Der Freytag: Mittags, mit dem Glockenschlage zwölf
Johann Wolfgang von Goethe kam vor 277 Jahren für tot zur Welt. Über die Geburt als politische Kategorie, das veloziferische Zeitalter und die Frage,

Johann Wolfgang von Goethe kam vor 277 Jahren für tot zur Welt. Über die Geburt als politische Kategorie, das veloziferische Zeitalter und die Frage, was wir eigentlich feiern, wenn wir einen Toten feiern.
Ein Kind, das nicht atmet
Es beginnt mit einem Beinahe-Scheitern. Am 28. August 1749, mittags, während in Frankfurt am Main die Glocken zwölf schlagen, kommt im Haus am Großen Hirschgraben ein Junge zur Welt, der nicht atmet. Das Kind ist blau angelaufen, die Hebamme überfordert, die Familie in heller Not. Man reibt, man wärmt, man hält den kleinen Körper gegen das Licht des Fensters, bis irgendwann – kein Protokoll hält den Augenblick fest – ein erster Schrei durch die Stube geht.
Sechs Jahrzehnte später wird derselbe Mensch diesen Vorgang in einem Satz erledigen, der zu den kühlsten der deutschen Prosa zählt: Durch Ungeschicklichkeit der Hebamme sei er „für tot auf die Welt“ gekommen, und nur durch vielfache Bemühungen habe man es dahin gebracht, dass er das Licht erblickte. Kein Wort des Entsetzens, keine nachgereichte Panik. Stattdessen folgt sogleich die Nutzenrechnung des Geheimrats: Der Unglücksfall habe immerhin den Mitbürgern gefrommt, denn der Großvater, Schultheiß Johann Wolfgang Textor, habe daraufhin einen Geburtshelfer anstellen und den Hebammenunterricht einführen lassen.
In diesen beiden Sätzen steckt bereits die ganze Physiognomie des Mannes, dessen zweihundertsiebenundsiebzigsten Geburtstag wir heute begehen: das Ereignis, unmittelbar gefolgt von seiner Ordnung; die Katastrophe, umgehend überführt in Institution. Wer so über die eigene Geburt schreibt, hat sie längst nicht mehr erlitten, sondern verwaltet.
Und doch bleibt der Skandal des Satzes stehen. Der berühmteste Deutsche der Neuzeit, das Zentralgestirn einer ganzen Nationalliteratur, der Mann, dessen Name heute an Instituten in Kairo, Nairobi und São Paulo prangt – er wäre um ein Haar nicht gewesen. Zwölf Uhr mittags, ein stiller Säugling, und die Sache hätte einen anderen Verlauf genommen. Es lohnt sich, an einem 28. August genau hier zu beginnen. Denn Geburtstage feiern nicht das Werk. Sie feiern den unwahrscheinlichen Umstand, dass jemand angefangen hat.
Die Gebürtlichkeit
Hannah Arendt hat diesem Umstand einen Namen gegeben. In der „Vita activa“ steht der vielleicht tröstlichste Gedanke der politischen Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts: dass der Mensch nicht in erster Linie ein Sterblicher sei, sondern ein Gebürtiger. Nicht der Tod bestimme seine Verfassung, sondern die Geburt – die Tatsache, dass mit jedem Neuankömmling etwas in die Welt tritt, das sich aus dem Bisherigen nicht ableiten lässt. Natalität nennt Arendt das, Gebürtlichkeit, und sie erkennt darin die Wurzel des Handelns überhaupt: Wir können anfangen, weil wir selbst Anfänge sind.
Das ist gegen eine mächtige Denkbewegung geschrieben, gegen jene Philosophie, die den Menschen vom Sein zum Tode her entwirft und im Sterben die eigentliche Wahrheit der Existenz sucht. Arendt dreht die Perspektive um hundertachtzig Grad. Der Tod ist das, was uns alle gleich macht; die Geburt ist das, was uns unterscheidet. Und weil politisches Handeln nichts anderes ist als die Fähigkeit, etwas anzufangen, dessen Ausgang niemand kennt, ist die Geburt für Arendt kein biologisches Faktum, sondern eine politische Kategorie.
