Eine Kolumne zum Fest
Es ist wieder soweit. Der Kalender zeigt den 24. Dezember, und die Welt hält inne. Für einen Moment zumindest. In den Kaufhäusern verstummt die Hektik, die Straßen leeren sich, und irgendwo singt jemand Stille Nacht. Weihnachten. Dieses Fest, das wir alle zu kennen glauben und das uns doch jedes Jahr aufs Neue überrascht – mit seiner Wärme, seiner Melancholie, manchmal auch mit seiner Banalität. Doch was feiern wir eigentlich? Und warum tun wir es so, wie wir es tun? Diese Fragen sind nicht bloß akademisch. Sie führen uns zum Kern dessen, was uns als Menschen ausmacht: die Sehnsucht nach Licht in der Dunkelheit, nach Gemeinschaft in der Einsamkeit, nach Frieden inmitten des Krieges.
Vom Ursprung einer heiligen Nacht
Die Geschichte des Weihnachtsfestes ist, wie so vieles in der Kulturgeschichte, eine Geschichte der Übernahmen und Transformationen. Der 25. Dezember war nicht immer der Geburtstag Christi. In der Bibel findet sich kein Hinweis auf dieses Datum. Die ersten Christen feierten vor allem Ostern – die Auferstehung war das Wesentliche, nicht die Geburt. Was sollte bedeutsamer sein als der Sieg über den Tod? Erst im 4. Jahrhundert, unter Kaiser Konstantin, etablierte sich der 25. Dezember als Festtag. Rom kannte diesen Tag bereits: als Geburtstag des Sol Invictus, der unbesiegbaren Sonne, der Wintersonnenwende. Die Römer feierten an diesem Tag den Sieg des Lichtes über die Finsternis. Im Zirkus gab es dreißig Rennen statt der üblichen vierundzwanzig, und Sonnenwendfeuer erleuchteten die Nacht.
Die Kirche, klug und pragmatisch, übernahm das heidnische Fest und gab ihm einen neuen Inhalt. Das Licht, das in der dunkelsten Nacht des Jahres zurückkehrt, wurde zum Symbol für Christus, das Licht der Welt. Im Jahr 381 bestätigte das Konzil von Konstantinopel den 25. Dezember als verbindlichen Festtermin. Von Rom aus verbreitete sich der Brauch nach Ägypten, nach Gallien, nach Germanien. Die Mainzer Synode erklärte 813 den Tag offiziell zum festum nativitas Christi. Der Weihnachtsbaum, diese deutsche Erfindung, kam erst im 19. Jahrhundert hinzu, als das englische Königshaus mit seinen deutschen Wurzeln den Brauch in die ganze Welt trug. Und der Weihnachtsmann? Eine Mischung aus dem heiligen Nikolaus und amerikanischer Coca-Cola-Werbung. Die Tradition, wie wir sie kennen, ist jung. Aber sie ist uns ans Herz gewachsen.
Wie die Dichter feierten
Thomas Mann liebte Weihnachten. Für ihn war der Heiligabend, wie er einmal schrieb, von einem „unvergleichlichen Zauber“ umgeben. In den Buddenbrooks hat er diesem Zauber ein literarisches Denkmal gesetzt. Das berühmte Weihnachtskapitel, in dem die Konsulin ihre Gäste empfängt, der riesige Tannenbaum mit Silberflitter und einem Engel an der Spitze den großen Saal mit seinem Duft erfüllt und der kleine Hanno vor Aufregung fieberhaft auf die Bescherung wartet – es ist eines der schönsten Weihnachtsbilder der deutschen Literatur. „Durch die Spalten der hohen, weißlackierten, noch fest geschlossenen Flügeltür drang der Tannenduft und erweckte mit seiner süßen Würze die Vorstellung der Wunder dort drinnen im Saale“, schrieb Mann. Diese Zeilen sind mehr als Literatur – sie sind ein Protokoll der Sehnsucht.
