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Franz Kafka – Ein Bericht für eine Akademie
Gelesen von Benjamin Wanieck
Hohe Herren von der Akademie!
Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern,
der Akademie einen Bericht über mein
effisches Vorleben einzureichen.
In diesem Sinne kann ich leider der
Aufforderung nicht nachkommen.
Nahezu fünf Jahre trennen mich vom
Affentum, eine Zeit kurz vielleicht am
Kalender gemessen, unendlich lang aber
durchzugaloppieren, so wie ich es getan
habe. Streckenweise begleitet von
vortrefflichen Menschen Ratschlägen,
Beifall und Orchestralmusik, aber im
Grunde allein, denn alle Begleitung hielt
sich, um im Wilde zu bleiben, weit vor
der Barriere. Diese Leistung wäre
unmöglich gewesen, wenn ich eigensinnig
hätte an meinem Ursprung, an den
Erinnerungen der Jugend festhalten
wollen. Gerade Verzicht auf jeden
Eigensinn war das oberste Gebot, das ich
mir auferlegt hatte. Ich, freier Affe,
bügte mich diesem Joch. Dadurch verschlossen
sich mir aber ihrerseits die Erinnerungen
immer mehr. War mir zuerst die Rückkehr,
wenn die Menschen gewollt hätten,
freigestellt durch das ganze Tor, das
der Himmel über der Erde bildet, wurde
es gleichzeitig mit meiner
vorwärtsgepeitschten Entwicklung immer
niedriger und enger. Wohler und
eingeschlossener fühlte ich mich in der
Menschenwelt. Der Sturm, der mir aus meiner
Vergangenheit nachblies, sänftigte sich.
Heute ist es nur ein Luftzug, der mir die
Fersen kühlt, und das Loch in der Ferne,
durch das er kommt und durch das ich
einstmals kam, ist so klein geworden, dass
ich, wenn überhaupt die Kräfte und der
Wille hinreichen würden, um bis dorthin
zurückzulaufen, das Fell vom Leib mir
schinden müsste, um durchzukommen.
Offengesprochen, so gerne ich auch Bilder
wähle für diese Dinge. Offengesprochen,
ihr Affentum, meine Herren, soferne sie
etwas derartiges hinter sich haben, kann
ihnen nicht ferner sein als mir das
meine. An der Ferse aber kitzelt es
jeden, der hier auf Erden geht, den
kleinen Schimpansen wie den großen
Achilles. In eingeschränktestem Sinn,
aber kann ich doch vielleicht ihre
Anfrage beantworten, und ich tue es sogar
mit großer Freude. Das Erste, was ich
lernte, war den Handschlag geben.
Handschlag bezeugt Offenheit. Mag nun
heute, wo ich auf dem Höhepunkte meiner
Laufbahn stehe, zu jenem ersten Handschlag
auch das offene Wort hinzukommen.
Es wird für die Akademie nichts
wesentlich Neues beibringen und weit
hinter dem zurückbleiben, was man von
mir verlangt hat und was ich beim besten
Willen nicht sagen kann. Immerhin, es
soll die Richtlinie zeigen, auf welcher
ein gewesener Affe in die Menschenwelt
eingedrungen ist und sich dort
festgesetzt hat. Doch dürfte ich selbst
das Geringfügige, das folgt, gewiss nicht
sagen, wenn ich meiner nicht völlig
sicher wäre und meine Stellung auf allen
großen Varieté-Bühnen der zivilisierten
Welt sich nicht bis zur
Unerschütterlichkeit gefestigt hätte.
