Wir verbringen unseren Urlaub diesmal in der Heimat. Keine weite Reise, sondern Tage, an denen wir Orte entdecken, die eigentlich ganz in der Nähe liegen. Mal führt uns ein Ausflug in eine Stadt, mal suchen wir uns eine Wanderung, die wir noch nicht kennen.

So saß ich vor einigen Tagen vor dem Bildschirm und suchte nach einer neuen Strecke für uns. Da stieß ich auf Fotos aus dem Nürnberger Reichswald. Wir wandern viel in der Umgebung, und doch scheint es immer wieder Landschaften zu geben, von deren Existenz wir keine Ahnung haben.

Sand. Heller, feiner Sand zwischen Kiefern. Ganze Dünenzüge mitten in Franken.

Ich glaubte zunächst kaum, was ich sah. Dass es so etwas nur eine gute Autostunde von uns entfernt geben sollte und mir bisher völlig entgangen war, machte mich neugierig. Ich suchte weiter und fand schließlich eine Wanderstrecke bei Altdorf. Etwas mehr als sieben Kilometer. Für einen Tagesausflug genau richtig.

Zu Hause aßen wir noch gemütlich zu Mittag und machten uns erst danach auf den Weg. Urlaub ohne Stress und Zeitdruck. Und falls eine Wanderung doch einmal länger dauert, steckt inzwischen immer eine Taschenlampe im Rucksack. Diese Vorsicht lernten wir bei einer früheren Tour, als wir uns verliefen und plötzlich im Dunkeln im Wald standen.

Diesmal entschieden wir uns bewusst gegen die Autobahn und für die Landstraße. Die Fahrt dauerte dadurch fast doppelt so lange, doch schon der Weg gehörte zu diesem besonderen Tag.

Wir fuhren durch kleine Orte und Dörfer, an alten Häusern, Gärten, Feldern und stillen Straßen vorbei. Manche Gegenden kannten wir überhaupt nicht, obwohl sie gar nicht so weit von zu Hause entfernt liegen.

Auf der Autobahn zählt meist nur das Ankommen. Die Landschaft zieht vorbei, Ausfahrten werden zu Nummern, Orte zu Schildern. Auf der Landstraße beginnt die Reise schon unterwegs.

An diesem Tag merkten wir wieder, wie schön es sein kann, sich dafür einfach die Zeit zu nehmen.

Als wir schließlich den Reichswald erreichten, übertraf die Wirklichkeit beinahe noch die Fotos.

Zwischen den Kiefern lag heller Sand. Er zog sich über die Wege, bedeckte Böschungen und formte sanfte Hügel. Flechten in einem zarten Lilaton überzogen große Flächen des trockenen Bodens wie ein feiner Teppich. Manchmal öffnete sich der Wald und gab den Blick auf Flächen frei, die ebenso gut im Süden oder an der Ostsee liegen konnten.

Für einen Moment vergaß ich beinahe, dass wir mitten in Franken unterwegs waren.

Auch der Geruch prägte diese Stimmung. Warme Kiefernnadeln, trockener Waldboden und Sand vermischten sich zu jenem Duft, den ich eher mit Urlaub, Küstenlandschaften und heißen Sommertagen verbinde. Selbst das Gehen fühlte sich anders an. Jeder Schritt sank ein wenig ein, der Sand gab unter den Schuhen nach. Sieben Kilometer können auf solchem Boden erstaunlich lang werden.

Doch gerade dieses langsame Gehen passte zu der Landschaft.

Irgendwann fanden wir zwischen Kiefern und Sand einen schönen Platz für unsere Pause. Wir breiteten die Sitzkissen aus, holten selbstgebackenen Zwetschgenkuchen und Schwarztee aus dem Rucksack und ließen uns nieder. Die Füße im warmen Sand, die Sonne im Gesicht, saßen wir einfach da, tranken unseren Tee, aßen Kuchen und sogen die Landschaft in uns auf. Für eine Weile wollten wir gar nicht weiter.

Was heute wie eine Laune der Natur wirkt, reicht weit zurück. Während der letzten Eiszeit bedeckte kaum geschlossener Wald diese Gegend. Wind strich über offene Flächen, nahm lockeren Sand auf und trug ihn weiter. Wo seine Kraft nachließ, sammelte sich der Sand. Über lange Zeit formte der Wind daraus Dünen. Als sich das Klima erwärmte, breiteten sich Pflanzen und Wälder aus. Ihre Wurzeln hielten den Sand fest und brachten die Dünen zur Ruhe.

Heute wachsen Kiefern auf diesen alten Dünen.

Vielleicht faszinierte mich gerade dieser Gegensatz so sehr. Unter einem Wald, der still und selbstverständlich erscheint, liegt eine Landschaft, die der Wind vor Jahrtausenden formte.

Was heute ruht, war einmal Bewegung.

Während wir durch den Sand gingen, musste ich an Goethe denken:

„Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.“

Selten erschienen mir diese Worte so passend.

Man verbindet Urlaub schnell mit Entfernung. Mit langen Fahrten, fremden Ländern und dem Gedanken, möglichst weit weg zu müssen, damit etwas Besonderes beginnt. Dabei führte uns dieser Tag in eine Landschaft, die fast vor unserer Haustür liegt.

Vielleicht liegt darin eine eigene Art des Reisens. Nicht möglichst weit fortzufahren, sondern langsamer unterwegs zu sein. Das vermeintlich Bekannte noch einmal mit Neugier zu betrachten. Durch Orte zu fahren, die sonst links und rechts der Autobahn verschwinden. Abzweigungen zu nehmen, die bisher unbeachtet blieben. Auf der Karte nach Gegenden zu suchen, deren Namen man kaum kennt.

Und sich überraschen zu lassen von dem, was näher liegt, als man denkt.

Nur sieben Kilometer durch den Reichswald.

Und doch fühlten sie sich für ein paar Stunden wie eine kleine Reise in eine andere Welt an.