Kühltruhen, die heizen, Banken, die bluten, und Regierungen, die wieder zur Speisekammer raten – eine Vermessung der digitalen Verwundbarkeit im Herbst 2026

Vier Uhr vierundvierzig

Um 4 Uhr 44, so wird man es später im Intermarché von Grand-Couronne protokollieren, beginnt in der Nacht zum 12. Oktober die Kälte ihren Dienst zu quittieren. Die Truhen, die eben noch minus achtzehn Grad hielten, schalten in einen Abtauzyklus, den keiner bestellt hat, und bleiben darin. Draußen liegt die Seine-Maritime im Dunkel; drinnen erwärmen sich Fischstäbchen, Rinderhack und Speiseeis auf Temperaturen, bei denen man sonst Hefeteig gehen lässt. Als am Morgen das Personal kommt, ist das gesamte Kühlsortiment ein Fall für den Container. In Hunderten französischen Märkten, so stellt sich im Lauf des Tages heraus, ist dasselbe geschehen.

Ich gestehe, dass mich an dieser Meldung zunächst nicht der Schaden ergriff, sondern ihre Groteske. Man hat sich den Cyberkrieg als etwas Erhabenes vorgestellt, als Duell zwischen Geheimdiensten, als schwarzen Bildschirm im Kanzleramt. Und dann ist es die Tiefkühlpizza. Doch die Groteske ist die Form, in der das Ernste heute zu uns kommt. Wer eine Kühltruhe aus der Ferne erhitzen kann, hat die Grenze zwischen Daten und Dingen überschritten – und damit eine Frage aufgeworfen, die in diesen Wochen erstaunlich viele Menschen stellen: Droht uns bald die Abschaltung des Internets?

Chronik eines Herbstes

Die Fakten zuerst, denn sie sind beunruhigend genug. Die Angreifer manipulierten in jener Oktobernacht Regelsysteme des dänischen Herstellers Danfoss, die Kühlmöbel und Kühlräume steuern. Sie erzwangen das Abtauen, setzten Sollwerte auf bis zu fünfzig Grad und verlängerten die Zyklen so, dass die Alarme verspätet anschlugen. Betroffen waren Filialen von Intermarché, Carrefour, Leclerc und Système U; in einigen Läden brachen kleine Brände aus, die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt. Drei Wochen später, in der Nacht zum 2. November, folgte eine zweite Welle, diesmal über halb Europa verstreut: Belgien, Schweden, Estland, Irland, die Niederlande, Finnland, Portugal, Italien. In derselben Nacht versuchte jemand, die Plasmagefrierschränke des Établissement français du sang, des französischen Blutspendedienstes, von minus dreißig auf über hundert Grad zu programmieren. Man bemerkte es rechtzeitig. Ein Bekennerschreiben gibt es bis heute nicht.

Zur gleichen Zeit wurde das Geld angegriffen. Die bretonische Bankengruppe Crédit Mutuel Arkéa meldete Anfang November betrügerische Transaktionen, die über die Plattform eines externen Dienstleisters liefen; französische Medien sprechen von rund 118 Millionen Euro, die Bank bestätigt die Summe nicht und versichert, Kundenguthaben seien unberührt. In Südkorea lagen allein bei der Shinhan Bank Namen, Einkommen und Kreditlimits von etwa 25 000 Kunden offen. In Deutschland flossen bei der abc Bank über einen IT-Dienstleister Kundendaten ab. Belgien musste am 28. Oktober sein Steuerportal MyMinfin vom Netz nehmen und die Abgabefristen verschieben. Und die indische Cyberbehörde CERT-In warnt vor einer Gruppe, die mit frei verfügbaren KI-Werkzeugen Zahlungsschnittstellen abtastet: erst eine Überweisung über eine einzige Rupie, dann die großen Summen, bevorzugt am Wochenende, wenn die Wächter dünn besetzt sind. Die Europäische Zentralbank hatte die von ihr beaufsichtigten Großbanken bereits im Juli verpflichtet, bis Ende Oktober Aktionspläne gegen KI-gestützte Angriffe vorzulegen.

