FEUILLETON
 

Siebzig Jahre nach dem Ungarnaufstand: über Beethovens „Egmont“, Hannah Arendts Räte und die Frage, wem ein Datum gehört
 

Eine Ouvertüre aus dem Parlament

Am Abend des 23. Oktober 1956 war das Budapester Rundfunkhaus in der Bródy-Sándor-Straße kein Ort mehr, von dem aus man senden konnte. Vor dem Gebäude hatten Studenten verlangt, ihre sechzehn Forderungen über den Äther verlesen zu dürfen; aus dem Gebäude war geschossen worden. Wer in den folgenden Tagen das Radio einschaltete, hörte Nachrichten aus einem improvisierten Studio im Parlament – und zwischen den Meldungen, um die Pausen zu füllen, Schallplatten, die jemand in der Eile mitgenommen hatte. Eine davon lief immer wieder: Beethovens Ouvertüre zu Goethes „Egmont“. Das Radio der Revolution machte sie zu seiner Erkennungsmelodie, und so wurde ein Stück aus dem Wien des Jahres 1810 zum akustischen Wappen eines Landes, das sich für dreizehn Tage frei glaubte.

Ich habe die Ouvertüre in dieser Woche mehrmals gehört, mit jenem leisen schlechten Gewissen, das einen befällt, wenn man Musik zu Gedenkzwecken konsumiert. Man kennt das f-Moll der Einleitung, diese schweren, gleichsam gefesselten Akkorde, und man kennt den Durchbruch nach F-Dur am Ende, die Siegessinfonie, mit der Beethoven den Tod seines Helden in einen Triumph umdeutet. Wer 1956 in Budapest am Empfänger saß, hörte beides zugleich: die Fessel und die Befreiung.

Und noch etwas klingt mit, das man leicht überhört. Lamoral von Egmont, der niederländische Graf, dessen Untergang Goethe dramatisiert hat, wurde am 5. Juni 1568 auf dem Großen Markt von Brüssel enthauptet, auf Befehl des Herzogs von Alba, im Namen einer fernen Zentralmacht. Brüssel als Ort, an dem die Freiheit einer Provinz unter das Beil gerät: Es ist eine jener Pointen, die die Geschichte bereithält, damit spätere Redner sie missbrauchen können. Wir werden darauf zurückkommen.

Dreizehn Tage

Die Chronik ist rasch erzählt und doch kaum zu fassen. Am Nachmittag des 23. Oktober, eines Dienstags, zogen Studenten zum Denkmal des polnischen Generals Józef Bem, um ihre Solidarität mit den Reformern in Warschau zu bekunden. Am Abend lag der bronzene Stalin am Rande des Stadtwäldchens auf dem Pflaster; nur seine Stiefel blieben auf dem Sockel stehen. In der Nacht rollten die ersten sowjetischen Panzer in die Stadt. Imre Nagy, der Reformkommunist, den die Partei eben noch kaltgestellt hatte, wurde Ministerpräsident. Ende Oktober zogen die Sowjets aus Budapest ab; am 1. November erklärte Nagy den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Neutralität Ungarns. Am 4. November, im Morgengrauen, kehrten die Panzer zurück, diesmal mit überwältigender Macht. Nagys letzter Appell ging über den Rundfunk hinaus in die Welt. Die Welt hörte zu und tat nichts.

Etwa zweitausendfünfhundert Ungarn verloren ihr Leben, Tausende wurden verurteilt, Hunderte hingerichtet, mehr als zweihunderttausend flohen über die Grenze. Imre Nagy wurde im Juni 1958 nach einem Geheimprozess gehängt.

Dreizehn Tage also, vom 23. Oktober bis zum 4. November. Hannah Arendt zählte in ihrem Essay zwölf. Die Differenz ist keine Rechenschwäche, sondern eine Frage der Perspektive: Ob man den Tag der Niederschlagung noch zur Freiheit rechnet oder schon zur Unterwerfung, entscheidet darüber, wie man die Geschichte erzählt. Schon die Arithmetik des Gedenkens ist eine Deutung.

