Es gibt Bilder, die sich der Chronologie entziehen. Sie gehören keinem Jahr, sondern einer Wiederkehr. Am Morgen des 5. Juni 1989, einen Tag nachdem die Volksbefreiungsarmee den Platz des Himmlischen Friedens mit Panzern und scharfer Munition geräumt hatte, trat auf der breiten Chang'an-Allee ein Mann in weißem Hemd und dunkler Hose einer Kolonne von Kampfpanzern des Typs 59 entgegen. In jeder Hand trug er eine Einkaufstasche, als sei er auf dem Weg vom Markt nach Hause. Er stellte sich vor den führenden Panzer, dieser wich nach links aus, er trat erneut in den Weg, der Panzer schwenkte nach rechts, und wieder versperrte ihm der Mann die Fahrt. Dann kletterte er hinauf, sprach mit der Besatzung, stieg wieder herab. Schließlich zogen ihn einige Umstehende eilig fort. Wer er war, ob er überlebte, weiß bis heute niemand mit Gewissheit. Die Geschichte hat ihn verschluckt und sein Bild behalten.

Sechsunddreißig Jahre, sieben Monate und vierundzwanzig Tage später, am 29. Dezember 2025, setzte sich auf der Dschomhuri-Allee im Zentrum Teherans, unweit eines Einkaufszentrums für Mobiltelefone, ein junger Mann im Schneidersitz auf den Asphalt. Vor ihm rückte eine Linie von Sicherheitskräften und Basidsch-Milizionären auf Motorrädern vor, hinter ihm eine Menge, die seit Tagen gegen den Absturz des Rial, gegen Inflation und gegen die Verzweiflung eines verarmten Landes auf die Straße ging. Er rührte sich nicht. Anders als der Mann in Peking zog er sich die Jacke über den Kopf und verbarg sein Gesicht. Die internationale Presse taufte ihn binnen Stunden auf einen Namen, der schon vergeben war: «Tehran's Tank Man». Das Echo war so präzise, dass es schmerzte. Es ist, als hätte die Geschichte einen Vers wiederholt, dessen Reim wir längst kennen und dessen Bedeutung uns dennoch entgeht.

Das Bild, das den Mann überlebt

Susan Sontag hat in ihren Essays über die Fotografie den schönen, beunruhigenden Satz geprägt, dass Fotografieren heiße, dem Aufgenommenen Bedeutung zu verleihen. Das Bild adelt das Ereignis, das es festhält, und überlebt es zugleich. Vom Mann auf der Chang'an-Allee existieren mehrere Aufnahmen, geschossen aus den Fenstern und von den Balkonen des Beijing Hotels, von Jeff Widener für die Associated Press, von Stuart Franklin für Magnum, von Charlie Cole, von Arthur Tsang. Erst zwanzig Jahre später veröffentlichte Terril Jones eine Aufnahme aus Bodennähe, aus dem Gewühl der fliehenden Passanten heraus, weil er aus Respekt vor den ikonischen Bildern lange gezögert hatte. Es ist also eine paradoxe Genealogie: Der namenlose Mann wurde durch das Objektiv unsterblich und blieb durch dasselbe Objektiv namenlos. Das Foto machte ihn zum Sinnbild und löschte ihn als Person.

Hierin liegt die eigentümliche Grausamkeit der Ikone. Sie braucht das Individuum und verzehrt es. Was bleibt, ist eine Silhouette, ein Umriss, der sich mit beliebigem Inhalt füllen lässt – mit Hoffnung, mit Trauer, mit politischer Indienstnahme. Das Time Magazine zählte den «Unknown Rebel» 1998 zu den hundert einflussreichsten Menschen des Jahrhunderts; ein Mensch ohne Namen, ohne Gesicht im Sinne eines Steckbriefs, ohne gesichertes Schicksal. Sontag wusste, dass das fotografische Bild eine Form der Aneignung ist, eine stille Inbesitznahme der Wirklichkeit. Wer fotografiert, schreibt sie, verwandelt das Erlebte in ein Andenken und sich selbst in einen Zuschauer. Der Tank Man gehört uns allen, weil er niemandem gehört. Er ist zur Münze geworden, die in jeder Krise ihren Kurs behält.

Doch Sontag hat ihr eigenes Misstrauen gegen das Bild später noch verschärft. In ihrem späten Buch über das Leiden anderer fragte sie, ob die unablässige Zirkulation von Schreckensbildern uns nicht eher abstumpfe, als dass sie uns zum Handeln bewege. Das Mitgefühl, das ein Foto weckt, ist ein flüchtiges Gefühl; es verpufft, wenn ihm keine Tat folgt, und es kann sich in jene wohlige Gewissheit verwandeln, ohnmächtig und also unschuldig zu sein. Diese Skepsis ist es, die das Wiedersehen mit dem Tank Man heute begleitet. Wir erkennen das Motiv wieder, und im Wiedererkennen droht das Erschrecken zu erlöschen.

