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von Julian Lübbers. Es war im östlichen Teil von Ardestan, also tief im morgenländischen
Hinterland. Der Anlass zu diesem Ritt war für mich und den kleinen, treuen Haji Halef Omar
sehr ehrenvoll. Mein Freund Abt El Fadl, dessen Stellung meine Leser aus Ardestan und Chinistan
kennen, hatte uns seine Lieblingstochter anvertraut, damit wir sie sicher nach dem fernen Wadi
Atza brachten, wo liebende Verwandte sie erwarteten. Der Weg, der uns dorthin führte,
ging durch Gegenden, die man damals nicht nur beschwerlich, sondern sogar gefährlich
nennen musste, weil die Shi'iks mehrerer dortiger Stämme sich miteinander zerstritten
hatten und jeden Augenblick der offene Ausbruch der Feindseligkeiten zu erwarten war. Da konnte
man sehr leicht zwischen die scharfen Schneiden einer sich öffnenden Schere geraten, und
Abt El Fadl bewies uns gewiss ein großes Vertrauen dadurch, dass er die Sicherheit seines Kindes
gerade in unsere Hände legte, die wir doch eigentlich fremd im Land waren. Die Tochter
hieß Merhame, zu deutsch Barmherzigkeit. Sie war jung und schön, und zwar von einer
so edlen, reinen, keuschen, ich möchte sagen, heiligen Schönheit, dass sie gar kein Wort
zu sagen, sondern nur das Auge aufzuschlagen brauchte, um alles, was nicht lauter, klar
und sauber war, von sich zu weisen. Sie übte, ohne es zu wissen, eine unwiderstehliche Macht
sogar auf hohe Menschen aus, und es ist nicht nur damals, sondern auch anderweit vorgekommen,
dass sie es war, die uns durch diese Macht beschützte, anstatt wir sie mithilfe unserer
Waffen. Wir waren zu Pferd, Halef und ich auf unseren beiden wohlbekannten Rappen, Merhame
nach Art der Beduinen auf einem hochedlen Braunen aus Amhanistan. Hinter uns folgte
ein Diener, den Abt El Fadl uns mitgegeben hatte, um zwei Packpferde zu leiten, auf denen
die Lagerkissen, Decken, Mundvorrat, Geschenke und ähnliche Dinge verladen waren. Die Gegend,
durch die wir heute kamen, war bergig, doch unbewaldet. Sie gehörte dem Stamm der Münazha
und grenzte an das Gebiet des Stammes Münazha. Beide Völkerschaften waren, wie schon der Name
andeutet, eng miteinander verwandt, hörten aber niemals auf, sich herüber und hinüber zu streiten.
Kürzlich hatte ein Münazha einen Münazha ermordet. Das erforderte Blutrache. Der Blutpreis war zwar
angeboten, aber nicht angenommen worden, und so standen Kämpfe bevor, die unserer Reise leicht
hinderlich werden konnten, da sie uns gerade mitten durch das Gebiet der beiden Stämme führte. Eine
Umgehung war nicht möglich. Eine Straße nach europäischen Begriffen gab es nicht. Wir folgten
einem langgezogenen, schmalen Wasserlein, das gar nicht enden wollte, aber auch nicht breiter zu
werden schien. Es tränkte hier und da einen Grasstreifen oder ein Gebüsch, aber ein Feld,
einen Garten, ein Zelt oder gar ein Haus sah man nirgends. Man wohnte wegen der unaufhörlichen
Kämpfe nicht am Weg, sondern man sah sich, obgleich man Besitzer war, gezwungen, sich wie
ein Dieb oder Räuber zu verbergen. Man wohnte so fern wie möglich von oft betretenen Stellen.
Hieraus war zu erklären, dass wir während des ganzen heutigen Tages noch keinen einzigen Menschen
erblickt hatten. Erst jetzt, wo es um die Mitte des Nachmittags war, sahen wir plötzlich auf der
nächsten Höhe links von uns einen Reitertrupp erscheinen. Er bestand aus zehn bis zwölf Männern,
die stutzten, als sie uns erspähten, dann trotz der Stellung im Galopp zu uns herunterkamen und
uns umzingelten. Sie waren nach dortiger Art sehr gut bewaffnet. Einer von ihnen, der Älteste,
fragte in strengem Ton, wer wir seien und wohin wir wollten. Ich antwortete, wir kommen von Abd
el-Fadl, dem Fürsten von Halim, und wollen nach dem Wadl-Azhar, das ihr wohl kennen werdet.
Wir kennen es, nickte er, während seine Haltung eher erbietiger, sein Gesicht freundlicher und
sein Ton höflicher wurden. Es herrscht dort große Not, Krankheit und Hunger sind ausgebrochen. Da
sendet Abd el-Fadl, was er nur senden kann, um Trost und Hilfe zu spenden, obgleich die Leute
von Azhar nicht seines Stammes, sondern Fremde für ihn sind. Er ist ein Fürst, nicht nur von Geburt,
sondern auch ein Fürst der wahren Menschenliebe. Du kennst ihn also wohl? Ich bin ein Gast seines
Hauses. Da legte er seine rechte Hand grüßend auf Brust, Mund und Stirn und sprach, so bitte
ich dich, auch Gast bei mir zu sein. Wo wolltest du ruhen für heute? Im Freien, an der Stelle,
wo uns der Abend begrüßt. So begrüße ich dich hiermit an dieser Stelle und biete dir mein Zelt
zur Wohnung an. Ich bin Umar ben Ammarah, der Schiik der Münazar. Er hatte, während er mit
mir sprach, mich nur einmal ganz flüchtig angesehen. Sein Blick wurde vielmehr von
unseren edlen Pferden angezogen und richtete sich dann auf Merhameh. Ihr Auge begegnete dem Seinen.
Da führte er die Hand abermals vom Herzen bis zur Stirn empor und verbeugte sich, ohne zu wissen,
wer sie war. Er, der Orientale, für den es eigentlich eine Schande war, ein Weib überhaupt
zu beachten. Dann setzte er sich an die Spitze des Zuges. Seine Leute warteten, bis wir folgten
und kamen dann hinter uns drein. Es ging rechtwinklig von unserer bisherigen Richtung ab,
nach rechts hinüber. Nicht ein einziges Mal schaute er sich um, ob wir ihm folgten. Er ritt
galopp. Wir galoppierten demzufolge auch. Sein weißes Kopftuch flatterte. Der lange,
volle Schweif seines Halbbluthengstes wehte hinter ihm her. So ging es eine Berglinie
hinauf und drüben wieder hinunter, wo ich an das Tal des Saab erinnert wurde. Da lagen steinerne
Häuser und Hütten mit glatten Dächern weit umzerstreut. Dazwischen zählte von verschiedener
Art, in Farbe und Bau. Das war wohl der Hauptort des Stammes. Es wohnten da viele Menschen. Die
standen und schauten uns nach, als wir wie im Sturm vorüberflogen, durch den ganzen,
lang gestreckten Ort hindurch, auf ein höher gelegenes, größeres Gebäude zu,
um das mehrere kleine Zelte standen, die augenscheinlich zu ihm gehörten. Das war
der Sitz des Sheiks, der hier anhielt, vom Pferd sprang und, ohne zunächst uns andere zu beachten,
zu Merhamet trat, um ihr von ihrem Tier zu helfen. Sie nahm dies mit Anmut entgegen,
obwohl sie sonst gewohnt war, sich ohne Hilfe herabzuschwingen.
