Vor 110 Jahren begann an der Somme die Schlacht, in der Europa sich selbst zum Material wurde — und der Mensch zur Munition.

Der Morgen, der nicht enden will

Es ist halb acht Uhr morgens, als am 1. Juli 1916 die Pfeifen der britischen Unteroffiziere durch die Schützengräben gellen. Eine Woche lang hatten anderthalb Millionen Granaten die deutschen Stellungen erschüttert; nun sollten die Männer, mit Spazierstöcken nicht mehr bewaffnet, durch ein zerfetztes Gelände in Richtung der Drahtverhaue spazieren, die das Bombardement hätte zerschneiden sollen. So jedenfalls stand es in den Befehlen. Was sich tatsächlich ereignete, war anderes. Die deutsche Infanterie hatte den Beschuss in unterirdischen Stollen überdauert, viele davon fünfzehn Meter tief in den Kreideboden der Picardie getrieben. Als die Salven verstummten, kletterten die Schützen hinauf, richteten ihre Maschinengewehre auf das Niemandsland und mähten, was sich näherte. Jeder Mann trug gut dreißig Kilogramm an Ausrüstung — Spaten, Sandsäcke, Munition, Stacheldrahtschneider, Tagesration —, denn niemand, so der Plan, sollte je zurück müssen, um Nachschub zu holen. Genau das machte das Laufen unmöglich. Am Abend dieses Tages zählte die britische Armee 57 470 Verluste, von denen 19 240 tot waren. Es war und ist der blutigste Tag der britischen Militärgeschichte; mehr Verluste als der Krimkrieg und der Burenkrieg zusammen, in einigen Bataillonen über 700 Mann von 800 in vier Stunden. Was an diesem Morgen begann, sollte 141 Tage dauern und endete im November, als der Regen den Lehm in einen schwarzen Brei verwandelte, durch den selbst die Pferde nicht mehr kamen. Geländegewinn: zwölf Kilometer.

Die Pals und die Arithmetik des Untergangs

Es starben an diesem Morgen nicht Soldaten im hergebrachten Sinne. Es starben Buchhalter aus Accrington, Bergleute aus Leeds, Eisenbahner aus Hull, Lehrer und Bäcker aus Sheffield, Tyneside und Glasgow. Lord Kitcheners Idee der Pals battalions hatte vorgesehen, Freiwillige aus denselben Städten und Fabriken in dieselben Einheiten zu stecken. Wer sich gemeinsam meldete, sollte gemeinsam dienen — ein Versprechen an soziale Wärme, das die englische Provinz mobilisierte wie nie zuvor. Dass dasselbe Versprechen sich an einem einzigen Vormittag in eine demografische Katastrophe verwandelte, war im Kalkül der Strategen nicht vorgesehen. In manchen Dörfern Lancashires fielen sämtliche Söhne, die je auf demselben Schulhof gespielt hatten. Das Royal Newfoundland Regiment, bei Beaumont-Hamel angesetzt, verlor in weniger als einer halben Stunde fast 90 Prozent seines Bestandes. Auf der Insel im Nordatlantik blieb diese halbe Stunde, was nie wieder eingeholt werden sollte. Es war ein Tag, an dem ganze Strassen, ganze Stadtteile, ganze Generationen zugleich erloschen. Die Soziologie dieses Krieges, die in den nüchternen Tabellen der Kriegsgräberkommission erhalten ist, las sich später wie die Topographie einer Pestepidemie: hier ein Bezirk fast unversehrt, dort einer entvölkert. Die Briten sollten Jahrzehnte brauchen, um diese Arithmetik des Untergangs auch nur halbwegs zu begreifen. Und sie blieb stets ein Skandal des Privaten, nicht des Politischen: dass das, was sich am Vormittag als soziale Form bewährt hatte — die Nachbarschaft, die Zunft, die Kameradschaft —, durch das industrielle Verfahren zu seinem eigenen tödlichen Trugschluss wurde.