Anonymität als Schutz und als Schwäche

Und doch trennt die beiden Szenen ein entscheidender Zug, der mehr über unsere Gegenwart verrät als über ihre Helden. Der Pekinger trug sein Gesicht offen in die Kameras; er handelte in einer Welt, in der das Bild noch reisen musste, auf Filmrollen, in Botschaftskoffern über Grenzen geschmuggelt, ehe es die Mächtigen und die Öffentlichkeit erreichte. Der Teheraner verhüllte sich. Er wusste, dass jede Linse zugleich ein Auge des Staates sein kann, dass Gesichtserkennung und biometrische Datenbanken aus einem flüchtigen Augenblick ein lebenslanges Urteil destillieren. Seine über den Kopf gezogene Jacke ist das Kleidungsstück unserer Epoche: Schutzschild und Geständnis zugleich, ein Akt der Selbstauslöschung im Moment der größten Sichtbarkeit.

Darin liegt eine bittere Dialektik. Die Anonymität, die im Überwachungsstaat das nackte Überleben sichert, entzieht der Geste zugleich den Märtyrer, den sie verlangt. Eine Bewegung braucht Namen, Gesichter, Biografien, an denen sich Trauer und Solidarität festmachen können. Man denke an die junge Mahsa Amini, deren Tod in Polizeigewahrsam im Herbst 2022 eine ganze Erhebung entzündete, weil sie einen Namen, ein Alter, ein Gesicht hatte. Die alten Diktaturen erschufen ihre Märtyrer unfreiwillig, indem sie Menschen zu Tode brachten, deren Namen man kannte und an die man sich erinnern konnte. Die neuen verwischen die Gesichter, noch bevor das Regime zuschlägt. Wer sich verhüllt, schützt sich – und liefert dem Apparat zugleich das ein, was dieser am meisten begehrt: das Schweigen über die Identität, die Auflösung des Einzelnen in die Statistik der Festgenommenen. Die Verhüllung ist Notwehr und Niederlage in einem.

Das Handeln des Einzelnen

Hannah Arendt hat in ihrem Hauptwerk über die Tätigkeiten des Menschen das Handeln vom Herstellen und vom bloßen Arbeiten unterschieden. Handeln, so ihre große Intuition, ist die einzige Tätigkeit, die unmittelbar zwischen Menschen geschieht, ohne den Umweg über Dinge und Materie. Es ist der Vollzug des Anfangens, jene Fähigkeit, etwas Neues in die Welt zu setzen, das aus keiner Vorgeschichte zwingend folgt und das niemand vorhersagen kann. Arendt nannte diese Fähigkeit, mit einem theologisch grundierten Begriff, die Gebürtlichkeit: Jeder Mensch ist ein Anfang, weil er geboren wurde, und kann daher selbst zum Anfang werden. Der Mann, der aus der Menge tritt und sich allein vor eine Maschine aus Stahl stellt, vollzieht genau diesen unwahrscheinlichen Akt. Er beginnt etwas, dessen Ausgang niemand kennt, am wenigsten er selbst.

Für Arendt verwirklicht sich das Handeln nur im Erscheinungsraum, im öffentlichen Raum, in dem Menschen einander sehen und gesehen werden, in dem die Vielen als Verschiedene zusammentreten. Sie nannte dies die Pluralität: dass nicht der Mensch, sondern die Menschen die Erde bewohnen, jeder einzigartig und keiner ersetzbar. In diesem Augenblick des Auftretens offenbart sich, wer jemand ist – nicht was er ist, nicht seine Eigenschaften, sein Beruf, seine Herkunft, sondern das unverwechselbare Wer seiner Person. Hier zeigt sich die ganze Tragik der verhüllten Geste in Teheran. Der Mann handelt, er tritt in den Erscheinungsraum, und doch verweigert er das Erscheinen seines Gesichts. Er will handeln, ohne den Preis des Erkanntwerdens zu zahlen. Arendt hätte in dieser Spannung die ganze Not der Gegenwart gelesen: einen öffentlichen Raum, der zur Falle geworden ist, einen Auftritt, der zugleich Versteck sein muss. Und dennoch geschieht das Wunder, von dem sie sprach – der Anfang, der gegen alle Wahrscheinlichkeit gesetzt wird, weil ein Einzelner beschließt, dass die Welt so, wie sie ist, nicht weitergehen darf.

Die Macht der Machtlosen

Warum aber fürchtet ein Apparat, der über Panzer und Motorräder, über Gefängnisse und Gerichte gebietet, einen einzelnen sitzenden Mann? Václav Havel hat in seinem Essay über die Macht der Machtlosen die Antwort gegeben, lange bevor die Bilder aus Peking und Teheran sie illustrierten. Havels berühmtes Gleichnis ist der Gemüsehändler, der eine Parole ins Schaufenster hängt, an die er nicht glaubt, weil alle es tun und weil das Nichtteilnehmen gefährlicher wäre als das rituelle Mitmachen. Das Plakat behauptet eine Überzeugung, die der Händler nicht hat; es ist ein Zeichen der Unterwerfung, getarnt als Bekenntnis. Das System lebt nicht von der Überzeugung, sondern von der Mitwirkung, von dem täglichen kleinen Verrat an der eigenen Wahrheit, den Havel das Leben in der Lüge nannte. In dem Moment aber, in dem der Händler das Schild entfernt und beschließt, in der Wahrheit zu leben, durchbricht er das Gewebe der Lügen und entlarvt es als das, was es ist.

