Der Wagen ließ mich am Ende einer Lindenallee absteigen, und der Kutscher deutete mit der Peitsche zum Haus hinauf, als sei dort ein König zu besuchen. In gewisser Weise war es ja auch so. Ferney liegt eine Stunde vor den Toren Genfs, jenseits der französischen Grenze, in einem Tal, das an diesem Nachmittag in einem Licht lag, wie es nur der späte August hervorbringt: ein gelbliches, schon ein wenig müdes Licht, das die Weinberge über dem Genfersee in eine Art bronzene Stille tauchte.
Das Schloss, wenn man es so nennen will, war kleiner als ich es mir vorgestellt hatte. Ein weißer, klar gegliederter Bau mit grünen Fensterläden, davor ein Hof mit Rosenbeeten, dahinter ein Park, der sanft zum See hin abfiel. Eine Magd in einer gestärkten Schürze öffnete und sagte nur: „Der Herr erwartet Sie im Garten.“
Ich folgte ihr durch einen kühlen Flur, in dem es nach Bohnerwachs und nach den Äpfeln roch, die in einer Schale auf einer Konsole lagen. An den Wänden hingen Stiche, einige Porträts, ein kleiner Plan von Genf. Dann eine Glastür, ein paar Stufen, und ich stand im Garten.
Er saß unter einer Platane, in einem Korbsessel, eine karierte Decke über den Knien, obwohl es noch warm war. Er trug eine Hausjacke aus violettem Samt, ein wenig verschossen, und eine Perücke, die nicht ganz gerade saß. Auf einem kleinen Tisch neben ihm lag ein aufgeschlagenes Buch, ein Tintenfass, ein Stapel beschriebener Bögen, beschwert mit einem Stein.
„Treten Sie näher“, rief er, ohne aufzustehen. „Ich erhebe mich heute nicht mehr für jeden, der aus Paris kommt. Aber für Sie mache ich eine halbe Ausnahme – ich richte mich auf.“
Und tatsächlich rückte er sich gerader im Sessel zurecht, mit jener spitzbübischen Genauigkeit, die ich von Stichen kannte. Sein Gesicht war schmal, beinahe knochig, die Augen jedoch hell und schnell, als seien sie das einzige Organ, das die Jahre nicht angetastet hatten.
„Setzen Sie sich. Theodora bringt Tee. Oder wollen Sie Wein? In Ferney trinkt man beides, manchmal gleichzeitig. Es kommt darauf an, ob man gerade über die Vernunft sprechen will oder gegen sie.“
Ich sagte, der Tee genüge. Er nickte zufrieden, als hätte ich eine Prüfung bestanden.
Über die Literatur
„Sie schreiben also auch“, begann er, ohne mich gefragt zu haben. „Das sieht man Ihnen an. Sie haben diesen Blick, den die Leute haben, die unterwegs ständig an etwas formulieren, das sie noch nicht aufgeschrieben haben. Ein etwas abwesender Blick. Ich habe ihn auch, mein ganzes Leben schon.“
Ich lachte und gab zu, dass ich an etwas arbeite. Er winkte ab.
„Schreiben Sie kurz. Das ist das Erste. Die Welt hat zu viele dicke Bücher. Man hält sie für tief, weil sie schwer sind. In Wahrheit sind sie nur schwer. – Schreiben Sie klar. Das ist das Zweite. Wenn Sie einen Satz schreiben, den Sie selbst zweimal lesen müssen, dann hat ihn der Leser bereits dreimal verflucht. – Und drittens“, er hob den Zeigefinger, „seien Sie unterhaltsam. Die Wahrheit ist eine bittere Medizin. Wenn Sie sie in Honig wickeln, schluckt der Leser sie hinunter, ohne zu merken, dass er gerade klüger wird.“
Ich fragte ihn, welches seiner eigenen Werke ihm am liebsten sei.
