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Eines Bierhauses, das als Wahrzeichen einen lustigen Matrosen im Schilde führte.
Das dürftig eingerichtete, rauchgeschwärzte Zimmer mit der niedrigen Decke, das auch in
allem anderen durchaus den Charakter wahrte, wie er zur damaligen Zeit solchen Lokalen eigen war,
schienen den sonderbaren Gästen, die in Gruppen herumsaßen, für seine Bestimmung ganz geeignet.
Von diesen Gruppen bildeten unsere zwei Schiffer wohl die interessanteste.
Der eine, der der ältere zu sein schien und den sein Genosse bezeichnenderweise
»Bein« nannte, war bei weitem der größere von beiden. Er mochte sechseinhalb Fuß haben
und ein gewohnheitsmäßiges Vornüberbeugen war wohl die notwendige Folge einer so gewaltigen Länge.
Dies zu viel, einerseits wurde jedoch durchs Anderweitige zu wenig, mehr als ausgeglichen.
Er war auffallend mager und hätte, wie seine Erden, als Wimpel an der Mastspitze hängen oder auch als
Klüverbaum dienen können. Doch diese und andere ähnliche Scherze hatten anscheinend auf die
Lachmuskeln des Matrosen nicht die geringste Wirkung auszuüben vermocht. Mit seinen starken
Backenknochen, der großen Hakennase, dem zurücktretenden Kinn, dem hängenden Unterkiefer
und den großen hervorquellenden Augen blieb der Ausdruck seines Gesichts allen Neckereien zum
Trotz ernst und feierlich, um nicht zu sagen gleichgültig gegen alles. Der jüngere Seemann
war in seiner äußeren Erscheinung das gerade Gegenteil seines Gefährten. Seine Höhe betrug
keine vier Fuß. Ein paar stämmige, krumme Beine trugen seine gedrungene, schwerfällige Gestalt,
während seine ungewöhnlich kurzen und dicken Arme, an deren Enden viel zu kleine Fäuste saßen,
zu beiden Seiten herabschlenkerten wie die Flossen einer Meerschildkröte. Kleine Augen von
unbestimmter Farbe zwinkerten aus einer runden, rosigen Fleischmasse hervor, in der die kurze
Nase fast begraben lag, und seine dicke Oberlippe ruhte auf der noch dickeren Unterlippe mit einem
Ausdruck großer Selbstgefälligkeit, der noch dadurch erhöht wurde, dass ihr Besitzer die
Gewohnheit hatte, sie oft zu lecken. Für seinen langen Freund hatte er offenbar ein Gefühl, bei
dem sich Bewunderung und Spott die Waage hielten, und gelegentlich starrte er zu seinem Antlitz auf,
wie die rot untergehende Sonne zu den Felsenhöhen von Bernnews. Die Wanderung dieses würdigen Paares
durch die Schenken der Nachbarschaft war gründlich und abenteuerlich gewesen, doch
selbst die reichste Quelle versiegt einmal, und so hatten unsere Freunde nun diese letzte Schenke
mit leeren Taschen betreten. Zur Zeit, da diese Geschichte beginnt, saßen Bein und sein Kamerad,
Hugo Torpolin, am langen Eichentisch in der Mitte der Gaststube mit aufgestützten Ellenbogen da.
Sie starrten hinter einer riesigen Kanne voll Starkbier zu den gewichtigen Worten
»Hier wird nicht angekreidet« empor, die zu ihrer Verwunderung und Entrüstung über der Türe
geschrieben stand, und zwar vermittels eben jenes Minerals, dessen Vorhandensein sie ableugneten.