Von hier aus wird die alltäglichste aller Feiern plötzlich merkwürdig. Ein Geburtstag ist das einzige Fest, bei dem Verdienst keine Rolle spielt. Wir gratulieren einem Menschen zu etwas, das er nicht geleistet hat, zu dem er nichts beigetragen hat, an dem er im Wortsinn bewusstlos beteiligt war. Und genau darin liegt seine Würde. Der Geburtstag ist der letzte Rest einer Kultur, die den Menschen nicht nach seiner Leistung bemisst, sondern nach seinem bloßen Dasein. In einer Gesellschaft, die den Wert einer Person zunehmend an Sichtbarkeit, Output und Verwertbarkeit koppelt, ist die Geburtstagstorte ein subversives Objekt.
Die Summe der Existenz
Goethe selbst wusste sehr genau, was er an diesem Datum hatte. Im Frankfurter Elternhaus war der Tag eine karge Angelegenheit gewesen: einmal eine Geburtstagsbrezel, 1759 ein Paar schwarze Hosen, zum zwölften Geburtstag neue Schuhe und ein silberner Degen. Gefeiert im geselligen Sinn wurde erst der fünfzehnte. Bereits als Leipziger Student begann er eine Gewohnheit, die er lebenslang beibehielt: Am Ende eines Lebensjahres zog er Bilanz, prüfte seine Arbeitsweise, fasste Entschlüsse. Am 27. August 1794 schreibt er, an diesem Tag werde die „Summe seiner Existenz“ gezogen. Es ist die Sprache des Kaufmanns, nicht des Dichters, und sie passt zu einem Mann, der zeit seines Lebens Akten führte, Sammlungen ordnete und Steine beschriftete.
Die Entschlüsse waren keine Vorsätze im heutigen, folgenlosen Sinn. Am 28. August 1808 fasst er den Plan, seine Autobiografie in Angriff zu nehmen – „Dichtung und Wahrheit“, jenes Werk, das unsere Vorstellung vom Kind am Hirschgraben bis heute bestimmt. Der Weimarer Hof feierte ihn seit 1781; je älter er wurde, desto entschiedener entzog er sich dem Lärm. Er habe den Tag „immer gern im Stillen“ begangen, versichert er in den Tag- und Jahresheften.
Man kann darin Koketterie sehen. Man kann darin aber auch das Verfahren erkennen, das Hans Blumenberg in der „Arbeit am Mythos“ beschrieben hat: die geduldige Bearbeitung einer Gestalt, bis sie standfest genug ist, Jahrhunderte zu überdauern. Blumenberg widmet Goethe den Schlussteil seines Buches, und das aus gutem Grund. Hier tritt einer auf, der die Mythisierung nicht erleidet, sondern betreibt – der die eigene Vergangenheit ordnet, ausleuchtet, komponiert. Schon der Titel „Dichtung und Wahrheit“ ist ein offenes Geständnis: Die Form kommt vor dem Faktum. Goethe war der letzte Mensch, dem es gelang, zu Lebzeiten ein Mythos zu werden, und der erste, der wusste, wie man das macht.
Der Famulus und der Zwischenkiefer
Wer meint, hier spreche ein Ästhet, irrt gründlich. Im Frühjahr 1784 entdeckt Goethe am menschlichen Schädel den Zwischenkieferknochen, den die Anatomie dem Menschen bis dahin abgesprochen hatte, um ihn vom Tier zu trennen. Er schreibt Herder darüber in einer Erregung, die man aus keinem seiner literarischen Briefe kennt. Es ist der Beweis für eine Idee, die ihn nicht mehr loslassen wird: dass die Natur variiert, nicht springt; dass alle Gestalt Verwandlung ist.
Aus dieser Idee erwächst ein halbes Lebenswerk – Morphologie, Metamorphose der Pflanzen, schließlich die „Farbenlehre“ von 1810, jener großangelegte Angriff auf Newton, den Goethe für sein bestes Buch hielt und den die Physik bis heute nicht ernst nimmt. Er hat diese Schlacht verloren, und zwar zu Recht. Aber die Frage, die er stellte, ist nicht erledigt. Max Weber hat sie ein Jahrhundert später auf ihren Begriff gebracht: Entzauberung der Welt. Es gebe, so Weber, keine geheimnisvollen Mächte mehr, sondern nur noch Berechenbarkeit – und der Preis dafür sei, dass die Wissenschaft auf die Frage nach dem Sinn keine Antwort mehr gibt.