Mann selbst feierte im Stil dieser Lübecker Kaufmannsfamilie: mit Bibellesung, Chorgesang und einer Zeremonie, die bürgerliche Würde und kindliche Vorfreude verband. Selbst im amerikanischen Exil, in den dunklen Jahren des Zweiten Weltkriegs, hielt er an diesen Traditionen fest. 1940, während in Europa die Welt in Flammen stand, schrieb er an einem Weihnachtsabend in sein Tagebuch: „Und schließlich las ich wie ein rechter Hausvater aus der Bibel vor.“ Mann, der ironische Meister, der religiöse Rituale in seinem Werk so gerne durchschaute – an Weihnachten wurde er zum gläubigen Kind.
Ernest Hemingway feierte anders. Weihnachten 1923, er war gerade 24 Jahre alt und lebte mit seiner ersten Frau Hadley in Paris, schrieb er einen Artikel für den Toronto Star mit dem Titel „Christmas on the Roof of the World“. Er beschrieb Paris im Schnee, die großen Kohlebecken vor den Cafés, die rot glühten, die Männer mit hochgeschlagenen Krägen, die an ihrem Grog nippten, während die Zeitungsjungen die Abendblätter ausriefen. Die Busse rumpelten wie grüne Juggernats durch den Schnee, der in der Dämmerung herabfiel. „Schnee ist nie schöner als in der Stadt“, schrieb Hemingway. Dann die Zugfahrt in die Schweizer Alpen, das Skifahren, der Abstieg „in einem langen, fallenden, das Herz ergreifenden Rausch“ hinunter zum Chalet, wo ein königliches Festmahl wartete.
Hemingway liebte die einfachen Freuden: Schnee, Bewegung, gutes Essen, gute Gesellschaft. Seine Weihnachten waren kein religiöses Ereignis, sondern ein Fest der körperlichen Existenz. In Arkansas, wo seine zweite Frau Pauline Pfeiffer herstammte, feierte er später in einem alten Farmhaus, mit Jagd und Familie. Der Mann der Aktion, der große Jäger und Abenteurer, fand im Weihnachtsfest einen Moment der Ruhe – jene seltene Stille, die er sonst nur auf dem Meer oder in den Bergen suchte.
Erich Kästner hingegen brachte seinen satirischen Blick auch in die Weihnachtszeit. Für ihn war der Heiligabend „der schönste Abend eines Kinderjahres“ – aber Kästner wäre nicht Kästner, wenn er diese Idylle nicht auch hinterfragt hätte. Sein Weihnachtslied, chemisch gereinigt von 1927 ist eine beißende Parodie auf die sozialen Verhältnisse der Weimarer Republik: „Morgen, Kinder, wird's nichts geben! / Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.“ Der Dresdner Autor, aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, wusste um die soziale Kälte, die hinter der weihnachtlichen Wärme lauern kann. Er kannte die Kinder, die vor fremden Fenstern standen und zusahen, wie andere beschenkt wurden.
In seinem Gedicht Der Dezember aus dem Zyklus „Die dreizehn Monate“ schrieb Kästner die vielleicht melancholischsten Zeilen zum Jahresende: „Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt, / wie hold Christbäume blühn. / Hast nun den Weihnachtsmann gespielt / und glaubst nicht mehr an ihn.“ Das Gedicht endet mit den Worten: „Das Jahr kennt seinen letzten Tag, und du kennst deinen nicht.“ Kästner liebte Weihnachten – aber er liebte es mit den Augen eines Erwachsenen, der die Unschuld verloren hat und gerade deshalb um ihren Wert weiß.