Die Materialschlacht und die Geburt eines Begriffs

Die Somme war die erste Materialschlacht in jenem technischen Sinn, in dem der Begriff später in die Militärgeschichte einging. Das siebentägige Trommelfeuer hatte über anderthalb Millionen Granaten verbraucht — und doch die meisten deutschen Stollen unberührt gelassen, weil ein erheblicher Teil davon Blindgänger und der Rest vorwiegend Schrapnelle waren, die dem Stacheldraht wenig anhaben konnten. Sie überstieg an Aufwand, Logistik und Maschinerie alles, was bisher gesehen worden war; sie war die Schlacht, in der die Kriegsführung selbst sich verwandelte und einen anderen Hauptdarsteller bekam. Nicht mehr der General, nicht mehr der Soldat, sondern die Granate, das Maschinengewehr, der Kalkstein-Stollen, der Stacheldraht. Am 15. September 1916 erschien an der Somme zum ersten Mal in der Geschichte des Krieges ein neues Wesen auf dem Schlachtfeld: der Tank. Achtundvierzig Maschinen rollten dem deutschen Graben entgegen, ein Drittel blieb vorher liegen, mit gebrochener Achse oder verkochtem Motor; doch was sich tatsächlich bewegte, war von einer Zukunft, die niemand mehr abwenden konnte. Im selben Sommer experimentierten die Heere mit Phosgen und Senfgas, mit gezielten Sperrfeuern, mit der Synchronisation von Artillerie und Infanterie. Wer den Krieg in dieser Phase überlebte, hatte etwas erlebt, was bisher in keiner Kategorie existierte: das Begegnen mit einer Macht, die nicht antwortete, nicht hasste, nicht zürnte, sondern einfach funktionierte. Es war die Stunde, in der das Kriegshandwerk seine Form wechselte — vom Berufsstand, der sich auf Mut, Treue und Ehre berief, zum industriellen Prozess von Tonnage, Brennstoff und Zünder. Wer dies durchschaute, schrieb Bücher.

Jüngers Stahlgewitter: Ästhetik der Versteinerung

Einer dieser Männer war Ernst Jünger. Sein Regiment kam Ende August 1916 an die Somme; in der Ruhestellung von Combles wurde er, kaum eingetroffen, am Vorabend einer britischen Offensive verwundet. Sein Zug ging später bei Guillemont zugrunde. Im November folgte seine dritte und vorerst schwerste Verwundung. Daraus verfasste er im Winter 1918/19 das Buch, das ihn berühmt machen sollte: «In Stahlgewittern. Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers», 1920 im Selbstverlag, 1922 bei Mittler & Sohn. Es entsteht hier eine merkwürdige Prosa: knapp, präzise, von beinahe naturwissenschaftlicher Nüchternheit; ein Tagebuch der Wahrnehmung, in dem das Grauen nicht beklagt, sondern beobachtet wird. Jünger schreibt — und es ist die Stelle, die seine Kritiker zur Weißglut treiben sollte —, der Krieg sei etwas geworden, das das Bewusstsein nicht zerbricht, sondern schärft. «Buchstäblich kein Grashalm», notiert er bei Guillemont, «jeder Millimeter umgewühlt, die Bäume ausgerissen, zerfetzt, zu Mulm zermahlen.» Und weiter: «Die Häuser niedergeschossen, die Steine zu Pulver zerstaubt. Und alles voll Toter, die hundertmal wieder umgedreht und von neuem zerrissen werden.» Es ist die Sprache einer Versteinerung, die zur Methode geworden ist. Wer so schreibt, hat sich selbst zur Beobachtungsmaschine gemacht — und ahnt, dass dies vielleicht die einzige Form ist, im industriellen Krieg den Verstand zu retten. In «Der Kampf als inneres Erlebnis» (1922) und später, kühler und systematischer, in «Der Arbeiter» (1932) wird Jünger diese Beobachtung verallgemeinern zu einer Theorie des typenhaften Subjekts, das die Maschine nicht erleidet, sondern sich ihrer Logik einverleibt.

