
INGEBORG BACHMANN - DIE GESTUNDETE ZEIT II
Dichtung von Ingeborg Bachmann (Foto) entst. 1953 /
Rezitation: Sophie Rois /
Anmerkung: Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg, sondern eine Tugend, die einer Stärke des Charakters entspringt. (I.Bachmann)
Versuch einer Interpretation: Es thematisiert die Situation eines unfreiwilligen Aufbruchs, der durch die Erkenntnis ausgelöst wird, dass die menschliche Lebenszeit endlich ist. Das Gedicht zeigt nicht nur das Ende einer Liebesbeziehung, sondern hat auch eine politische Dimension. (Wikipedia s. u.)
https://www.youtube.com/watch?v=8wuFLnut_H0
Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.
Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.
Siehe auch hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Ingeborg_Bachmann
https://www.fr.de/kultur/literatur/vor-50-jahren-starb-ingeborg-bachmann-zr-92582145.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_gestundete_Zeit_(Gedicht)
https://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_Rois
