Beinahe wäre dieser Mittwoch an mir vorbeigegangen wie jeder andere. Arbeit, Termine, Dinge, die erledigt werden mussten. Von der Sonnenfinsternis hatte ich kaum etwas mitbekommen. Erst Stefan machte mich darauf aufmerksam.

Also setzten wir uns ins Auto und fuhren hinaus. Etwa eine halbe Stunde entfernt liegt ein Berg, den wir von vielen unserer Wandertouren kennen. Von dort oben hat man einen weiten Blick über die Landschaft, und wir glaubten, damit den richtigen Platz gefunden zu haben. 

Dachten wir zumindest.

Schon die Zufahrt war voller Autos. Am Straßenrand stand Wagen an Wagen, jede freie Stelle war besetzt. Irgendwann ging nichts mehr. Kein Parkplatz, keine Möglichkeit zu wenden. Uns blieb nur der Rückwärtsgang. So fuhren wir die schmale Straße wieder hinunter und suchten weiter.

Schließlich fanden wir unseren Platz einige Kilometer entfernt, mitten zwischen Feldern.

Ein Getreidefeld lag hell in der Nachmittagssonne. Kurze Stoppeln bedeckten den Boden, darüber spannte sich ein weiter Himmel. Wir stellten unsere Klappstühle auf und reihten uns ein. Um uns herum saßen viele Menschen auf Picknickdecken oder mitgebrachten Stühlen. Familien, Paare, junge und alte Menschen, manche mit Kameras, andere nur mit ihren Sonnenfinsternisbrillen in der Hand.

Es hatte etwas von einem kleinen Volksfest. Nur gab es keine Musik, keine Buden und kein Programm. Alle warteten auf dasselbe Schauspiel am Himmel.

Zum Glück hatten auch wir noch kurzfristig zwei Schutzbrillen bekommen. Durch die dunklen Gläser erschien die Sonne plötzlich klein und fremd. Und dann schob sich der Mond langsam vor sie.

Es war meine erste Sonnenfinsternis.

Vielleicht beeindruckte mich deshalb nicht nur das, was dort oben geschah. Ich musste auch daran denken, wie viele Menschen in diesem Augenblick dasselbe taten. Nicht nur auf unserem Feld, sondern an unzähligen anderen Orten blickten Menschen gleichzeitig nach oben. Für einige Minuten verband sie etwas ganz Einfaches: die Neugier auf ein Schauspiel, das niemand bestellt oder organisiert hatte und das dennoch so viele hinauslockte.

Nun saß ich auf einem Klappstuhl auf einem Stoppelfeld und sah zu, wie der Mond die Sonne verdunkelte.

Für einen Moment spielte anderes keine Rolle.

Vielleicht braucht es gar keinen großen Aufbruch. Manchmal genügt eine halbe Stunde Autofahrt, ein vergeblich angefahrener Berg und ein Platz auf einem gemähten Feld. Und plötzlich öffnet sich über einem gewöhnlichen Mittwoch ein Himmel, der daran erinnert, dass außerhalb unseres Alltags noch sehr viel mehr geschieht.

Das Titelbild stammt von Stefan: https://www.ganjingworld.com/s/4z2gmV8WZX