Am selben Kalendertag, zweihundert Jahre auseinander, begegnen sich eine umjubelte Theaterpremiere und eine Katastrophe. Beide handeln vom Mut, sich dem Unrecht zu widersetzen. Ein tausendstimmiges Lebe-Hoch

Das Comödienhaus auf der Rannischen Bastei zu Leipzig ist am Abend des 11. September 1801 bis unter das Dach besetzt. Auf der Bühne steht eine Hirtin aus Lothringen, die zur Feldherrin wird; im Zuschauerraum sitzt ein hagerer, von der Krankheit längst gezeichneter Mann, der ahnt, dass ihm nicht mehr viele Jahre bleiben – und der in ebendiesem Augenblick den grössten Theatertriumph seines Lebens erlebt. Schon nach dem ersten Akt bricht es los. Unter Trommelwirbel und Paukenschlag erhebt sich, so überliefern es die Zeugen, ein tausendstimmiges „Es lebe Friedrich Schiller!“. Als der Dichter später das Haus verlässt, tritt die Menge ehrfürchtig beiseite; Väter heben ihre Kinder empor, damit sie den Mann erblicken, der Deutschland soeben eine neue „romantische Tragödie“ geschenkt hat.

Das Stück heisst „Die Jungfrau von Orléans“, und es erzählt von Johanna, jener Bauerntochter, die mitten im Hundertjährigen Krieg auszieht, ihr besetztes, gedemütigtes Land zu befreien. Schiller hatte damit einen wunden Punkt berührt. Voltaire, der grosse Aufklärer, hatte die historische Jeanne d’Arc in einem obszönen Versepos dem Gelächter preisgegeben; nun trat ausgerechnet ein Deutscher an, die französische Heldin zu rehabilitieren, sie aus dem Spott zu lösen und ihr die verlorene Würde zurückzugeben. Mit der Überlieferung ging Schiller dabei souverän, ja eigenmächtig um. Die historische Johanna wurde 1431 in Rouen als Ketzerin verbrannt, nach einem Schauprozess, dessen Unrecht noch heute aus den Akten schlägt. Schiller aber verweigert seiner Heldin den Scheiterhaufen. Bei ihm sprengt Johanna im letzten Akt ihre Ketten, eilt zurück auf das Schlachtfeld und stirbt, verklärt, im Augenblick des Sieges. „Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude“ – mit diesen Worten sinkt sie dahin.

Denn Schillers Johanna ist keine bruchlose Heldin. Ihre Grösse erweist sich gerade im Zweifel: Als sie dem englischen Feldherrn Lionel gegenübersteht und ihn nicht töten kann, weil sich ihr Herz regt, verstrickt sie sich in Schuld, verstummt, wird verstossen. Erst am Ende, im Angesicht des Todes, findet sie zu sich zurück und zerreisst die Ketten. Der Mut, den Schiller meint, ist also nicht die Furchtlosigkeit des Fanatikers, sondern die mühsam errungene Treue zu sich selbst – ein Mut, der durch die Anfechtung hindurchgegangen ist.

Der Mensch, welcher will

Warum diese kühne Änderung? Weil Schiller kein Chronist war, sondern ein Philosoph des Willens. „Die Jungfrau von Orléans“ handelt im Grunde nicht vom Krieg und nicht einmal von Frankreich, sondern vom Mut – genauer: von jener inneren Freiheit, die selbst dann nicht zu brechen ist, wenn die physische Übermacht alles niederwalzt. In seiner Abhandlung „Über das Erhabene“ hat Schiller den Gedanken auf eine berühmte Formel gebracht: „Alles andere muss; der Mensch ist das Wesen, welches will.“ Die Natur, die Gewalt, der Tod – sie können den Menschen zwingen, ihn erdrücken, ihn auslöschen. Was sie nicht vermögen, ist, ihn zur Einwilligung zu zwingen. Im Gefühl des Erhabenen, so Schiller, erfährt der Mensch, dass in ihm etwas wohnt, das grösser ist als jede Bedrohung: die sittliche Freiheit, Nein zu sagen. Die Tragödie führt den Helden physisch besiegt und moralisch unbezwungen vor. Johanna fällt – aber sie ergibt sich nicht. Das ist der Kern, und es ist ein zutiefst tröstlicher Gedanke.