»Welches ist das Zelt, in dem dein Harem seine Gäste unterbringt?« fragte sie.
»Dort«, antwortete er, indem er auf ein Zelt in unserer Nähe deutete.
»So melde eure Herren, wo ich bin.« Nach diesen Worten schritt sie dem Zelt zu. Er
schaute ihr mit großen Augen nach, legte die Hand an seine Stirn und sagte, wie zu sich selbst,
»Wo sah ich sie doch schon, und wann?« Er war ein Mann von über fünfzig Jahren,
hoch und kräftig gebaut, mit vollem Bart und kühn geschnittenen, sympathischen Gesichtszügen,
bei jedem Schritt und bei jedem Wort von unverleugnbarem Adel. Kurz und bestimmt
erklangen die Befehle, die er den herbeieilenden Dienern gab, um für uns zu sorgen. Ich bekam
mit Aleph ein ganzes, gut eingerichtetes Zelt angewiesen, neben dem es einen besonders
eingefriedeten Raum für unsere Pferde gab, für die man ebenso ausgiebig sorgte wie für uns
selbst. Nur eine kurze halbe Stunde wurden wir uns überlassen, um uns zu waschen und von dem
Staub der Reise zu reinigen. Dann wurde uns gemeldet, dass das Essen bereit sei. Der Bote,
der uns holte, führte uns nach dem großen Innenhof des Hauses, der auf drei Seiten von
Gebäuden eingefasst wurde, auf der vierten aber offen stand. An diese Öffnung schloss sich eine
Anhöhe, auf deren Kuppe ein kreisförmiger Ring von großen Steinen lag, die als Sitze zu dienen
hatten. Das war jedenfalls der Gerichtsplatz des Ortes, an dem die Dschemmer, der Mnaza,
ihre Sitzungen hielt. Offenbar war so etwas auch für heute geplant, denn die Anhöhe war von Menschen
besetzt, die Wichtiges zu erwarten schienen. Im geräumigen Hof lagen zwei große, aneinander
geschobene Teppiche mit siebzehn Sitzkissen rundherum. Auf den Teppichen gab es geflochtene
und metallene Platten und Unterlagen, die jetzt noch leer waren, doch standen die Diener bereit,
die Speisen zu bringen, sobald keiner der Gäste mehr fehlte. Geladen waren die zwölf Ältesten
des Stammes, Merhame, Halef und ich. Die Ältesten waren vollständig versammelt,
der Schiik stand bei ihnen. Und eben, als ich mit Halef in den Hof trat, kam auch die Frau
des Schiiks mit Merhame herbei. Bei den Mnaza war es den Frauen also nicht verboten, sich unverschleiert
zu zeigen und an den Mahlzeiten der Männer teilzunehmen. Der Schiik stellte uns zunächst
seine Frau und dann die Ältesten vor. Die Frau war in feines indisches Linnen gekleidet. In ihrem
Haar glänzten goldene und silberne Ketten und Münzen, an ihren Hand- und Fußgelenken klirrten
schwere Spangen. Man sah ihr an, dass sie stolz auf diese Schmuckstücke war und ebensowohl auch
auf die hohe, achtungsgebietende Gestalt, durch die sie sich vor den anderen Frauen, die wir sahen,
auszeichnete. Dennoch richteten sich alle Augen nicht auf sie, sondern auf Merhame, die zwar in
einfachen Stoff gekleidet und ohne jedweden künstlichen Schmuck an ihrer Seite stand,
aber trotz alledem nicht weniger Eindruck machte. Die Vorstellung geschah in morgenländisch
würdevoller Weise, mit Nennung aller möglichen Vor-, Zu- und sonstigen Verwandtschaftsnamen. Ich
hatte sie natürlich zu erwidern. Ich tat dies, indem ich nicht von oben anfing, nämlich bei
Merhame, sondern von unten, bei Halef. Als die Münazer seinen langen Namen erfuhren und dass
er der viel genannte Scheik der Hadeddin sei, sahen sie ihn schon mit anderen Augen an als
bisher. Über mich ging ich schnell hinweg, indem ich nur sagte, dass ich ein Effendi aus Deutschland
sei. Aus Germanistan bist du? fragte der Scheik. Das kenne ich. Da wohnen gerade viele gelehrte
Menschen und viele Christen, die wirklich Christen sind. So ist es kein Wunder, dass du Gast im Hause
Abt El Fadl's geworden bist. Kennst du Merhame, seine Tochter? Ja. So meint es Allah gut mit dir,
denn wer sie kennt, dem ist die Erinnerung an sie wie immerwährender Sternenglanz oder wie
erquickender Rosenduft, der nie vergeht. Ich sah sie nur einmal. Sie war noch ein Kind, vielleicht
zwölf Jahre alt. Das war beim damaligen Mir von Ardistan. Wir hatten uns gegen ihn empört und
waren in seine Hand geraten, mein Vater, mein Bruder und ich. Unser Leben war verwirkt. Wir
sollten erschossen werden. Schon standen wir auf den Richtplatz. Rund um uns saßen die Richter auf
den Steinen. Bei ihnen der Mir, der nur die Hand zu erheben brauchte, so hätten die Schüsse gekracht.
Da kam Merhame, das Kind, herbeigesprungen und ergriff die todbringende Hand. Sie sprach zu
ihm wie nur Engel sprechen. Sie bat wie nur die Erde bittet, wenn sie um Regen zum Himmel schmachtet.