Er schwieg einen Moment, sah in den Garten hinaus, wo ein Gärtner einen Apfelbaum mit einem Stab abklopfte. Dann sagte er, leiser als zuvor:
„Candide. Nicht, weil es das beste ist – ich habe Tragödien geschrieben, an denen ich Jahre saß und die heute kaum noch jemand spielt, was mich ärgert und gleichzeitig amüsiert. Nein, Candide ist mir lieb, weil ich ihn in drei Tagen schrieb, in einem Anfall von Zorn und Heiterkeit zugleich. Er ist eine Faust, in einen Glacéhandschuh gesteckt. Man trifft besser damit, als man denkt.“
Ich sagte, ich hätte ihn als junger Mensch gelesen und sei darüber sehr fröhlich und sehr traurig gewesen, gleichzeitig.
„Dann haben Sie ihn richtig gelesen. Wer nur lacht, hat ihn verfehlt. Wer nur weint, ebenfalls. Die Welt ist beides. Man muss sie mit beiden Augen ansehen, dem nassen und dem lachenden, sonst sieht man nur die Hälfte.“
Über die Philosophie
Er nahm einen Schluck Tee, den die Magd inzwischen gebracht hatte. Seine Hand zitterte ein wenig, doch er ließ sich davon nicht stören.
„Die Philosophie“, sagte er, „ist heute eine Mode geworden. In Paris sitzen die Damen in ihren Salons und lassen sich von Diderot erklären, wie das Universum funktioniert, zwischen zwei Sorbets. Es ist köstlich und es ist lächerlich, und ich gehöre selbst dazu, also schimpfe ich nur halb.“
Er stellte die Tasse ab. „Aber im Ernst: Ich glaube an die Vernunft, doch ich glaube nicht, dass sie alles ist. Ich habe in jungen Jahren gemeint, man könne mit klaren Argumenten gegen den Aberglauben angehen wie mit einer Sense gegen das Unkraut. Heute weiß ich: Das Unkraut wächst, solange Menschen Menschen sind. Man muss trotzdem sensen. Aber man darf sich nicht einbilden, das Feld werde je leer.“
Ich fragte, ob er an Gott glaube. Es war eine plumpe Frage, ich wusste es im selben Moment, in dem ich sie aussprach. Er aber nahm sie ernst.
„An den Gott der Pfaffen? Keinen Atemzug lang. An einen Uhrmacher, der diese sonderbare Welt einmal angestoßen hat und sie nun laufen lässt? Vielleicht. Ich sage Ihnen, was ich gegen die Religionen habe: nicht ihren Gott. Sondern das, was die Menschen aus ihm machen, sobald sie eine Kirche um ihn herum bauen und beginnen, die Schlüssel zu verteilen. Die Tyrannei in Soutane ist mir verhasster als jede andere, denn sie behauptet, vom Himmel zu kommen.“
Er sah mich an, plötzlich sehr wach. „Aber verwechseln Sie das nie mit Verachtung für den Glauben der einfachen Leute. Wenn eine alte Frau in den Bergen abends ein Vaterunser spricht, weil sonst niemand mehr da ist, der ihr zuhört, dann ist das mir näher als das ganze Geschwätz der Doktoren der Sorbonne. – Lassen Sie die Leute glauben. Aber lassen Sie sie auch denken. Beides zugleich. Das ist die Kunst.“
Was ihm wichtig ist
Ich fragte ihn, was ihm im Leben das Wichtigste sei, wenn er es heute, mit sechsundsiebzig Jahren, in einem Satz zu sagen hätte.
Er lachte, ein trockenes, kleines Lachen.