Nicht etwa, dass einer dieser Seebären die Gabe besessen hätte, Geschriebenes entziffern zu können,
eine Gabe, die dem gemeinen Volk jener Tage kaum weniger kabbalistisch stünkte als die der
Rednerkunst. Aber die Buchstaben waren so seltsam verschnörkelt, hatten eine so bedenklich schiefe
Neigung lehwärts, dass sie den Schiffern schlechtes Wetter anzuzeigen schienen. Sie
beschlossen daher, um die bezeichneten Worte Beins anzuwenden, Wasser auszupumpen,
alle Segel aufzugeihen und vor dem Wind zu treiben. Nachdem sie also den Rest des Bieres
passend untergebracht und die Enden ihres kurzen Kamisols hochgenommen hatten, machten sie einen
Ausfall nach der Straße. Wenn gleich Torpolin zweimal in die Feuerstelle rollte, die ihr
irrtümlicherweise die Türe hielt, so glückte ihnen schließlich doch die Flucht, und gerade
als es halb eins schlug, rannten unsere Helden zu allen Schandtaten bereit die dunkle Straße hinunter,
die zur Sankt-Andreas-Treppe führte, und hinter ihnen her lief scheltend die Wirtin vom lustigen
Matrosen. Zur Zeit dieser ereignisreichen Geschichte, wie auch Jahre vorher und danach,
schallte durch ganz England, besonders aber in der Hauptstadt, der Angstschrei. Die Pest! Die
den schrecklichen Bezirken an den Ufern der Thämse, von wo inmitten enger, dunkler und schmutziger
Gassen der Dämonen dieser Krankheit, wie es hieß, seinen Ausgang genommen hatte, herrschten in einer
einsamen Größe Grauen und Entsetzen und Aberglaube. Durch den Machtspruch des Königs war über diese
Orte damals der Bann gesprochen und ihr Betreten bei Todesstrafe verboten worden. Doch weder das
Gebot des Königs, noch die riesigen Schranken, die den Zugang zu diesen Straßen versperrten,
noch der Anblick jenes ekelhaften Todes, der mit fast unumstößlicher Gewissheit den Elenden befiel,
dem keine Gefahr die Abenteuerlust benahm, beschützten die verlassenen Wohnungen vor
nächtlichen Beutezügen, die dort nach Eisenteilen und sonstigen zurückgebliebenen Dingen, die
irgendwie verwertbar waren, unternommen wurden. Alljährlich, wenn der Winter kam und die Schranken
geöffnet wurden, stellte es sich heraus, dass Schlösser, Riegel, verborgene Gelasse den reichen
Vorräten an Wein und Brandwein nur wenig Schutz geboten hatten, die von den Händlern, deren
Geschäftsräume in der Nähe lagen, für die Dauer der Verbannung in so unzulänglicher Obhut belassen
worden waren. Doch nur sehr wenige von der erschreckten Bevölkerung glaubten, dass Menschenhände
hier am Werk gewesen. Pestgeister, Seuchengespenster und Fieberdämonen waren die volkstümlichen
Unglücksbringer, und so blutrünstige Geschichten wurden berichtet, dass dieses ganz verbotene
Viertel in Schauer gehüllt war wie ein Leichentuch, und nicht selten der Plünderer selbst von dem
Grauen, das seine Taten erst geweckt hatten, hinweggetrieben wurde und der ganz große,
verpönte Stadtteil in Dunkel und Stille der Pest und dem Tode überlassen war. Eine der
gewaltigen Schranken also, die anzeigten, dass der Ort dahinter dem Pestbann unterworfen sei,
versperrte plötzlich dem biederen Torpelin und seinem Freund Bein den Weg. Umkehr war
ausgeschlossen, und Zeit war nicht zu verlieren, denn die Verfolger waren ihnen dichte auf den