Sie griff ihm mutig ins harte Herz. Sie rang mit ihm. Nicht wie ein Kind, wie eine Riesin kämpfte
sie für uns. Und dass ich es dir heute erzählen kann, Effendi, ist der Beweis, dass er, der Mächtige,
der Starke, der Gewaltherrscher ihr unterlag. Sie siegte. Er gab uns frei. Es war das erste und das
letzte Mal, dass ich sie sah. Ob ich sie wiedererkennen würde, wenn sie mir heute begegnete,
das weiß ich nicht. Ich glaube kaum. Denn ihr schönes Liebeskinderantlitz hat in mir die Züge
eines Wesens angenommen, das niemand, auch ich selbst, nicht mehr mit dem Auge des Körpers
erfassen kann. Darum bitte ich dich, Effendi, sie mir zu beschreiben. Wie ist ihr Gesicht jetzt? Ihre
Haltung? Ihr Gang? Ihre Stimme? Hat sie vielleicht von uns gesprochen oder … Nein, unterbrach ich
ihn. Sie spricht niemals von dem, was sie tat und gab. Man kann es nur, wie auch jetzt, von anderen
Leuten hören. Aber die Beschreibung sollst du haben, und zwar eine lebendige und treffende
Beschreibung. Schau, hier steht Merhameh, die Tochter meines Freundes Abd el-Fadl, des Fürsten
von Halim. Er trat in höchster Überraschung einige Schritte zurück und schaute die Errötende mit
frohem Auge an. Maschallah! Welch ein Wunder! Und doch kein Wunder! Also darum, darum kamst du mir
sogleich bekannt vor, und darum musste ich dich grüßen, obgleich ich gar nicht wollte. Du bist es,
jetzt sehe ich es erst, meine Retterin, die Retterin meines Vaters, meines Bruders. Er trat
auf sie zu, beugte sich vor ihr bis auf die Erde nieder, küßte den Saum ihres Gewandes und fragte,
weißt du noch, was wir dir versprachen? Was wir dir nachriefen, als du davon eiltest,
um unserem Dank zu entfliehen? Ja, lächelte sie, indem sie ihn zwang, sich wieder aufzurichten.
So sage es mir. Dein Vater rief, bitte der einst von mir, was du willst, es soll dir werden. Du
riefst, es soll dir von mir und meinem Stamm werden, es sei denn, was es sei. Und dein Bruder rief,
es soll dir von uns allen werden, es sei Leben oder Tod. Du hörst, ich weiß es noch. Ja,
du weißt es noch, so sagen wir wörtlich. Und was wir versprochen, das ist, als ob es Allah
versprochen worden sei. Mein Vater starb, mein Bruder, er hielt inne, fuhr aber dann fort. Mein
Bruder ist auch tot, aber ich bin ihr Erbe. Ich habe auch ihr Versprechen geerbt und muss es jetzt
dreifach halten. Er wendete sich zu den Ältesten, indem er fortfuhr. Meine Ehre ist auch eure Ehre.
Ich weiß, der ganze Stamm tritt für unser damaliges Versprechen ein. Ist es so oder nicht?
Es ist so, wir halten es, wir treten ein, rief es im Kreis der zwölf Stammesrichter, und sie alle
näherten sich Merhameh, um sich nach dem Beispiel ihres Sheiks den Saum ihres Gewandes zu küssen.
Dass wir unter diesen Umständen das Mal in sehr gehobener Stimmung begannen, ist selbstverständlich.
Merhameh wurde hoch geehrt. Es war, als ob eine Königin unter uns sitze. Sie wurde von zwei
Söhnen des Sheiks, die schon über zwanzig Jahre zählten, persönlich bedient, nahm dies aber so
anspruchslos entgegen, dass sie mit dieser Bescheidenheit den aufkeimenden Zorn der Frau
des Sheiks entwaffnete. Welchen Zweck diese Versammlung ursprünglich hatte, das erfuhren wir
während des Essens nicht. Aber es musste etwas sehr Wichtiges sein, denn es trafen immer mehr
Leute ein, lauter Erwachsene. Kein einziges Kind war dabei. Dann aber, als wir zu Ende waren und
die Hände mit zerschnittenen Zitronen gewaschen hatten, teilte uns der Sheik mit, dass es sich um
einen Akt der Gerechtigkeit, um die Vollstreckung einer Strafe handele. Wir haben eine Blutrache
gegen den Stamm der Münazer, sagte er. Der Bruder des Sheiks der Münazer hat meinen Bruder
erschossen. Nicht aus Versehen, sondern mit Absicht, einer elenden Beute wegen. Darum wurde
den Münazer der Friede aufgesagt. Wir haben einen Hinterhalt gelegt, um den Mörder abzulauern. Es
ist uns gelungen, ihn gefangen zu nehmen. Heute wird er erschossen, gerade in dem Augenblick,
an dem die Sonne untergeht. Das ist die von der Natur vorgeschriebene Zeit der Beendigung des
Lebens. Zu diesem Zweck sind wir hier versammelt. Seht, da bringt man ihn. Zwei Münazer brachten den
Gefangenen aus dem Haus, wo er eingesperrt gewesen war. Er sollte hinaus nach der Gerichtsstelle
geschafft und dort erschossen werden. Das Urteil war schon gesprochen. Er hieß Ali ben Masul und war
ein hagerer, dünnbärtiger Mann, eine echte Beduinengestalt, im Alter zwischen 40 und 50
Jahren. Als er an uns vorüberkam und die beiden Frauen sah, riss er sich für einige Augenblicke
von seinen Begleitern los, sprang auf die Frau des Sheiks zu, fasste mit den beiden gefesselten
Händen den Ärmel ihres Gewandes und rief, »Beschütze mich! Beschütze mich! Beschütze mich!« Nach dieser
Berührung, die nicht verhindert worden war, und der dreimaligen Aufforderung, ihn zu beschützen,
war sie nach den Gesetzen des Landes verpflichtet, alles daran zu setzen, um seinen Tod zu verhüten.
Auf diese Weise retten sich Verurteilte, wenn ihnen keine andere Hoffnung bleibt, zuweilen noch
in den Schutz der Frauen, der von den Männern unbedingt beachtet werden muss. Diese Frau
aber riss sich von ihm los, streckte beide Arme abwehrend gegen ihn aus und antwortete,
»Fort mit dir! Stirb, und verflucht sei deine Seele!« Da trat er von ihr weg und ließ sich
wieder ergreifen. Der Blick, den er auf sie warf, schauert mich noch heute. Und noch jemand trat von
ihr weg, nämlich Merhameh. Sie sagte kein Wort, aber sie hat, solange wir noch bei den Münazar
waren, keinen einzigen Blick mehr auf dieses kalte, erbarmungslose, goldgeschmückte Weib
geworfen. Sie ging langsamen Schrittes dem Richtplatz zu, ganz allein. Wir beide, Halef
und ich, folgten ihr. Man machte uns ehrerbietig Platz, denn es hatte sich blitzschnell herum
gesprochen, wer sie war. Der Schiik bildete mit seinen zwölf Ältesten den Kreis, in
dem sie sich auf die schon erwähnten Steine setzten. Ali ben Masul wurde in die Mitte
dieses Kreises gestellt, mit dem Angesicht nach der untergehenden Sonne gerichtet. Er
stand fest und aufrecht. Es war nicht das geringste Zeichen, von Todesfurcht an ihm
zu bemerken. Ihm gegenüber, außerhalb des Kreises, hockten fünf Krieger der Münazar,
die ihn zu erschießen hatten. Wir drei, Mehamed, Halef und ich, ließen uns auf drei freigebliebene
Sitze nieder. Rund um uns saß oder lag das Volk, die Augen dem verhängnisvollen Platz
zugewendet. Es wurde gewartet, bis der unterste Rand der Sonnenscheibe den Himmelsrand beinahe
berührte. Da erhob sich der Schiik, um zu sprechen. Er hielt eine kurze, sachgemäße,
von allen sonst gebräuchlichen Schimpf und Schandwörtern freie Rede über die zwischen
den beiden Stämmen herrschende Feindschaft, über die Ermordung seines Bruders, über
die Ergreifung des Mörders und das ausgesprochene Todesurteil. Dann fragte er Ali ben Masul,
ob dieser den Beistand des Imams verlange oder vor seinem Tod sonst noch einen Wunsch
habe. Der Gefragte bat, ihm seinen muhammedanischen Rosenkranz aus der Tasche zu nehmen und ihn
in die Hand zu geben. Weiter wollte er nichts. Dann möge man schießen.