Max Frisch, der Schweizer, der Skeptiker, der ewig Zerrissene zwischen bürgerlicher und künstlerischer Existenz, hinterließ keine großen Weihnachtstexte. Frisch war ein Mann des Zweifels, nicht der Feste. Seine Tagebücher, diese präzisen Selbstbefragungen, schweigen weitgehend zu den Feiertagen. Vielleicht war Weihnachten für ihn zu eindeutig, zu sehr mit Erwartungen beladen, zu sehr durchsetzt von Ritualen, die er nicht hinterfragen durfte. Frisch mochte das Unaufgelöste, das Fragmentarische, die Frage ohne Antwort. Ein Fest, das Harmonie versprach, musste ihm verdächtig sein. Und doch: In seinem Werk, in Stiller und Homo faber, findet sich die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach einem Ort, an dem man ankommen kann, nach einer Heimat jenseits aller Ironie. Diese Sehnsucht ist das Herz von Weihnachten.
Von Tannenbaum und Gänsebraten
Was gehört zu Weihnachten in Deutschland? Der Baum natürlich, geschmückt mit Kerzen, Kugeln und Lametta. Die Krippe mit dem Jesuskind aus Wachs. Der Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen, oder der Karpfen, je nach Region. Die Plätzchen, die Mutter schon Wochen vorher gebacken hat: Vanillekipferl, Zimtsterne, Spekulatius. Die Lieder: Stille Nacht, O Tannenbaum, Alle Jahre wieder, Vom Himmel hoch, da komm ich her. Der Gottesdienst am Heiligen Abend, in dem die Christvesper erklingt. Die Bescherung, bei der die Kinder vor Aufregung kaum stillsitzen können. Der Besuch bei den Großeltern am ersten Feiertag, das große Essen am zweiten. All dies sind Rituale, die Generationen verbinden. Sie geben dem Jahr einen Rahmen, dem Leben einen Rhythmus.
Doch Weihnachten ist mehr als die Summe seiner Bräuche. Es ist ein Versprechen. Das Versprechen, dass es inmitten der Dunkelheit Licht gibt. Dass inmitten der Kälte Wärme möglich ist. Dass Menschen, die sich das ganze Jahr über fremd geblieben sind, für einen Abend zusammenfinden können. Dieses Versprechen ist fragil. Es wird oft gebrochen – von Streit, von Enttäuschung, von der Last der Erwartungen. Aber es wird jedes Jahr aufs Neue gegeben. Darin liegt seine Kraft.
Der Frieden, der aus den Gräben kam
Flandern, 24. Dezember 1914. Eine sternenklare Nacht. In den Schützengräben frieren die Soldaten. Seit fünf Monaten tobt der Erste Weltkrieg, jene „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie der Historiker George F. Kennan ihn nannte. Die Westfront ist erstarrt. Deutsche und Briten liegen sich gegenüber, nur das Niemandsland trennt sie – ein Streifen verwüsteter Erde, übersät mit Stacheldraht und Toten. Bereits 160.000 Engländer, 300.000 Franzosen und 300.000 Deutsche haben ihr Leben verloren. Die Männer in den Gräben sind müde, ausgelaugt, ohne Hoffnung. Sie denken an ihre Familien, an die Weihnachten zu Hause, die sie vielleicht nie wieder erleben werden.
Dann geschieht das Unglaubliche. Aus den deutschen Gräben erhebt sich eine Stimme. Jemand singt Stille Nacht, heilige Nacht. Die Briten hören zu. Als das Lied endet, rufen sie: „Encore! Good singing, old Fritz!“ Kerzen werden angezündet, kleine Weihnachtsbäume auf die Brüstungen gestellt. Ein sächsischer Oberleutnant soll zu den Briten gesagt haben: „Wir sind Sachsen, ihr seid Angelsachsen – wieso sollten wir uns gegenseitig erschießen?“ Langsam, zögernd, steigen Soldaten aus ihren Gräben. Sie treffen sich im Niemandsland. Sie tauschen Zigaretten, Schokolade, Schnaps. Sie zeigen einander Fotos ihrer Frauen und Kinder. Sie begraben gemeinsam ihre Toten. An manchen Stellen spielen sie Fußball.