Der Mann vor dem Panzer ist der Gemüsehändler im äußersten Maßstab. Er hat aufgehört mitzuspielen, und seine Weigerung ist deshalb so bedrohlich, weil sie öffentlich, sichtbar und ansteckend ist. Sie zeigt den anderen, dass das Mitspielen eine Wahl war und keine Naturgewalt, dass die Mauer aus Gehorsam, die das Regime umgibt, aus lauter einzelnen Entscheidungen besteht. Der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, selbst ein Kind der Bewegung von 1989, hat den Zustand der chinesischen Machthaber mit hellsichtiger Schärfe beschrieben: Sie befänden sich seither in einem Zustand der Paranoia und witterten noch in der harmlosesten, friedfertigsten Gruppe eine fundamentale Gefahr. Diese Paranoia ist kein Wahn, sondern eine durchaus korrekte Wahrnehmung der eigenen Verletzlichkeit, denn kein Heer der Welt ist gegen das bloße Beispiel eines Einzelnen gewappnet. Denn die Macht der Machtlosen besteht nicht in Waffen, sondern in der schlichten Demonstration, dass ein anderes Verhalten möglich ist. Deshalb verschwand der Tank Man so spurlos, deshalb wurde der Teheraner geschlagen und fortgezerrt. Nicht weil sie etwas zerstörten, sondern weil sie etwas zeigten, das sich nicht mehr zurücknehmen ließ, sobald es einmal gesehen worden war.

Der Wiedergänger

Bleibt die Frage, was es bedeutet, dass eine Geste wiederkehrt. Man könnte es als Trost lesen: Solange Menschen sich vor Panzer und Motorräder setzen, ist der Mut nicht ausgestorben, und die stumme Sprache der Würde wird über Grenzen und Jahrzehnte hinweg verstanden. Der Teheraner hat den Pekinger zitiert, ohne ihn je gesehen zu haben, so wie ein Vers den anderen reimt. In diesem Reim liegt eine Verheißung – dass das Bild des einen dem anderen die Form geliehen hat, in der sein Aufbegehren überhaupt erst lesbar wurde. Die Ikone, so zweischneidig sie ist, stiftet eine Grammatik des Widerstands, die keiner Übersetzung bedarf.

Doch die Wiederkehr hat eine dunklere Seite. Dass die Geste nach siebenunddreißig Jahren noch immer nötig ist, ist eine Anklage. Sie bedeutet, dass die Welt, die der Mann von 1989 verändern wollte, in entscheidenden Teilen unverändert blieb. Sie bedeutet, dass die Maschinen, vor denen sich Menschen heute setzen, nur ihre Form gewechselt haben, von der Panzerkette zum Motorradgeschwader, von der geschmuggelten Filmrolle zur allsehenden Gesichtserkennung. Und sie hat einen Preis, der mit jeder Wiederholung zu steigen scheint. Der Mann, der das Teheraner Video aufnahm, der Videograf Masoud Payahoo, wurde im Mai dieses Jahres zu zehn Jahren Haft verurteilt, weil er angeblich mit Israel kooperiert habe; sein Anwalt beteuert, er habe das Bild nur einigen Freunden geschickt, ohne dass es je öffentlich werden sollte. Der Zeuge zahlt für das, was er sah, fast so teuer wie der, den er sah.

Sontag schrieb, dass die fotografierte Welt uns am Ende nicht unbedingt das Mitleid lehrt, sondern bisweilen die Abstumpfung. Vielleicht ist das die wahre Gefahr des Wiedergängers: dass wir das Bild schon kennen und es uns deshalb weniger trifft, dass wir die Ikone wiedererkennen und über dem Wiedererkennen das Erschrecken verlernen. Gegen diese Abstumpfung hilft nur eines – sich daran zu erinnern, dass hinter jeder Silhouette ein Mensch mit einem Namen steht, den wir nicht kennen, und mit einem Schicksal, das wir nicht erfahren werden. Der Mann von der Chang'an-Allee verschwand; der Mann von der Dschomhuri-Allee wurde fortgeschleift. Was bleibt, ist ihr Anfang, das Wunder des unwahrscheinlichen Neubeginns, das Arendt das Eigentliche allen Handelns nannte. Und die leise, hartnäckige Hoffnung, dass irgendwann ein Mensch sich vor eine Maschine stellen wird, dessen Geste keiner mehr zitieren muss, weil sie die letzte ihrer Art gewesen sein wird.

Sapere aude!

S.

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