Warum die Welt am 13. Mai an drei chinesische Worte erinnert – und was sie bedeuten

Der 13. Mai. Wer an diesem Tag durch Manhattan flaniert, wird einem Festzug begegnen, der die Fifth Avenue in einen Strom gelber Banderolen, blauer Trommeln und kalligraphierter Spruchbänder verwandelt. Wer im Mai durch das Berliner Zentrum geht, kann am Potsdamer Platz Menschen sehen, die in zeitlupenartiger Ruhe ihre Arme heben, als zögen sie ein unsichtbares Rad aus der Luft. In Stockholm, London, Taipeh, Lima – überall wiederholt sich in diesen Tagen dieselbe Choreographie. Es ist der Internationale Welt-Falun-Dafa-Tag, und er feiert in diesem Jahr seinen vierunddreißigsten Jahrgang.

Warum dieser Tag? Am 13. Mai 1992 trat in der nordostchinesischen Industriestadt Changchun ein damals unbekannter Mann vor eine kleine Gruppe Interessierter und hielt seinen ersten Vortrag über eine Praxis, der er den Namen Falun Gong gegeben hatte – später, im umfassenderen Sinn, Falun Dafa: das „Große Gesetz des Dharma-Rades". Li Hongzhi, der Lehrer, beging an diesem Tag zugleich seinen Geburtstag. Was als bescheidener Vortrag in einer Provinzstadt begann, entwickelte eine Verbreitungsgeschwindigkeit, die selbst die nüchternsten Beobachter erstaunte. Innerhalb von sieben Jahren, ohne Werbung, ohne Apparat, allein durch mündliche Empfehlung und das stille Beispiel der Übenden, schwoll die Zahl der Praktizierenden in der Volksrepublik auf eine Größe an, die selbst chinesische Regierungsschätzungen bei rund 70 Millionen ansetzten – andere Quellen nannten gar hundert.

Drei Worte und ihre Folge

Im Zentrum stehen drei Worte, deren Schlichtheit fast irritiert: Zhen, Shan, Ren – Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit, Nachsicht. Es sind keine moralischen Maximen im kantischen Sinn, keine Imperative, sondern, so die Lehre, Eigenschaften des Kosmos selbst, an die sich der Übende durch Meditation und Charakterarbeit angleicht. Daß eine solche Trias in einer modernen, industriell beschleunigten Gesellschaft Resonanz findet, mag verwundern. Es verwundert weniger, wenn man bedenkt, daß die Praxis fünf einfache, im Sitzen wie im Stehen ausführbare Übungen umfaßt, die kostenfrei und ohne organisatorischen Apparat weitergegeben werden. Wer sie kennenlernen will, braucht weder Mitgliedschaft noch Beitrag. Die Schwellenlosigkeit ist Programm.

Vielleicht erklärt eben dies den Erfolg – und das spätere Drama. Denn was ohne Hierarchie wächst, läßt sich auch nicht durch Eingriff in eine Hierarchie aufhalten. Als die Zahl der Übenden in der Volksrepublik diejenige der Mitglieder der Kommunistischen Partei überstieg, begann in Peking eine Rechnung, die nichts mit Moral und alles mit Macht zu tun hatte. Am 20. Juli 1999 unterzeichnete der damalige Generalsekretär Jiang Zemin den Erlaß, der Falun Gong als „häretische Organisation" verbot und einen Verfolgungsapparat eigens dafür ins Leben rief – das berüchtigte „Büro 610", benannt nach dem Datum seiner Gründung. Seither sind mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen, und die Verfolgung hält an: Verhaftungen, Lagerhaft, dokumentierte Fälle von Folter und, am schwersten wiegend, der staatlich organisierten Organraub an Praktizierenden. Das Londoner China Tribunal unter Vorsitz von Sir Geoffrey Nice, der einst die Anklage gegen Slobodan Milošević in Den Haag geführt hatte, kam 2019 nach mehrjähriger Beweisaufnahme zu einem Urteil, das den staatlich organisierten Organraub an Gefangenen als zweifelsfrei nachgewiesen bezeichnete und in der diplomatischen Sprache der westlichen Hauptstädte bis heute Spuren hinterläßt. Allein im Frühjahr dieses Jahres dokumentierte die chinesischsprachige Plattform Minghui mehrere tausend neue Übergriffe; das Ziel, so die Analysten, bleibe unverändert: die Praktizierenden zum Widerruf ihres Glaubens zu zwingen.