Stamme von der Goldküste. Darüber, wie ich
eingefangen wurde, bin ich auf fremde
Berichte angewiesen. Eine Jagdexpedition
der Firma Hagenbeck, mit dem Führer habe
ich übrigens seither schon manche gute
Flasche Rotwein geleert, lag im
Ufergebüsch auf dem Anstand, als ich am
Abend inmitten eines Rudels zur Tränke
lieg, man schoss, war der Einzige, der
betroffen wurde, bekam zwei Schüsse. Einen
in die Wange, der war leicht, hinterließ
aber eine große, ausrasierte, rote Narbe,
die mir den widerlichen, ganz und gar
unzutreffenden, förmlich von einem Affen
erfundenen Namen Rotpeter eingetragen
hat, so als unterschiede ich mich von dem
unlängst krepierten, hier und da bekannten,
dressierten Affentier Peter, nur durch
den roten Fleck auf der Wange, dies
nebenbei. Der zweite Schuss traf mich
unterhalb der Hüfte, er war schwer, er
hat es verschuldet, dass ich noch heute
ein wenig hinke. Letzthin las ich in einem
Aufsatz irgendeines der zehntausend
Windhunde, die sich in den Zeitungen
über mich auslassen, meine Affennatur sei
noch nicht ganz unterdrückt. Beweis
dessen sei, dass ich, wenn Besucher
kommen, mit Vorliebe die Hosen ausziehe,
um die Einlaufstelle jenes Schusses zu
zeigen. Den Kerl sollte jedes Fingerchen
seiner schreibenden Hand einzeln
weggeknallt werden, ich! Ich darf meine
Hosen ausziehen, vor wem es mir beliebt,
man wird dort nichts finden als einen
wohlgepflegten Pelz und die Narbe nach
einem, wählen wir hier zu einem
bestimmten Zweck ein bestimmtes Wort, das
aber nicht missverstanden werden wolle,
die Narbe nach einem frevelhaften Schuss.
Alles liegt offen zu Tage, nichts ist zu
verbergen. Kommt es auf Wahrheit an,
wirft jeder Großgesinnte die allerfeinsten
Manieren ab. Würde dagegen jener Schreiber
die Hosen ausziehen, wenn Besuch kommt, so
hätte dies allerdings ein anderes Ansehen
und ich will es als Zeichen der
Vernunft gelten lassen, dass er es nicht
tut, aber dann mag er mir auch mit seinem
Zarz hin vom Halse bleiben. Nach jenen
Schüssen erwachte ich und hier beginnt
allmählich meine eigene Erinnerung in
einem Käfig im Zwischendeck des
Hagenbeckschen Dampfers. Es war kein
vierwandiger Gitterkäfig, vielmehr waren
nur drei Wände an einer Kiste festgemacht.
Die Kiste also bildete die vierte Wand.
Das Ganze war zu niedrig zum Aufrechtstehen
und zu schmal zum Niedersitzen.
Ich hockte deshalb mit eingebogenen,
ewig zitternden Knien und zwar, da ich
zunächst wahrscheinlich niemanden sehen
und immer nur im Dunkel sein wollte, zur
Kiste gewendet, während sich mir hinten
die Gitterstäbe ins Fleisch einschnitten.
Man hält eine solche Verwahrung wilder
Tiere in der allerersten Zeit für
vorteilhaft und ich kann heute nach
meiner Erfahrung nicht leugnen, dass dies
im menschlichen Sinn tatsächlich der Fall
ist. Daran dachte ich aber damals nicht.
Ich war zum ersten Mal in meinem Leben
ohne Ausweg, zumindest geradeaus ging es
nicht. Geradeaus vor mir war die Kiste,
Brett fest an Brett gefügt. Zwar war
zwischen den Brettern eine durchlaufende
Lücke, die ich, als ich sie zuerst
entdeckte, mit dem glückseligen Heulen
des Unverstandes begrüßte, aber diese
Lücke reichte bei weitem nicht einmal
zum Durchstecken des Schwanzes aus und
war mit aller Affenkraft nicht zu
verbreitern. Ich soll, wie man mir später
sagte, ungewöhnlich wenig Lärm gemacht
haben, woraus man schloss, dass ich
entweder bald eingehen müsse oder dass
ich, falls es mir gelingt, die erste
kritische Zeit zu überleben, sehr
tressurfähig sein werde. Überlebte diese
Zeit, dumpfes Schluchzen, schmerzhaftes
Flöhe suchen, müdes Lecken einer
Kokosnuss, Beklopfen der Kistenwand mit
dem Schädel, Zungenblecken, wenn mir
jemand nahe kam, das waren die ersten
Beschäftigungen in dem neuen Leben.
In alledem aber doch nur das eine
Gefühl, kein Ausweg. Ich kann natürlich
das damals affenmäßig Gefühlte heute
nur mit Menschenworten nachzeichnen und
verzeichne es infolgedessen. Aber wenn
ich auch die alte Affenwahrheit nicht
mehr erreichen kann, wenigstens in der
Richtung meiner Schilderung liegt sie.