Man mag Schiller vorwerfen, er habe die Geschichte geschönt und die reale Grausamkeit von Rouen in eine idealische Verklärung übersetzt. Doch Schiller wollte kein Denkmal des Leidens errichten, sondern eines des Widerstands. Ihn beschäftigte die Frage, die jede Epoche neu zu beantworten hat: Was tut der Mensch, wenn ihm Unrecht geschieht, wenn eine Übermacht das Recht mit Füssen tritt? Duckt er sich? Oder richtet er sich auf, auch wenn ihn die Aufrichtung das Leben kosten kann?

Dass Schiller gerade Johanna wählte, ist kein Zufall. Max Weber hätte in ihr den Idealtypus des Charismatikers erkannt: die einfache Frau, die kraft einer als übernatürlich erlebten Sendung eine ganze verzagte Nation hinter sich versammelt – nicht durch Amt, nicht durch Herkunft, sondern durch die schiere Kraft der Berufung. Und die Figur zeigt zugleich, warum grosse Erzählungen so zäh sind. Hans Blumenberg hat von der „Arbeit am Mythos“ gesprochen, von jener nie endenden Umschrift überlieferter Geschichten durch die Jahrhunderte. Johanna ist ein Paradebeispiel: verhöhnt von Voltaire, geadelt von Schiller, vertont von Verdi, verfilmt von Dreyer, umgedeutet von Shaw und Brecht. Jede Zeit schreibt ihre eigene Jungfrau. Auch diese Kolumne, wird man einwenden, tut nichts anderes.

Ein Einwand drängt sich auf, und ich will ihn nicht überspringen. Wer aus Toten Symbole macht, aus Opfern Helden, läuft Gefahr, das Grauen zu verschönern, bis es erträglich wird – und damit unwahr. Schiller wusste um diese Versuchung; er nannte sein Stück nicht ohne Grund eine Tragödie und keine Feier. Das Erhabene rechtfertigt das Leid nicht, es adelt es nicht einmal. Es behauptet nur, dass im leidenden Menschen eine Freiheit bleibt, die kein Henker erreicht. Diesen schmalen Grat gilt es zu halten, auch heute, auch an diesem Datum.

Der Rütlischwur, drei Jahre später

Es ist kein Zufall, dass Schiller nur drei Jahre nach der „Jungfrau“ ein weiteres grosses Drama des Widerstands schrieb – und dass dieses Drama ausgerechnet in der Schweiz spielt. „Wilhelm Tell“, 1804 in Weimar uraufgeführt, gab der Eidgenossenschaft den Gründungsmythos, den sie bis heute hütet: den Schwur auf dem Rütli, den Aufstand freier Männer gegen die Willkür fremder Vögte. „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.“ Schiller, der die Schweiz nie mit eigenen Augen gesehen hat, wurde so zum Dichter ihrer Freiheit. Von Orléans bis an den Vierwaldstättersee zieht sich dieselbe Linie: die Überzeugung, dass es einen Punkt gibt, an dem das Erdulden endet und der aufrechte Gang beginnt. Wer heute in einer Zürcher Feuilletonspalte über den Mut nachdenkt, tut gut daran, sich zu erinnern, dass der grösste Dichter dieses Mutes ein Schwabe war, der die Alpen nur aus Büchern und Landkarten kannte.