„In einem Satz. Sie sind ja schlimmer als ein Beichtvater. – Gut: dass es weniger Grausamkeit auf der Welt gibt, wenn ich gehe, als zu der Zeit, da ich kam. Wenn ich das von mir sagen kann, dann war es kein verschwendetes Leben.“
Er deutete in den Park hinaus. „Sehen Sie diesen Garten? Vor zwölf Jahren war hier kein Garten, sondern ein verlottertes Dorf. Die Menschen hier hatten Angst vor dem Pfarrer, vor dem Vogt, vor dem Winter, vor sich selbst. Ich habe Häuser bauen lassen, eine Manufaktur für Uhren eingerichtet, eine kleine Kirche, von der ich behaupte, dass ich sie für Gott und gegen die Pfaffen errichtet habe. Heute leben hier zwölfhundert Menschen, wo vorher fünfzig vegetierten. – Das ist mir wichtiger als die Hälfte meiner Bücher. Schreiben ist Worte. Bauen ist Steine. Beides gehört zusammen.“
Er fügte, leiser, hinzu: „Und der Fall Calas. Wenn man mir nach meinem Tod nur dieses eine zugesteht – dass ich für einen unschuldig Geräderten gekämpft habe, gegen die Justiz seiner eigenen Stadt, und dass am Ende sein Name rein war – dann bin ich zufrieden. Schreiben Sie das auf. Nicht meinetwegen. Calas wegen.“
Über Kindheit und Herkunft
Eine Wolke schob sich vor die Sonne, und der Garten verlor für einen Augenblick seine Farbe. Voltaire zog die Decke ein wenig höher.
„Sie wollen es genau wissen. Gut. Geboren bin ich im November 1694 in Paris, in der Rue de Beaune oder dort in der Nähe – mein Vater war Notar, ein bürgerlich-tüchtiger Mann, der die Vernunft im Aktendeckel suchte und sie dort meistens auch fand. Meine Mutter starb, als ich sieben war. Daran erinnert man sich nicht in geordneten Sätzen. Man erinnert sich an einen Geruch, an ein Kleid, an eine Stimme, die plötzlich nicht mehr da ist.“
Er sah einen Moment in die Tasse. „Ich war ein zartes Kind, halb tot bei der Geburt, sagte die Hebamme. Vielleicht stimmt es, vielleicht ist es ein Familienmärchen. Auf jeden Fall haben sie mich später zu den Jesuiten geschickt, ins Louis-le-Grand. Sie haben mir Latein eingetrichtert und mir Versmaße so beigebracht, dass ich heute noch im Schlaf einen Alexandriner skandieren kann. Ich verdanke ihnen viel, auch wenn ich seither viel gegen sie geschrieben habe. Beides ist wahr. Man darf seinen Lehrern dankbar sein und ihnen gleichzeitig widersprechen. Das ist sogar die feinste Form der Dankbarkeit.“
Er lächelte. „Mein Vater wollte einen Juristen aus mir machen. Ich wollte ein Dichter werden. Wir haben uns lange darüber gestritten. Er hat verloren. Er wusste es nicht, aber er hat verloren von Anfang an.“
Über die Freunde unter den Schriftstellern
Ich fragte ihn nach den Kollegen, ob er Kontakt halte, ob es Freundschaften gebe, die ihn trügen.
Er machte eine Geste, halb amüsiert, halb wegwerfend.