Daran ist kein Zweifel. Ich hatte doch so
viele Auswege bisher gehabt und nun
keinen mehr. Ich war festgerannt. Hätte
man mich angenagelt, meine Freizügigkeit
wäre dadurch nicht kleiner geworden.
Warum das? Kratz dir das Fleisch zwischen
den Fußzähen auf, du wirst den Grund
nicht finden. Drück dich hinten gegen die
Gitterstange, bis sie dich fast
zweiteilt. Du wirst den Grund nicht
finden. Ich hatte keinen Ausweg, musste
mir ihn aber verschaffen, denn ohne ihn
konnte ich nicht leben. Immer an dieser
Kistenwand, ich wäre unweigerlich verreckt.
Aber Affen gehören bei Hagenbeck an die
Kistenwand. Nun, so hörte ich auf, Affe zu
sein. Ein klarer, schöner Gedankengang,
den ich irgendwie mit dem Bauch
ausgeheckt haben muss. Denn Affen denken
mit dem Bauch. Ich habe Angst, dass man
nicht genau versteht, was ich unter Ausweg
verstehe. Ich gebrauche das Wort in seinem
gewöhnlichsten und vollsten Sinn. Ich
sage absichtlich nicht Freiheit. Ich meine
nicht dieses große Gefühl der Freiheit
nach allen Seiten. Als Affe kannte ich es
vielleicht und ich habe Menschen
kennengelernt, die sich danach sehnen.
Was mich aber anlangt, verlangte ich
Freiheit weder damals noch heute.
Nebenbei, mit Freiheit betrügt man sich
unter Menschen allzu oft. Und so wie die
Freiheit zu den erhabensten Gefühlen
zählt, so auch die entsprechende
Täuschung zu den erhabensten. Oft habe
ich in den Varietés vor meinem Auftreten
irgendein Künstlerpaar oben an der Decke
an Trapezen hantieren sehen. Sie schwangen
sich, sie schaukelten, sie sprangen, sie
schwebten einander in die Arme. Einer
trug den anderen an den Haaren mit dem
Gebiss. Auch das ist Menschenfreiheit,
dachte ich. Selbstherrliche Bewegung.
Du Verspottung der heiligen Natur! Kein
Bau würde standhalten vor dem Gelächter
des Affentums bei diesem Anblick. Nein,
Freiheit wollte ich nicht. Nur einen
Ausweg, rechts, links, wohin immer. Ich
stellte keine anderen Forderungen. Sollte
der Ausweg auch nur eine Täuschung sein.
Die Forderung war klein, die Täuschung
würde nicht größer sein. Weiterkommen,
weiterkommen. Nur nicht mit aufgehobenen
Armen stille stehen, angedrückt an eine
Kistenwand. Heute sehe ich klar. Ohne
größte innere Ruhe hätte ich nie entkommen
können. Und tatsächlich verdanke ich
vielleicht alles, was ich geworden bin.
Der Ruhe, die mich nach den ersten Tagen
dort im Schiff überkam. Die Ruhe wiederum
aber verdankte ich wohl Leuten vom Schiff.
Es sind gute Menschen, trotz allem. Gerne
erinnere ich mich noch heute an den Klang
ihrer schweren Schritte, der damals in
meinem Halbschlaf widerhallte.
Sie hatten die Gewohnheit, alles äußerst
langsam in Angriff zu nehmen. Wollte sich
einer die Augen reiben, so hob er die Hand
wie ein Hängegewicht. Ihre Scherze waren
grob, aber herzlich. Ihr Lachen war immer
mit einem gefährlich klingenden, aber
nichts bedeutenden Husten gemischt. Immer
hatten sie im Mund etwas zum Ausspeien
und wohin sie ausspielen war ihnen
gleichgültig. Immer klagten sie, dass
meine Flöhe auf sie überspringen, aber
doch waren sie mir deshalb niemals
ernstlich böse. Sie wussten eben, dass
in meinem Fell Flöhe gedeihen und dass
Flöhe Springer sind. Damit fanden sie
sich ab. Wenn sie dienstfrei waren,
setzten sich manchmal einige im Halbkreis
um mich nieder, sprachen kaum, sondern
gürrten einander nur zu, rauchten auf
Kisten ausgestreckt die Pfeife, schlugen
sich aufs Knie, sobald ich die geringste
Bewegung machte und hier und da nahm
einer einen Stecken und kitzelte mich
dort, wo es mir angenehm war. Sollte ich
heute eingeladen werden, eine Fahrt auf
diesem Schiff mitzumachen, ich würde die
Einladung gewiss ablehnen, aber ebenso
gewiss ist, dass es nicht nur hässliche
Erinnerungen sind, denen ich dort im
Zwischendeck nachhängen könnte. Die Ruhe,
die ich mir im Kreise dieser Leute erwarb,
hielt mich vor allem von jedem Fluchtversuch
ab. Von heute aus gesehen scheint es mir,
als hätte ich zumindest geahnt, dass ich
einen Ausweg finden müsse, wenn ich
leben wolle, dass dieser Ausweg aber
nicht durch Flucht zu erreichen sei.