Die offizielle Würdigung – ein amerikanisches Phänomen

Während Peking schweigt und straft, sprechen anderswo die Institutionen. Es ist bemerkenswert, mit welcher Breite und Selbstverständlichkeit gerade in den Vereinigten Staaten gewählte Amtsträger den 13. Mai jedes Jahr offiziell würdigen. Die Liste der Proklamationen liest sich wie ein Gang durch die amerikanische Föderalgeographie. In Pennsylvania läßt Gouverneur Josh Shapiro Glückwunschschreiben aufsetzen; das Repräsentantenhaus von Maryland verabschiedete eine eigene Resolution zum dreiunddreißigsten Jahrestag. Die Bürgermeister von Philadelphia und Pittsburgh – Cherelle Parker und Ed Gainey – stellten Proklamationen aus. In Ohio erklärten die Bürgermeister von Dayton, Westerville, Englewood und Pickerington den 13. Mai zum offiziellen „Falun Dafa Day" ihrer Städte. In Missouri proklamierte der Bürgermeister von St. Peters denselben. Im Senat von Texas ehrten zwei US-Senatoren den Anlaß; in Nevada überreichten Gouverneur und Vizegouverneur Anerkennungsurkunden. In diesem Jahr passierte eine entsprechende Proklamation auch den Senat von Illinois.

Die Vorgänge wirken aus europäischer Sicht zunächst befremdlich, ist man doch ein anderes Verhältnis von Staat und Glaubensgemeinschaft gewohnt. Doch das amerikanische Selbstverständnis kennt seit den Federalist Papers eine andere Auffassung: Glaubensfreiheit ist nicht die Toleranz des Privaten durch den Staat, sondern eine konstitutive Voraussetzung der Republik. James Madison schrieb 1785 in seinem Memorial and Remonstrance, das Gewissen sei ein Recht, „das wir nicht abtreten können", weil es vor jeder bürgerlichen Ordnung liege. Wenn nun ein Bürgermeister einer Kleinstadt in Ohio einen Tag zu Ehren einer chinesischen Kultivierungsschule ausruft, deren Sprache er nicht spricht und deren Lehre er möglicherweise nie studiert hat, so verteidigt er nicht eine bestimmte Doktrin. Er verteidigt das Prinzip, daß ein Bürger das Recht hat, sich nach jener Lehre zu richten, ohne deshalb in einem Arbeitslager zu enden. Dies ist, im Kern, die Differenz zwischen einer freien und einer unfreien Ordnung – und es ist die kleine, alltägliche Dignität gewählter Amtsträger, die sich in solchen Gesten zeigt. Auch über Kanada hinaus, wo in nicht weniger als dreiundzwanzig Städten die Stadtsäle mit farbigem Licht erleuchtet und die Flaggen gehißt wurden, hat der Tag eine institutionelle Selbstverständlichkeit erlangt, die in Europa noch ihresgleichen sucht.

Europäische Stimmen, leiser, aber bestimmt

In Europa fallen die Feierlichkeiten weniger flamboyant aus, doch das Bild ist nicht weniger eindrücklich. An den Wochenenden dieses Jahres versammelten sich Übende vor dem Brandenburger Tor in Berlin und am Potsdamer Platz, demonstrierten die Meditationsübungen und stellten Tafeln auf, die in stiller Faktizität von der Verfolgung in China berichten. In Hamburg und Frankfurt versammeln sich die Praktizierenden traditionell, und auch in München, einer Stadt mit jahrzehntealter Tradition exilchinesischer Aktivität, gehören die Veranstaltungen zum festen Kalenderprogramm. Lahnstein und Koblenz, Stuttgart, Köln und das niederbayerische Cham: Die Liste der deutschen Orte, an denen sich kleine Gruppen treffen, ist lang.

