ERICH KÄSTNER - DIE EXISTENZ IM WIEDERHOLUNGSFALLE

ERICH KÄSTNER - DIE EXISTENZ IM WIEDERHOLUNGSFALLE

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Dichtung von Erich Kästner 1930 /
Rezitation: Rudolf Platte Aufnahme von 1969 / Video: Berlin 1920er Jahren /
Anmerkung: "Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch." (E.Kästner)

Man müßte wieder durch den Stadtpark laufen
mit einem Mädchen, das nach Hause muß
und küssen will und Angst hat vor dem Kuß.
Man müßte ihr und sich, vor Ladenschluß,
um zwei Mark fünfzig ein paar Ringe kaufen.

Man müßte wieder nachts am Fenster stehn
und auf die Stimme der Passanten hören,
wenn sie den leisen Schlaf der Straßen stören.
Man müßte sich, wenn einer lügt, empören
und ihm fünf Tage aus dem Wege gehn.

Man müßte wieder seltne Blumen pressen
und auf dem Schulweg in die Tore schrein.
Man müßte wieder sechzehn Jahre sein
und alles, was seitdem geschah, vergessen.

Man würde wieder seiner Mutter schmeicheln,
weil man zum Jahrmarkt ein paar Groschen braucht.
Man sähe dann den Mann, der lange taucht.
Und einen Affen, der Zigarren raucht.
Und ließe sich von Riesendamen streicheln.

Man ließe sich von einer Frau verführen
und dächte stets: das ist Herrn Nussbaums Braut.
Man spürte ihre Hände auf der Haut.
Das Herz im Leibe schlüge hart und laut,
als schlügen nachts im Elternhaus die Türen.

Man müsste wieder roten Pudding essen
und schliefe abends ohne Sorgen ein.
Man müsste wieder sechszehn Jahre sein
Und alles, was seitdem geschah,
Vergessen.

Siehe auch hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_K%C3%A4stner
https://www.hdg.de/lemo/biografie/erich-kaestner.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Platte