Es gibt Momente in der Geschichte, die sich der Erinnerung auf eigenartige Weise entziehen — nicht weil sie unbedeutend wären, sondern weil das, was aus ihnen hätte werden können, nicht wurde. Sie liegen wie unausgesprochene Sätze in den Akten der Vergangenheit, voller Möglichkeit, voller Konjunktiv. Das Hambacher Fest ist ein solcher Moment, und vielleicht ist es das deutscheste aller Beispiele für diese eigentümliche Geschichtsform: das Beinahe.

Vom 27. Mai bis zum 1. Juni 1832 zogen etwa dreißigtausend Menschen auf den Schlossberg über Neustadt an der Haardt, hinauf zur Ruine des Hambacher Schlosses, um etwas zu fordern, das es in den deutschen Landen noch nicht gab: ein geeintes Vaterland, politische Grundrechte und — man muss es noch heute mit Verwunderung aussprechen — ein solidarisch verbundenes Europa. Es war, wenn man so will, der erste große Auftritt des deutschen Volkes auf seiner eigenen politischen Bühne. Laut, bewegt, kurz. Und dann: Stille. Unterdrückung. Exil. Vergessen.

Wer heute an dieser Geschichte vorübergeht, spürt einen eigentümlichen Resonanzboden unter den Füßen. Die Sehnsucht nach Freiheit, die Enttäuschung über Herrschaft, das Ringen um eine gemeinsame europäische Identität — das alles klingt nicht nur nach Vergangenheit. Es klingt, wenn man genau hinhört, beinahe vertraut.

Das Jahr 1832 ist kein beliebiges. Europa befindet sich in einem Zustand nervöser Erschöpfung, eine Generation nach den Napoleonischen Kriegen, und der Wiener Kongress hat 1815 eine Ordnung errichtet, die vor allem eines will: die Rückkehr der Fürsten in ihre Rechte, die Unterdrückung revolutionärer Ideen, die Konservierung einer Welt, die im Inneren bereits zerfällt. Es ist die Restauration als politisches Programm — und als ästhetisches Versprechen, das niemand mehr glaubt.

Der Deutsche Bund, jenes lose Konglomerat aus neununddreißig Fürstentümern, Königreichen und freien Städten, ist kein Staat, sondern eine Verabredung der Mächtigen zur gegenseitigen Absicherung. Eine Nation im politischen Sinne gibt es nicht. Es gibt die deutsche Sprache, die deutsche Literatur, die deutschen Wälder — aber kein deutsches Volk als souveränes Subjekt der Geschichte. Was es gibt, ist eine wachsende Ahnung davon, dass dies sich ändern müsste.

Zwei Jahre zuvor war in Paris die Julirevolution ausgebrochen. Karl X. floh, Louis-Philippe folgte als Bürgerkönig, und die Botschaft wanderte — unsichtbar, aber hartnäckig — über den Rhein: Könige sind stürzbar. Dieser Gedanke, einmal in der Luft, ließ sich nicht mehr verbannen. Die politische Unruhe machte sich in Deutschland vor allem im französisch beeinflussten Südwesten bemerkbar; nationale, liberale und demokratische Forderungen wurden nicht mehr nur von der akademischen Jugend erhoben, sondern auch von breiteren Kreisen des Kleinbürgertums und der Handwerkerschaft. Was bisher Salongespräch gewesen war, drängte auf die Straße.

In der Pfalz, diesem schmalen Landstrich am linken Rheinufer, der nach 1816 zum Königreich Bayern gehörte, war die Stimmung besonders aufgewühlt. Die pfälzischen Bürger hatten aus der Zeit der französischen Herrschaft Bürgerrechte und Pressefreiheit kennengelernt und waren nicht gewillt, deren stillschweigende Abschaffung hinzunehmen. Hier lag, im Wortsinne, brennbares Material. Es brauchte nur einen Funken — und die Journalisten Johann Georg August Wirth und Philipp Jakob Siebenpfeiffer haben ihn gelegt. Als in den pfälzischen Zeitungen eine Einladung zur Feier des bayerischen Verfassungstages erschien, nutzten sie die Gelegenheit, um kurzerhand zu einem „Nationalfest der Deutschen" einzuladen. Man hatte mit vielleicht tausend Teilnehmern gerechnet.