Ich weiß nicht mehr, ob Flucht möglich
war, aber ich glaube es. Einem Affen
sollte Flucht immer möglich sein. Mit
meinen heutigen Zähnen muss ich schon
beim gewöhnlichen Nüsseknacken vorsichtig
sein. Damals aber hätte es mir wohl im
Lauf der Zeit gelingen müssen, das
Türschloss durchzubeißen. Ich tat es
nicht. Was wäre damit auch gewonnen
gewesen? Man hätte mich kaum bei der
Kopf hinaus gesteckt wieder eingefangen
und in einen noch schlimmeren Käfig
gesperrt. Oder ich hätte mich unbemerkt
zu anderen Tieren, etwa zu den Riesenschlangen
mir gegenüberflüchten können und mich
in ihren Umarmungen ausgehaucht. Oder es
wäre mir gar gelungen, mich bis aufs
Deck zu stehlen und über Bord zu
springen. Dann hätte ich ein Weilchen auf
dem Weltmeer geschaukelt und wäre
ersoffen. Verzweiflungstaten. Ich
rechnete nicht so menschlich, aber unter
dem Einfluss meiner Umgebung verhielt ich
mich so, wie wenn ich gerechnet hätte.
Ich rechnete nicht. Wohl aber beobachtete
ich in aller Ruhe. Ich sah diese Menschen
auf und ab gehen. Immer die gleichen
Gesichter, die gleichen Bewegungen. Oft
schien es mir, als wäre es nur einer.
Dieser Mensch oder diese Menschen gingen
also unbehelligt. Ein hohes Ziel dämmerte
mir auf. Niemand versprach mir, dass, wenn
ich so wie sie werden würde, das Gitter
aufgezogen werde. Solche Versprechungen
für scheinbar unmögliche Erfüllungen
werden nicht gegeben. Löst man aber die
Erfüllungen ein, erscheinen nachträglich
auch die Versprechungen genau dort, wo man
sie früher vergeblich gesucht hat. Nun
war an diesem Menschen an sich nichts,
was mich sehr verlockte. Wäre ich ein
Anhänger jener erwähnten Freiheit, ich
hätte gewiss das Weltmeer dem Ausweg
vorgezogen, der sich mir im trüben Blick
dieser Menschen zeigte. Jedenfalls aber
beobachtete ich sie schon lange vorher,
ehe ich an solche Dinge dachte. Ja, die
angehäuften Beobachtungen drängten mich
erst in die bestimmte Richtung. Es war so
leicht, die Leute nachzuahmen. Spucken
konnte ich schon in den ersten Tagen. Wir
spuckten einander dann gegenseitig ins
Gesicht. Der Unterschied war nur, dass ich
mein Gesicht nachher reinleckte, sie ihres
nicht. Die Pfeife rauchte ich bald wie ein
Alter, drückte ich dann auch noch den
Daumen in den Pfeifenkopf, jauchzte das
Ganze zwischendeck. Nur den Unterschied
zwischen der leeren und der gestopften
Pfeife verstand ich lange nicht. Die meiste
Mühe machte mir die Schnapsflasche. Der
Geruch peinigte mich. Ich zwang mich mit
allen Kräften, aber es vergingen Wochen,
ehe ich mich überwand. Diese inneren
Kämpfe nahmen die Leute merkwürdigerweise
ernster als irgendetwas sonst an mir.
