Es sollte ein ganz normaler Fernsehabend werden.
Wir hatten uns den Film „Der Solist“ mit Jamie Foxx und Robert Downey Jr. in den Hauptrollen ausgesucht. Eine wahre Geschichte, angesiedelt in der Stadt der Engel – Los Angeles. Der Journalist Steve Lopez trifft darin den obdachlosen, hochbegabten Musiker Nathaniel Ayers. Lopez versucht Nathaniel zu helfen, ihm eine kleine Wohnung zu vermitteln und ihm den Weg zurück zur Musik zu ermöglichen. Zwischen beiden entwickelt sich eine schwierige Freundschaft, welche die Frage aufwirft, wie weit Hilfe gehen darf – und ob man einen Menschen „retten“ kann, ohne ihn dabei zu sehr unter Druck zu setzen.
Während des Films kaute ich genüsslich auf einem getoasteten Toastbrot mit Fleischsalat herum. Dabei wurde ich immer langsamer und bemerkte plötzlich, wie mir eine Träne die Wange hinunterlief.
Überrascht fragte ich mich, was diese beiden Männer in Los Angeles eigentlich mit mir zu tun hatten – und warum mich dieser Film so berührte.
Es dauerte nicht lange und mir fiel Carsten ein, der früher in meine Parallelklasse ging.
Er kam aus gutem Hause und Geld war in seiner Familie nie ein Problem. Er sah gut aus, war intelligent und geistig so weit auf der Höhe, dass er sein Ingenieurstudium mit bemerkenswerter Leichtigkeit und Souveränität absolvierte. Auch privat lief alles rund: Er heiratete eine sehr hübsche Frau, sie bauten ein beachtliches Haus und bekamen zwei niedliche Kinder. Sportlich war er ebenfalls erfolgreich und spielte in den Jugendmannschaften des besten Vereins in unserer Stadt.
Fußball verband uns, denn wir beide waren Fans desselben Vereins.
Nach unserer Ausbildung verloren wir uns aus den Augen. Jeder ging seinen eigenen Weg, und langsam verschwand Carsten aus meinem Gedächtnis. Viele Jahre hörten wir nichts voneinander.
Bis zu jenem Tag, an dem ich hastig durch unsere Fußgängerzone lief. Wieder einmal war ich zu spät. Aus den Augenwinkeln sah ich einen heruntergekommenen Obdachlosen, der in einem Mülleimer wühlte.
Für einen kurzen Moment zuckte ein Gedanke auf – aber nein, das konnte nicht sein. Ich eilte weiter, um nicht erneut wegen meiner Unpünktlichkeit gescholten zu werden. Am Abend hatte ich diese Szene bereits vergessen. Wahrscheinlich hatte ich mir das alles nur eingebildet.
Einige Wochen später schlenderte ich entspannt durch dieselbe Fußgängerzone und genoss die milde Frühlingsluft. Meine Blicke wanderten suchend von Passantinnen zu Passanten (und wieder zurück) , immer in der Hoffnung, jemanden zu treffen, um ein kleines Schwätzchen halten zu können.
Und dann sah ich ihn wieder: tief über einen Mülleimer gebeugt, auf der Suche nach etwas Brauchbarem. Er richtete sich auf, drehte sich – und ich erkannte ihn.
Es war Carsten.
Jener Carsten aus gutem Hause, mit Familie, Beruf und Perspektive.
Ich war erschrocken und wusste nicht, wie ich reagieren sollte.
Seine Kleidung war zwar relativ sauber, aber sie passte nicht zu ihm und man sah, dass sie gespendet wurde. Die Hose hing schlaff an seinen einst kräftigen Fußballerbeinen und ein Strickpullover baumelte an ihm herunter, nur teilweise verdeckt von einer grotesk wirkenden, quietschbunten Jacke. Um den Hals trug er dazu noch eine Hawaii-Blütenkette, wie man sie vielleicht von hübschen Frauen geschenkt bekommt, wenn man zum ersten Mal in Honolulu von Bord geht.
Ich war baff.
Zögernd fragte ich: „Carsten?“
„Ach, hi. Du bist es“, antwortete er kurz.
Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir, dass ihn seine Frau vor ein paar Jahren betrogen und verlassen hatte.
Er hatte diesen Betrug und den Vertrauensmissbrauch nie verkraftet und dabei völlig den Boden unter den Füßen verloren. Innerlich war er daran zerbrochen.
Sein Blick war leer.
Ich war erschüttert, was ein solcher Treuebruch mit einem Menschen anrichten kann.
Aus dem erfolgreichen Familienvater war nur noch ein Schatten seiner selbst geworden.
Von da an ging ich aufmerksamer durch die Stadt.
Wenn ich ihn sah, unterhielten wir uns jedes Mal ein wenig. Er erzählte mir, dass er von niemandem Hilfe annehmen würde – Geld schon gar nicht.
Auch hatte er mir anvertraut, dass seine Eltern ihn verstoßen hatten. Sie wollten erst wieder Kontakt, wenn er das umsetzte, was sie ihm vorgeschlagen hatten. Selbst drei seiner besten Freunde hatten schließlich aufgegeben, weil er partout keine Hilfe annehmen wollte.
Einmal fragte er mich: „Weißt du, was für mich das Schwerste ist? Dass die ganzen Kumpels und Kollegen von früher an mir vorbeigehen, wegschauen und so tun, als würden sie mich nicht kennen. Als wäre ich Luft, garnicht da“
Diese Traurigkeit war greifbar, schwer und überwältigend. Sie zog mich förmlich zu Boden und ich wusste nicht was ich machen konnte.
Doch bei einem Thema begannen seine Augen wieder zu leuchten: unserem Lieblingsfußballverein.
Wenn er von früheren Spielen erzählte, von Europa-League-Abenden und Weltstars, die wir live gesehen hatten, war sie wieder da – seine alte Begeisterung, dieses leidenschaftliche Leuchten in seinen Augen.
Die Monate vergingen. Wann immer ich unterwegs war, plante ich etwas Zeit ein, um mit Carsten ein wenig plaudern zu können. Manchmal verspürte ich den Wunsch, ihm etwas Gutes zu tun, wusste aber, dass er weder Geld noch Dinge annahm - bis mir eines Tages zu Hause beim Fußballschauen eine Idee kam: Ich könnte ihn doch mit ins Stadion nehmen!
Ein spannendes Spiel, eine Bratwurst und ein Bier – ja das würde ihm mit Sicherheit gefallen.
Ich freute mich wie einer, der glaubt, noch genügend Zeit zu haben um all seine Vorhaben noch in Ruhe umsetzen zu können.
Endlich hatte ich etwas gefunden, von dem ich sicher war, dass er es annehmen würde und was ihm Freude bereitet.
Von da an hielt ich noch genauer Ausschau nach ihm.
Doch ich sah ihn nicht.
Nicht nach einer Woche, nicht nach zwei, nicht nach einem Monat.
Irgendwann traf ich einen Freund.
„Hast du schon gehört? Carsten ist tot.“
Ich fragte herum, aber niemand konnte mir genau sagen, woran er gestorben war.
Nur eines stand fest: Er war weg.
Für immer.
Jetzt wusste ich auch, warum mir bei „Der Solist“ die Träne herunter kullerte. Nicht wegen des Films.
Sondern wegen Carsten.
Ich war traurig, weil mir der gemeinsame Stadionbesuch mit ihm leider zu spät eingefallen war.
Nun war er tot.
Ich war tief betrübt, weil ich es versäumt hatte, jemandem mit einer kleinen Geste ein Lächeln zu schenken.
"Verpasste Gelegenheiten kommen nicht wieder. Aber sie lehren uns, Neue wahrzunehmen." (Henriette Wilhelmine Hanke)
Bitte seien Sie nicht so ein Trottel wie ich – einer, der erst zu spät bemerkte, dass ein kleines bisschen Hilfsbereitschaft und Güte manchmal schon gereicht hätten, um einen Menschen für ein paar Stunden glücklich zu machen.
Warten Sie nicht auf den perfekten Moment.
Seien Sie jetzt gütig. Hier und heute.
Ahoi
Ihr Freischwimmer



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