„Die Schriftsteller. Mein lieber Freund, Schriftsteller sind das eitelste Geschlecht unter Gottes Sonne, und ich nehme mich davon nicht aus. Wir umarmen uns in Briefen und beißen uns in Vorworten. Es ist ein eigenes Wetter.“
Er zählte an den Fingern ab. „Da war Friedrich – der König von Preußen. Sie wissen es. Er hat mich nach Potsdam geholt, ich war drei Jahre an seinem Hof, wir haben uns angebetet und am Ende heillos zerstritten. Er ist ein bedeutender Geist und ein noch bedeutenderer Souverän, und beides zusammen verträgt sich schlecht mit der Eitelkeit eines Dichters wie mir. Wir schreiben uns wieder, höflich, manchmal sogar herzlich, aus großer Entfernung. Aus der Nähe würden wir uns wieder zerfleischen. So ist das.“
„Diderot – ein heller Kopf, der seine Encyclopédie zusammenzwingt, Band um Band, gegen Zensur und Bornierung. Ich bewundere ihn, ich helfe ihm, wo ich kann. Wir besuchen uns selten. Briefe genügen. Manchmal sind Briefe sogar das Beste an einer Freundschaft, weil man auf dem Papier nüchterner ist als am Tisch.“
„D’Alembert – fein, vorsichtig, klug. Ein Mann, mit dem man stundenlang über einen einzigen Begriff sprechen kann, ohne dass es einem langweilig wird.“
Sein Gesicht verdunkelte sich ein wenig. „Und Rousseau. Ach, Rousseau. Wir haben einander gelesen, wir haben uns geschrieben, wir haben uns zerstritten, schlimmer als ich mich je mit einem anderen zerstritten habe. Er hält mich für einen kalten Spötter, ich halte ihn für einen begabten Heuchler, der die Zivilisation verflucht und gleichzeitig in Pariser Salons logiert. Wir sind beide ungerecht zueinander. Und vielleicht – das gebe ich nur Ihnen zu – haben wir uns gerade deshalb so erbittert, weil wir uns mehr ähneln, als uns lieb ist. Zwei Eitelkeiten in einem zu engen Jahrhundert.“
Er seufzte, fast ein wenig theatralisch. „Die wahren Freunde, wissen Sie, sind nicht die Berühmten. Es sind die, die einem nachts schreiben, wenn man krank ist, und die einen Brief schicken, ohne dass etwas darin gedruckt werden soll. Davon habe ich ein paar. Mehr braucht der Mensch nicht.“
Über die Familie
Ich fragte ihn nach der Familie. Es war eine Frage, von der ich nicht wusste, wie er sie aufnehmen würde.
Er machte eine kleine Pause. Dann sagte er, ungewöhnlich nüchtern:
„Eine eigene Familie habe ich nie gegründet. Keine Frau, keine Kinder. Das war keine Entscheidung – das war ein Leben, das einen so führt, dass diese Tür nie weit aufging. Madame du Châtelet – sie war meine Freundin, meine Mitarbeiterin, meine Geliebte, meine wahrhaftigste Leserin, fünfzehn Jahre lang in Cirey. Eine Frau von solcher Klugheit, dass ich neben ihr lernen konnte, ohne dass es mich kränkte. Sie starb 1749. Bei einer Geburt. Ich habe nie ganz aufgehört, sie zu vermissen.“
Er sah eine Weile in den Garten.
„Hier in Ferney lebt meine Nichte, Madame Denis. Sie führt mein Haus, sie streitet mit mir, sie verteidigt mich gegen die Welt und gelegentlich gegen mich selbst. Sie ist meine Familie, in dem Sinn, in dem man Familie versteht, wenn man die Worte nicht zu eng nimmt.“
Er hob die Hand. „Familie ist nicht nur das Blut. Familie ist das, was bleibt, wenn man krank ist. Wer bringt einem die Suppe, wer schreibt für einen die Briefe, wer hält die Bittsteller fern, wenn man nicht mehr kann. Das ist Familie. Bei mir ist es Madame Denis, mein Sekretär, der Gärtner, der mich seit zwanzig Jahren kennt, und die Magd, die ungefragt weiß, wann ich friere. Das ist nicht wenig. Das ist sogar viel.“
Wie er die Welt sieht
Inzwischen war die Sonne weitergewandert, und der Schatten der Platane lag schräg über uns. Ich wagte die nächste Frage: wie er die Welt sehe, jetzt, von Ferney aus, am Ende eines langen Jahrhunderts.
Er lehnte sich zurück. Sein Gesicht wurde ernster.
