Weimar – Glanz, Geist und Geschichten im Herzen Thüringens, im Herzen Deutschlands

Es gibt Städte, die beeindrucken durch ihre Größe. Andere durch ihre Skyline, ihren Hafen oder dadurch, dass man drei Tage braucht, um überhaupt herauszufinden, in welche U-Bahn man steigen muss.
Und dann gibt es Weimar.
Weimar braucht all das nicht.
Die Stadt liegt recht bescheiden mitten im wunderschönen Freistaat Thüringen, ist überschaubar, ausgesprochen fußgängerfreundlich – und besitzt trotzdem die erstaunliche Angewohnheit, einem nach wenigen Schritten die halbe deutsche Kulturgeschichte vor die Füße zu legen.
Goethe hier.
Schiller dort.
Ein paar Straßen weiter Herder.
Dann Liszt.
Nietzsche.
Gropius.
Van de Velde.
Die Weimarer Republik.
Das Bauhaus.
Dazwischen Schlösser, Parks, alte Bürgerhäuser, Cafés, Archive, Bibliotheken, Gärten und eine Ilm, die durch all das hindurchfließt, als habe sie mit der ganzen Aufregung eigentlich gar nichts zu tun.
Vielleicht ist gerade das der besondere Reiz Weimars:
Die Stadt ist klein genug, um sie zu Fuß zu entdecken – und groß genug, um ein Leben lang nicht mit ihr fertig zu werden.
Vom 1. Mai 1920 bis zum 7. Juli 1948 war Weimar sogar Landeshauptstadt Thüringens. Doch seine eigentliche Bedeutung hatte es längst zuvor erworben.
Denn wer Weimar sagt, landet früher oder später bei zwei Herren, die seit Generationen offenbar nicht voneinander loskommen:
Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller.
Zwei Herren, ein Denkmal – und eine Freundschaft, die Zeit brauchte
Am Frauenplan steht Goethes Wohnhaus.
Hier begegnet man Goethe nicht nur als Verfasser des „Faust“, sondern als einem Mann von nahezu beunruhigender Vielseitigkeit. Er dichtete, zeichnete, sammelte, forschte, beschäftigte sich mit Pflanzen, Farben, Gesteinen, Politik und Theater.
Es gibt Menschen, die haben ein Hobby.
Goethe hatte offenbar siebzehn.
Nur wenige Gehminuten entfernt liegt Schillers Wohnhaus.
Heute erscheinen Goethe und Schiller beinahe zwangsläufig als Paar. Man kennt das berühmte Denkmal auf dem Theaterplatz: zwei bronzene Herren, Schulter an Schulter, vereint für alle Zeiten.
Dabei waren sie keineswegs von Anfang an die besten Freunde.
Schiller bewunderte Goethe, während Goethe dem jüngeren Dichter zunächst eher auswich. Erst 1794 kam es nach einer naturwissenschaftlichen Veranstaltung zu einem längeren Gespräch. Aus dieser Begegnung entwickelte sich eine der berühmtesten Freundschaften der deutschen Literaturgeschichte.
Von da an lasen sie gegenseitig ihre Manuskripte, kritisierten, ermutigten und widersprachen einander. Mehr als tausend Briefe und kleine Mitteilungen sind aus ihrer Verbindung erhalten.
Das ist vielleicht das Schönste an dieser Geschichte:
Zwei sehr unterschiedliche Menschen entdecken nicht, dass sie plötzlich einer Meinung sind.
Sie entdecken, dass der andere sie weiterbringt.
Auch das ist Weimar.
Und vielleicht sollten wir uns daran gelegentlich erinnern, wenn heute schon unterschiedliche Ansichten über die richtige Zubereitung eines Frühstückseis ausreichen, um eine Freundschaft im Internet zu beenden.
Der Theaterplatz – wo Literatur auf Demokratie trifft
Folgt man der Schillerstraße, erreicht man bald den Theaterplatz.
Dort stehen sie also: Goethe und Schiller vor dem Deutschen Nationaltheater.
Es ist das wohl bekannteste Bild Weimars.
Doch der Platz erzählt noch eine andere Geschichte.