Es kamen dreißigtausend.

Das Hambacher Fest ist, man muss das so sagen, ein Wunder der Logistik des Unmuts. Menschen reisten zu Fuß, auf Pferden, in überfüllten Postkutschen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum an — Handwerker, Kaufleute, Studenten, Frauen. Auch sie, was bemerkenswert ist für eine Zeit, die politische Teilhabe als männliches Privileg verstand. Zum Symbol der Bewegung wurde eine schwarz-rot-goldene Fahne, getragen vom Neustadter Kaufmann Johann Philipp Abresch. Es ist dieselbe Fahne, die heute über deutschen Amtsgebäuden weht — ein Detail von solcher historischer Schwere, dass man fast versucht ist, es zu übersehen, weil es zu schwer ist, um es im Vorbeigehen aufzuheben.

Und das Fest war von Anfang an europäisch. Eine europäische Dimension erhielt diese erste politische Volksversammlung in der neueren deutschen Geschichte durch die Mitwirkung von Polen und Franzosen — Männern, die aus eigener Erfahrung wussten, was Unfreiheit kostet, und die in der pfälzischen Maisonne einen Augenblick lang glauben durften, dass die Völker Europas sich miteinander, nicht gegeneinander erheben könnten.

In diesen Tagen war Ludwig Börne, der scharfzüngige Frankfurter Journalist, so etwas wie die lebende Verkörperung der Bewegung. Aus seinem Pariser Exil war er angereist, um zu sehen, ob die Stunde der Tat endlich geschlagen habe. In einem Brief beschrieb er die aufgewühlte Atmosphäre: Heidelberger Studenten hätten ihm unter Anführung eines Fackelträgers ein Vivat vor seine Wohnung gebracht; auf den Straßen sei ihm alles nachgezogen, mit dem Ruf „es lebe Börne, es lebe der Deutsche Börne". Man liest das heute mit einer Mischung aus Rührung und Beklemmung. Rührung, weil es einen seltenen Augenblick deutscher Begeisterung beschreibt, der nicht in den Abgrund führt. Beklemmung, weil man weiß, was kommt.

Die Reden auf dem Schlossberg waren kühn. Die Redner forderten die Einheit der zersplitterten deutschen Länder, aber auch — und das ist der eigentlich erstaunliche Satz — ein „conföderiertes, republikanisches Europa". Es war das erste Mal, dass dieser Gedanke öffentlich, laut, vor Zehntausenden ausgesprochen wurde: Europa als politisches Projekt, nicht nur als geographischer Begriff. Siebenpfeiffer und Wirth sprachen von Volksherrschaft, von Pressefreiheit, von einer Verfassung. Das waren keine akademischen Abstraktionen. Es waren Kampfbegriffe in einem Kampf, der gerade erst begonnen hatte — und der, wie jeder Kampf, irgendwann die Frage nach der nächsten Stufe stellt.

Diese Frage stellte ein Student aus Itzehoe, ein gewisser Heinrich Kähler. Ob man wieder reden wolle, fragte er, oder ob man nicht gekommen sei, loszuschlagen. Es kam zu einer förmlichen Abstimmung, bei der sich die Anwesenden gegen das Losschlagen entschieden. Man wählte die Worte. Man wählte das Fest. Man wählte, in gewissem Sinne, die Ohnmacht — und manche unter den Versammelten ahnten es vielleicht in dem Moment, in dem ihre Hand sich hob.