Vom Deutschen Bundestag bis zum Europäischen Parlament haben sich über die Jahre Stimmen zu Wort gemeldet. Der frühere CDU-Abgeordnete Martin Patzelt, langjähriges Mitglied des Menschenrechtsausschusses, bekannte einmal mit der ihm eigenen schlichten Klarheit: Falun Gong sei eine Bewegung, die den Menschen nutze und Freude und Harmonie bringe – mehr könne man kaum wollen. Der hessische Europaabgeordnete Michael Gahler bekräftigte ähnliches. In Schweden schreiben Parlamentarier Grußbotschaften; in London zog kürzlich eine große Parade durch die City; in Stockholm fand eine Kundgebung am Kungsträdgården statt. Auch Italien, Frankreich, Spanien und die Niederlande haben ihre eigenen, oft kleineren, aber kontinuierlich wiederkehrenden Versammlungen. Vor der chinesischen Botschaft in Berlin halten Praktizierende seit rund zwei Jahrzehnten täglich eine Mahnwache aufrecht – ein Akt schweigender Beharrlichkeit, der jeden, der bewußt vorübergeht, unweigerlich an die berühmte Formel Václav Havels erinnert, vom „Leben in der Wahrheit" auch dort, wo die Macht die Lüge verlangt.

Menschenrechte als Probe aufs Exempel

Wenn man dem Welt-Falun-Dafa-Tag eine über das partikulare Anliegen hinausreichende Bedeutung zuschreiben will, dann diese: er ist eine Probe aufs Exempel der Menschenrechte. Die Allgemeine Erklärung der Vereinten Nationen von 1948 formuliert in ihrem Artikel 18 in seltener Kürze und Schönheit, daß jeder Mensch das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit habe, einschließlich des Rechts, seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft, öffentlich oder privat, durch Lehre, Praxis, Gottesdienst und Beobachtung von Riten zu bekennen. Eleanor Roosevelt, die als Vorsitzende der zuständigen Kommission diesen Text mit unermüdlicher Geduld durch die diplomatischen Untiefen lotste, sprach später vom „kleinsten Maßstab": die Menschenrechte begännen, sagte sie, an jenen kleinen Orten, in der Nähe des Heims, die so klein und so nah seien, daß sie auf keiner Karte der Welt zu finden seien. Wo solche Rechte aber nichts bedeuteten, hätten sie nirgendwo Bedeutung.

Genau hier liegt die unbequeme Wahrheit, an die uns der 13. Mai jährlich erinnert. Das Recht, eine Meditationsübung im Park zu praktizieren – was harmloser, friedlicher, unscheinbarer könnte gedacht werden? – ist in einem der größten Länder der Erde mit Haft, Folter und schlimmstem Ausgang bedroht. Die Schwelle des Rechts zeigt sich, paradoxerweise, gerade an seinen unscheinbarsten Anwendungsfällen. Es ist nicht der politische Häftling, der die Stunde der Bewährung markiert. Es ist der Rentner, der vor Sonnenaufgang in seinen Park geht und dafür mit dem Wenigen, was ihm bleibt, bezahlt. Dort entscheidet sich, was eine Gesellschaft sein will.

Für den Glauben einstehen – eine europäische Übung

Daß für den eigenen Glauben einzustehen kein orientalisches Sonderphänomen, sondern eine zutiefst europäische Übung ist, weiß jeder, der seinen Bonhoeffer gelesen hat. Der Pfarrer von Flossenbürg schrieb in seiner Zelle die schlichte Zeile: „Wer ist und bleibt schon Christ, als der für seine Wahrheit auch zu sterben bereit ist?" Die Frage geht weit über die konfessionelle Sphäre hinaus. Sie trifft jeden, der eine Überzeugung hat. Eine Überzeugung, die nichts kostet, ist keine. Hier liegt die stille, oft übersehene Verwandtschaft zwischen den deutschen Bekennenden der dreißiger Jahre, den tschechischen Charta-Unterzeichnern der siebziger und den heutigen Falun-Gong-Praktizierenden, die in chinesischen Lagern lieber das Schlimmste auf sich nehmen, als drei Worte – Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit, Nachsicht – zu widerrufen.