Fersen. Einem rechten Seemann ist es ein kleines, solch raues Plankenwerk zu überklettern,
und in der doppelten Aufregung der Flucht und des Brandweins sprangen sie ohne Zögern in die
versperrten Gassen hinab, deren widerliche Winkelgänge sie in trunkenem Lauf mit Schreien
und Rufen durchirrten. Wären sie nicht so bis zur Bewusstlosigkeit betrunken gewesen,
ihre taumelnden Füße hätten inmitten des Grauens wie gelähmt sein müssen. Die Luft war kalt und
neblig. Die Pflastersteine lagen aufgewühlt im hohen, fetten Gras, zusammengestürzte Häuser
blockierten die Straßen. Ekle, giftige Dünste stiegen auf, und in dem gespenstischen Schein
der selbst um Mitternacht einer feuchten und verseuchten Atmosphäre entsteigt, konnte man in
den Winkeln und Gassen und in den fensterlosen Behausungen den Leichnam manch eines nächtlichen
Plünderers faulen sehen, den die Seuche mitten bei seinen Räubereien ereilt hatte. Aber weder
diese Bilder noch irgendwelche räumlichen Hindernisse hatten Macht, den Lauf von Männern
aufzuhalten, die von Natur aus tapfer, gerade jetzt von übermütiger Kühnheit und Starkbier
überschäumten und in ihrem gegenwärtigen Zustand ohne Zögern in den Rachen des Todes gerannt sein
würden. Vorwärts, immer vorwärts, stellste der grimmige Bein, und die trostlose Einöde hallte
wieder von seinen Schreien, die wie der grausige Schlachthof der Indianer aufgelten. Und vorwärts,
immer vorwärts, rollte der dicke Torpolin am Rockschoß seines lebhafteren Gefährten und
überbot dessen emsige Gesangstätigkeit mit seinem donnergrollenden Bass, der aus den Tiefen
seiner gewaltigen Lungen dröhnte. Sie waren nun offenbar ins innerste Lager der Pest vorgedrungen.
Mit jedem taumelnden Schritt wurde ihr Weg widerlicher und grausiger, wurden die Pfade
enger und ungangbarer. Riesige Steine und Balken, die von den verrotteten Dächern herabstürzten,
ließen durch ihren dumpfen, schweren Fall erkennen, wie hoch die dunklen Häusermassen waren. Und da
wirkliche Tatkraft dazu gehörte, sich durch die Unrathaufen einen Weg zu bahnen, so geschah es
keineswegs selten, dass die Hand ein Skelett oder eine weiche Leichenmasse berührte.
Plötzlich, als die Matrosen gegen das Tor eines hohen, gespenstischen Hauses taumelten und aus
der Kehle des aufgeregten Bein ein Ruf, noch schriller als bisher emporgelte, kam ihnen aus
dem Innern Antwort in seltsamen, gelächterähnlichen höllischen Schreien. Wen hätten Töne solcher Art
zu solcher Stunde und an solchem Orte nicht entsetzt? Wem hätten sie nicht das Blut in den
Adern erstarren gemacht? Das trunkene Paar aber stürzte kopfüber gegen das Tor, warf es auf und
stolperte mit einer Ladung von Flüchen mitten hinein in die Ereignisse. Der Raum, in dem sie
sich befanden, schien der Laden eines Leichenbesorgers zu sein. Doch eine offene Falltür,
die sich dicht beim Eingang im Boden befand, zeigte dem Blick eine lange Reihe von Weinkellern,
die, nach dem gelegentlichen Knall zerplatzender Flaschen zu schließen, mit angemessenem Trinkstoff
gut versorgt zu sein schienen. Inmitten des Raumes stand ein Tisch und auf ihm ein riesiges Gefäß mit
einer punschähnlichen Flüssigkeit. Flaschen mit den verschiedensten Weinen und Likören,
