Ahnung wie eine Kuh vom Rückenschwimmen.
Was macht in einem solchen Fall der pfiffige Freischwimmer? Richtig: Er versucht, sich auf YouTube über das Thema zu informieren.
Und was gibt es dort nicht alles zu lernen. Braune Schuhe dürfe man angeblich niemals nach 18 Uhr tragen. Schwarze Schuhe wiederum seien zwar immer korrekt, wirkten aber schnell wie Beerdigung oder Sparkasse. Der Gürtel müsse unbedingt zu den Schuhen passen – es sei denn, man trage Hosenträger, denn dann sei ein Gürtel ein modisches Kapitalverbrechen. Die Hose dürfe auf keinen Fall zu lang sein, aber selbstverständlich auch nicht so kurz, dass man aussehe, als habe man sie zur Konfirmation bekommen.
Ein Sakko müsse an den Schultern perfekt sitzen. Der oberste Knopf werde geschlossen, der unterste niemals, und beim Hinsetzen müsse man alles wieder öffnen. Ein Zweireiher dagegen bleibe geschlossen, vermutlich sogar beim Schlafen. Einstecktücher sollten lässig aussehen, dürften aber unter keinen Umständen tatsächlich lässig hineingesteckt werden. Natürlich müsse ihre Faltung aussehen, als habe man sich keinerlei Gedanken darüber gemacht – nachdem man sich ungefähr zwanzig Minuten Gedanken darüber gemacht hat.
Bei Anzügen gelte Dunkelblau als sichere Wahl. Grau ebenfalls. Schwarz dagegen gehe angeblich nur zu Beerdigungen, Abendveranstaltungen oder dann, wenn man James Bond sei. Nadelstreifen wirkten seriös, könnten aber auch aussehen, als wolle man entweder eine Bank übernehmen oder sie ausrauben.
Dann wären da noch die Schuhe. Ich weiß inzwischen erstaunlich viel über Manolo Blahnik, Berluti und Jimmy Choo. Wobei ich irgendwann feststellen musste, dass Manolo Blahnik und Jimmy Choo vor allem Damenschuhe herstellen. Das erklärt immerhin, warum mir einige der empfohlenen Modelle für den samstäglichen Stadionbesuch etwas gewagt vorkamen.
Auch bei Anzügen sind mir Namen wie Burberry, Dolce & Gabbana und Prada inzwischen geläufig. Ich weiß, dass ein guter Anzug weder zu eng noch zu weit sitzen darf, modern, aber zeitlos sein soll und möglichst auffallen muss, ohne aufzufallen. Er sollte Persönlichkeit zeigen, dabei jedoch zurückhaltend bleiben. Kurz gesagt: Man soll ihn bemerken, darf aber keinesfalls sehen, dass man möchte, dass er bemerkt wird.
Und was Hemden betrifft, weiß ich mittlerweile, dass man sie am besten maßschneidern lässt, dass der Kragen zur Gesichtsform, die Manschette zur Uhr, der Stoff zur Jahreszeit und die Knopfleiste vermutlich zum eigenen Sternzeichen passen muss, wobei man bei der Kragenweite unbedingt darauf achten sollte, dass …
Ach, lassen wir das.
Ich habe mir zudem hochwertige Herrenausstatter in ganz Deutschland herausgesucht und auf deren Webseiten gestöbert. Auch dort bin ich inzwischen völlig im Bilde. Ich kenne italienische Stoffhersteller, englische Schneidertraditionen und den Unterschied zwischen Maßkonfektion und Vollmaß. Zumindest theoretisch. Praktisch könnte man mir vermutlich einen Bademantel als neapolitanisches Sakko verkaufen, solange der Verkäufer dabei ernst genug schaut.
Eigentlich dürfte also nichts mehr schiefgehen.
„Was wir erst lernen müssen, bevor wir es tun können, lernen wir, indem wir es tun.“ (Aristoteles)
Trotzdem will der Funke noch nicht so richtig überspringen. Es gibt da nämlich zwei klitzekleine Fragen, auf die mir bislang kein Modeexperte eine brauchbare Antwort gegeben hat.
Die erste lautet: Was passt eigentlich zu mir, und nach welchen Kriterien stelle ich mir ein Ensemble zusammen?
Für ein Greenhorn der klassischen Modeszene ist das eine ziemlich entscheidende Frage. Kaum habe ich mir ein paar Kleidungsstücke zurechtgelegt, erscheint zwei Tage später auf YouTube ein neuer „Fachmann“, der mir mit wichtigem Gesicht erklärt, dass genau diese Kombination nun wirklich überhaupt nicht gehe.
Braune Schuhe zur blauen Hose? Zeitlos elegant, sagt der eine. Ein stilistischer Notfall, sagt der nächste. Rollkragenpullover unter dem Sakko? Italienische Lässigkeit. Oder der schnellste Weg, wie ein erfolgloser Galerist auszusehen. Sneaker zum Anzug? Moderner Stilbruch. Oder schlicht der Beweis, dass man sich morgens nicht entscheiden konnte.
Und schon – schwuppdiwupp – sind meine gesamten Pläne hinfortgefegt.
Das geht nun seit geraumer Zeit so, und irgendwie beißt sich die Katze dabei immer wieder selbst in den Schwanz. Am Ende lande ich bei null, also wieder ganz am Anfang. Nur mit dem Unterschied, dass ich jetzt sämtliche Regeln kenne, die ich offenbar brechen könnte.
Kurz gesagt: Ich weiß jetzt sehr viel; viel mehr als vorher - und bin trotzdem keinen Schritt weiter.
Das zweite Problem spielt sich ebenfalls hauptsächlich zwischen meinen Ohren ab. Was geschieht, wenn ich tatsächlich ein passendes Outfit zusammenstelle und in meiner neuen Montur bei meinen Kumpels auflaufe?
Werden die nicht alle denken, dass ich mich morgens mit einem Hammer gekämmt habe? Gestern noch Turnschuhe, Jeans und Trikot, heute rahmengenähte Lederschuhe, Sakko und Einstecktuch. Die werden doch glauben, ich sei mit dem Klammerbeutel gepudert oder mir sei ein Amboss auf den Kopf gefallen. Oder schlimmer noch: Ich wolle ihnen eine Versicherung verkaufen.
Vermutlich würde zunächst niemand etwas sagen. Sie würden mich nur ansehen. Sehr lange. Dann würde einer fragen, ob ich später noch zu einer Hochzeit müsse. Ein anderer würde wissen wollen, vor welchem Gericht ich angeklagt sei. Und spätestens der Dritte würde mir sein Bier reichen und sagen, ich solle mich erst einmal wieder beruhigen.
Meine Güte – ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer sein kann, sich einen neuen Klamottenstil zuzulegen.
Traurig, aber wahr.
P. S.: Falls Sie demnächst jemanden in der Stadt sehen, der ein Sakko zur Jogginghose, ein Fußballtrikot zum Einstecktuch und Manolo Blahniks zum Fanschal trägt – das bin ich. Nach unzähligen Stunden Recherche weiß ich zwar, was man alles nicht tragen darf, aber immer noch nicht, wie man es richtig macht.
(Von Beileidsbekundungen bitte ich abzusehen.)
„Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun.“ (Johann Wolfgang von Goethe)
Ahoi
Ihr Freischwimmer


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