Goethes Gegenprogramm heißt Urphänomen: sehen, statt zerlegen; die Erscheinung so lange betrachten, bis sie selbst zur Theorie wird. „Das Höchste wäre, zu begreifen, dass alles Faktische schon Theorie ist“, notiert er in den Maximen. Das ist keine Esoterik, sondern eine erkenntnistheoretische Position – die Weigerung, die Natur zu foltern, bis sie gesteht.
Und hier gestatte ich mir als notorischer Bayreuth-Pilger eine Verbeugung mit gemischten Gefühlen: Der berühmteste Wagner der deutschen Literatur ist nicht der Meister vom Grünen Hügel, sondern Fausts Famulus – jener fleißige Streber, der die Welt aus Büchern kennt und dem alles gelingt außer dem Verstehen. Wagner ist die zeitloseste Figur der Tragödie. Er sitzt heute vor einem Bildschirm und lässt sich die Welt zusammenfassen.
Das Ausdruckslose
Ausgerechnet der schärfste Kritiker des Goethe-Kults hat über Goethe den klügsten Essay geschrieben. Walter Benjamins Abhandlung über die „Wahlverwandtschaften“, 1922 entstanden, ist ein Frontalangriff auf die damals herrschende Verehrungsprosa, die das Werk aus dem Leben des Dichters erklären wollte und dabei den Dichter zum Heiligen erhob. Benjamin trennt beides mit chirurgischer Kälte: Das Werk schuldet dem Leben keine Auskunft.
Was er im Roman findet, nennt er das Ausdruckslose – jenen Moment, in dem der schöne Schein zerbricht und etwas sichtbar wird, das sich nicht mehr in Bedeutung auflösen lässt. Der Roman handelt von Menschen, die glauben, ihre Verhältnisse zu ordnen, und die dabei von chemischen Affinitäten regiert werden, denen sie nichts entgegenzusetzen haben. Es ist Goethes bitterster Text, geschrieben von einem Sechzigjährigen, der wusste, wie wenig Souveränität die menschliche Souveränität besitzt.
Benjamins Essay endet mit einem Satz, der die Kraft eines Glaubensbekenntnisses hat: Nur um der Hoffnungslosen willen sei uns die Hoffnung gegeben. Man muss diesen Satz neben das Zimmer am Hirschgraben halten, in dem ein Kind nicht atmet und trotzdem gerieben und gewärmt wird. Hoffnung ist nichts, was man aus der Lage ableitet. Sie ist das, was man gegen sie aufbietet.
Alles veloziferisch
Das Jahr 1825. Goethe ist sechsundsiebzig, Europa richtet sich neu ein, die ersten Eisenbahnen fahren, Schnellposten und Dampfschiffe verkürzen Entfernungen, die tausend Jahre lang gültig waren. In einem nie abgeschickten Schreiben an seinen Großneffen Nicolovius prägt er ein Wort, das man ihm heute kaum noch zutraut: veloziferisch. Velocitas, die Geschwindigkeit, verschmolzen mit Luzifer. Die Eile als Teufelswerk. Vier Jahre später, in der zweiten Fassung der „Wanderjahre“, lässt er das Wort in die Öffentlichkeit hinaus – ein Neologismus, der die Diagnose gleich mitliefert: Das Schnelle ist nicht neutral.
Wenige Wochen später, im Brief an den Freund Zelter, folgt die Diagnose im Klartext: Alles sei jetzt ultra, alles übersteige sich unaufhaltsam, im Denken wie im Tun; niemand kenne mehr das Element, in dem er sich bewege. Junge Leute würden viel zu früh aufgeregt und dann vom Zeitstrudel fortgerissen. Reichtum und Schnelligkeit sei, was die Welt bewundere. Und das Schlimmste seiner Zeit sei, dass sie nichts mehr reif werden lasse.