Das Wunder der Räte

Arendt schrieb ihre Reflexionen über die ungarische Revolution ein Jahr nach den Ereignissen. 1958 erschienen sie im „Journal of Politics“, im selben Jahr auf Deutsch unter dem Titel „Die ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus“ und schließlich als Epilog der erweiterten Neuausgabe jenes Buches, das deutsche Leser als „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ kennen. In späteren Auflagen fehlt der Text; Arendt hat ihn wieder herausgenommen. Über die Gründe lässt sich streiten.

Was Arendt an Ungarn fesselte, war nicht der Heroismus der Kämpfer, sondern etwas Unscheinbareres: die Räte. Binnen weniger Tage entstanden überall im Land Arbeiterräte, Revolutionsräte, Studentenräte, Räte in Fabriken und Dörfern. Niemand hatte sie geplant, keine Partei hatte sie angeordnet, kein Theoretiker sie entworfen. Sie entstanden aus dem schlichten Umstand, dass Menschen, die gemeinsam handelten, sich auch gemeinsam beraten wollten. Für Arendt war das kein Zufall, sondern ein Muster: Dieselbe Form war 1871 in Paris aufgetaucht, 1905 und 1917 in Russland, 1918 in Deutschland – und jedes Mal war sie von denen, die im Namen der Revolution die Macht übernahmen, als Erstes erdrosselt worden. Fünf Jahre später, in „Über die Revolution“, wird sie den Rätegedanken den verlorenen Schatz der revolutionären Tradition nennen.

Die Räte waren für Arendt nicht bloß ein Werkzeug des Aufstands, sondern eine eigene Gestalt der Freiheit: Orte, an denen Bürger nicht vertreten werden, sondern selbst erscheinen, sprechen, urteilen. Der totalitäre Staat hatte alles darangesetzt, die Menschen zu vereinzeln, sie in eine Masse isolierter Atome zu verwandeln. In Ungarn zeigte sich, dass zwölf Jahre Unterdrückung den Raum zwischen den Menschen nicht hatten zerstören können. Er war nur verschüttet gewesen. Ein paar Tage genügten, um ihn freizulegen.

Natalität

Es gibt einen Begriff, der Arendts politisches Denken zusammenhält, und er gewinnt im selben Jahr 1958 seine Gestalt: Natalität. In „The Human Condition“, das zeitgleich mit dem Ungarn-Essay erschien und das wir als „Vita activa“ kennen, beschreibt sie das Handeln als die Fähigkeit, etwas Neues anzufangen – eine Fähigkeit, die darin wurzelt, dass jeder Mensch durch seine Geburt selbst ein Anfang ist. Schon am Schluss ihres Kapitels über Ideologie und Terror steht ein Satz des Augustinus: Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen.

Ungarn ist für Arendt die Probe auf diese These unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen. Totale Herrschaft zielt darauf, Spontaneität auszurotten, das Unvorhersehbare abzuschaffen, den Menschen berechenbar zu machen wie ein Ding. Und dann gehen an einem Dienstag im Oktober ein paar Studenten zu einem Denkmal, und das ganze Gebäude gerät ins Wanken.

Das ist der tiefere Sinn der Natalität: nicht eine sentimentale Feier des Lebens, sondern die nüchterne Feststellung, dass sich das Neue nicht verhindern lässt, solange es Menschen gibt. Zugleich bestand Arendt darauf, dass ein Ereignis seine Würde nicht aus seinem Erfolg bezieht. Die ungarische Revolution, schrieb sie sinngemäß, sei ein wahres Ereignis gewesen, dessen Größe nicht von Sieg oder Niederlage abhänge.

Unvergesslich ist ein Bild aus ihrem Essay: die schweigende Prozession schwarz gekleideter Frauen, die nach der Niederschlagung durch das besetzte Budapest zogen, um öffentlich ihre Toten zu betrauern. Für Arendt war dies die letzte politische Geste der Revolution. Und ein Jahr später, am ersten Jahrestag, mieden die Budapester wie auf stille Verabredung Theater, Kinos, Kaffeehäuser und Restaurants. Ein Volk, das nicht mehr handeln durfte, handelte durch Abwesenheit.