Benjamins Diagnose: Die verstummten Heimkehrer

Genau diesen Verstummten widmete Walter Benjamin den berühmten Satz seines Essays «Erfahrung und Armut» aus dem Jahr 1933. Was, so fragte er rückblickend, ist mit jenen geschehen, die aus dem Krieg zurückkehrten? «Wurden die Leute nicht stumm aus dem Felde zurück? Nicht reicher — ärmer an mitteilbarer Erfahrung.» Die Soldaten, schreibt Benjamin, kamen heim und konnten nicht erzählen. Sie hatten zu viel erlebt, und gerade dieses Zuviel sprengte die Formen, in denen sich Erfahrung überhaupt mitteilen lässt. Die Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand «unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken, und in der Mitte, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper». Was Benjamin damit benannte, war eine epochale Lücke. Erfahrung im alten, ehrwürdigen Sinn — jenem, in dem Großväter ihren Enkeln noch etwas zu sagen hatten — war an der Somme, an der Marne, vor Verdun zerschossen worden. Was übriggeblieben war, war eine Erfahrungsarmut neuer Art: nicht die Armut dessen, der nichts erlebt hat, sondern die des Überlebenden, dem die Tradition entglitten ist. Benjamin zog daraus, das ist der eigentliche Skandal, keine Klage, sondern eine Forderung: einen «neuen, positiven Begriff des Barbarentums», der die bürgerlich-humanistische Kultur abstreifen sollte, um in der Armut neu beginnen zu können. Eine riskante Volte, deren Folgen ihn selbst sieben Jahre später in Portbou einholen sollten. Jünger und Benjamin schreiben vom selben Riss, nur von verschiedenen Ufern her.

Der Mensch als Material

In der Sprache der Stäbe sind die Männer, die am 1. Juli 1916 vor den Drahtverhauen liegen blieben, «Verluste». Das Wort gehört der Logistik, nicht der Trauer. Es bezeichnet eine Differenz zwischen Soll- und Iststärke, eine Größe, die im Bericht der Armee neben Munitionsverbrauch, Geschoss-Tonnage und Tagesration steht. Der Mensch ist hier nicht mehr Träger einer Geschichte, sondern Komponente einer Maschinerie, deren Funktionieren sich an der Bilanz ablesen lässt. Hannah Arendt schrieb später, der Totalitarismus habe Menschen «überflüssig» gemacht; die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs hatten diese Überflüssigkeit eingeübt, bevor sie in den Lagern Methode wurde. Wenn die Granate nicht fragt, wen sie trifft, wenn das Maschinengewehr Männer zerlegt wie eine Sense Halme, dann ist der Mensch tatsächlich zu jenem «Stoff» geworden, den die Generalstäbe so nüchtern verbuchten. Und das ist nicht bloß Metapher: An Somme und Verdun entstanden die Begriffe, die später in der Sprache industrieller Verwaltung bleiben sollten — Abnutzung, Verbrauch, Auslastung. In Wahrheit lernte die moderne Welt hier ihre Grammatik. Heidegger sollte ein Vierteljahrhundert später vom «Ge-Stell» sprechen, das alles Seiende als Bestand verfügbar mache — und führte seine Hörer damit, ohne es einzugestehen, in jene Lehmlöcher zurück, in denen der erste Spatenstich zu dieser Verfügbarkeit getan worden war.