Kannen, Krüge und Gemäße von jeder Form und Größe waren zahlreich über den Tisch verstreut,
um den herum auf Sargböcken eine Gesellschaft von sechs Personen saß. Diese Gesellschaft will ich,
so gut es geht, im Einzelnen beschreiben. Der Eingangstür gegenüber und ein wenig höher als
die anderen saß eine Persönlichkeit, die der Präsident der Tafelrunde zu sein schien. Die
Gestalt war hoch und hager und Bein war verblüfft, hier jemanden zu finden, der ihn selbst noch
überragte. Das Gesicht war gelb wie Safran, doch waren seine Züge, bis auf eine Ausnahme,
in keiner Hinsicht so bemerkenswert, um eine Beschreibung zu rechtfertigen. Diese eine Ausnahme
war eine ungewöhnlich und grausig hohe Stirn, die aussah wie eine dem natürlichen Kopf aufgesetzte
Fleischmütze oder Krone. Der Mund war eingefallen und zu einem gewissen gespenstischen Ausdruck von
Leutseligkeit verzogen, und die Augen waren gleich den Augen aller am Tisch, trüb und stark von
Vertrunkenheit. Der ganze Mann war von Kopf zu Fuß in reichbesticktes schwarz-samtenes Bartuch
gehüllt, das er wie einen spanischen Mantel umgeworfen hatte. Von seinem Kopfe nickten schwarze
Trauerfiedern, die er mit würdiger und listiger Miene hin- und herschwenkte, und in der rechten
Hand hielt er ein mächtiges menschliches Schenkelbein, mit dem er soeben durch Aufschlagen
auf dem Tisch einen aus dem Kreise zum Singen aufgefordert zu haben schien. Ihm gegenüber und
mit dem Rücken zur Türe saß eine Dame, die ihm an Seltsamkeit kein joter Nachstand. Wenngleich sie
ebenso groß war wie er, konnte sie sich nicht über eben solche unnatürliche Magerkeit beklagen.
Sie schien im letzten Stadium der Wassersucht zu sein, und ihr Antlitz glich dem mächtigen Fass
voll Oktoberbier, das dicht an ihrer Seite in einer Zimmerecke stand. Ihr Gesicht war unglaublich
rund, rot und voll und hatte dieselbe Eigenart oder vielmehr denselben Mangel an Eigenart,
den ich schon beim Präsidenten erwähnt hatte. Das heißt, nur ein einziger Zug in ihrem Gesicht
war ausgeprägt genug, um besondere Erwähnung zu verdienen. Übrigens bemerkte der aufmerksame
Turpulin sofort, dass man von jedem der Anwesenden dasselbe sagen konnte. Jeder schien das Monopol
auf eine besondere Eigenart in der Gesichtsbildung zu besitzen. Bei der in Rede stehenden Dame war es
der Mund. Er begann am rechten Ohr und schwang sich in einer schauerlich klaffenden Spalte zum
linken hinüber, sodass die kurzen Gehänge, mit denen sie die Ohrläppchen geschmückt hatte,
fortwährend in die Öffnung tauchten. Sie war jedoch unablässig bemüht, den Mund geschlossen
zu halten und würdig auszusehen in ihrem frisch gestärkten und gebügelten Leichenhemd,
das mit einer tiefen Battistkrause dicht unterm Kinn abschloss. Zu ihrer Rechten saß eine winzige
junge Dame, die sie in ihre Obhut genommen zu haben schien. Dieses zierliche Geschöpf,
dessen abgemagerte Finger zitterten, dessen Lippen bleigrau waren und dessen leichenblasse Wangen
hektische rote Flecken trugen, machte den unverkennbaren Eindruck, von der galoppierenden
Schwindsucht ergriffen zu sein. Dabei war ihre ganze Erscheinung durchaus vornehm. Sie trug mit
anmutiger Nachlässigkeit ein weites, schönes Sargtuch aus feinstem indischen Schleierleinen.
