Die Butter auf dem Küchentisch hat über Nacht ihre Form aufgegeben. Sie liegt in der Schale wie ein zaghaftes Sonnenkonzept, ein zerlaufenes Gelb, das nicht mehr weiß, ob es noch Butter ist oder schon Sauce. Vielleicht ist das die ehrlichste Wettervorhersage dieser Tage: nicht der Deutsche Wetterdienst, nicht das ECMWF mit seinen 42-Grad-Spitzen für Südwestdeutschland, sondern das, was über Nacht in der eigenen Küche aus dem Aggregatzustand geraten ist.

Ich greife zu meinem Hemd, dem leichtesten, das der Schrank hergibt, setze den Panamahut auf, schiebe die Sonnenbrille ins Gesicht und trete vor die Tür – mit der unbestimmten Würde eines Mannes, der sich nicht ganz sicher ist, ob er ein Bamberger Spaziergänger ist oder bereits ein Tourist auf der Piazza Navona. Das Licht jedenfalls hat sich verschworen. Es kommt nicht mehr aus dem fränkischen Repertoire, das milde Grünweiß, das diese Stadt eigentlich trägt. Es ist ein anderes Licht, ein südlicheres, eines, das die Fassaden ausbleicht und die Schatten so scharf zieht, als hätte sie jemand mit dem Lineal gezogen.

Über uns liegt, so haben sie es uns erklärt, ein Omega. Ein griechischer Buchstabe, fast unbeholfen hingeworfen auf die Wetterkarte: ein Hoch über Mitteleuropa, gerahmt von zwei Tiefs, die ihm nicht beikommen. Das Modell rechnet seit Tagen damit, dass dieses Omega bleibt, sich versteift, die kühlere Luft nicht hereinlässt. Fabian Ruhnau von Kachelmannwetter spricht von einer „mächtigen Omega-Glocke", deren Zentrum über Frankreich liegt; das Joint Research Centre der EU-Kommission stuft das parallel laufende El-Niño-Ereignis als praktisch sicher und potenziell historisch ein. ZDF-Meteorologe Özden Terli ordnet das Ganze ein, indem er auf 2003 verweist – jenes Jahr, in dem in Europa zehntausende Menschen an der Hitze starben.

Es ist eine Eigenart unserer Sprache, dass das letzte Zeichen des griechischen Alphabets, das Omega, im Volksmund das Endgültige meint – das große O, die Schlussvokabel. Alpha und Omega, Anfang und Ende. Dass nun ausgerechnet dieses Zeichen über uns hängt wie ein zu schwerer Vorhang, ist eine jener literarischen Pointen, mit denen die Meteorologie gelegentlich aufwartet, ohne sie zu bemerken.

Ich gehe hinunter zur Regnitz. Der Weg führt durch Gassen, in denen die Hitze steht wie etwas Bauliches; man könnte sie anstoßen. Vor der Bäckerei am Eck steht ein älterer Herr und sagt zu einer ebenfalls älteren Dame: „Beim Mittag, sag ich Ihnen, da geht gar nichts mehr." Sie nickt mit dem leichten Triumph eines Menschen, der sich bestätigt fühlt, und antwortet: „Ich hab heut nur ein paar Tomaten und das war's." Es ist die Stunde, in der sich Bekannte plötzlich kennen, in der Fremde miteinander reden, weil das Wetter eine Demokratie der Bemerkung ist. Jeder hat Anspruch auf Mitteilung. Jeder ist Experte. Drei Schritte weiter zwei Studenten: „Boah, krass, oder?" – „Krass." Der Diskursgewinn der Hitzewelle hält sich auf allen Bildungsstufen die Waage.

An der Unteren Brücke öffnet sich der Blick auf das, was sie Klein Venedig nennen, und für einen Augenblick stimmt das Etikett. Die Fachwerkfront der Fischerhäuser flirrt, ein einsamer Kahn liegt im trägen Wasser, das Licht legt sich auf die Regnitz wie eine Folie aus dünnem Gold. Es ist nicht Venedig, aber es ist auch nicht mehr ganz Bamberg. Es ist irgendetwas dazwischen, ein Klima-Hybrid, ein Sommerprovisorium, in dem man weder geboren noch zuhause ist, sondern bloß zu Besuch.