Heinrich Heine, der in Paris lebt und das Geschehen aus der Ferne beobachtet, war von dieser Entscheidung nicht überzeugt. Mit der schneidenden Traurigkeit, die ihm eigen ist, schrieb er später: „Jene Hambacher Tage waren der letzte Termin, den die Göttin der Freiheit uns gewährte; die Sterne waren günstig; seitdem erlosch jede Möglichkeit des Gelingens. Dort waren sehr viele Männer der Tat versammelt, die selber von ernstem Willen glühten und auf die sicherste Hilfe rechnen konnten." Und an anderer Stelle, noch schärfer formuliert: „Während den Tagen des Hambacher Festes hätte mit einiger Aussicht guten Erfolges die allgemeine Umwälzung in Deutschland versucht werden können."

Heine ist kein Romantiker der Revolution — er ist ihr nüchterner Chronist, ihr bitterster Liebhaber. Er verstand das Hambacher Fest als verpasste Gelegenheit, als historischen Augenblick, der sich öffnete und schloss, ohne dass die Deutschen hindurchgetreten wären. Diese Analyse ist nicht falsch; sie ist nur — wie so vieles bei Heine — von einer Grausamkeit, die sich als Klarheit verkleidet. Man wird den Verdacht nicht los, dass Heine, der selbst kein Mann der Tat war, am liebsten von anderen verlangte, was er selbst nicht leistete.

Goethe dagegen, der große Olympier der deutschen Literatur, der in Weimar residierte wie ein Fürst des Geistes, schwieg. Er war im Frühjahr 1832 bereits hochbetagt, dem Tod nahe — er starb in eben jenem Jahr, am 22. März, gut zwei Monate vor dem Zug auf den Schlossberg. Seine innere Haltung gegenüber politischen Bewegungen ist bekannt: skeptisch bis ablehnend. Das Volk auf dem Hambacher Schloss war nicht sein Volk. Nicht weil er es verachtet hätte — sondern weil ihm Ordnung und Kultur als Voraussetzungen aller Freiheit galten, während die Hambacher Festredner umgekehrt darauf bestanden, dass Freiheit erst die Voraussetzung von Ordnung und Kultur sei. Es ist ein alter Streit. Er ist bis heute nicht entschieden, und vielleicht wird er es nie sein.

Und Wagner? Im Mai 1832 ist Richard Wagner neunzehn Jahre alt und lebt in Leipzig, seiner Geburtsstadt. Seit 1831 studierte er an der Universität Musik und nahm Kompositionsunterricht beim Thomaskantor Christian Theodor Weinlig. Von der ersten Aufführung seiner Konzertouvertüre in d-Moll noch im selben Jahr angespornt, komponierte er weitere Konzertstücke — unter anderem die C-Dur-Symphonie, die im Sommer 1832 im Prager Konservatorium zur Uraufführung gelangen sollte. Das Hambacher Fest fand in einer anderen Welt statt. In der Pfalz, weit im Westen, hinter Gebirgen und politischen Grenzen, die nicht nur geographisch waren.

Bereits 1830 hatte Wagner durch Korrekturarbeiten für seinen Schwager, den Verleger Friedrich Brockhaus, ein Taschengeld verdient und begann, sich mit der Lektüre politischer Schriften zu beschäftigen. Dass der junge Wagner politisch nicht unempfänglich war, zeigt sein späteres Leben — seine Beteiligung an der Dresdner Mairevolution 1849, sein Exil in der Schweiz, seine streitbaren Schriften. Aber 1832 war er noch ganz beim Klang. Die Symphonie, nicht die Kundgebung. Die Ouvertüre, nicht die Rede.

Ob er von den Ereignissen auf dem Hambacher Schlossberg gehört hat? Zweifellos — die Sache war zu groß, um in einem zeitungslesenden Bürgerhaushalt wie dem der Brockhaus-Familie unbemerkt vorüberzugehen. Ob ihn das bewegte? Man darf es vermuten. Aber es hinterließ keine erkennbare Spur in seinen Aufzeichnungen dieser Zeit. Und der junge Wagner, der später über alles schreibt und sich zu allem verhält — zu Beethoven, zum deutschen Wesen, zur Politik der Gegenwart — schweigt hier.