„Schlechter als ich sie mir gewünscht hätte. Besser, als ich es vor vierzig Jahren befürchtet habe. – Ich habe als junger Mensch geglaubt, die Vernunft werde marschieren wie eine römische Legion. Sie hätte alle Aberglauben niedergeworfen, alle Tyranneien geschleift. Wir würden in zwei Generationen in einer Welt leben, in der niemand mehr wegen seines Bekenntnisses gefoltert würde und in der die Bauern nicht mehr nach dem Willen eines Herrn sterben müssten.“
Er machte eine müde Geste. „Es ist nicht eingetreten. Die Vernunft marschiert nicht. Sie tröpfelt. Sie versickert. Sie kommt zurück, wo man sie nicht erwartet, und sie verschwindet, wo man sie gerade hatte. – Trotzdem: Es ist heller geworden auf der Welt, das gebe ich zu. Man kann heute Dinge schreiben, für die man vor fünfzig Jahren noch gehängt worden wäre. Nicht überall. Aber an einigen Orten. Das ist ein Anfang.“
Er sah mich direkt an. „Wissen Sie, was mich am meisten beunruhigt? Nicht die Dummheit. Die wird es immer geben. Sondern die Trägheit der Klugen. Die Leute, die sehen, dass etwas Unrecht ist, und sich dann hinter der Bemerkung verschanzen, es habe ja immer schon so geheißen und werde immer so heißen. Das ist die eigentliche Krankheit. Die Bosheit der Bösen ist nichts ohne die Bequemlichkeit der Guten. – Schreiben Sie das auf, wenn Sie etwas aus diesem Nachmittag mitnehmen wollen. Es ist nicht von mir, oder doch, es ist von mir, aber es ist auch von vielen anderen. Wahrheiten gehören keinem.“
Wo er gerne lebt
Ich fragte ihn, ob er Paris vermisse. Ob er nicht zurück wolle, in die Stadt, die ihn geprägt habe.
Er lachte laut, und es war das fröhlichste Lachen des ganzen Nachmittags.
„Paris! Mein Lieber, Paris ist eine Geliebte, die einen verlassen hat und der man auf der Straße nicht wieder begegnen will. Ich liebe sie, ich danke ihr alles, ich verfluche sie zugleich. Sie hat mich in die Bastille gesteckt, sie hat mich ausgewiesen, sie hat meine Stücke verboten und meine Bücher verbrannt. Ich werde sie nicht so bald wiedersehen. – Vielleicht einmal. Vielleicht ganz am Ende. Ein alter Mann hat noch das Recht, einmal in seine Stadt zurückzukehren, bevor er hinausgeht.“
Er deutete um sich. „Aber hier, in Ferney, lebe ich gut. Die Grenze ist nahe – fünfzehn Minuten zu Pferd, und ich bin in der Schweiz. Wenn aus Versailles der falsche Brief kommt, sitze ich noch am selben Abend in Genf. Das ist nicht Furcht, das ist Erfahrung. Ein Schriftsteller braucht zwei Dinge: einen Tisch und eine offene Tür. Beides habe ich hier.“
Er sah in den Garten. „Außerdem habe ich diesen Park. Ich habe die Bäume selbst pflanzen lassen. Ich kenne jeden von ihnen. Das ist eine Liebe, die man in Paris nicht haben kann. – Wer einen Garten hat und Bücher, dem fehlt nichts mehr, hat einmal ein Römer gesagt. Ich füge hinzu: und ein paar Briefpartner. Dann ist das Leben vollständig.“
Was er noch vorhat
Es war beinahe Abend geworden. Der Gärtner war verschwunden, die Schatten waren lang. Ich fragte ihn die letzte Frage: was er noch vorhabe. Was er noch tun wolle, jetzt, in den Jahren, die ihm blieben.
Er schwieg lange. Es war ein anderes Schweigen als zuvor, ein nachdenkliches, beinahe weiches.