Ich unterscheide die Leute auch in meiner
Erinnerung nicht, aber da war einer. Der
kam immer wieder, allein oder mit
Kameraden, bei Tag, bei Nacht, zu den
verschiedensten Stunden, stellte sich mit
der Flasche vor mich hin und gab mir
Unterricht. Er begriff mich nicht. Er
wollte das Rätsel meines Seins lösen.
Er entkorkte langsam die Flasche und
blickte mich dann an, um zu prüfen, ob ich
verstanden habe. Ich gestehe, ich sah ihm
immer mit wilder, mit überstürzter
Aufmerksamkeit zu. Einen solchen
Menschenschüler findet kein Menschenlehrer
auf dem ganzen Erden rund. Nachdem die
Flasche entkorkt war, hob er sie zum Mund.
Ich mit meinen Blicken ihm nach, bis in die
Gurgel. Er nickt zufrieden mit mir und
setzt die Flasche an die Lippen. Ich
entzückt von allmählicher Erkenntnis,
kratze mich quietschend der Länge und
Breite nach, wo es sich trifft. Er freut
sich, setzt die Flasche an und macht
einen Schluck. Ich, ungeduldig und
verzweifelt, ihm nachzueifern, verunreinige
mich in meinem Käfig, was wieder ihm
große Genugtuung macht, und nun weiht die
Flasche von sich streckend und im
Schwung sie wieder hinaufführend, trinkt
er sie, übertrieben leerhaft, zurückgebeugt
mit einem Zug leer. Ich ermattet von
allzu großem Verlangen, kann nicht mehr
folgen und hänge schwach am Gitter,
während er den theoretischen Unterricht
damit beendet, dass er sich den Bauch
streicht und grinst. Nun erst beginnt die
praktische Übung. Bin ich nicht schon allzu
erschöpft durch das Theoretische? Wohl
allzu erschöpft, das gehört zu meinem
Schicksal. Trotzdem greife ich, so gut ich
kann, nach der hingereichten Flasche,
entkorke sie zitternd. Mit dem Gelingen
stellen sich allmählich neue Kräfte ein.
Ich hebe die Flasche, vom Original schon
kaum zu unterscheiden, setze sie an und
und werfe sie mit Abscheu, mit Abscheu,
trotzdem sie leer ist und nur noch der
Geruch sie füllt, werfe sie mit Abscheu
auf den Boden. Zur Trauer meines Lehrers,
zur größeren Trauer meiner selbst, weder
ihn noch mich versöhne ich dadurch, dass
ich auch nach dem Wegwerfen der Flasche
nicht vergesse, ausgezeichnet meinen
Bauch zu streichen und dabei zu grinsen.
Allzu oft nur verlief so der Unterricht
und zur Ehre meines Lehrers, er war mir
nicht. Wohl hielt er mir manchmal die
brennende Pfeife ans Fell, bis es irgendwo,
wo ich nur schwer hinreichte, zu glimmen
anfing, aber dann löschte er es selbst
wieder mit seiner riesigen guten Hand.
Er war mir nicht böse, er sah ein, dass
wir auf der gleichen Seite gegen die
Affennatur kämpften und dass ich den
schwereren Teil hatte. Was für ein Sieg
dann allerdings für ihn wie für mich, als
ich eines Abends vor großem Zuschauerkreis,
vielleicht war ein Fest, ein Kramophon
spielte, ein Offizier erging sich
zwischen den Leuten, als ich an diesem
Abend, gerade unbeachtet, eine von meinem
Käfig versehentlich stehengelassene
Schnapsflasche ergriff, unter steigender
Aufmerksamkeit der Gesellschaft sie
schulgerecht entkorkte, an den Mund
setzte und ohne Zögern, ohne Mundverziehen,
als Trinker vom Fach mit rundgewälzten
Augen, schwappender Kähle, wirklich und
nicht mehr als Verzweifelter, sondern als
Künstler die Flasche hinwarf, zwar vergaß
den Bauch zu streichen, dafür aber, weil
ich nicht anders konnte, weil es mich
drängte, weil mir die Sinne rauschten,
kurz und gut, Hallo, ausrief, in Menschen
laut ausbrach, mit diesem Ruf in die
Menschengemeinschaft sprang und ihr Echo
hört nur, er spricht, wie einen Kuss auf
meinen ganzen schweißtriefenden Körper
fühlte, ich wiederhole, es verlockte mich