Es ist nicht nötig, der Lehre selbst beizutreten, um diese Haltung zu würdigen. Es genügt, das in ihr aufgehobene allgemeine Prinzip zu erkennen: daß die Würde des Menschen nicht in dem besteht, was er besitzt, sondern in dem, woran er festzuhalten bereit ist, auch wenn die Welt ringsumher es ihm streitig macht. Dietrich Bonhoeffer hat das in einer berühmten Formulierung zusammengefaßt: Verantwortliches Handeln sei jenes, das den Mut habe, „in der unerläßlichen Verzichtung auf die eigene Schuldlosigkeit" zu stehen. Wer für seinen Glauben einsteht, weiß, daß er sich exponiert; er nimmt das Risiko des Mißverständnisses, der Verleumdung, im schlimmsten Fall der Gewalt auf sich, weil das Schweigen die teurere Münze wäre. Die Praktizierenden auf dem Römerberg, am Brandenburger Tor, am Trafalgar Square und am Place du Palais Royal demonstrieren nichts anderes: eine Haltung der Standhaftigkeit, sichtbar gemacht in einer Choreographie der Sanftmut. Sie schreien nicht, sie blockieren keine Straßen. Sie stehen einfach da, in Gelb gekleidet, in ruhiger Würde, und tun, was sie tun. Es ist eine Form des Widerstandes, die der mitteleuropäischen Tradition, von Franz von Assisi bis zu den Friedensgebeten der Leipziger Nikolaikirche, näher steht, als man vermuten würde.

Schlußbetrachtung: Was zu erben ist

Das vierundzwanzig Meter lange Banner, das in diesen Tagen ein Kleinflugzeug über dem Hudson River durch den New Yorker Himmel zog, trug eine schlichte Inschrift: „Falun Dafa ist gut." Drei Worte, fast banal in ihrer Direktheit. Über der Freiheitsstatue, über der George-Washington-Brücke, über der Skyline Manhattans schwebte diese kleine Behauptung wie ein Echo jener anderen drei Worte, die seit dreiunddreißig Jahren von Changchun aus die Welt umrundet haben. Es liegt eine eigene Anmut darin, daß ausgerechnet in der lautesten Metropole der westlichen Welt diese leiseste aller Botschaften wieder und wieder gezeigt wird.

Vielleicht ist dies der eigentliche Sinn des Tages. Nicht eine Werbeveranstaltung für eine bestimmte Lehre, sondern die jährlich wiederkehrende Erinnerung daran, daß es Werte gibt, die nicht handelbar sind. Eine Welt, in der ein älterer Mann bei seiner Meditation im Park gestört wird, bezahlt das mit dem Verlust eines Friedens, der nicht wiederzugewinnen ist. Und daß jenseits aller politischen Differenzen, aller geopolitischen Kalküle, aller diplomatischen Sprachregelungen am Ende eine einfache Frage steht: Was hinterlassen wir? Welche Welt erben unsere Kinder und Kindeskinder?

Die Antwort liegt, so altmodisch sie klingen mag, in den drei Worten, die am 13. Mai von Stadt zu Stadt getragen werden. Die Welt braucht Wahrhaftigkeit. Sie braucht Barmherzigkeit. Sie braucht Nachsicht. Und es ist gut, sich nach diesen Werten zu richten, um eine friedliche Welt für unsere Nachkommen zu hinterlassen.

Sapere aude!

S. 

Zum Schluß noch ein Instrumentalstück von mir für Falun Dafa. Es ist meinem Meister Li gewidmet – als bescheidener Dank, den ich in Worte nicht fassen kann.

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