Ein stiller Dienstag

Und nun der Sprung, den der Kalender selbst uns aufnötigt. Auf den Tag genau zweihundert Jahre nach jenem Leipziger Triumph, am 11. September 2001, kehrte sich das Datum in sein Gegenteil. Wo 1801 die Bühne den Mut feierte, brachte 2001 die Wirklichkeit das nackte Unrecht.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern. Ich war noch Student und arbeitete an jenem Nachmittag als Werkstudent in der Firma, als die erste Meldung über die Nachrichten hereinbrach. Wir standen wie erstarrt. Keiner von uns konnte glauben, was er da hörte. Dann folgte Hiobsbotschaft auf Hiobsbotschaft – das zweite Flugzeug, das Pentagon, der Einsturz der Türme –, und wir verharrten fassungslos, bewegungslos, irgendwann nur noch in der bangen Erwartung weiterer Schreckensnachrichten. Als ich am Abend mit dem Rad nach Hause fuhr, war die Welt stummer als je zuvor. Ein stiller Dienstagabend, an dem selbst die Strassen den Atem anzuhalten schienen.

Fast dreitausend Menschen starben an diesem Tag, unschuldig, ohne Vorwarnung, viele von ihnen, ohne je erfahren zu haben, warum sie sterben mussten. Es war Unrecht in seiner reinsten, kältesten Gestalt: eine Gewalt, die keine Bühne kannte, keine Verklärung, keinen Sinn – nur die Vernichtung um der Vernichtung willen.

In den Tagen danach wiederholten sich die Bilder in endloser Schleife, bis sie fast ihre Bedeutung zu verlieren drohten und sie doch nie verloren. Etwas hatte sich verschoben, unwiderruflich; man spürte es, ohne es benennen zu können, dass eine Epoche zu Ende ging und eine andere, ungewissere, begann. Wer damals jung war, hat an jenem Dienstag begriffen, dass Geschichte nichts Vergangenes ist, sondern jederzeit hereinbrechen kann, mitten in einen gewöhnlichen Arbeitstag, mitten in eine Firma, in der eben noch von belanglosen Dingen die Rede war.

Macht und Gewalt

Hannah Arendt hat die Begriffe geliefert, um dieses Grauen zu denken, ohne ihm zu erliegen. In ihrer Schrift „Macht und Gewalt“ trennt sie streng, was die Umgangssprache verwechselt. Gewalt ist instrumentell; sie zerstört, aber sie stiftet nichts. Sie kann Türme zum Einsturz bringen, Menschen töten, das feine Gewebe einer Stadt zerreissen – und bleibt doch im Grunde stumm, weil ihr das Wort fehlt, die gemeinsame Handlung, die Zustimmung anderer. Macht dagegen, so Arendt, entsteht einzig dort, wo Menschen zusammentreten und miteinander handeln. Der Terror ist die reine Gewalt: eine Rede, die keine Antwort duldet, ein Monolog der Auslöschung.

Und doch hat sich selbst an jenem Tag die andere Kraft gezeigt. In einer der entführten Maschinen, dem Flug United 93 über Pennsylvania, erhoben sich die Passagiere gegen ihre Entführer. Sie wussten, dass es für sie kein Entrinnen mehr gab; sie handelten dennoch, gemeinsam, und verhinderten damit aller Wahrscheinlichkeit nach ein noch grösseres Verbrechen. Es war, in Arendts Sinn, Macht gegen Gewalt – und es war, in Schillers Sinn, ein Akt des Erhabenen: Menschen, physisch verloren und sittlich frei. Die Jungfrau von Orléans, für einen letzten Augenblick, hoch über den Feldern von Pennsylvania.

Arendt hätte uns auch vor der naheliegendsten Reaktion gewarnt. Wer der Gewalt mit blosser Gegengewalt antwortet, gewinnt vielleicht eine Schlacht, aber er tritt in ihre Logik ein und gibt ihr am Ende recht. Gewalt, schreibt sie, vermehrt sich, wo man sie einsetzt; sie erzeugt neue Gewalt, nicht neue Ordnung. Die Jahre nach 2001 haben dieser Einsicht mehr als eine bittere Bestätigung geliefert. Der eigentliche Widerstand gegen das Unrecht besteht nicht darin, ihm zu gleichen, sondern darin, das gemeinsame Handeln, das Recht und die Rede nicht preiszugeben.

Dennoch!

