
INGEBORG BACHMANN - WIE SOLL ICH MICH NENNEN?
Dichtung von Ingeborg Bachmann (Foto) ersch. 1950 /
Rezitation: Fritz Stavenhagen /
Anmerkung: Poesie wie Brot? Dieses Brot müsste zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wieder erwecken, ehe es ihn stillt.
Und diese Poesie wird scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht sein müssen, um an den Schlaf der Menschen rühren zu können. (I.Bachmann)
Einmal war ich ein Baum und gebunden,
dann entschlüpft ich als Vogel und war frei,
in einen Graben gefesselt gefunden,
entließ mich berstend ein schmutziges Ei.
Wie halt ich mich? Ich habe vergessen,
woher ich komme und wohin ich geh,
ich bin von vielen Leibern besessen,
ein harter Dorn und ein flüchtendes Reh.
Freund bin ich heute den Ahornzweigen,
morgen vergehe ich mich an dem Stamm . . .
Wann begann die Schuld ihren Reigen,
mit dem ich von Samen zu Samen schwamm?
Aber in mir singt noch ein Beginnen
- oder ein Enden – und wehrt meiner Flucht,
ich will dem Pfeil dieser Schuld entrinnen,
der mich in Sandkorn und Wildente sucht.
Vielleicht kann ich mich einmal erkennen,
eine Taube einen rollenden Stein . . .
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,
ohne in anderer Sprache zu sein.
Siehe auch hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Ingeborg_Bachmann
https://www.hdg.de/lemo/biografie/ingeborg-bachmann.html
https://www.suhrkamp.de/person/ingeborg-bachmann-p-167
https://www.deutschelyrik.de/home.html