nicht, die Menschen nachzuahmen, ich ahmte
nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus
keinem anderen Grund, auch war mit jenem
Sieg noch wenig getan, die Stimme versagte
mir sofort wieder, stellte sich erst nach
Monaten ein, der Widerwille gegen die
Schnapsflasche kam sogar noch verstärkter,
aber meine Richtung allerdings war mir
ein für alle Mal gegeben, als ich in
Hamburg dem ersten Dresseur übergeben
wurde, erkannte ich bald die zwei
Möglichkeiten, die mir offen standen,
zoologischer Garten oder Varieté, ich
zögerte nicht, ich sagte mir, setze alle
Kraft an, um ins Varieté zu kommen, das
ist der Ausweg, zoologischer Garten ist
nur ein neuer Gitterkäfig, kommst du in
ihn, bist du verloren und ich lernte, meine
Herren, ach, man lernt, wenn man muss, man
lernt, wenn man einen Ausweg will, man
lernt rücksichtslos, man beaufsichtigt
sich selbst mit der Peitsche, man
zerfleischt sich beim geringsten
Widerstand, die Affennatur raste sich
überkugelnd aus mir hinaus und weg, sodass
mein erster Lehrer selbst davon fast
episch wurde, bald den Unterricht aufgeben
und in eine Heilanstalt gebracht werden
musste. Glücklicherweise kam er wieder
bald hervor, aber ich verbrauchte viele
Lehrer, ja, sogar einige Lehrer
gleichzeitig, als ich meiner Fähigkeiten
schon sicherer geworden war, die
Öffentlichkeit meinen Fortschritten
folgte, meine Zukunft zu leuchten begann,
nahm ich selbst Lehrer auf, ließ sie in
fünf aufeinanderfolgenden Zimmern
niedersetzen und lernte bei allen zugleich,
indem ich ununterbrochen aus einem
Zimmer ins andere sprang. Diese
Fortschritte, dieses Eindringen der
Wissensstrahlen von allen Seiten ins
erwachende Hirn, ich leugne nicht, es
beglückte mich. Ich gestehe aber auch
ein, ich überschätzte es nicht, schon
damals nicht, wie viel weniger heute.
Durch eine Anstrengung, die sich bisher
auf der Erde nicht wiederholt hat, habe
ich die Durchschnittsbildung eines
Europäers erreicht. Das wäre an sich
vielleicht gar nichts, ist aber insofern
doch etwas, als es mir aus dem Käfig
half und mir diesen besonderen Ausweg,
diesen Menschenausweg verschaffte. Es
gibt eine ausgezeichnete deutsche
Redensart, sich in die Büsche schlagen.
Das habe ich getan. Ich habe mich in die
Büsche geschlagen. Ich hatte keinen
anderen Weg, immer vorausgesetzt, dass
nicht die Freiheit zu wählen war.
Überblicke ich meine Entwicklung und ihr
bisheriges Ziel, so klage ich weder, noch
bin ich zufrieden. Die Hände in den
Hosentaschen, die Weinflasche auf dem
Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im
Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster.
Kommt Besuch, empfange ich ihn, wie es
sich gebührt. Mein Impresario sitzt im
Vorzimmer, läute ich, kommt er und hört,
was ich zu sagen habe. Am Abend ist fast
immer Vorstellung und ich habe wohl kaum
mehr zu steigende Erfolge. Komme ich spät
nachts von Banketten aus wissenschaftlichen
Gesellschaften, aus gemütlichem
Beisammensein nach Hause, erwartet mich
eine kleine, halbdresierte Schimpansin
und ich lasse es mir nach Affenart bei
ihr wohl ergehen. Bei Tag will ich sie
nicht sehen. Sie hat nämlich den Irrsinn
des verwirrten, dresierten Tieres im
Blick. Das erkenne nur ich und ich kann
es nicht ertragen.
Im Ganzen habe ich jedenfalls erreicht,
was ich erreichen wollte. Man sage nicht,
es wäre der Mühe nicht wert gewesen.
Im Übrigen will ich keines Menschen
urteilen. Ich will nur Kenntnisse
verbreiten. Ich berichte nur. Auch Ihnen,
hohe Herren von der Akademie,
habe ich nur berichtet.