„Schreiben. Was sonst. – Ich habe ein paar Streitschriften im Sinn, die ich noch fertigmachen muss, gegen Dinge, die mich ärgern. Es gibt einen Bauern in der Nähe von Abbeville, einen jungen Mann, La Barre, den sie vor vier Jahren hingerichtet haben für eine Lappalie. Sein Fall lässt mir keine Ruhe. Ich werde, solange ich Tinte habe, dafür kämpfen, dass solche Urteile nicht mehr fallen. Ein Mensch nach dem anderen. Das ist alles, was man tun kann.“
Er sah mich an. „Außerdem will ich noch einmal nach Paris. Doch. Ich habe es eben weggeredet, aber es stimmt nicht ganz. Ich will noch einmal hin. Nicht für lange. Nur, um zu sehen, ob die Stadt noch die ist, die sie war. Vielleicht spielt das Théâtre-Français noch eines meiner Stücke. Vielleicht steht im Café Procope ein Tisch frei. Mehr braucht ein alter Mann nicht.“
Er machte eine kleine Pause, dann fügte er, fast verschmitzt, hinzu:
„Und ich will weiter den Garten pflegen. Bäume sind die einzigen Schüler, die einem nicht widersprechen. Sie tun, was man ihnen sagt, in dem Tempo, das ihnen gefällt. Das ist eine Lehre, die ich erst spät begriffen habe. Manche Dinge brauchen Zeit, und es ist nicht meine Aufgabe, sie zu beschleunigen. Ich pflanze. Andere ernten. Das ist die richtige Reihenfolge.“
Er erhob sich langsam, mit Hilfe der Sessellehne. Ich sah, wie schmal er war, wie zerbrechlich unter der violetten Hausjacke, und gleichzeitig, wie zäh.
„Gehen Sie jetzt“, sagte er. „Es wird kühl, und ich werde unleidlich, wenn mir kalt ist. Schreiben Sie auf, was Ihnen wichtig erscheint, und vergessen Sie den Rest. Das ist das Geheimnis aller Erinnerung: dass man das Richtige vergisst.“
Er reichte mir die Hand. Sie war schmal und überraschend warm.
„Und schreiben Sie kurz“, fügte er hinzu, mit jenem letzten, kleinen Lächeln. „Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt. Aber bei wichtigen Dingen darf man sich wiederholen.“
Ich ging die Allee hinunter, zurück zum Wagen. Hinter mir blieb das weiße Haus, der Garten, die Platane. Als ich mich einmal umwandte, sah ich ihn noch immer dort stehen, in seinem violetten Samt, und winken. Eine kleine, schmale Hand in einem großen, langsam dunkler werdenden Garten.
S.
Nachschrift
Voltaire – geboren als François-Marie Arouet am 21. November 1694 in Paris – starb dort am 30. Mai 1778. Die hier geschilderte Begegnung ist literarische Fiktion; sie spielt im Sommer 1770 auf seinem Landsitz Ferney an der französisch-genferischen Grenze, wo er seit 1759 lebte. Historisch belegt sind seine Herkunft als Sohn eines Pariser Notars, der frühe Tod seiner Mutter, die Schulzeit am Jesuitenkolleg Louis-le-Grand sowie die schwierige Beziehung zum Vater.
Ebenso verbürgt sind die langjährige Verbindung mit Émilie du Châtelet, die 1749 starb, Voltaires Aufenthalt am Hof Friedrichs II. in Potsdam und der spätere Bruch mit dem König, sein Zerwürfnis mit Rousseau sowie die Zusammenarbeit mit Diderot und d’Alembert im Umfeld der Encyclopédie.
Ferney wurde unter Voltaire tatsächlich zu einem bedeutenden Ort: Aus einem armen Dorf entstand eine blühende Manufakturgemeinde mit über zwölfhundert Einwohnern. Historisch gesichert ist auch sein Einsatz für Jean Calas sowie für den Chevalier de La Barre, deren Prozesse zu Symbolen seines Kampfes gegen religiösen Fanatismus wurden.
Voltaire kehrte 1778 nach langer Abwesenheit noch einmal nach Paris zurück und starb dort wenige Wochen später. Die ihm in dieser Geschichte zugeschriebenen Gedanken – die Verteidigung der Toleranz, Skepsis gegenüber Dogmen, die Trennung von Glauben und kirchlicher Macht sowie die Liebe zu Klarheit und Kürze – entsprechen seinem Werk und seiner umfangreichen Korrespondenz. Die Dialoge selbst sind literarische Erfindung und keine historischen Zitate.
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