Ihr Haar hing in Ringeln auf dem Nacken, ihre Lippen umspielte ein sanftes Lächeln. Aber ihre
Nase, eine lange, dünne, krumme, biegsame und finnige Nase, hing tief über die Unterlippe herab
und gab ihrem Antlitz, ungeachtet der zierlichen Weise, mit der ihre Zunge die Nase dann und wann
zur Seite schob, einen etwas zweideutigen Ausdruck. Ihr gegenüber und zur linken der
wassersüchtigen Dame saß ein kleiner, aufgeblasener, kröchender und gichtiger Alter, dessen Wangen wie
zwei riesige Blasen voll Portwein auf seinen Schultern roten. Mit gekreuzten Armen und einem
fest bandagierten Bein, das auf dem Tische lag, hielt er sich anscheinend zu tiefsinnigen
Betrachtungen berechtigt. Er war sichtlich stolz auf jeden Zoll seiner persönlichen Erscheinung,
schien aber noch größeres Entzücken darin zu finden, die Aufmerksamkeit auf seinen lustig
bunten Überrock zu lenken. Dieser musste ihn nicht wenig Geld gekostet haben und war ihm wie auf den
Leib geschnitten. Aus einem jener seltsamen bestickten Seidenüberzüge, mit denen man in
England und auch anderswo, wenn ein Adelsgeschlecht ausgestorben ist, das Wappenschild an seinem
Stammsitz zu trapieren pflegt. Neben ihm und rechts vom Präsidenten saß ein Herr in langen,
weißen Strümpfen und baumwollenden Hosen. Seine Gestalt schwankte in lächerlicher Weise hin und
her, in einem Anfall, den Turpulin mit Katzenjammer bezeichnete. Seine frisch rasierten Kinnbacken
waren mit einer Mousselinbinde fest hinaufgebunden und seine Arme waren auf ähnliche Weise an den
Handgelenken gefesselt, sodass er den Getränken auf dem Tisch nicht allzu kräftig zusprechen
konnte. Eine Vorsichtsmaßregel, die nach Ansicht von Bein durchaus angemessen war.
So versoffen war sein Antlitz. Ein paar gewaltige Ohren, die beim besten Willen nicht verborgen
werden konnten, türmten sich in den Raum empor und zuckten jedes Mal krampfhaft zusammen,
wenn ein neuer Pfopfen knallte. Ihm gegenüber, als Sechster und Letzter, befand sich einer in
sehr steifer Haltung, der gelähmt, wie er war, sich in seiner unbequemen Kleidung wenig behaglich
gefühlt haben muss. Er war recht unangemessen mit einem neuen und hübschen Mahagonisarg bekleidet,
dessen Kopfende dem Träger den Schädel drückte und in Art einer Haube darüber hinausragte,
was dem ganzen Antlitz einen unbeschreiblichen Reiz verlieh. In die Seiten des Sarges war nicht
sowohl aus Schönheitsgründen als zur Bequemlichkeit Armlöcher eingeschnitten.
Nicht desto weniger aber verhinderte das Kleid, seinen Besitzer so aufrecht dazusitzen wie seine
Gefährten, und wie er so in einem Winkel von 45 Grad sich rückwärts an seine Bahre lehnte,
verdrehten ein paar ungeheuer gestielte Augen ihr grauenhaftes Weiß zur Decke,
in höchste Verblüffung über ihre eigene Riesenhaftigkeit. Vor jedem aus der Tafelrunde
lag ein Schädel, der als Trinkbecher diente. Über dem Tisch hing ein menschliches Skelett,
dessen eines Beinvermittels eines Tricks an einem Haken in der Decke befestigt war. Das
andere Bein stand in rechtem Winkel vom Rumpfe ab und veranlasste, dass das ganze leichte und
klappernde Gestell bei jedem launischen Windstoß, der herein irrte, herumwirbelte.
In der Schädelhülle dieses widerlichen Dinges lag eine Anzahl glühender Kohlen,
die die ganze Szenerie feurig beleuchteten, indes Särge und andere zum Laden eines
Leichenbesorgers gehörigen Gegenstände an Wänden und Fenstern aufgestapelt lehnten
und verhinderten, dass etwa ein Lichtstrahl auf die Straße dringe.