Hier, und nicht in der Katastrophe selbst, liegt für mich die eigentliche Lehre dieses doppelten Datums. Max Weber hat seinen Vortrag „Politik als Beruf“ mit einem einzigen, trotzigen Wort beschlossen. Nur wer gewiss sei, nicht zu zerbrechen, wenn die Welt sich als zu dumm oder zu gemein erweise für das, was er ihr bieten wolle, und wer selbst dann noch „dennoch!“ zu sagen vermöge – nur der habe den Beruf zur Politik, und, so dürfen wir ergänzen, zum Leben überhaupt. Dieses „dennoch“ ist die weltliche Übersetzung von Johannas Mut. Es ist kein Optimismus – Weber war der nüchternste aller Denker –, sondern die Entschlossenheit, dem Härtesten ins Auge zu sehen und trotzdem weiterzumachen.

Gewiss, Walter Benjamin hat uns den Engel der Geschichte hinterlassen, der mit aufgerissenen Augen rückwärts in die Zukunft getrieben wird, während vor ihm die Trümmer bis an den Himmel wachsen. Es ist ein Bild von schrecklicher Wahrheit, und der 11. September 2001 hat ihm neue Trümmer hinzugefügt. Doch bei diesem Engel dürfen wir nicht stehenbleiben. Denn der Mensch ist, mit Arendt gesprochen, das Wesen der Natalität – das Wesen, das geboren wird und darum die Gabe besitzt, immer wieder neu anzufangen. Jede Geburt ist ein leises Versprechen, dass die Kette der Katastrophen nicht das Letzte und nicht das Ganze ist.

Es lebe der Mut

Wenn diese Zeilen erscheinen ist es einen Tag vor dem 11. September – fünfundzwanzig Jahre nach den Anschlägen von New York und Washington, zweihundertfünfundzwanzig Jahre nach jenem Leipziger Abend. Zwei Elfte September, durch zwei Jahrhunderte getrennt und durch ein einziges Wort verbunden: Mut.

Ich denke an den stummen Dienstagabend zurück, an die Stille, die damals über der Welt lag, als ich nach Hause radelte. Und ich denke an das tausendstimmige „Es lebe Friedrich Schiller!“, das 1801 durch das Comödienhaus zu Leipzig brandete. Zwischen diesem Verstummen und jenem Jubel liegt der ganze Raum des Menschlichen. Schillers Johanna lehrt uns, dass man auch im Fallen aufrecht bleiben kann. Arendt lehrt uns, dass die Gewalt wohl zerstören, aber niemals gründen kann. Weber lehrt uns, dass Hoffnung ein Entschluss ist, kein Geschenk.

Verlieren wir also den Mut nicht. Nicht, weil das Unrecht selten wäre – es ist häufig, und es wird wiederkehren –, sondern gerade weil es das ist. Der aufrechte Gang ist keine Versicherung gegen den Sturz; er ist einzig die Weise, nicht schon vor dem Sturz gefallen zu sein. Die Türme sind eingestürzt, die Toten bleiben tot, und keine Verklärung macht das je wieder gut. Aber solange Menschen sich erheben, wenn ihnen und anderen Unrecht geschieht – in einer Maschine über Pennsylvania, auf einem Schlachtfeld bei Orléans, auf einer Wiese am Vierwaldstättersee –, ist das letzte Wort nicht gesprochen. Es lebe der Mut. Und es lebe, wer ihn nicht verliert.

Sapere aude!

S.

Deine Unterstützung hält Ideen lebendig – und Geschichten in Bewegung. 👉 https://www.paypal.com/donate/?hosted_button_id=5NGG6XB67BZ4N 🙏

🇩🇪 Meine lyrischen Gedanken zwischen zwei Buchdeckeln: blau pause zimmerlautstärke - lyrik über die zeit - zurzeit

BoD Buchshop: https://buchshop.bod.de/blau-pause-zimmerlautstaerke-stefan-noir-9783695118779

Amazon-Shop: https://amzn.eu/d/1TvOBUO

🇺🇸 / 🏴󠁧󠁢󠁥󠁮󠁧󠁿 / 🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿 My lyrical thoughts between two book covers: blue pause room volume: poetry about time – currently

Amazon (English edition): https://amzn.eu/d/3b3GUF4