Camus und die Scham

Wenn Arendt die Analytikerin des ungarischen Herbstes war, dann war Albert Camus sein Ankläger. Schon im November 1956 hatte er in einer Botschaft an französische Studenten von der Scham und der Ohnmacht gesprochen, mit der man im Westen dem Opfer der Ungarn zugesehen habe. Zum ersten Jahrestag schrieb er einen Text, dessen Titel schon ein Urteil ist: „Le sang des Hongrois“, das Blut der Ungarn.

Darin steht ein Gedanke, der bis heute schmerzt, weil er so unbequem ist: Das besiegte und in Ketten gelegte Ungarn habe für Freiheit und Gerechtigkeit mehr getan als irgendein anderes Volk in den zwanzig Jahren zuvor. Camus’ ungarische Texte richteten sich nicht nur gegen Moskau, sondern ebenso gegen jene in Paris, die in Budapest eine faschistische Konterrevolution sehen wollten. Er verlangte etwas, das in seiner Schlichtheit fast naiv wirkt und doch die härteste aller Forderungen ist: die Wahrheit über die Opfer nicht der Bequemlichkeit des eigenen Lagers zu opfern.

Arendt und Camus weigerten sich beide, das Ereignis in ein vorgefertigtes Schema zu pressen. Und beide wussten, dass der Westen vor allem eines war: Zuschauer.

Buchs, November

Zuschauer – und Gastgeber. Für die Schweiz hat das Jahr 1956 einen eigenen Klang, und er beginnt am Grenzbahnhof Buchs im St. Galler Rheintal, wo im November die Flüchtlingszüge aus Österreich eintrafen. Der Bundesrat hatte die Grenze zunächst für zehntausend Menschen geöffnet; am Ende fanden rund vierzehntausend Ungarn Aufnahme, im Verhältnis zur Bevölkerung mehr als in fast jedem anderen Land. In Bern legten Gleisarbeiter eine Schweigeminute ein, Studenten sammelten Blut und Geld. Die NZZ schrieb damals, über die Menschheit und den Kontinent habe sich von neuem eine der dunklen Nächte der Geschichte gesenkt.

Unter den Vierzehntausend war ein vierzehnjähriger Junge aus Budapest namens Andreas Oplatka. Er wurde Redeaktor der NZZ, berichtete aus Stockholm, Paris und Moskau und kehrte in den neunziger Jahren als Korrespondent nach Budapest zurück. Es gibt kaum ein schöneres Bild für das, was Aufnahme bedeutet: dass das Kind, das mit einem Flüchtlingszug kommt, Jahrzehnte später der Welt erklärt, woher es kam.

Doch gerade wer diese Erinnerung liebt, sollte sie nicht verklären. Die Großzügigkeit von 1956 hatte auch eine politische Grammatik. Die Ungarn kamen als Helden des Antikommunismus und oft als gut ausgebildete Fachkräfte in einer Wirtschaft, die Arbeitskräfte suchte. Jüdische Flüchtlinge, die im selben Winter aus Ägypten in die Schweiz gelangten, erfuhren von der Willkommenskultur jener Monate wenig. Das schmälert die Hilfe nicht. Aber es erinnert daran, dass auch das Mitgefühl eine Geschichte hat und dass das Gedächtnis eines Landes selektiv sein kann.

Ein Datum, viele Herren

Kaum ein Datum Europas ist so oft umgedeutet worden wie der 23. Oktober. Für das Regime János Kádárs, das mit sowjetischen Panzern an die Macht gekommen war, blieb es drei Jahrzehnte lang eine „Konterrevolution“, über die man öffentlich schwieg. Im Januar 1989 nannte der Reformkommunist Imre Pozsgay das Geschehen einen Volksaufstand, und dieses eine Wort brachte das Gebäude des Regimes ins Rutschen. Am 16. Juni 1989 wurde Imre Nagy auf dem Heldenplatz feierlich neu bestattet. Ein sechsundzwanzigjähriger Jurist namens Viktor Orbán forderte dort, vor Hunderttausenden, den Abzug der sowjetischen Truppen. Am 23. Oktober 1989 wurde die Republik Ungarn ausgerufen. Das Datum war zurückerobert.