Beim Anblick dieser merkwürdigen Versammlung und ihrer noch merkwürdigeren Geräte bewiesen
unsere Seeleute nicht gerade jenen Anstand, den man hier erwartet zu haben schien. Bein lehnte
sich da, wo er stand, an die Wand, ließ seinen Unterkiefer noch tiefer als gewöhnlich hängen
und sperrte die Augen auf, so weit er konnte, indessen Hugo Topolin sich in die Knie beugte,
bis seine Nase in gleicher Höhe mit dem Tische war, die Fäuste auf die Knie stemmte und in ein
langes und geräuschvolles, höchst unziemliches Gelächter ausbrach. Der lange Präsident aber,
durch dieses ungezogene Benehmen keineswegs beleidigt, lächelte die Eintretenden liebenswürdig
an, nickte ihnen mit seinem Kopf voll Trauerfedern zu, stand auf, nahm jeden von ihnen beim Arm
und führte ihn zu einem Sitz, den ein anderer der Versammelten inzwischen für ihn bereitgestellt
hatte. Bein ließ alles dies widerstandslos mit sich geschehen und nahm dort Platz, wo man ihn
hingeführt hatte. Der galante Hugo aber ergriff das Sarggestell, das man ihm am Kopfende des
Tisches zugewiesen hatte und rückte es neben die schwindsüchtige junge Dame in dem Sargtuch aus
dem indischen Schleierleinen. Hier an ihrer Seite ließ er sich fröhlich nieder, goss sich einen
Schädelbecher voll Rotwein ein und lehrte ihn auf ihre Gesundheit. Diese Vermessenheit aber empörte
den steifen Herrn im Sarg aufs Höchste und es hätte leicht zu ernsten Folgen kommen können,
wenn nicht der Präsident mit seinem Schenkelbein auf den Tisch gehauen und die Aufmerksamkeit der
Anwesenden für die folgende Rede in Anspruch genommen hätte. Es wird uns zur Pflicht, das
gegenwärtige fröhliche Ereignis ... Halt da! unterbrach ihn Bein mit ernster Miene. Halt da,
sage ich, und meldet mal erst, wer zum Teufel ihr eigentlich seid und was ihr hier zu tun habt. Ihr
seht ja aus wie leibhaftige Teufelsbraten. Wie kommt ihr dazu, den Wein zu mausen, den mein
ehrenwerter Schiffskamerad Will Wimble, der Leichenbesorger, sich für den Winter aufgestaut
hatte? Bei diesem unverzeihlich rüden Benehmen sprang die ganze Gesellschaft entrüstet auf und
stieß dieselben höllischen Schreie aus, die zuvor die beiden Seeleute hereingelockt hatten. Der
Präsident gewann als erster seine Fassung wieder, wandte sich mit großer Würde zu Bein und begann
von Neuem. Wir sind gern bereit, eine angebrachte Neugier von Seiten so vornehmer Gäste, so ungebeten
sie auch sein mögen, zu befriedigen. So wisst denn, dass in diesem Reich hier ich der Herrscher bin
und mit unumschränkter Gewalt regiere unter dem Titel König Pest der Erste. Dieser Raum,
den ihr profanerweise als den Laden von Will Wimble, Leichenbesorger, bezeichnet, ein Mann,
den ich gar nicht kenne und dessen plebeischer Name mein königliches Ohr noch nie verletzte,
dieser Raum, sage ich, ist der Thronsaal unseres Palastes, in dem wir das Wohl des Landes beraten
und bei sonstigen heiligen und wichtigen Anlässen zusammenkommen. Die edle Dame mir gegenüber ist
Königin Pest, unsere durchlauchtigste Gemahlin. Die anderen erhabenen Anwesenen gehören alle zu
unserer Familie und tragen die Abzeichen königlicher Herkunft nebst den respektiven
Titeln. Seine Gnaden der Erzherzog Pestherd, seine Gnaden der Erzherzog Pestilenz, seine Gnaden
der Herzog Dastich die Pest und ihre Durchlaucht die Erzherzogin Anna Pest. Was eure Frage anlangt,
fuhr er fort, aus welchem Grunde wir hier zurate sitzen, so werdet ihr verzeihen,
wenn wir entgegnen, dass es sich und zwar ausschließlich um unsere eigenen königlichen
Interessen handelt, die für niemanden sonst von Wichtigkeit sind. In Anbetracht der Rechte aber,
auf die ihr als Fremde und als unsere Gäste Anspruch erheben könnt, wollen wir noch hinzufügen,
dass wir nach vorangegangenen gründlichen Nachforschungen und Erkundigungen heute Nacht
hier sind, um dem besonderen Geist der unbegreiflichen Art und Eigenschaft dieser
köstlichen Gaumenlatzung, der Weine, Biere und Liköre unserer trefflichen Hauptstadt,
nachzugehen, ihn zu analysieren. Damit folgen wir weniger unseren eigenen Wünschen, vielmehr dienen
wir hiermit der Wohlfahrt jenes unirdischen Herrschers, der uns alle regiert, dessen Reich
keine Grenzen kennt und dessen Name Tod ist. Dessen Name David Jones ist, ließ sich Torpolin
vernehmen, seiner Dame einen Schädel vor Likör reichend und sich dann selber eingießend.