Im Jahr 1919 trat im Deutschen Nationaltheater die deutsche Nationalversammlung zusammen und erarbeitete die Verfassung der jungen Republik.
So kam eine kleine thüringische Stadt zu einer politischen Ehre, die ihr bis heute anhängt: Weimarer Republik.
Direkt gegenüber erinnert heute das Haus der Weimarer Republik an diesen ersten großen parlamentarisch-demokratischen Versuch Deutschlands – an seine Hoffnungen, seine Schwierigkeiten und sein Scheitern.
Weimar stellt damit ganz nebenbei eine Frage, die größer ist als die Stadt:
Wie selbstverständlich ist Freiheit?
Die Antwort lautet leider: überhaupt nicht.
Vielleicht passt auch deshalb die Demokratiegeschichte so gut hierher. Denn Weimar ist voller Orte, an denen Menschen über Freiheit, Humanität, Bildung und Würde nachgedacht haben.
Und manchmal überlebt eine Idee länger als jedes politische System.
Bücher, die ein Feuer überlebten
Einer der schönsten Orte dafür ist die Herzogin Anna Amalia Bibliothek.
Schon der Rokokosaal wäre Grund genug für einen Besuch. Wer hier eintritt, versteht augenblicklich, dass „Bibliothek“ nicht zwangsläufig Neonlicht, Kunststoffstuhl und den dezenten Geruch eines Kopierers bedeuten muss.
Doch die Bibliothek erzählt auch eine der schönsten neueren Geschichten Weimars.
Am 2. September 2004 brach im historischen Gebäude ein verheerender Brand aus.
Während die Feuerwehr gegen die Flammen kämpfte, bildeten rund 200 Menschen spontan eine Menschenkette. Bücher wurden aus den gefährdeten Räumen getragen und von Hand zu Hand weitergereicht.
Ein Mensch gab ein Buch dem nächsten.
Der nächste dem nächsten.
Und immer weiter.
Rund 28.000 Bände konnten so unversehrt gerettet werden.
Es gibt große Reden über Kultur.
Und es gibt Menschen, die bei einem Brand einfach ihre Ärmel hochkrempeln und Bücher aus einem brennenden Haus tragen.
Vielleicht erzählt die zweite Variante mehr darüber, was Menschen wirklich wichtig ist.
Eine Tasse Tee und ein kleines Stück Menschlichkeit
Weimar besitzt überhaupt bemerkenswert viele Geschichten, in denen große Namen plötzlich sehr menschlich werden.
Eine davon beginnt mit Christiane Vulpius.
1788 begegnete sie Goethe, als sie ihm eine Bittschrift für ihren Bruder überbringen wollte.
Aus dieser Begegnung wurde Liebe.
Und schließlich eine Lebensgemeinschaft, die fast zwei Jahrzehnte dauerte, bevor die beiden heirateten.
Für Teile der vornehmen Weimarer Gesellschaft war Christiane allerdings nicht standesgemäß genug. Goethe war schließlich Goethe – und Christiane eben nicht aus jenem Milieu, das darüber zu entscheiden glaubte, wer zu wem passen durfte.
Dann kam das Jahr 1806.
Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt drangen französische Soldaten auch in Goethes Haus ein. Christiane bewies in der gefährlichen Situation erheblichen Mut und trug dazu bei, das Haus und Goethe zu schützen.
Wenige Tage später heirateten die beiden.
Doch damit war Christiane gesellschaftlich noch lange nicht überall willkommen.
Und hier betritt Johanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer, unsere kleine Bühne.
Sie lud Christiane zum Tee ein.
Ihr dazu überlieferter Ausspruch lautete sinngemäß: Wenn Goethe ihr seinen Namen gebe, könne man ihr wohl auch eine Tasse Tee geben.
Es ist keine weltbewegende Heldentat.
Kein Denkmal wurde dafür errichtet.
Kein Heer setzte sich in Bewegung.
Eine Frau lud eine andere Frau zum Tee ein.
Und gerade deshalb ist die Geschichte so schön.
Denn manchmal besteht Anstand nicht in großen Worten.
Manchmal besteht er einfach darin, einem Menschen einen Stuhl hinzustellen und zu sagen: Setzen Sie sich doch zu uns.