»Es ist nicht wünschenswert, auf einer Erde weiterzuleben, auf der nicht einmal mehr das
Weib Erbarmen hat,« fügte er hinzu.
»Hattest du Erbarmen mit meinem Bruder?« fragte der Schiik, indem er nach der Sonne
sah, die bereits zur Hälfte verschwunden war. Schon setzten sich die fünf Schützen
fest in die Knie und legten die Gewehre an, um sicheres Ziel zu nehmen. In der nächsten
Minute musste der Befehl fallen. Da stand Mehamed von ihrem Sitz auf und rief, »Halt!
Noch gibt es auf dieser Erde Frauen, in deren Herzen das Erbarmen wohnt. Und noch gibt es
auf ihr Männer, deren Wort so heilig ist wie Allahs Schwur. Sie zog mir das Messer
aus dem Gürtel, ging auf den Verurteilten zu, stellte sich vor ihn hin und sprach,
an den Schiik gewendet, mit erhobener Stimme, »Gerade so wie hier war es bei dem Mir von
Adistan. Rundum saßen die Richter, und er war bereit, das letzte Wort, das Todeswort,
zu sprechen. Da sandte mich Allah zu eurer Hilfe und gab mir Worte der Begeisterung,
das harte Herz des Herrschers zu erweichen. Ihr wurdet frei. So sei auch dieser hier frei.
Ich fordere ihn von dir, von euch, vom Stamm der Minazah. Ich halte euch bei jenen drei
Versprechen, die ihr mir damals nachgerufen habt und heute wiederholtet. Seid ihr etwa
gewillt, sie mir zu brechen?« Sie sah sich im Kreis um. Niemand antwortete. Ich hatte
das, was sie tat, erwartet. Diesen Leuten aber kam es so überraschend, dass sie zunächst
nicht wussten, was sie sagen sollten. Da schnitt sie dem Gefangenen die Fesseln durch,
sodass er die Hände frei bekam, brachte ihn zu mir herbei, gab mir mein Messer wieder
und sprach, sodass die Richter es hörten. »Ich übergebe ihn dir, erfänd' ich, doch
nur einstweilen. Führe ihn von dieser Stelle fort und beschütze ihn. Ich fordere ihn von
dir zurück, so heil, wie ich ihn dir jetzt übergebe.« Ein sprühendes Leuchten zuckte
im Westen auf, um funkelnd nach dem Osten hin zu grüßen. Die Sonne war verschwunden,
doch Ali ben Masul lebte noch. Tiefe Stille herrschte rundum. Ich nahm ihn bei der Hand,
um mich mit ihm zu entfernen. Keiner wagte es, sich ihm und mir entgegenzustellen. Man
machte uns Platz, betroffen, zögernd, aber dennoch. Da erklang hinter uns die laute Stimme
des Schiiks. Das lenkte die Aufmerksamkeit von uns ab auf ihn. Wir erreichten unangefochten
unser Zelt. Halef kam hinter uns her. »Allah sei Dank«, sagte er, »hier bei unseren Pferden
und Waffen haben wir nichts zu fürchten. Ich werde sofort satteln, um für alles gerüstet
zu sein.« Und sich an Ali ben Masul wendend, fügte er hinzu, »Fürchte nichts, hier bist
du sicher wie im Schoß Abrahams. Du stehst unter einem Schutz, der stärker ist als die
Macht und Tapferkeit aller Münazar zusammen.« Nach diesen Worten ging er in die Hürde zu
den Pferden. Der vom Tod errettete Münazar schien gar nicht auf das, was Halef gesagt
hatte, zu achten. Er stand hoch aufgerichtet und lauschend und schaute nach der Höhe zurück,
auf der jetzt, wie wir deutlich hörten, Mahamed zu der Versammlung sprach. Zwar konnten wir
ihre Worte nicht verstehen, aber ihre Gestalt und jede ihrer Bewegungen zeichneten sich
umso genauer und bestimmter vom leuchtenden Hintergrund des Himmels ab. Die Höhe des
Richtplatzes lag nach uns herüber schon im Dämmerschatten. Die jenseitige schroffe
Berglehne aber stand im vollen, schönen Glanz des Abendrotes. Die Hunderte der Münazar,
die am unteren Teil des Abhangs lagerten, wurden von keinem Strahl mehr getroffen. Die
Ältesten aber auf der Höhe saßen still wie in goldener Flut. Um die ragende Gestalt
des Scheiks zuckten diamantene Funken, und Mahamed, die auf einen der Sitzsteine gestiegen
war, um weiterhin gesehen und gehört zu werden, schien ein Wesen aus jener Welt zu sein, in
deren Licht sie jetzt zum Volk sprach. Ihre Linien waren in rosigem Schein getaucht. Ihr
Gewand erglänzte, wenn sie im Sprechen sich bewegte, je nachdem seine Falten nach der
Licht- oder nach der Schattenseite fielen, bald in purpuren, bald in silberblauen Tönen.