Es blieb nicht lange in einer Hand. Orbán, der Redner von 1989, machte den 23. Oktober in seinen späteren Regierungsjahren zur Bühne eines neuen Freiheitskampfes, nun gegen Brüssel. Im Herbst 2021 erklärte er, Brüssel möge begreifen, dass nicht einmal die Kommunisten mit den Ungarn fertig geworden seien. Zwei Jahre später, in Veszprém, nannte er Moskau eine Tragödie und Brüssel deren schlechte zeitgenössische Parodie. Das Datum der Panzer aus dem Osten wurde zur Chiffre gegen den Westen.

Hier schließt sich der Kreis zu Egmont. Denn die Logik, mit der aus Moskau Brüssel wird, ist dieselbe, die einen Grafen, der 1568 in Brüssel unter dem Beil eines spanischen Statthalters starb, zum Kronzeugen gegen die Europäische Union machen könnte. Die Geschichte liefert die Analogien, aber sie haftet nicht für ihren Gebrauch. Zwischen einer Panzerdivision und einem Rechtsstaatsverfahren liegt ein kategorialer Unterschied, den jede Rhetorik verwischen, aber keine aufheben kann.

Und nun dieser Freytag. Zum siebzigsten Jahrestag kommen Ursula von der Leyen und António Costa nach Budapest, zu einem Ministerpräsidenten Péter Magyar, dessen Tisza-Partei im April einen klaren Wahlsieg errang und der versprochen hat, Ungarn in den europäischen Hauptstrom zurückzuführen. Magyar hat, wie er sagt, alle europäischen Staats- und Regierungschefs eingeladen – mit Ausnahme Wladimir Putins. Das Datum, das jahrelang gegen Europa gewendet wurde, wird zur Bühne der Rückkehr.

Man darf sich darüber freuen. Man sollte es nur nicht mit dem Ereignis selbst verwechseln. Wer Arendt ernst nimmt, wird misstrauisch, wenn Regierungen sich ein Datum aneignen, auch wenn es die sympathischeren sind. Die Räte von 1956 waren gerade keine Veranstaltung von oben. Sie entstanden dort, wo niemand regierte. Ein Gedenken mit Staatsgästen, Fahnen und Fernsehübertragung ist legitim; aber es gehört einer anderen Ordnung an als das, woran es erinnert. Die Redlichkeit verlangt, das auszusprechen – gerade an einem Tag, an dem die Erleichterung so groß ist.

Coda: Die Ouvertüre, noch einmal

Was also bleibt von dreizehn Tagen? Vielleicht dies: dass Freiheit bei Arendt kein Besitz ist, den man verwaltet, sondern ein Ereignis, das geschieht, wenn Menschen miteinander zu handeln beginnen. Sie lässt sich nicht vererben wie ein Denkmal und nicht verordnen wie ein Feiertag. Jede Generation muss sie neu anfangen, und jede kann sie verspielen. Dass Ungarn in diesem Frühjahr ohne Blutvergießen, an der Wahlurne, eine Wende vollzogen hat, ist die vielleicht schönste Pointe des Jubiläums: keine Wiederholung der Tragödie, sondern ein neuer, unspektakulärer Anfang.

Wer heute die Egmont-Ouvertüre hört, sollte auf ihre ersten Takte achten, nicht nur auf das Finale. Beethoven lässt den Triumph erst kommen, nachdem er das Gewicht der Fessel hörbar gemacht hat. Der Jubel am Schluss ist nur glaubwürdig, weil er dem Lastenden abgerungen ist. Das wäre keine schlechte Regel für das Gedenken überhaupt. Man feiert die Freiheit am besten, indem man nicht vergisst, wie schwer sie wog und wie kurz sie in jenem Herbst gedauert hat. Dreizehn Tage. Oder zwölf, je nachdem, wie man zählt.

Sapere aude!

S.

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