Anna Amalia, Herder und das gesellige Weimar
Dass Weimar überhaupt zu diesem ungewöhnlichen geistigen Zentrum werden konnte, hat viel mit Herzogin Anna Amalia zu tun.
An sie erinnert unter anderem das Wittumspalais.
Das höfische und geistige Weimar war dabei keineswegs ständig so feierlich, wie seine heutigen Marmorbüsten vermuten lassen.
Das zeigt sich besonders schön in Tiefurt.
Anna Amalias Sommersitz war eben nicht nur ein Schloss, in dem bedeutende Personen kerzengerade an langen Tafeln saßen und bedeutende Dinge sagten.
Dort wurde gelesen.
Gedichtet.
Musiziert.
Theater gespielt.
Spazieren gegangen.
Und – man darf davon ausgehen – auch reichlich gescherzt und getratscht.
Es entstand sogar ein handschriftliches „Tiefurter Journal“, in dem die Gesellschaft ihre Erlebnisse festhielt.
Man sollte sich Goethe, Herder, Wieland und die anderen deshalb gelegentlich von ihren Sockeln herunterholen.
Sie waren nicht den ganzen Tag „Klassiker“.
Sie waren Menschen.
Sie aßen.
Sie tranken.
Sie verliebten sich.
Sie ärgerten sich.
Sie machten Witze.
Sie gingen spazieren.
Und vermutlich war auch damals nicht jedes Gedicht, das abends vorgelesen wurde, ein Meisterwerk.
Das macht sie nicht kleiner.
Im Gegenteil.
Es macht sie uns näher.
Eine Herzogin bleibt stehen
Eine weitere bemerkenswerte Weimarer Frau war Großherzogin Louise.
1806, nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon bei Jena und Auerstedt, wurde die Lage für Weimar gefährlich.
Während andere den Hof verlassen hatten, blieb Louise.
Sie trat Napoleon persönlich gegenüber und verteidigte ihren Mann und ihr Land.
Ihr Auftreten soll dazu beigetragen haben, Weimar vor weitergehender Plünderung zu bewahren.
Es ist eine jener Geschichten, die daran erinnern, dass Mut nicht immer bedeutet, irgendwohin vorzustürmen.
Manchmal bedeutet Mut schlicht: stehenzubleiben, wenn andere gehen.
Herder, Liszt und ein Archiv über den Dächern
Am Herderplatz steht die Stadtkirche St. Peter und Paul, die fast jeder Weimarer schlicht Herderkirche nennt.
Besonders bedeutend ist der große Cranach-Altar. Auch Herder selbst ist mit der Kirche eng verbunden.
Ein paar Schritte und Jahrhunderte weiter begegnet man einem anderen europäischen Geist: Franz Liszt.
Sein Weimarer Wohnhaus erinnert an die Jahre, in denen er hier lebte, komponierte und Schüler unterrichtete.
Wer Literaturhandschriften vorzieht, steigt hinauf zum Goethe- und Schiller-Archiv, dem ältesten Literaturarchiv Deutschlands.
Dort liegen Manuskripte und Nachlässe von unschätzbarem Wert.
Aber selbst Menschen, die beim Anblick einer Originalhandschrift nicht sofort Herzklopfen bekommen, sollten hinaufgehen.
Denn von der Terrasse lässt sich wunderbar über Weimar schauen.
Und nicht jeder kulturelle Genuss benötigt eine Inventarnummer.
Der Fall Schiller – oder: Wo ist der Dichter?
Auch der Historische Friedhof lohnt einen Besuch.
Dort befinden sich die Fürstengruft und unmittelbar daneben die russisch-orthodoxe Kirche.
Goethe liegt tatsächlich in der Fürstengruft.
Bei Schiller wird es komplizierter.
Und ausgesprochen weimarisch.
Schiller starb 1805 und wurde zunächst im Kassengewölbe auf dem Jakobskirchhof beigesetzt.
Als man seine Gebeine 21 Jahre später bergen wollte, waren die Särge dort längst zerfallen. Die Knochen verschiedener Verstorbener ließen sich nicht mehr eindeutig voneinander unterscheiden.
Trotzdem glaubte man, Schillers Schädel gefunden zu haben.