Ihr dunkles, nur im Nacken zusammengehaltenes, sonst aber frei, offen und lang herabwallendes
Haar schien im Luftzug wie von unzähligen Rubinen und Smaragden übersät. Und als jetzt
eine leichte Wolke sich wie ein Schleier durch das Leuchten zog, hatte es den Anschein, als
ob das schöne Fürstenkind von der Erde hin weggenommen werden sollte, um mit dem
Abendrot im Jenseits zu verschwinden. Nicht nur ich allein fühlte den tiefen Eindruck
dieser so wunderbar bewegten Gestalten, Linien und Farben. Sie wurden auch von dem neben
mir stehenden Münazar empfunden. Er wendete kein Auge davon ab, holte Tiefatem und fragte,
Wer ist dieses Weib, dieses schöne, fremde Wesen, das ich noch nie gesehen habe, und
dem doch die Münazar alle gehorchen? Es ist Mehameh, die Tochter des Fürsten von Halim,
sagte ich. Mehameh, die Barmherzige? fragte er, indem sein Auge leuchtete und sein Gesicht
einen anderen Ausdruck annahm. Sie, sie, die in den Herzen aller Menschen und in den Fersen
der Dichter lebt. Allah, ich danke dir, dass du es mir vergönntest, sie zu schauen, den
Blick ihres Auges und den Ton ihrer Stimme in mich aufzunehmen. Nun bin ich frei, frei,
kein Münazar kann ihr widerstehen. Er setzte sich vor unserem Zelt nieder, und ich nahm
an seiner Seite Platz. Halef war mit dem Satteln der Pferde schnell fertig, legte unsere Gewehre
zurecht und gesellte sich dann zu uns. Unweit unseres Zeltes gab es in einer anderen Hürde
eine prächtige Asfarstute, die reines, edles Blut zu sein schien. Ich machte Ali ben Masul
darauf aufmerksam, dass er möglicherweise schnell ein Pferd brauche, um zu fliehen,
und zwar unter unserem Schutz. Da deutete er nach der erwähnten Hürde. So werfe ich
mich auf das beste Pferd des ganzen Stammes, das du dort stehen siehst. Keiner holt mich
ein. Das meinige ist für jetzt unbrauchbar. Es erlarmte unterwegs an einer Verletzung
des Hufes. Das war der Grund, dass es den Münazars möglich wurde, mich zu fangen.
Aber ich glaube nicht, dass ich zu fliehen habe. Wen Mehame beschützt, den zwingt kein
Mensch zur Flucht. Er begann von ihr zu erzählen und hatte dabei eine ganz eigene Art, sich
auszudrücken. Er sprach nicht nur gut, sondern auch begeistert und in Wendungen, die nur
auf der Zunge eines Dichters üblich sind. Sein Gesicht verklärte sich. Er war keinesfalls
ein gewöhnlicher Mensch. Inzwischen brach der Abend herein, aber es war ein heller Abend.
Der Mond hatte schon längst am Himmelszelt gestanden und schien nur auf den Sonnenuntergang
gewartet zu haben, um zu beweisen, dass auch er ein Spender des Lichtes sei. Man weiß,
dass er schon seit undenklichen Zeiten zu der über den ganzen nächtlichen Himmel verbreiteten
Sekte der Magier gehört und in allem, was er tut, zur Heiligung und zur Andacht neigt.
So erteilte er auch dem vor uns liegenden Richtplatz und dem, was jetzt dort geschah,
jenen geheimnisvollen magischen Schimmer, der uns zu der Empfindung erhob, dass es hier
sich nicht um das kleine Schicksal zweier unbedeutender Beduinenstämme, sondern um
eine Darstellung großer allgemeiner Menschheitsschicksaler handle. Da sahen wir, dass Merhamed die Höhe
verließ. Sie kam zu uns hernieder. Ali ben Masul sprang auf und holte ein Kissen aus
dem Zelt für sie. Sie verschmähte es nicht, sich darauf niederzulassen. Er aber blieb
stehen, an die Stange des Zeltes gelehnt, obgleich sie ihn mit der Hand wiederholt aufforderte,
sich wieder niederzusetzen. Sie berichtete, ich habe zu ihnen gesprochen und habe ihnen
alles gesagt, was das Menschenherz zu solchem Mord und Frevel zu sagen hat. Nun beraten
sie. Der Scheik ist gewonnen. Er wird kommen und uns das Ergebnis mitteilen. Hierauf wendete
sie ihr Gesicht dem neben ihr Stehenden zu, schaute freundlich zu ihm auf und fragte,
ich kenne einen Dichter ben Masul. Aber weder die Münazer noch die Münazer scheinen ihn
zu beachten. Ist er vielleicht dir bekannt? Ich bin es selber, antwortete er einfach.
In der Ferne liebt man mich, in der Heimat will mich keiner. Also deshalb wusste er so
genau, dass Merhamed in den Fersen der Dichter lebt. Sie senkte den Kopf und schwieg eine
kleine Weile. Dann sagte sie, so kann nicht ich, sondern nur du allein kannst dich retten,
wenn Allah es will. Begreifst du das? Nein, erwiderte er. Du wirst es begreifen lernen,
so du wirklich Dichter bist. Die Zeiten sind vorüber, in denen die Poesie des Raubes und
des Mordes durch die Steppen ritt und unter den Zelten der Wüstenstämme lagerte. Kein
Räuber und Mörder darf sein Gesicht mehr hinter der Heldenlarve verstecken. Du bist
jetzt Dichter und Mörder, aber nicht mehr Dichter und Held. Und wo Menschen dir verzeihen,
darf Allah dir nicht verzeihen. Merke dir eines, die Gnade und Barmherzigkeit ist nur
für innerlich kleine Leute. Wer aber groß zu denken und groß zu werden hat, der bleibt
der göttlichen Gerechtigkeit nicht einen Paarer schuldig. Ich kann dich heute nur körperlich
befreien, doch vor Allah bist du Gefangener, bis du bezahlst, was du ihm schuldig bist.
Dichter müssen groß sein, vor allen Dingen in sich selbst. Wer so wie sie das edelste
Gold und die herrlichsten Diamanten aus voller Hand verschenkt, hat nicht das Recht der Schuldner
Gottes zu sein. Darum frage ich dich noch einmal. Ist dir der Dichter Ben Mazul bekannt?