Am Hainbad herrscht jene fränkische Form des Ausnahmezustands, die sich durch besonders ordentliches Verhalten auszeichnet. Liegetücher sind perfekt parallel ausgerichtet. Familien teilen Schatten wie andere Erbschaften. Kinder springen ins Wasser, ältere Herren waten hinein, mit einer Mischung aus Skepsis und Erleichterung. Es ist nicht das Meer; es ist ein Fluss in einer Stadt, die ihren Bischofsstuhl nicht so gerne hergibt. Aber heute, in diesem Licht, in dieser Temperatur, ist es ein Versprechen. Und unter den Bäumen, im Halbschatten, lacht jemand zu laut, und es klingt wie Italien.

In Paris, das lese ich später auf einer Bank im Hain, ist das Baden zur offiziellen Hitzewellen-Politik geworden. Seit dem 17. Juni öffnet das Bassin des Récollets im Canal Saint-Martin überwachte Badezeiten, jedes Mal, wenn die Stadt unter die orangefarbene Alarmstufe rutscht. Ab dem 4. Juli sind drei kostenlose Badestellen direkt in der Seine vorgesehen – bei Bercy, an der Pont Louis-Philippe und am Bras de Grenelle gegenüber der Pariser Freiheitsstatue. Die Stadt hat das Flussbaden nach hundert Jahren Verbot in ein bürgerliches Recht zurückverwandelt; die Bilder zeigen Pariser, die in jenes Wasser steigen, das ein Jahrhundert lang nur zum Betrachten taugte. Frankreich hat 49 Départements auf die höchste Hitzestufe Rot gesetzt; Atomkraftwerke drosseln ihre Leistung, weil die Flüsse zu warm geworden sind, um sie noch zu kühlen. Beim gestrigen Fête de la Musique war in mehreren Städten der Alkoholverkauf untersagt. Man feiert, aber nüchtern. Man tanzt, aber mit Wasserflasche.

Es gibt einen leisen Witz darin, dass eine Zivilisation, die das Schwimmen in der Seine ein Jahrhundert lang verbot, weil das Wasser zu schmutzig war, dieses Verbot ausgerechnet in dem Sommer aufhebt, in dem die Luft zu heiß wird. Das Wasser wurde sauberer, während alles andere umso bedrückender wurde. Vielleicht ist das die geheime Logik dieser Hitzewelle: Was an Außenwelt nicht mehr erträglich ist, holt man sich notgedrungen ins Wasser zurück.

Auf dem Rückweg kreuze ich eine Eisdiele. Die Schlange ist lang, italienisch ausgesprochen lang, und die junge Frau hinter der Theke sagt etwas auf Italienisch zu ihrem Vater, der nickt und das Schaufenster putzt. Sie tut es mit jener resignierten Heiterkeit, die das Italienische so gut beherrscht: einer Heiterkeit, die weiß, dass es heißer wird, und es trotzdem mit Würde übersteht. Ich bestelle ein Pistazieneis, das in der Sonne, kaum dass ich es habe, beginnt, sich aufzulösen.

Eigentlich, denke ich, während ich das Eis schneller esse, als man Eis essen sollte, ist dieser Sommer ein doppeltes Geschenk und eine doppelte Drohung. Ein Geschenk, weil er für einen Moment alles entspannt – Schritte, Sprache, Kleidung, das Verhältnis zu Wasser und Bäumen. Eine Drohung, weil dieses Geschenk auf einer Rechnung steht, die wir nicht selbst geschrieben haben und die uns nicht zugestellt wird, sondern den anderen: denen, die in den 14 spanischen Regionen unter Hitzewarnung leben, oder in den portugiesischen Wäldern, in denen der nächste Brand wartet.

Das Omega bleibt, sagen die Modelle, mindestens bis Ende Juni. Vielleicht den ganzen Siebenschläferzeitraum hindurch. Vielleicht den Sommer. Vielleicht hat es kein Ende mehr, sondern ist selbst das Ende, das es im Alphabet schon immer war.

Ich setze den Hut tiefer ins Gesicht. Das Pistazieneis ist gegessen, das Hemd klebt, der Schatten der Domtürme reicht nicht ganz bis zur Bank, auf der ich sitze. In der Ferne, jenseits der Regnitz, lacht jemand wieder zu laut. Und ich weiß noch immer nicht, ob das ein Lachen aus Italien ist oder eines aus Bamberg, das nur so klingt, weil das Licht gerade kein Bamberger mehr ist.

S.

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