Später tauchte noch ein zweiter möglicher Schiller-Schädel auf.
Damit besaß Weimar zeitweise einen Dichter mit zwei möglichen Köpfen, was selbst für die deutsche Literatur ungewöhnlich ist.
Erst moderne DNA-Untersuchungen brachten Klarheit.
Allerdings nicht die erhoffte.
Keiner der beiden Schädel gehörte Schiller.
Auch die übrigen vermeintlichen Gebeine konnten ihm nicht sicher zugeordnet werden.
Deshalb ist Schillers Sarkophag in der Fürstengruft heute leer.
Wo der wirkliche Schiller geblieben ist, weiß niemand.
Vielleicht hätte ihm die Geschichte sogar gefallen.
Der Dichter ist fort.
Seine Worte sind geblieben.
Der Park an der Ilm – Weimars grüne Seele
Spätestens jetzt wird es Zeit, die Häuser zu verlassen.
Denn Weimar besitzt mit dem Park an der Ilm einen Ort, bei dem man versteht, weshalb die Stadt nicht nur aus Museen besteht.
Goethes Gartenhaus steht hier.
Das Römische Haus.
Die Parkhöhle.
Das Nadelöhr.
Brücken, Wege, Wiesen und alte Bäume.
Goethe selbst wirkte an der Gestaltung dieser Landschaft mit.
Und wer an einem warmen Abend entlang der Ilm läuft, während zwischen den Bäumen die Sonne tiefer sinkt, braucht für einige Minuten weder Goethe-Ausgabe noch philosophisches Wörterbuch.
Man geht einfach.
Das genügt.
Vielleicht ist das ohnehin eine der angenehmsten Eigenschaften Weimars:
Geschichte begegnet einem hier häufig, ohne dass sie sich aufdrängt.
Man verlässt eine Straße – und steht im Grünen.
Man überquert eine Brücke – und entdeckt ein Gartenhaus.
Man biegt um eine Ecke – und plötzlich liegt dort wieder ein Stück Weltkultur.
Weimar scheint gelegentlich selbst ein wenig überrascht darüber zu sein.
Das Bauhaus: Die Moderne kam aus Thüringen
Wer bei Weimar ausschließlich an Goethe und Schiller denkt, übersieht allerdings ungefähr hundert Jahre Stadtgeschichte.
Denn 1919 wurde in Weimar das Bauhaus gegründet.
Nicht in Dessau.
Dessau kam später.
Walter Gropius wollte Kunst, Handwerk und Architektur neu zusammendenken. Aus dieser Idee entstand eine der einflussreichsten Gestaltungsschulen des 20. Jahrhunderts.
Heute erzählt das Bauhaus-Museum Weimar davon.
Unmittelbar dazu passt das Museum Neues Weimar, das den Blick auf Jugendstil, frühe Moderne und Henry van de Velde richtet.
Besonders interessant ist das Haus Am Horn aus dem Jahr 1923. Es ist die einzige tatsächlich errichtete Bauhaus-Architektur aus der Weimarer Zeit der Schule.
Auch die Gebäude der heutigen Bauhaus-Universität gehören zu dieser Geschichte.
Dazu kommen van de Veldes Haus Hohe Pappeln und die Villa Silberblick mit dem Nietzsche-Archiv.
Und spätestens hier wird die Liste der Weimarer Namen langsam absurd:
Goethe.
Schiller.
Herder.
Wieland.
Liszt.
Nietzsche.
Gropius.
Van de Velde.
Für eine Stadt dieser Größe ist das beinahe unverschämt.
Belvedere, Tiefurt und Ettersburg
Wer die Innenstadt verlässt, wird keineswegs bestraft.
Im Süden wartet Schloss Belvedere mit Orangerie und Park.
Tiefurt liegt ruhiger und beinahe verträumt an der Ilm.
Und wer genügend Zeit mitbringt, sollte den Weg nach Tiefurt tatsächlich einmal zu Fuß zurücklegen.
Das Ziel ist schön.
Der Weg dorthin ebenfalls.
Noch weiter nördlich liegt Schloss Ettersburg mit Park und dem sogenannten Pücklerschlag, einer langen historischen Sichtachse durch die Landschaft.