„Zwischen den Schützengräben stehen die verhasstesten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder“, schrieb der bayerische Soldat Josef Wenzl an seine Eltern. „Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“ Schätzungsweise 100.000 Soldaten beteiligten sich an diesem spontanen Waffenstillstand. Es war kein Befehl von oben. Es war ein Aufstand von unten – ein Aufstand der Menschlichkeit gegen den Wahnsinn des Krieges. Michael Jürgs hat diesem Ereignis ein ganzes Buch gewidmet: „Der kleine Frieden im Großen Krieg“.
Der Weihnachtsfrieden von 1914 hielt nur wenige Tage. Mancherorts sogar bis Neujahr. Dann befahlen die Generäle, wieder zu schießen. Die Männer, die eben noch zusammen gesungen hatten, mussten wieder aufeinander zielen. Viele von ihnen überlebten den Krieg nicht. Josef Wenzl fiel am 6. Mai 1917. Aber die Geschichte blieb. Sie zeigt, was möglich ist, wenn Menschen sich weigern, Feinde zu sein. Sie zeigt, dass der Friede manchmal von unten kommt, aus dem Schlamm der Schützengräben, aus den Herzen der einfachen Soldaten.
Eine Botschaft für unsere Zeit
Heute, mehr als hundert Jahre später, ist Krieg zurückkehrt nach Europa. In der Ukraine sterben Menschen. Im Nahen Osten brennt die Erde. An vielen Orten der Welt schweigen die Waffen nicht, auch nicht zu Weihnachten. Die Hoffnung auf Frieden erscheint manchmal naiv, fast lächerlich. Und doch: Gerade deshalb müssen wir an ihr festhalten.
Der Weihnachtsfrieden von 1914 war keine Sentimentalität. Er war ein Akt des Widerstands. Die Soldaten in den Gräben wussten, dass der Krieg weitergehen würde. Sie wussten, dass ihre Vorgesetzten ihnen das Fraternisieren verbieten würden. Aber sie taten es trotzdem. Für einen Moment stellten sie ihre Menschlichkeit über den Befehl. Das ist die eigentliche Botschaft von Weihnachten: nicht die süße Idylle, sondern der Mut zum Frieden. Nicht das Glühwein-Idyll, sondern der Wille zur Versöhnung.
Was können wir tun, um diese Botschaft lebendig zu halten? Vielleicht zunächst: nicht zynisch werden. Die Kommerzialisierung des Festes nicht mit seinem Kern verwechseln. Die alten Lieder singen, auch wenn uns manchmal die Stimme bricht. Die Traditionen pflegen, nicht aus Nostalgie, sondern weil sie uns mit denen verbinden, die vor uns waren, und mit denen, die nach uns kommen. Und vor allem: den Frieden nicht nur zu Weihnachten wünschen, sondern das ganze Jahr über an ihm arbeiten – in den kleinen Dingen des Alltags wie in den großen Fragen der Politik.
Ein Wunsch zum Fest
Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein gesegnetes Weihnachtsfest. Mögen Sie Momente der Stille finden in all dem Trubel. Mögen Sie Menschen um sich haben, die Sie lieben und die Sie lieben. Mögen Sie Gesundheit haben und bewahren. Und mögen Sie, wenn Sie am Heiligen Abend unter dem Baum sitzen und die Kerzen flackern, für einen Augenblick spüren, was die Soldaten von 1914 gespürt haben müssen: dass der Frieden möglich ist. Dass er in uns beginnt. Dass er stärker ist als aller Hass, stärker als alle Feindschaft, stärker als der Krieg.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten. Und Frieden auf Erden.
„Die Botschaft von Weihnachten: Es gibt keine größere Kraft als die Liebe. Sie überwindet den Hass wie das Licht die Finsternis.“
– Martin Luther King
Sapere aude!
S.
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