Bist du es? Er war still. Es verfloß eine längere Zeit im Schweigen. Dann holte er
tief Atem und sprach, Allah sei es, der entscheidet und dir beantwortet, was du mich fragst. Da
machte sich oben auf dem Gerichtsplatz eine Bewegung bemerklich. Die Beratung war zum
Abschluss gelangt. Der Scheik kam herab, um ihn uns mitzuteilen. Man war damit einverstanden,
dass Ali Ben Mazul sofort freizugeben sei, jedoch nur, um das Versprechen einzulösen,
das man Merhameh bei mir von Ardestan gegeben hatte. Die Todfeindschaft mit den Münazah
aber solle bestehen bleiben, der Kampf mit ihnen beginnen. Da erhob sich Merhameh von
ihrem Platz. Komm wieder mit herauf, bat sie den Scheik. Wenn die Barmherzigkeit durch
Liebe nichts erreicht, kann sie auch drohen. Wenn sich die Münazah etwa für Götter halten,
muss ich ihnen zeigen, dass sie Menschen sind. Die umliegenden Völker sind es müde geworden,
nur immer die Waffen klirren zu hören. Ich habe zu warnen. In kurzer Zeit bin ich wieder
hier und werde dann sofort zur Ruhe gehen, denn morgen brechen wir bei Zeiten auf. Sagt
bitte das dem Diener. Sie kehrte mit dem Scheik nach der Höhle zurück. Halef holte den Diener,
der ihr im Zelt die Lagerstatt bereitete, und sich dann vor dem Eingang niederlegte,
um, selbstlos wie ein wachsamer, treuer Hund, ihr Schutz und Schirm zu sein. Als droben ihre
Stimme wieder erklang, war es ein sehr kraftvoller Ton, in dem sie sprach. Und wie sie gesagt hatte,
kam sie sehr bald wieder. Sie gab uns allen dreien die Hand, uns Gute Nacht zu wünschen,
und fügte heran den Bescheid. Es ist erreicht. Ich habe ihnen die Folgen gezeigt, bei wem vorher
das Herz nicht zu rühren war, bei dem wirken nun die Einsicht und der Verstand. Sie zog sich in
ihr Zelt zurück, und kaum war dies geschehen, so verteilten sich die Ältesten und das Volk,
um die Nachricht zu verbreiten, dass Friede zwischen den Minazah und Minazah gefordert
werde, und dass von den mächtigen Nachbarstämmen gedroht worden sei, sie würden sich diesen Frieden
nötigenfalls erzwingen. Dann ergoss sich das Volk unter lärmenden Rufen, von der Höhe ins Tal,
um heimzukehren. Wir aber erhielten diese Kunde von dem Scheik selbst, der sich in diesem Ausgang
der Sache vollständig gefunden hatte, obgleich, wie ich nach und nach immer deutlicher merkte,
der Grund alles Übels in seinem eigenen Haus lag, in seiner eigenen, herrschsüchtigen, stolzen Frau.
Wir gefielen ihm, und er uns auch. Er lud nicht uns zu sich, sondern sich zu uns in unser Zelt,
wo wir bis nach Mitternacht bei der Wasserpfeife und beim einfachen Spätessen saßen und uns lebhaft
unterhielten. Nicht etwa über gewöhnliche Dinge, oh nein, sondern über Fragen, die teils nach der
Tiefe, teils nach der Höhe forschen. Der Morgenländer liebt es, sich mit derartigen Dingen
zu beschäftigen, während der Abendländer sie dem Fachgelehrten überlässt. In der Unterhaltung
zeigte sich der Scheik als ein wohlunterrichteter, vorurteilsfreier Mann, der einem einmal gefassten
Entschluss die beste Seite abzugewinnen weiß. Nun man sich für die Aussöhnung der beiden Stämme
entschieden hatte, war er auch gleich ganz Feuer und Flamme dafür und zu jedem hieraufbezüglichen
Entgegenkommen bereit. Er befreundete sich mit seinem bisherigen Gefangenen in ebenso schneller
wie aufrichtiger Weise, zumal wir beide, Halef und ich, alles mögliche taten, diesen Friedensschluss
zu beschleunigen. Es darf nicht verwundern, dass Ali ben Masul, der soeben noch als Blutfeind
erschossen werden sollte, schon so rasch nach der Versöhnung als Freund behandelt wurde. Bei
den Beduinen gehören indes Raub und Blutrache zu den ritterlichen Werken. Man kann also einem
Blutrecher, der nach abendländischen Begriffen ein Mörder ist, persönlich achten, sogar lieben,
selbst wenn man gezwungen ist, ihn der Blutrache zu opfern. Auch der Bruder unseres Dichters,
nämlich der Scheik der Münazah, wurde des öfteren erwähnt, und da hörten wir leider,
dass er ein harter, eigenwilliger Mann sei, bei dem es wohl nicht ohne innere Kämpfe hergehen
werde, sich für die Beendigung der Feindschaft zu entscheiden. Er schien in jeder Beziehung ein
ausgesprochen selbstsüchtiger Mann zu sein und in seiner ganzen Seele nur einen einzigen,
angenehm berührenden Punkt zu besitzen, und das war die Liebe zu seinem Bruder,
der heute Abend hier bei uns saß. Auf diesen einzigen Punkt allein konnte sich die Hoffnung
gründen, dass der Friede zwischen den beiden Stämmen zu ermöglichen sei. Ali bin Masul
stimmte auch für diese Aussöhnung. Er hatte ja an sich selbst erfahren, wohin die Feindschaft führt.
Aber er war stiller als der Scheik. Die ihm angeborene schöne Begeisterungsfähigkeit
trat heute hinter dem Ernst der Gedanken zurück, die Merhameh in ihm ins Leben gerufen hatte. Sie
füllten ihn innerlich aus, das sah man ihm an, und dieser Einkehr in sich selbst ließ ihn so
rührend hilfsbedürftig erscheinen, dass ich mich herzlich zu ihm hingezogen fühlte. Was uns selbst
betrifft, so war unsere Abreise für den zeitigen Morgen beschlossen. Der Scheik der Minazah bat,
uns bis an die Grenze seines Gebietes begleiten zu dürfen. Dann sollten wir für morgen Abend die
Gäste der Minazah sein, mit deren Scheik er den Friedensschluss besprechen wollte, und hierauf
sollten wir von unserem Dichter und seinem Bruder bis an die Weideplätze des nächsten Stammes unter
Schutz genommen werden. Wie gut und aufrichtig der Scheik es mit seinem bisherigen Todfeind meinte,
war daraus zu ersehen, dass er, als dieser sein lahmgewordenes Pferd erwähnte, zu ihm sagte,
»Das kannst du nicht reiten. Es bleibt hier bei mir, bis ein Huf gesundet ist. Ich borge
dir meine Isabel. Sie ist das köstlichste, was ich besitze. Du siehst, ich habe dich lieb.« Als
wir dann auseinandergingen, hörte ich, dass Ali bin Masul auch eines der leeren Zelte angewiesen
bekam. Später aber trat ich, bevor ich mich niederlegte, noch einmal vor das Meinige, um nach
dem Wetter auszuschauen, und da sah ich, dass er auf das Zelt verzichtet hatte und demjenigen von
Mehameh gegenüber an der Mauer des Hauses saß, um kein Auge von dem Dach, unter dem sie ruhte,
zu verwenden. Die Sonne war eben aufgegangen, als wir am nächsten Morgen das Dorf Omar ben Ammaras
verließen. Das heißt, sie war zwar aufgegangen, aber wir sahen sie nicht, sie verbarg sich hinter
einem hässlichen, dicken, schmutzig-gelbroten Schleier. Wir hatten einen jener bösen Tage
vor uns, an denen die Luft mit feinstem Sand geschwängert ist und man sich Augen, Mund und
Ohr verhüllen muss, um diese edlen Organe zu schützen. Deshalb steckten wir alle so tief in
unseren Mänteln, dass von uns fast nichts zu sehen war, als eben nur diese Mäntel. Und das
Sandtreiben hielt nicht nur den ganzen Tag an, sondern es verschlimmerte sich am Nachmittag so,
dass wir unsere Pferde öfters ruhen lassen mussten und nur ganz langsam vorwärts kamen.