Es ist ein beredtes Schweigen. Es ist das Schweigen einer ganzen Generation deutscher Künstler, die sich erst auf den Umweg über die Niederlage von 1848 zu jener Politisierung würden zwingen lassen, die in Hambach noch eine offene Frage gewesen war. Das Hambacher Fest ist auch der Moment, an dem Deutschland lernt, dass zwischen dem Wollen und dem Tun eine Schlucht liegt, über die Worte keine Brücke bauen.

Die Reaktion des Deutschen Bundes ließ nicht auf sich warten. Sie war unverzüglich, unmissverständlich, und in ihrer Härte fast schon vorhersehbar. Die Redner und Organisatoren wurden verhaftet oder ins Exil getrieben. Siebenpfeiffer floh in die Schweiz. Wirth wurde verhaftet und verbrachte Jahre in Festungshaft. Die Zeitungen wurden gesperrt, der Preß- und Vaterlandsverein verboten. Was als Volksversammlung begonnen hatte, endete als Polizeiaktion.

Die Geschichte Deutschlands hat dieses Muster so oft wiederholt, dass man versucht ist, es für eine Eigenart des deutschen Charakters zu halten — diese Unfähigkeit, den entscheidenden Moment nicht nur zu erkennen, sondern auch zu nutzen. Aber das wäre ungerecht, und es wäre auch zu einfach. Die Lage war objektiv hoffnungslos, sobald die Reaktion zuschlug. Die Fürsten hatten die Mittel, das Volk hatte nur seine Stimme. Und Stimmen, das lernt man 1832, können sehr laut sein — und trotzdem verhallen.

Doch sowohl die zukunftsweisenden Ideen als auch das Symbol des Hambacher Festes überdauerten die Verfolgungswelle. Schwarz-Rot-Gold ist bis heute das Symbol des freiheitlichen, rechtsstaatlichen und demokratischen Deutschland. Das ist nicht nichts. Es ist, im Gegenteil, sehr viel. Symbole sind zäher als Paragrafen; sie überleben die Reaktion, weil sie sich nicht verhaften lassen.

Was bleibt, hundertvierundneunzig Jahre später, an einem Ende-Mai-Tag, an dem die Luft über dem pfälzischen Weinland womöglich dieselbe ist wie damals?

Das Hambacher Fest ist kein Triumph. Es ist keine Niederlage. Es ist ein Aufbruch, der in der Mitte scheitert — und gerade deshalb beunruhigend aktuell bleibt. In Zeiten, in denen Demokratieskepsis wieder Konjunktur hat, in denen die europäische Idee von innen wie von außen unter Druck gerät, in denen das Reden über Freiheit leichter ist als ihr Erkämpfen — in solchen Zeiten ist das Hambacher Fest kein Museumsstück, sondern ein Spiegel. Ein unbequemer.

An vielen Orten Deutschlands fand die Kundgebung von 1832 Nachahmer. Am Frankfurter Wachensturm 1833 und an der Märzrevolution 1848 waren Teilnehmende des Hambacher Festes beteiligt. Der Same ging auf — nur langsam, nur unter widrigen Bedingungen, mit vielen Rückschlägen und vielen Toten. Das ist die Natur der Freiheit: Sie wächst nicht im Handstreich, sondern in Generationen. Sie braucht den langen Atem derer, die nicht erleben werden, was sie säen.

Heine hat das gewusst und darunter gelitten. Goethe hat es gefürchtet und sich zurückgezogen. Wagner hat es — noch — nicht begriffen, weil er 1832 noch damit beschäftigt war, seine eigene Sprache zu finden, ehe er die Sprache der Nation für sich beanspruchen würde. Dreißigtausend Menschen auf einem Schlossberg aber haben es gespürt, ohne es in Worte fassen zu können: dass es Momente gibt, in denen Geschichte atemlos wird. In denen alles möglich scheint. In denen die Göttin der Freiheit — um mit Heine zu sprechen — ihren Termin gewährt.

Ob man ihn nutzt, ist eine andere Frage. Eine, die jede Generation neu beantworten muss, und keine, deren Antwort man vererben kann wie eine Fahne.

Sapere aude!

S.

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