Es ist einer dieser Vormittage, an denen das Kaffeehaus sich anfühlt wie ein Aquarium voller müder Fische — alle bewegen sich, aber niemand schwimmt wirklich irgendwohin. Die Sonne fällt durch das große Fenster zur Straße hin, schräg, fast vorwurfsvoll, und legt sich auf die Tische, als wollte sie nachsehen, wer heute eigentlich noch Zeitung liest. Ich lese, oder vielmehr — ich blättere, denn lesen kann man das, was da steht, eigentlich nicht mehr, ohne dass einem der Atem ein wenig knapper wird.

Aufrüstung im Weltall — so eine Schlagzeile. Das Kabinett hat eine Sicherheitsstrategie für den Weltraum verabschiedet, die zuständige Ministerin spricht davon, dass Deutschlands Sicherheit nun auch dort verteidigt werde, oben, zwischen den Satelliten, im Schwarzen, das eigentlich, denkt man so, das letzte Stück Unschuld gewesen wäre, das uns geblieben ist. Stand da nicht einmal etwas — bei Kant, mein ich — vom bestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetze in mir? Der bestirnte Himmel scheint es nun wieder einmal nicht mehr zu sein. Sondern ein Aufmarschplatz. Und das moralische Gesetz, ja, das hat Pause.

Ich bestelle einen zweiten Espresso und versuche, nicht zu seufzen, aber ich seufze doch.

Am Nebentisch sitzen zwei Männer. Ich schätze sie auf Mitte, Ende sechzig, beide mit der Art Hose, in die man hineingewachsen ist, statt sie ausgewählt zu haben. Der eine, breiter, mit Händen wie Tellerwärmer, hat einen Pott Filterkaffee vor sich; der andere, schmaler, etwas akademischer, einen kleinen Cappuccino, dessen Schaum er bedächtig mit dem Löffel anstupst, als wolle er ihn vor dem Trinken um Erlaubnis fragen.

»Jetzt schießen sie sich auch im Golf wieder an«, sagt der mit den Tellerwärmer-Händen. »Mit Loch im Maschinenraum. Das hab ich noch nie gehört. Loch in den Maschinenraum gesprengt. Wie ein Western, nur mit Frachtschiff.«

»Containerschiff«, korrigiert der andere, ohne aufzusehen.

»Container, Fracht, was weiß ich. Die Hauptsache, sie schießen.«

»Die Straße von Hormus ist ein neuralgischer Punkt. Ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gaslieferungen geht da durch. Wer die kontrolliert, kontrolliert auch — «

»— den Preis an meiner Tankstelle, ich weiß, ich weiß. Hab ich gestern getankt. Achtundachtzig Cent mehr als letzten Monat. Pro Liter.«

»Brent steht bei sechsundneunzig.«

»Mir egal, wie der heißt. Ich heiße Erwin, er heißt Brent, soll er bleiben, wo er ist.«

— Es ist eine seltsame Eigenschaft unserer Zeit, dass die größten Verschiebungen unserer Existenzgrundlagen immer als Zahlenkolonnen daherkommen. Brent, WTI, IPC-Phase 4, Düngemittelpreisindex, IPC-Phase 5, Kalium-Stickstoff-Embargo. Hinter jeder dieser Zahlen sitzt ein Mensch und isst, oder eben nicht. Hinter jeder Zahl steht ein Acker, der gedüngt wird, oder eben nicht. Hinter jeder Zahl steht ein Schiff, das fährt, oder eben nicht. Und über uns, immer noch ein wenig zu hoch, um es ganz zu glauben, kreisen jetzt also auch Satelliten, die nicht mehr nur Wetter melden und Telefongespräche weiterleiten, sondern sich auch militärisch nützlich machen sollen. Dual Use, sagt man dazu. Beide Nutzungen. Friedlich und nicht friedlich, ziviler Klingelknopf und militärische Türklinke, alles in einem schicken Gerät. —

Erwin trinkt einen Schluck und stellt die Tasse so beherzt ab, dass der Cappuccino seines Nebenmannes zittert.