Es lag eine unheilvolle, düstere und schwüle Witterung über dem Tag. Mehameh hielt sich wacker.
Diese schwere Dunstschicht schien ihr leichter zu werden als uns Männern. Sie ritt während der
ganzen Zeit fast stets zwischen dem Scheik und Ali ben Masul, der, wie verabredet worden war,
auf der isabellfarbenen Stute saß, und unterhielt sich mit ihnen, so gut es eben bei der dichten
Verhüllung ging. Später erfuhr ich von dem Scheik, dass es nur kurze Fragen und Antworten
gewesen waren, aber von heiligem, edlem Klang. Wenn wir einmal anhielten und ich einen Blick
auf ben Masul bekam, fiel mir das tiefe, schwärmerische Leuchten seines Auges auf. Weil
diese drei zusammenhielten, war ich auf meinen Halef angewiesen. Doch gönnte ich den beiden
Männern unsere herrliche Mehameh vom ganzen Herzen. Ihr Diener kam mit einer kleinen Schar
von Münazar, bei denen sich drei Älteste befanden hinterher. Diese drei sollten sich
an der Friedensbesprechung mit dem Scheik der Münazar beteiligen. Der Sand belästigte unsere
Pferde so sehr, dass wir darauf verzichten mussten, das eigentliche Ziel unseres heutigen Rittes zu
erreichen. Es wurde beschlossen, die Nacht beim Grab eines muhammedanischen Heiligen zuzubringen,
das fast genau an der Grenze zwischen den Gebieten der beiden Stämme lag, und zwar in einem kleinen
Wäldchen, in dem man einigermaßen Schutz vor dem Wetter finden konnte. Es war am späten
Nachmittag, als wir die Gegend, in der das Grab lag, erreichten. Man konnte es von Weitem nicht
sehen. Wir befanden uns in einer viel gewundenen Felsenschlucht, und als wir um eine dieser
Windungen bogen, stand es ganz plötzlich vor uns. Zweihundert Schritte entfernt. Eine enge Tür,
vier getünchte Mauern, ein plattes Dach darauf und im Innern nichts als nur die kahlen Wände.
Auf beiden Seiten und hinten wurde es von spärlichen Symoken, Schwarzhölzern und
Dürremgestrüpp eingefasst. Wir lenkten nach ihm ein. Das Gebäude bot uns Unterkunft für
Merhameh, und wir Männer fanden wohl im Wäldchen alle Platz. Der Scheik, Ben Mazul und Merhameh
schritten auch jetzt voran. Wir erblickten keinen Menschen. Da aber trat aus der Tür des Grabes eine
hohe, männliche Gestalt mit einem Gewehr in der Hand. Sie hob den Arm und rief uns entgegen.
Seid gegrüßt, ihr Munazer! Seid gegrüßt, Omar ben Ammarah, du Mörder meines Bruders! Ich bin
Hassan ben Mazul, der Scheik der Munazer, und fordere deine Seele. Drauf, ihr Krieger,
drauf! Fangt sie lebendig, alle! Halt, du Irrst, rief ich ihm schnell zu. Aber schon hatte er sein
Gewehr angelegt. Der Schuss krachte, und der, den er für den Scheik der Munazer hielt, weil er auf
der Isabel saß, bekam einen Ruck, warf die Arme in die Luft und glitt vom Pferd. Zugleicherzeit
stürzte hinter dem Wäldchen, wo sie versteckt gewesen war, eine Schar von wohl sechzig Reitern
empor, die uns umzingelten. Zu einem Kampf aber kam es nicht, denn es fiel keinem von uns ein,
sich zu wehren. Es gab weiter nichts als ein ungefährliches, schnell vorübergehendes Gewühl.
Dann hielt ein jeder still auf seinem Pferde. Die Feinde waren überrascht von unserer Ruhe. Ihr
Anführer kam herbei. Der Scheik der Munazer ritt ihm einige Schritte entgegen, warf sich die Kapuze
aus dem Gesicht und fragte. Deine Kugel galt wohl mir. Du? Du? rief der unglückliche Schütze betroffen.
Omar ben Ammarah, du lebst? Ich lebe noch. Bitte Allah, dass auch dieser lebt. Geh hin und schau
ihn dir an. Er deutete auf den Verwundeten, der vom Pferd geglitten war und an der Erde lag. Ich
kniete schon bei ihm und öffnete ihm den Mantel, die Jacke und die Weste. Die Augen waren geschlossen.
Die tödliche Wunde lag in der Nähe des Herzens. Sie blutete nicht. Mein Bruder, mein Bruder, schrie
der Scheik der Munazer, als er sah, auf wen er geschossen hatte. Er wollte sich auf ihn werfen,
ich aber schob ihn zurück und befahl. Schweig, jammere nicht und rühre ihn nicht an. Du hast
nur allzu gut getroffen. Raube ihm nicht die letzten Augenblicke, die ihm noch bleiben. Folge
uns. Komm, Halef, fass mit an. Halef war der Einzige, auf dessen Geschicklichkeit ich mich
verlassen konnte. Er sprang vom Pferd. Wir nahmen den Verletzten vorsichtig auf und trugen ihn in
das Innere des Grabes. Dort legten wir ihn nieder. Die Kugel war ihm auf dem Rücken wieder
herausgedrungen. Sein Bruder folgte, zusammengebückt wie ein Träumender. Hinter ihm kam der Scheik
der Munazer, dem der Schuss gegolten hatte. Ich führte die beiden Todfeinde zu dem Sterbenden
hin und ging dann nach der Tür, um Mehameh herbeizuwinken. Sie kam. Ihr Gesicht war bleich,
aber ihr Auge groß, voll tiefen Glanzes. Soll ich dabei sein? fragte sie. Du vor allen Dingen,
antwortete ich. Komm her zu ihm, damit sein letzter Blick dich gleich zuerst erfasse. Sie
tat es und kniete bei ihm nieder. Wir warteten. Draußen waren die Reiter alle abgestiegen. Die
Munazer und die Munazer standen leise flüsternd beieinander. Ein einziger Schuss hatte diese
flüsternde Ruhe hervorgebracht. Die einen erfuhren von den anderen, wie grundlos dieser Schuss gewesen
war. Schmutzig gelb, fast zu greifen, wälzte sich draußen die sandige Luft vorüber. Todesfahl drang
das dicke Licht wie ein schadenfrohes Grinsen zur schmalen Tür herein. Schon gestern sollte er
sterben, der da am Boden lag, und heute starb er wirklich. Nur ein einziger Tag wurde ihm geschenkt.