Was verbindet diese Fälle? Fast nirgends Genie, fast überall Nachlässigkeit. Die gehackten Kühlregler waren zum großen Teil Altgeräte, die der Hersteller längst nicht mehr pflegt; manche hingen, nach Auskunft von Danfoss selbst, mit Werkspasswörtern offen im Netz. Die Bank wurde über einen Zulieferer erreicht, nicht über die eigenen Mauern. Das Einfallstor ist selten das Burgtor, meist die Lieferantenpforte.

Von Hüten und Händen

An dieser Stelle muss eine Unterscheidung verteidigt werden, die im Alarmismus der Schlagzeilen regelmäßig untergeht. „Hacker“ ist kein Synonym für Verbrecher. Hinter den Angriffen dieses Herbstes stehen, soweit man es weiß, kriminelle Banden oder staatlich geduldete Gruppen, die man in der Szene „Black Hats“ nennt. Ihnen gegenüber stehen die „White Hats“: Forscherinnen und Forscher, die Schwachstellen suchen, um sie zu schließen. Sie informieren die Hersteller vertraulich, geben ihnen Zeit für Korrekturen und veröffentlichen erst danach. Man nennt das „Coordinated Disclosure“, und es gehört zu den stillen zivilisatorischen Errungenschaften des digitalen Zeitalters. Vereinigungen wie der Chaos Computer Club haben auf diese Weise über Jahrzehnte Lücken in Wahlcomputern, Gesundheitsnetzen und Behördensoftware aufgedeckt.

Der Fall der Kühltruhen ist dafür ein bitteres Lehrstück. Die Sicherheitsfirma Claroty hatte die Regler von Danfoss und Copeland untersucht, gravierende Lücken gefunden und die Hersteller unterrichtet; beide lieferten neue Firmware. Im August, zwei Monate vor dem Angriff, stellten die Forscher ihre Ergebnisse öffentlich vor, auf der Hackerkonferenz DEF CON in Las Vegas. Und dennoch fanden Suchmaschinen für vernetzte Geräte danach noch rund 2700 offen erreichbare Danfoss-Steuerungen. Die Warnung war ausgesprochen, der Flicken lag bereit, nur hat ihn niemand aufgenäht. Die guten Hacker hatten ihre Arbeit getan; viele Betreiber nicht.

Es passt, dass sich in diesen Tagen ein Datum jährt, das beide Seiten der Medaille zeigt. Am 2. November 1988 ließ der Cornell-Doktorand Robert Tappan Morris ein Programm ins junge Internet, das dessen Größe vermessen sollte. Ein Programmierfehler machte daraus eine Seuche: Der „Morris-Wurm“ legte binnen Stunden schätzungsweise sechstausend Rechner lahm, etwa jeden zehnten des damaligen Netzes. Die nachhaltigere Folge aber war eine Institution: An der Carnegie Mellon University entstand das erste Computer Emergency Response Team, Urahn aller heutigen Abwehrstellen – vom deutschen BSI bis zum Schweizer Bundesamt für Cybersicherheit. Aus der Katastrophe wurde Vorsorge, aus dem Täter ein angesehener Informatikprofessor am MIT.

Max Weber hat die Moderne durch die „Entzauberung der Welt“ gekennzeichnet gesehen: durch den Glauben, man könne alle Dinge grundsätzlich durch Berechnung beherrschen. Die White Hats sind Webers späte Erben. Sie glauben an die Berechenbarkeit der Systeme, aber sie wissen, dass diese Beherrschung nie gesichert ist, sondern jeden Tag aufs Neue errungen werden muss.

Gibt es den großen Schalter?

Nun also die Titelfrage. Kann man das Internet abschalten – das ganze, auf einen Schlag? Die ehrliche Antwort lautet: Nein, jedenfalls nicht so, wie man ein Licht ausknipst. Das Internet ist kein Gerät, sondern eine Verabredung. Es besteht aus mehr als siebzigtausend autonomen Netzen – Providern, Universitäten, Konzernen, Behörden –, die einander über ein Protokoll namens BGP mitteilen, wer wen auf welchem Weg erreichen kann. Es gibt keine Zentrale, deren Stecker man ziehen könnte. Selbst das Adressbuch des Netzes, das Domain Name System, ruht auf dreizehn Wurzelserver-Identitäten, die von zwölf unabhängigen Organisationen betrieben und weltweit an weit über tausend Standorten gespiegelt werden. Ein globales Abschalten verlangte tatsächlich die koordinierte Mitwirkung praktisch aller Staaten und Betreiber. Es gibt auf dieser Welt jedoch kein Thema, bei dem sich alle Staaten koordinieren – am wenigsten eines, das ihnen allen gleichermaßen schaden würde.