Die Erinnerung als Aufgabe

In Großbritannien blieb die Somme das, was Verdun für Frankreich war: die Wunde im nationalen Selbstverständnis. Jeden 1. Juli läuten in Neufundland die Glocken. In Thiepval steht seit 1932 das Denkmal Sir Edwin Lutyens', eine kolossale Triumphbogen-Architektur, an deren Wänden die Namen von 72 000 Soldaten eingelassen sind, deren Leichname nie gefunden wurden. Es ist eines der eigentümlichsten Bauwerke des Jahrhunderts: eine Triumph-Architektur ohne Triumph, eine Bogenform, die nichts feiert als das Nichtfeiern. Sie steht für eine Trauer, die sich der herkömmlichen Symbolik widersetzt, weil sie nicht weiß, in welchem Namen sie eigentlich gefeiert werden sollte. Es waren die Dichter, die das Schweigen zuerst durchbrochen hatten: Wilfred Owen, der noch eine Woche vor dem Waffenstillstand fiel; Siegfried Sassoon, der seine Auszeichnung in die Mersey warf; Vera Brittain, die in ihrem «Testament of Youth» drei Tote zugleich beklagte — Verlobten, Bruder und besten Freund. John Keegan hat in seinem «Antlitz des Krieges» gezeigt, dass die Somme erst nach 1960 zur dominanten Chiffre des britischen Kriegsgedächtnisses aufstieg — als nämlich die Generation der Veteranen alterte, die Söhne und Enkel zu lesen begannen, und die Skepsis gegen das imperiale Selbstverständnis ihre Form fand. Heute ist «the Somme» ein Wort, das in jedem englischen Schulkind eine bestimmte Schwere auslöst — ähnlich wie «Verdun» in Frankreich, «Stalingrad» in Deutschland und Russland. Es ist eine Vokabel, die das Erlebnis selbst nicht mehr kennt, und gerade deshalb seine Erinnerung tragen muss.

Die Maschine schweigt nicht

Was lässt sich daraus für unsere Zeit ableiten? Vielleicht zunächst dies: dass die Frage, wie Technik den Menschen zum bloßen Material degradiert, in jeder Epoche neu beantwortet werden muss. Die Drohne über dem Donbas, die im automatischen Zielanflug ein Gesicht registriert und im selben Augenblick zerstört, ist die jüngste Verwandte des Maschinengewehrs am Schwaben-Höhenrücken. Was sich seit 1916 verändert hat, ist die Verfeinerung der Methode, nicht ihr Wesen. Was sich nicht verändert hat, ist jene merkwürdige Lähmung des Sprechens, die Benjamin am Heimkehrer beobachtete: dass es Erfahrungen gibt, die das Erzählen sprengen. Timothy Snyder hat daran erinnert, dass jeder neue Krieg seine eigene Sprache erfindet, in der die Toten nicht mehr Tote heißen — «Kollateralschaden», «target neutralization», «kinetic action». Wer diese Sprache spricht, hat Benjamins Diagnose nicht überwunden, sondern bestätigt. Vielleicht ist die Aufgabe dessen, der heute schreibt, eine doppelte. Erstens: die Stummheit zu respektieren, in der sich das Trauma verbirgt, und nicht zu schnell zur erbaulichen Lehre zu eilen. Zweitens: dem Drang zu widerstehen, im technischen Fortschritt nichts als Befreiung zu sehen. Die Materialschlacht war ein Triumph der Ingenieurskunst, und sie war zugleich die Stunde, in der Europa sich selbst zum Untergang verbaute. Sie war beides. Wer das eine ohne das andere denkt, hat aus der Somme nichts gelernt. Die 57 470 Männer, die an einem Sommervormittag 1916 fielen, hinterließen eine Frage, die sich an uns richtet: Wie viel Mensch hält eine Maschine aus? Und wie viel Maschine ein Mensch?

Sapere aude!

S.

Deine Unterstützung hält Ideen lebendig – und Geschichten in Bewegung. 👉 https://www.paypal.com/donate/?hosted_button_id=5NGG6XB67BZ4N 🙏

🇩🇪 Meine lyrischen Gedanken zwischen zwei Buchdeckeln: blau pause zimmerlautstärke - lyrik über die zeit - zurzeit

BoD Buchshop: https://buchshop.bod.de/blau-pause-zimmerlautstaerke-stefan-noir-9783695118779

Amazon-Shop: https://amzn.eu/d/1TvOBUO

🇺🇸 / 🏴󠁧󠁢󠁥󠁮󠁧󠁿 / 🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿 My lyrical thoughts between two book covers: blue pause room volume: poetry about time – currently

Amazon (English edition): https://amzn.eu/d/3b3GUF4