Hier zeigt sich eine weitere Stärke der Stadt:
In Weimar geht Kultur irgendwann einfach in Landschaft über.
Ein Schatten, der dazugehört – aber nicht alles überstrahlen darf
Zum Ettersberg gehört allerdings auch Buchenwald.
1937 errichtete die SS dort das Konzentrationslager. Zehntausende Menschen wurden verfolgt, gequält und getötet. Nach Kriegsende nutzte die sowjetische Besatzungsmacht Teile des Geländes als Speziallager Nr. 2, in dem wiederum Tausende Menschen starben.
Diese Geschichte darf und soll nicht verschwiegen werden.
Buchenwald war mit Weimar eng verbunden und gehört zur Geschichte der Stadt.
Doch ebenso wichtig ist ein zweiter Satz:
Buchenwald gehört zu Weimar. Aber Weimar darf nicht auf Buchenwald reduziert werden.
Die Stadt trägt diesen Schatten nicht exklusiv. Das nationalsozialistische Lagersystem durchzog Deutschland und das besetzte Europa. Bei Weimar tritt der Gegensatz allerdings besonders deutlich hervor, weil nur wenige Kilometer zwischen der Welt Goethes und Schillers und dem Ort nationalsozialistischer Barbarei liegen.
Das ist eine Mahnung.
Aber es ist nicht die ganze Geschichte dieser Stadt.
Und genau deshalb gehen wir weiter.
Als ein Staat Angst vor Gurkensalat bekam
Auch die SED-Diktatur gehört zu Weimars Vergangenheit.
Wie überall in der DDR gab es politische Überwachung, Zensur, Repressalien, Einschränkungen der Reisefreiheit und Verfolgung Andersdenkender durch Staatssicherheit und andere staatliche Organe.
Dass eine Diktatur gelegentlich unfreiwillig komische Seiten entwickelt, zeigt eine Weimarer Geschichte aus dem Jahr 1983.
Junge Leute sprühten politische Parolen an Häuserwände.
Eine davon lautete: „Macht aus dem Staat Gurkensalat.“
Vier junge Weimarer mussten wegen solcher Aktionen ins Gefängnis.
Der Satz war lustig.
Der Staat fand ihn überhaupt nicht lustig.
Vielleicht kann man das Wesen einer Diktatur manchmal erstaunlich einfach erkennen:
Eine Demokratie muss einen schlechten Witz aushalten können. Eine Diktatur fürchtet manchmal sogar einen Gurkensalat.
Aber: Weimar hat auch dieses Kapitel überstanden.
Heute darf dort wieder gestritten, gespottet, gewählt und – glücklicherweise – Gurkensalat zubereitet werden, ohne dass die Staatssicherheit erscheint.
Das ist durchaus ein Fortschritt.
Die kleinen Schätze
Wer sich nur von den großen Sehenswürdigkeiten Weimars führen lässt, verpasst einiges.
Da wäre die Parkhöhle, ein Stollensystem tief unter dem Park an der Ilm.
Oder das Kirms-Krackow-Haus, ein mehr als vierhundert Jahre alter Bürgerhof mit Laubengängen und einem hübschen Biedermeiergarten.
Das Palais Schardt besitzt einen Garten und einen Pavillon und ist mit Charlotte von Stein verbunden.
Der Jakobskirchhof gehört zu den stimmungsvollsten Plätzen der Stadt. Lucas Cranach der Ältere und Christiane von Goethe fanden dort ihre letzte Ruhestätte.
Mitten darin steht die kleine Jakobskirche.
Es gibt außerdem das Deutsche Bienenmuseum.
Denn selbst eine Stadt mit Goethe, Schiller, Nietzsche und Gropius muss irgendwo noch Platz für Bienen lassen.
Die Pavillon-Presse erzählt von der Druck- und Verlagsgeschichte.
Das kleine Ginkgo-Museum nimmt jene Pflanze auf, die durch Goethe zusätzliche Berühmtheit erlangte.
Das Stadtmuseum wiederum beschäftigt sich mit Weimar selbst – also mit den Menschen, Straßen und Entwicklungen jenseits der ganz großen Namen.
Und das Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens erinnert daran, dass Thüringen erfreulicherweise bereits existierte, bevor Goethe beschloss, hierherzuziehen.