Was es sehr wohl gibt, ist das nationale Abschalten. Ägypten kappte im Januar 2011, auf dem Höhepunkt der Proteste am Tahrir-Platz, fast vollständig seinen Netzzugang; das Land verschwand für Tage aus dem digitalen Weltgeschehen. Die Menschenrechtsorganisation Access Now zählte für das Jahr 2025 mindestens 313 Internetsperren in 52 Ländern, einen traurigen Rekord, angeführt von Myanmar. Russland hat sich bereits 2019 per Gesetz ein „souveränes Internet“ verordnet, das sich im Ernstfall vom Rest der Welt abkoppeln lassen soll.

Hier zeigt sich, dass die reale Gefahr des Abschaltens weniger von Hackern ausgeht als von Regierungen. Carl Schmitts berüchtigter Satz, souverän sei, wer über den Ausnahmezustand entscheide, hat eine digitale Fassung erhalten: Souverän ist, wer über den Netzzugang entscheidet. Das Internet stirbt nicht am großen Knall. Es droht zu zerfallen – in Kammern, Zonen und Hoheitsgebiete, in ein Archipel nationaler Intranets, zwischen denen die Fähren immer seltener verkehren.

Die wahrscheinlichere Dunkelheit

Und doch wäre es leichtsinnig, die Titelfrage mit einem beruhigten Nein abzutun. Denn man muss das Internet nicht abschalten, um es unbrauchbar zu machen. Es genügt, ihm den Strom zu nehmen. Am 28. April 2025 brach auf der Iberischen Halbinsel das Stromnetz zusammen; binnen Sekunden waren Spanien und Portugal dunkel, und mit dem Strom verschwanden Mobilfunk, Kartenzahlung und Bahnsignale. Kein Hacker war im Spiel, nur die Physik eines überforderten Netzes. Im Juli 2024 legte ein fehlerhaftes Update der Sicherheitsfirma CrowdStrike rund 8,5 Millionen Windows-Rechner lahm, Flughäfen, Spitäler und Banken eingeschlossen – ausgerechnet ein Schutzprogramm als Ursache. Und unter den Meeren liegen jene Kabel, über die rund 99 Prozent des interkontinentalen Datenverkehrs fließen; dass in der Ostsee seit 2023 wiederholt Leitungen von schleifenden Ankern beschädigt wurden, hat die Sicherheitsbehörden aller Anrainerstaaten hellhörig gemacht.

Der französische Philosoph Paul Virilio hat diese Struktur auf eine Formel gebracht: Wer das Schiff erfindet, erfindet den Schiffbruch, wer das Flugzeug erfindet, den Absturz. Jede Technik bringt ihren eigenen Unfall hervor, und je vernetzter sie ist, desto mehr wird ihr Unfall zum „integralen“, zum allgegenwärtigen Ereignis. Die Kühltruhe von Grand-Couronne ist ein solcher integraler Unfall im Kleinen. Sie wurde vernetzt, damit der Kältetechniker nachts aus der Ferne nach dem Rechten sehen kann – und eben deshalb konnte nachts jemand aus der Ferne das Unrecht tun. Bequemlichkeit und Verwundbarkeit laufen durch ein und dieselbe Leitung.

Die Rückkehr der Speisekammer

Vor diesem Hintergrund liest sich eine Entwicklung anders, die man vor wenigen Jahren noch belächelt hätte: Regierungen in ganz Europa raten ihren Bürgern wieder zum Vorrat. Nicht hysterisch, sondern im Ton von Merkblättern. Einer Zählung des Magazins Newsweek zufolge tun dies inzwischen 33 Staaten weltweit, und als Szenario nennen sie neben Krieg und Naturkatastrophe ausdrücklich den großflächigen Cyberangriff auf kritische Infrastruktur.