»Sag mir mal eins«, sagt er. »Wir hatten doch jetzt gerade — was war das, vor zwei Jahren? Drei? — die Geschichte mit der Ukraine, da ging das Getreide nicht mehr durch, da ging der Dünger nicht mehr durch, dann hieß es, Hungersnot, schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg.« Er hebt den Zeigefinger. »Schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg, das hat irgendeine Welternährungs-Behörde gesagt, ich schwöre.«

»Welthungerhilfe. Eventuell die schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg hieß es. Und schon vorher, der Beasley vom Weltnährungsprogramm, bei seiner Nobelpreisrede — eine Hungersnot stehe vor der Haustür der Menschheit, sagte er sinngemäß.«

»Vor der Haustür. Also nicht im Wohnzimmer, noch nicht.«

»Noch nicht.«

»Aber jetzt, wo China den Dünger nicht mehr exportiert, und Hormus zu ist, und die Russen den Stickstoff zurückhalten, und überall wird gebombt, bombt, bombt — jetzt steht sie nicht mehr vor der Haustür, jetzt klingelt sie schon, mein Lieber. Dreihundertachtzehn Millionen Menschen, hat das WFP gesagt. Dreihundertachtzehn Millionen. Stell dir das vor. Das sind viermal Deutschland.«

Der Schmalere nickt, fast unmerklich. »Und die Antwort der Welt darauf ist — «

»— mehr Raketen.«

»Ja. Im Wesentlichen: mehr Raketen. Auch im Weltraum jetzt.«

Sie schweigen. Der Kellner bringt mir den zweiten Espresso, ich danke leise, und der Dampf steigt auf, und ich denke kurz, wie sonderbar es ist, dass dieselbe Welt, die zweihundertneunzig Meter lange Frachtschiffe mit Schiffsgeschützen aufhält, einem hier am Vormittag eine Tasse braunes Wässerchen serviert, mit einem Schaum darauf, als sei nichts geschehen, als sei alles in Ordnung.

— Ich frage mich, an welcher Stelle wir falsch abgebogen sind. Oder ob wir überhaupt je richtig abgebogen waren, ob nicht der ganze Weg von Anfang an nur eine Reihe von Notausgängen war, die wir miteinander verwechselt haben. Eine deutsche Industrie, die sich umstellt, las ich neulich. Auf Rüstung. Das Wort umstellen hat ja diesen merkwürdigen Doppelsinn, etwas wird umstellt, neu sortiert, oder etwas wird belagert. Wir stellen uns selbst um. Wir belagern unsere eigene Volkswirtschaft mit dem, was sie eigentlich abwenden sollte. Und während wir das tun, zerbricht in Subsahara-Afrika die Saatgrundlage einer Generation, weil ein Sack Phosphat plötzlich kostet, was im letzten Jahr zwei kosteten. —

»Du weißt, was mich am meisten ärgert?«, sagt Erwin nach einer Weile.

»Nein, was?«

»Dass die alle so tun, als wäre das alternativlos. Wir müssen aufrüsten. Wir müssen Stärke zeigen. Wir müssen unsere Sicherheit auch im Weltall verteidigen. Ich frage mich nur — verteidigen vor wem? Vor dem Kosmos? Vor den Sternen? Soll ich Angst vor dem Großen Wagen haben?«

Der Schmalere lacht, zum ersten Mal an diesem Vormittag, ein kurzes, trockenes Lachen.