Wer alte Technik liebt, findet schließlich noch das Thüringer Eisenbahnmuseum.
Man sieht:
Weimar gehen die Geschichten nicht so schnell aus.
Eine Stadt, die zusammenrückt
Vielleicht erzählt aber keine Sehenswürdigkeit so viel über die Stadt wie jene Menschenkette beim Brand der Anna-Amalia-Bibliothek.
Da standen keine Denkmäler.
Keine großen Dichter.
Keine Herzöge.
Keine Philosophen.
Da standen Menschen des 21. Jahrhunderts.
Weimarer.
Studenten.
Mitarbeiter.
Helfer.
Menschen, die sahen, dass etwas verloren gehen könnte, das ihnen wichtig war.
Also halfen sie.
Hand zu Hand.
Buch zu Buch.
Vielleicht ist das die schönste Verbindung zwischen dem alten und dem heutigen Weimar.
Die großen Namen haben etwas hinterlassen.
Und spätere Generationen sagen:
Das möchten wir bewahren.
Nicht, weil Goethe vollkommen war.
Nicht, weil jede Seite der Weimarer Geschichte schön wäre.
Sondern weil Kultur, Erinnerung und Schönheit etwas Wertvolles sind.
Was bleibt von Weimar?
Man könnte nach all dem versuchen, Weimar in einem einzigen Satz zusammenzufassen.
Das wäre vermutlich zum Scheitern verurteilt.
Weimar ist Goethe und Schiller – aber nicht nur.
Es ist Anna Amalia und Herder.
Liszt und Nietzsche.
Gropius und van de Velde.
Die Weimarer Republik und das Bauhaus.
Es ist die Ilm am Abend.
Ein Spaziergang nach Tiefurt.
Belvedere im Sommer.
Der Blick vom Goethe- und Schiller-Archiv.
Ein alter Friedhof.
Ein verschwundener Schiller-Schädel.
Eine mutige Christiane.
Eine Herzogin, die Napoleon gegenübertritt.
Johanna Schopenhauer, die einer gesellschaftlich Ausgegrenzten einfach eine Tasse Tee anbietet.
Und zweihundert Menschen, die Bücher aus einer brennenden Bibliothek retten.
Es ist eine Stadt, in der Menschen seit Jahrhunderten schreiben, denken, musizieren, bauen, streiten, lieben, spazieren, lachen und gelegentlich offenbar auch sehr gute politische Parolen erfinden.
Und vielleicht liegt darin das eigentlich Liebenswerte an diesem Ort.
Weimar steht nicht deshalb für Humanität, weil dort immer human gehandelt worden wäre.
Sondern weil dort über Jahrhunderte immer wieder Menschen versucht haben, herauszufinden, was Menschlichkeit überhaupt bedeutet.
Wer die Stadt besucht, sollte deshalb nicht versuchen, sämtliche Sehenswürdigkeiten wie Punkte auf einer Liste abzuhaken.
Gehen Sie durch die Schillerstraße.
Schauen Sie auf dem Theaterplatz nach oben.
Setzen Sie sich an die Ilm.
Gehen Sie nach Tiefurt.
Trinken Sie irgendwo einen Kaffee.
Schauen Sie in einen Innenhof, auch wenn im Reiseführer nichts davon steht.
Und nehmen Sie sich gelegentlich die Freiheit, Goethe einfach Goethe sein zu lassen und einen schönen Baum anzusehen.
Vielleicht werden Sie dann feststellen, dass Weimar seine größte Wirkung nicht immer dort entfaltet, wo ein Schild „Sehenswürdigkeit“ steht.
Manchmal ist es nur ein Blick über die Dächer.
Ein alter Garten. Ein Buch. Eine Tasse Tee.
Ein Sommerabend an der Ilm.
Und plötzlich versteht man, warum Menschen an dieser kleinen Stadt hängen.
Weimar muss man nicht nur besichtigen.
Man sollte ein wenig darin herumspazieren.
Und irgendwann merkt man dann womöglich: Diese Stadt hat sich längst selbst ins Herz hineingeschummelt.
Bis gleich
Euer Onkel A


Comments