Die Empfehlungen unterscheiden sich vor allem in der Dauer. Die Europäische Union hat im März 2025 mit ihrer „Preparedness Union Strategy“ 72 Stunden als gemeinsames Minimum ausgegeben. Bei drei Tagen liegen auch Frankreich, Belgien, Luxemburg, Finnland, Dänemark, Litauen mit seiner Kampagne „LT72“, das Vereinigte Königreich und die Niederlande, jenseits des Atlantiks Kanada und die Vereinigten Staaten. Eine Woche verlangen Schweden, dessen Broschüre „Wenn die Krise oder der Krieg kommt“ in Millionen Briefkästen lag, sowie Norwegen und Estland. Deutschland geht weiter: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz rät, sich möglichst zehn Tage selbst versorgen zu können, und fügt tröstend hinzu, schon drei Tage hälfen sehr. Singapur empfiehlt zwei Wochen, Slowenien einer Länderübersicht zufolge gar dreißig Tage.

Und die Schweiz? Sie hat, wie so oft, die älteste und nüchternste Antwort. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung empfiehlt unter dem treuherzigen Reim „Kluger Rat – Notvorrat“ Lebensmittel für rund eine Woche und neun Liter Wasser pro Person, ein Sixpack, gedacht für drei Tage; dazu die wichtigsten Medikamente, ein Batterieradio, eine Taschenlampe, etwas Bargeld. Ab dem vierten Tag, so die Logik, sind die Wasserversorger verpflichtet, wieder eine Mindestmenge zu liefern. Was andernorts als Zeitenwende ausgerufen wird, ist hier gelebte Tradition seit der Anbauschlacht des Zweiten Weltkriegs. Ein Land, das seine Schutzräume nie abgeschafft hat, betrachtet den Notvorrat nicht als Panik, sondern als ordentliche Haushaltsführung.

Bemerkenswert ist, was in all diesen Listen steht und was in ihnen fehlt. Es stehen darin Konserven, Kerzen, Kurbelradios, Batterien – lauter Dinge, die ohne Netz funktionieren. Es fehlt jede Erwartung, der Staat könne in den ersten Tagen einer Krise für alle zugleich da sein. Die 72 Stunden sind keine Prognose über die Dauer einer Krise, sondern das Zeitfenster, in dem sich die Rettungskräfte um die Schwächsten kümmern sollen, während die Übrigen sich selbst behelfen. Der Vorrat in der Kammer ist also auch eine Geste der Solidarität: Wer sich selbst versorgt, entlastet den Nächsten.

Schiffbruch mit Zuschauer

Hans Blumenberg hat in einem schmalen, großen Buch die Figur des Zuschauers beschrieben, der vom sicheren Ufer aus den Schiffbruch anderer betrachtet. Blumenbergs Pointe ist, dass es dieses Ufer nicht mehr gibt. Wir sind, wie schon Pascal wusste, längst eingeschifft. Das gilt für die digitale Welt in verschärftem Maß. Wer heute die Meldungen über heizende Kühltruhen und geplünderte Banken liest, liest sie auf einem Gerät, das am selben Netz hängt wie die Truhe und die Bank.

Ich selbst habe, aus berufsbedingtem Misstrauen und privater Bastelfreude, in meinem Büro einen kleinen solarbetriebenen Funkknoten stehen, der Kurznachrichten über ein selbstorganisierendes Netz weiterreicht – ohne Internet, ohne Provider, ohne Rechenzentrum. Er ist ein Spielzeug, gewiss. Aber er erinnert mich täglich daran, dass die Robustheit eines Netzes nicht aus seiner Größe kommt, sondern aus seiner Dezentralität. Und dass Resilienz am Ende eine Sache von Menschen ist, die sich kümmern: die das Update einspielen, das Werkspasswort ändern, die Lücke melden, statt sie zu verkaufen.

Droht uns also die Abschaltung des Internets? Den großen Schalter gibt es nicht, und niemand wird ihn umlegen. Was uns droht, ist subtiler und darum gefährlicher – das schleichende Erwärmen, das die Truhen von Grand-Couronne so anschaulich vorgeführt haben. Nicht der Knall, sondern der verlängerte Abtauzyklus, der den Alarm hinauszögert, bis die Ware verdorben ist. Gegen diese Art der Bedrohung hilft kein Bunker. Es helfen Wachsamkeit, Wartung und ein Sixpack Wasser im Keller. Und vielleicht, an einem Freitagabend, die Gelassenheit, das Gerät einmal auszuschalten – freiwillig, versteht sich, und nur für eine Weile.

Sapere aude!

S.

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