Gemeiner Bube, wandte sich nun der Präsident an Hugo, gemeiner niederträchtiger Schurke,
wir haben ausgesprochen, dass in Anbetracht der Gastrechte, die wir selbst deiner elenden Person
zugestehen, wir uns herablassen wollen, deine umgezogenen und ungelegenen Fragen zu beantworten.
Dessen ungeachtet halten wir es für unsere Pflicht, euer unheiliges Eindringen in unsere Ratssitzung
mit einer Buße zu belegen und verurteilen daher dich und deinen Spießgesellen zu je einer Galone
Wacholderschnaps, den ihr auf die gedeihliche Entwicklung unseres Königreichs auf einen Zug
und mit gebeugtem Knie hinunterzugießen habt. Dann soll es euch freistehen, eure Wege weiterzugehen
oder zu bleiben und an den Privilegien unserer Tafelrunde teilzunehmen, je nachdem es euch
Vergnügen macht. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, entgegnete Bein, dem das würdige Auftreten des
Königspests des Ersten offenbar Respekt einflößte und der sich erhoben hatte und aufgestützt am
Tisch stand. Majestät halten zu Gnaden, es ist ein Ding der Unmöglichkeit, in meinem Raum auch
nur ein Viertelmaß jenes Likörs zu verstauen, den eure Majestät soeben erwähnten. Nicht nur,
dass ich am Vormittag an Bord tüchtig Ballast aufgenommen habe und heute Abend in verschiedenen
Häfen eine Menge Bier und Schnaps einschiffen ließ, ich habe gegenwärtig eine volle Ladung
Starkbier in mir, die sich im lustigen Matrosen gegen Barzahlung eingenommen habe. Eure Majestät
wollen daher so gnädig sein, den Willen für die Tat zu nehmen, denn nichts kann mich dazu bringen,
noch einen Tropfen zu schlucken, am allerwenigsten einen Tropfen jenes höllischen Schlagwassers,
das auf den Namen Wacholder-Schnaps hört. Hey, stopp, unterbrach ihn Toppeln, nicht weniger
erstaunt über die Länge dieser Rede als über ihren abweisenden Inhalt. Hey, stopp, du Flegel,
ich sage dir, Bein, kein solches Geschlabber mehr. Mein Laderaum ist noch leer. Wenn schon ich zugebe,
dass du selber ein wenig betrunken bist und was deinen Teil an der Ladung anlangt, so würde ich
ihn, um Streit zu vermeiden, mitsamt dem Meinigen zu verstauen suchen. Aber ein solches Vorgehen,
fiel der Präsident ein, widerspreche durchaus dem gesetzlichen Machtspruch, der unwiderruflich ist.
Die von uns auferlegte Strafe muss nach den Buchstaben erfüllt werden, und zwar unverzüglich.
Andernfalls dekretieren wir, dass man euch Kopf und Füße zusammenbindet und euch als Aufrührer
in jenem Ochshoft mit Oktoberbier ersäuft. Ein Rechtsspruch, ein Rechtsspruch, ein guter
und gerechter Rechtsspruch, ein glorreiches Wort, ein würdiges und aufrechtes Urteil, rief die
Familie Pest wie aus einem Munde. Der König zog die Stirn in tausend Falten. Der gichtige Alte
schnaufte wie ein Blasebalg. Die Dame mit dem Sacktuch schwenkte ihre Nase hin und her. Der
Herr in den baumwollenden Hosen spitzte seine langen Ohren. Die mit dem Leichenhemd klappte
mit ihrem Fischmaul, und der im Sack hielt sich steif und rollte mit den Augen.