Nichts reif werden lassen. Man muss zweihundert Jahre später nicht lange suchen, um zu wissen, wovon die Rede ist. Hartmut Rosa hat dieser Erfahrung die soziologische Grundlage gegeben: Die Moderne beschleunigt technisch, sozial und lebensweltlich zugleich, und das Ergebnis ist kein Zeitgewinn, sondern chronische Atemlosigkeit. Was Rosa dagegen setzt, heißt Resonanz – ein Weltverhältnis, in dem uns etwas antwortet, statt bloß verfügbar zu sein. Es ist, in modernem Vokabular, exakt Goethes Urphänomen.
Der veloziferische Befund hat eine Zwillingsschwester, die aus demselben Kopf stammt: die Weltliteratur. 1827 sagt Goethe zu Eckermann, die Epoche der Nationalliteratur sei vorbei, die Weltliteratur an der Zeit. Beides gehört zusammen. Wer die Beschleunigung fürchtet, muss den Austausch wollen; wer die Enge kennt, weiß, dass Kultur nur im Verkehr lebt. Goethe war kein Bewahrer. Er war ein Mann, der wusste, dass Offenheit und Langsamkeit sich nicht ausschließen, sondern bedingen.
Auf dem Kickelhahn
Am 27. August 1831, am Vorabend seines zweiundachtzigsten Geburtstags, lässt sich Goethe von Ilmenau auf den Kickelhahn bringen. Er ist mit seinen Enkeln unterwegs, es ist die letzte Reise seines Lebens. In Begleitung des Berginspektors Mahr steigt er in das obere Stockwerk jener Bretterhütte, in der er einundfünfzig Jahre zuvor acht Tage lang gewohnt und mit Bleistift acht Zeilen an die Wand geschrieben hatte.
Mahr hat aufgezeichnet, was dann geschah. Der Alte las die Verse, und die Tränen liefen ihm über die Wangen. Er zog langsam ein schneeweißes Tuch aus dem dunkelbraunen Rock, trocknete sich und sagte leise: „Ja: warte nur, balde ruhest du auch.“ Dann schwieg er eine halbe Minute, sah durch das Fenster in den dunklen Fichtenwald und wandte sich zum Abstieg. Sieben Monate später war er tot. Ich habe diese Szene zuerst als Schüler gelesen, in einem gelben Reclamheft, und damals nichts davon verstanden. Man versteht sie erst sehr viel später.
Zwischen dem ersten Atemzug, den niemand protokolliert hat, und diesem letzten Blick in den Wald liegen zweiundachtzig Jahre. Dazwischen: der Werther, Italien, die Farbenlehre, Weimar, der Divan, der versiegelte Faust. Alles das ist Werk, und über Werke lässt sich streiten, wie über die Farbenlehre gestritten wurde und über die Wahlverwandtschaften bis heute gestritten wird.
Was heute gefeiert wird, ist etwas anderes und Kleineres und Größeres zugleich. Es ist der Umstand, dass jemand angefangen hat. Dass an einem Augusttag um zwölf Uhr mittags ein Kind nicht aufgab, obwohl es allen Grund dazu gehabt hätte. Arendt hätte es Natalität genannt. Der Frankfurter Schultheiß nannte es Anlass zur Verwaltungsreform. Und der Betroffene selbst, der sein Leben lang die Summe seiner Existenz zog, hätte vermutlich gesagt: Man feiert am besten, indem man weiterarbeitet.
Sapere aude!
S.
Deine Unterstützung hält Ideen lebendig – und Geschichten in Bewegung. 👉 https://www.paypal.com/donate/?hosted_button_id=5NGG6XB67BZ4N 🙏
🇩🇪 Meine lyrischen Gedanken zwischen zwei Buchdeckeln: blau pause zimmerlautstärke - lyrik über die zeit - zurzeit
BoD Buchshop: https://buchshop.bod.de/blau-pause-zimmerlautstaerke-stefan-noir-9783695118779
Amazon-Shop: https://amzn.eu/d/1TvOBUO
🇺🇸 / 🏴 / 🏴 My lyrical thoughts between two book covers: blue pause room volume: poetry about time – currently
Amazon (English edition): https://amzn.eu/d/3b3GUF4


Comments