»Kant hat einmal geschrieben«, sagt er, »dass der ewige Frieden keine leere Idee sei, sondern eine Aufgabe.«

»Eine Aufgabe.«

»Ja. Eine Aufgabe, der wir uns nähern müssen, Schritt für Schritt. Und er hat das geschrieben — wann? Siebzehnhundertfünfundneunzig? In einer Zeit, in der die Pferde noch das schnellste Kriegsgerät waren.«

»Und jetzt fliegen Satelliten mit Lasergeschützen.«

»Vermutlich. Oder Ähnliches.«

Erwin schaut aus dem Fenster, durch das Aquariumsglas hindurch auf die Straße, wo eine Frau mit einem Kinderwagen vorbeischiebt, und wo ein Junge auf einem zu großen Fahrrad fährt, mit Schulranzen, etwas wackelig, und ich denke, der Junge weiß nichts von Brent und nichts von Hormus und nichts von Phosphat, und vielleicht ist das die letzte Gnade, die wir den Kindern noch lassen können, dass sie eine Weile nichts wissen müssen.

»Vernunft«, sagt Erwin plötzlich, und das Wort steht in der Luft wie etwas, das man nicht erwartet hatte. »Vernunft. Hat das Wort eigentlich noch jemand?«

»Es ist ein bisschen aus der Mode gekommen.«

»Aus der Mode. Wie Hosenträger.«

»Vielleicht kommt es ja wieder.«

»Wann denn? Wenn die Hälfte verhungert ist? Wenn ein Sack Reis dreißig Euro kostet? Wenn es im Weltraum die ersten Toten gibt? — Du, ich sag dir was. Wir Menschen können zusammenarbeiten. Wir haben das schon getan. Wir haben Kanäle gebaut, wir haben Krankheiten ausgerottet, wir haben — naja, wir haben den Mond besucht, alle zusammen guckten zu, Russe und Amerikaner und Deutscher und Chinese, und es war ein Mensch da oben, im Namen aller Menschen. Das war achtundsechzig, oder?«

»Neunundsechzig.«

»Neunundsechzig. Und jetzt — jetzt schießen wir Satelliten in die Luft, damit wir auf der Erde besser bombardieren können.«

»Es ist eine Form von Fortschritt«, sagt der Schmalere, und ich höre die Ironie, sie ist leise, aber sie ist da.

— Es gäbe, denkt man, die theoretische Möglichkeit, dass wir alle einmal kurz innehalten würden. Dass die Mächtigen, die ja, jeder für sich, auch nur Menschen mit Familie, Frühstück, Rückenschmerzen und einer Schwiegermutter sind, zueinander sagten: Hört mal, das wird nichts. Wir bauen Raketen, die andere bauen Gegenraketen, dann bauen wir bessere Raketen, dann bauen sie bessere Gegenraketen, und am Ende stehen wir alle vor leeren Feldern, und unsere Enkel fragen uns, was wir eigentlich gedacht haben. Was haben wir denn gedacht? Vermutlich gar nichts. Vermutlich haben wir nur reagiert. Und das ist die Tragödie unserer Spezies, die sich für so klug hält und eigentlich, wenn man genau hinschaut, nur ein etwas größeres Eichhörnchen ist, das Nüsse sammelt, mit dem feinen Unterschied, dass die Nüsse explodieren können. —

Die beiden alten Männer haben aufgehört zu reden. Erwin trinkt seinen Filterkaffee aus, der Schmalere isst seinen Schaum mit dem Löffel, langsam, fast meditativ. Draußen geht das Leben weiter, der Junge auf dem Fahrrad ist längst um die Ecke verschwunden, ein neuer Gast kommt herein, blickt sich um, sucht einen Platz.

Ich klappe die Zeitung zu. Auf der Rückseite, in einer kleinen Anzeige, sieht ein Astronaut den Leser an und lächelt freundlich. Werde Teil der Zukunft, steht darunter, die Raumfahrt sucht Talente. Die Zukunft. Auch so ein Wort. Es bedeutete einmal etwas anderes.

Ich winke dem Kellner. Der Espresso kostet nun zwei Euro fünfzig, vor einem halben Jahr waren es zwei zwanzig. Ich lege sechs Euro hin und denke: Wenigstens die Trinkgelder kommen noch auf der Erde an.

S.

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