»Hü, hü, hü«, kicherte Torpolin, ohne die allgemeine Aufregung zu beachten.
»Ich meinte«, sagte er, »ich meinte, als Herr König Pest seine Malfrieme dazwischen steckte,
ich meinte, was zwei oder drei Galonen Wacholder-Schnaps anlange, so sei das eine Kleinigkeit
für ein strammes und nicht überlastetes Seeboot wie mich. Wenn aber auf das Wohl des Teufels
getrunken werden soll, und wenn ich bei lebendigem Leibe zu diesem bösen König hinunterfahren soll,
von dem ich so gewiss weiß wie von mir, dass ich ein Zünder bin, dass er kein anderer ist als Tim
Hurligurly, der Schauspieler, ja, das ist dann doch ne ganz andere Sache und geht durchaus über
mein Verständnis.« Er konnte seine Rede nicht beenden. Bei Nennung des Namens Tim Hurligurly
sprang die ganze Versammlung von ihren Sitzen. »Verrat«, brüllte seine Majestät König Pest I.
»Verrat«, sagte der kleine, grichtige Alte. »Verrat«, kreischte die Erzherzogin Anna Pest.
»Verrat«, kreischte der Herr mit der aufgebundenen Kinnlade. »Verrat«,
grollte der mit dem Sarg. »Verrat«, rief die Majestät vom großen Maul und packte den
unglücklichen Torpolin, der sich soeben seinen Trinkschädel neu gefüllt hatte, bei seinem
Hosenboden, hob ihn hoch in die Luft und ließ ihn ohne alle Umschweife in die riesige Bütte
seines geliebten Starkbieres fallen. Er tauchte auf und nieder wie ein Apfel im Grog und verschwand
schließlich im Schaumstrudel, den seine Befreiungsversuche in der ohnedies schäumenden
Flüssigkeit hervorgebracht hatten. Bein aber, der lange Seemann war nicht gewillt,
die Leiden seines Kameraden ruhig mit anzusehen. Er stieß König Pest durch die offene Falltür im
Fußboden und warf fluchend die Tür hinter ihm zu. Dann wandte er sich ins Zimmer. Er riss das
über dem Tisch schaukelnde Skelett herab und schlug damit so gewaltig um sich, dass er beim
letzten Schein des verglimmenden Lichtes dem kleinen Mann mit der Gicht die Hirnschale
zerschmetterte. Dann stürmte er zu dem verhängnisvollen, oxhoftvoll Oktoberbier
und Jugotopolin und stieß es mit aller Macht um. Ein Meer von Flüssigkeit stürzte heraus,
so gewaltig, so flutend und brausend, dass der Raum von einem Ende zum anderen überschwemmt war.
Der vollbeladene Tisch wurde umgeworfen, die Bahren fielen um, die Punschkübel ins Kaminfeuer
und die Damen in Schreikrämpfe. Ganze Haufen von Bestattungsgeräten schwammen umher, Kannen und
Krüge wuchten durcheinander und Korbflaschen kämpften verzweifelt mit Weiden und Kürbisflaschen.
Der Mann mit dem Katzenjammer ersoff auf der Stelle. Der kleine steife Herr schwamm in seinem
Sarg davon und der siegreiche Bein ergriff die dicke Dame im Leichenhemd bei den Hüften, stürmte
mit ihr auf die Straße und jagte auf kürzestem Weg zum Ankerplatz der Frei und Licht. Hinter
ihm drein segelte der furchtbare Jugotopolin, der, nachdem er zwei bis dreimal kräftig genießt hatte,
mit der Erzherzogin Anna Pest auf den Armen daher keuchte.