Wozu? Indem ich dies dachte, öffnete er die Augen. Er sah Mehameh vor sich knien. Sein Blick leuchtete
auf. Er schaute an ihr nieder. Er bemerkte das rote Blut, das unter ihm hervor, dem Lager zu
entrinnen suchte. Da fühlte er die Wunde. Die Erinnerung kam. Er erschrak nicht. Er hob die
eine Hand und deutete auf Hassan ben Masul, den Schaik der Munazer. Dann erhob er die andere Hand
und deutete auf Omar ben Ammarah, den Schaik der Munazer. Reicht euch die Hände, bat er. Sie taten
es. Ich liebe euch, fuhr er fort. Seid Brüder im Leben, wie ich im Tod noch euer Bruder bin.
Man sah, er wollte tief Atem holen, wagte es aber nicht. Er faltete die Hände. Mehameh,
flüsterte er. Weißt du noch, was du sagtest gestern Abend? Ich weiß es, antwortete sie.
Ist es mir gelungen, mich selbst zu retten? Ja, Allah hat es gewollt. Habe ich bezahlt?
Soeben tust du es. Du bist dein eigener Preis. So bin ich frei?
Frei bist du, frei, antwortete sie. Das klang wie ein Schluchzen, und doch war es auch wie ein Jubel.
Da holte er tief Atem und rief mit lauter Stimme. Allah sei Preis. Und mit wieder leiser und immer
leiser werdender Stimme fügte er hinzu. Und dir sei Dank, oh Mehameh, oh Mehameh.
Seine Brust hob und senkte sich noch zwei-, dreimal. Dann nahm Mehameh mich bei der Hand
und bat. Komm, Effendi, stören wir nicht den Tod, wenn er vom Himmel niedersteigt,
die Lebenden zu versöhnen? Wir gingen hinaus. Erst jetzt hörten wir, wie es den Munazar möglich
gewesen war, uns zu überraschen. Es war uns nicht erzählt worden, dass man Ali ben Masul
nicht allein gefangen genommen hatte. Zwei seiner Gefährten waren mitergriffen worden,
die man aber weniger streng bewacht hatte als ihn. Als sie das Todesurteil erfuhren,
das schon vorgestern gesprochen wurde, gelang es ihnen zu entfliehen und heimzukommen. Sie
waren überzeugt, dass der Gefangene nun schon erschossen worden sei, und meldeten das dem
Scheik. Dieser rief sofort alle verfügbaren Krieger zusammen, um den Tod seines Bruders
zu rächen, und zog mit ihnen voran. Er kam wegen des schlimmsten Wetters nur bis an das
heiligen Grab, wo übernachtet werden sollte, war aber so vorsichtig Speer vorauszusenden,
die uns begegneten. Sie entdeckten uns eher als wir sie, versteckten sich und ließen uns an sich
vorüberziehen. Wir waren alle tief eingehüllt, aber als sie die bekannte isabellfarbene Stute
sahen, waren sie überzeugt, dass der darauf sitzende Reiter der Scheik der Munazar sei.
Als wir kurze Zeit darauf wieder einmal anhielten, um unsere Pferde ausruhen zu lassen,
gelang es ihnen, die natürlich schnell umgekehrt waren, uns unbemerkt zu überholen,
um dem Scheik Hassan bin Masul unserer Ankunft zu melden. Denn es bestand für sie kein Zweifel,
dass auch wir die Absicht hatten, bei dem Grab des Heiligen zu übernachten. So fand er Zeit,
sich vorzubereiten und uns derart zu empfangen, wie ich erzählte. Sein Charakter stimmte mit
der Vorstellung überein, die ich mir von ihm gemacht hatte. Er war ein harter, rücksichtsloser
und rachgieriger Mann, der aus seinem Leben den Begriff der Verzeihung vollkommen gestrichen
hatte. Er hatte den heutigen Ritt in der festen Absicht unternommen, den vermeintlichen Tod seines
Bruders in blutigster Weise zu rächen. Und nun war er selbst der Mörder. Das wirkte so auf ihn,
als ob die Kugel ihn persönlich getroffen habe. Jetzt kauerte er mit dem, den er hatte erschießen
wollen, im Grab bei dem Toten. Der eine rechts, der andere links von ihm. Was sprachen sie? Es
verging eine Viertelstunde nach der anderen, ohne dass sie sich hören oder blicken ließen. Wir
bereiteten die Lager, die Mönazer auf der einen und die Mönazer auf der anderen Seite des Wäldchens.
Der Abend kam. Er brachte andere Luft. Es erhob sich ein Wind, der in kräftigen Stößen den
Dunstkreis reinigte. So kam es, dass der Himmel wieder sichtbar wurde. Der Mond erschien. Die
weißgekalkten Mauern des Grabes sammelten seine Strahlen und warfen sie uns in zartbläulichem
Widerschein zu. Da regte es sich im Innern. Das Leben erhob sich von der blutig-feuchten Erde,
um sich vom Tod zu trennen. Die beiden Feinde erschienen unter der Tür. Sie riefen nach
Merhame, die zu ihnen kommen sollte, um Zeugin ihres Schwurs an der Leiche des Erschossenen zu
sein. Sie stieg die Stufen hinauf und ging mit ihnen hinein. Nach einiger Zeit kamen sie wieder
heraus, alle drei. Vor dem Eingang blieben sie stehen, von allen gesehen. Omar ben Ammarah erhob
seine Stimme. Ihr Krieger der Mönazer, hört, was euch Merhame, die Freundin unserer beiden Stämme,
zu sagen hat. Und Hassan ben Masul rief, Ihr Krieger der Mönazer, schaut her zu uns,
was Merhame euch zeigt. Er öffnete seine Arme, zog den Scheik der Mönazer an sich und küßte ihn.
Sein Kuss wurde dreimal erwidert. Da deutete Merhame auf diese vom Mond hell beschienene
Gruppe und verkündete in tief bewegtem Ton, Allah nur allein ist gerecht. Nimmt der Mensch
die Rache in die Hand, so trifft er niemand als den eigenen Bruder. Von nun an sei Friede.
Es sei Friede! Es sei Friede! riefen die beiden Anführer, indem sie die Hände beteuernd hoben.
Es sei Friede! Es sei Friede! wiederholten auch Halef und ich. Es sei Friede! Es sei Friede!
Erklang es von den Lippen aller Mönazer und Mönazer. Sie verließen ihre getrennten Lagerplätze
und eilten aufeinander zu, um dem versöhnlichen Beispiel ihrer Scheiks zu folgen. Seit jener Zeit
ist Freundschaft zwischen ihnen gewesen. Wenn sich je einmal ein Zwiespalt erhob,
der zum Kampf zu führen schien, so ritten die beiderseitigen Ältesten zum Grab des Heiligen,
wo Ali ben Masul unter den Sykomoren zur Ruhe bestattet worden war. Dort wurde beraten und
an mehr Armee gedacht. Der eine Stamm hatte ihre Bitten, der andere ihre Warnungen zu wiederholen
und stets ergab sich, was sich an dem von mir geschilderten Tag ergab. Es sei Friede! Es sei Friede!