Der Zug nach Gloggnitz roch nach nassem Wollmantel und altem Tabak – ein Geruch, den Heinrich Brenner als durchaus zivilisiert empfand. Er saß am Fenster, die dritte Zigarette in zwanzig Minuten zwischen den Fingern, und betrachtete, wie das winterliche Wien langsam in Hügel und Kiefernwälder überging. Der Semmering. Man fuhr nicht einfach dorthin. Man ließ sich dorthin treiben, wie ein Blatt, das der Wind irgendwann fallen lässt.
Valerie von Schrattenbach hatte ihn vor drei Wochen angerufen. Valerie, die er seit zwanzig Jahren nicht gesehen hatte. Valerie, die einmal den schönsten Lachen Wiens besessen hatte und die jetzt offenbar allein in der Villa ihrer Großmutter lebte, umgeben von Stuck und Schweigen.
»Heinrich«, hatte sie gesagt, »du bist der einzige Mensch, dem ich noch traue.«
Das hätte ihn warnen sollen. Aber Brenner war neugierig gewesen – und vielleicht auch ein wenig einsam, obwohl er das weder sich selbst noch dem Goldenen Lamm gegenüber zugegeben hätte.
Die Villa Schrattenbach lag oberhalb des Bahnhofs, hinter einer langen Fichtenallee, die im Schnee wie ein dunkler Korridor wirkte. Das Haus war Jugendstil, einst weiß, jetzt von der Zeit in jenes verwitterte Grau getrieben, das nur alte Villen und alte Adelige annehmen. Valerie erwartete ihn an der Eingangstreppe: kleiner als er sie in Erinnerung hatte, das Haar weiß, der Blick aber noch so scharf wie damals.
»Du rauchst noch immer zu viel«, sagte sie zur Begrüßung.
»Du siehst noch immer zu gut aus«, antwortete er.
Sie lächelte – und für einen Augenblick war es doch das Lachen aus Wien.
Der Abend verlief ruhig. Valerie kochte Rindssuppe mit Frittaten, dazu gab es Grauburgunder, und Brenner erfuhr, was er kommen gespürt hatte: Sie war nicht wirklich allein. Ihr Neffe Felix lebte seit einem halben Jahr bei ihr – Felix Schrattenbach, zweiunddreißig, der schwarze Schwan der Familie, wie Valerie ihn nannte, ohne weitere Erklärung.
Felix erschien zum Dessert. Er war groß, dunkel, mit dem unruhigen Charme eines Mannes, der zu viele Dinge gleichzeitig im Kopf hatte. Er schüttelte Brenner die Hand mit festem Griff, zu fest, wie Brenner fand – die Art von Griff, mit der man Stärke demonstriert, die man nicht besitzt.
»Der berühmte Kommissar«, sagte Felix. »Onkel Valeries persönlicher Sherlock Holmes.«
»Ex-Kommissar«, korrigierte Brenner.
»Das Präfix ändert wenig an der Substanz, oder?«
Brenner beobachtete Felix den ganzen Abend. Der junge Mann trank zu viel und redete zu wenig. Zweimal verließ er den Tisch unter einem Vorwand, und beim zweiten Mal war er eine Viertelstunde fort. Als er zurückkam, hatte er die Krawatte gelockert und die Augen eines Menschen, der gerade eine sehr unangenehme Nachricht erhalten hatte.
Brenner schlief schlecht.
Um sieben Uhr morgens fand das Hausmädchen Rosa den Körper.
Er lag am Fuß der seitlichen Außentreppe, die vom Westflügel direkt in den verschneiten Garten führte. Ein Mann in Felix Schrattenbach's Wintermantel, das Gesicht dem Boden zugewandt, die Arme seltsam verdreht. Der Schnee hatte ihn halb bedeckt. Rosa schrie. Valerie rief die Polizei. Und Brenner stand drei Minuten später daneben, die Zigarette unangezündet zwischen den Lippen, und betrachtete den Toten mit der stillen Konzentration eines Mannes, der plötzlich wach ist.
Der Inspektor aus Mürzzuschlag – ein junger, pflichtbewusster Mann namens Hofer – traf eine Stunde später ein. Sein erster Blick galt der vereisten Treppe, sein zweiter dem offenstehenden Fenster im ersten Stock, sein dritter dem Toten.
»Sturz«, sagte er. »Die Treppe ist gefährlich bei Frost. Herr Schrattenbach ist offenbar in der Nacht nach draußen gegangen – vielleicht zur Zigarette – und hat den Halt verloren.«
»Möglich«, sagte Brenner.
»Sie zweifeln?«
»Ich beobachte«, sagte Brenner. »Das ist etwas anderes.«
Von Felix Schrattenbach fehlte jede Spur. Sein Zimmer war leer, der Kleiderschrank halb ausgeräumt, das Bett unberührt. Die Polizei interpretierte das als Schock und Flucht. Brenner schwieg dazu.
Er blieb den Vormittag. Valerie saß in der Bibliothek und sprach wenig; ihre Hände, stellte Brenner fest, zitterten nicht – das Zittern kam erst, wenn man lügt oder wenn man die Wahrheit kennt und sich fürchtet. Valerie kannte die Wahrheit nicht. Das war das Einzige, dessen er sicher war.
Brenner ging zurück in den Garten.
Der Tote war abtransportiert worden, aber der Abdruck im Schnee blieb – eine stumme Schablone, die die Form eines Menschen festhielt. Brenner kniete nieder. Er betrachtete die Stelle, wo die Füße gelegen hatten. Dann stand er auf, ging zur Treppe und maß mit Blicken die Distanz zwischen dem letzten Absatz und dem Aufprallpunkt.
Zu weit. Bei einem Sturz hätte der Körper nicht so weit geflogen. Er wäre gerollt, gekippt, hätte gebremst. Dieser Körper war geworfen worden – oder er war bereits unten gelegen, als der Schnee zu fallen begann.
Brenner rauchte eine Zigarette und dachte nach.
Dann ging er ins Haus und bat Rosa, ihm Felix' Zimmer zu zeigen. Rosa war eine praktische Frau und stellte keine Fragen. Im Zimmer fand Brenner wenig: ein paar Bücher, einen leeren Koffer, eine Schachtel mit Briefen, die er nicht öffnete. Aber unter dem Bett, halb hinter einen Dachziegel geschoben, lag ein einzelner Schuh.
Größe 42.
Brenner dachte an den Toten im Garten. An die Hände. An die Art, wie die Finger lagen.
Er zog sein Notizbuch heraus und schrieb eine einzige Zahl: 44.
Inspektor Hofer hörte ihm zu, mit der geduldigen Ungläubigkeit junger Beamter, die noch nicht gelernt haben, dass die merkwürdigste Erklärung manchmal die richtige ist.
»Der Tote trägt Größe 44«, sagte Brenner. »Felix Schrattenbach trägt Größe 42. Der Schuh unter dem Bett ist von Felix. Wer immer dort unten liegt – es ist nicht Felix Schrattenbach.«
»Das ist…«
»Überprüfbar«, sagte Brenner. »Fingerabdrücke, Zahnkartei, DNA. Es wird Zeit brauchen, aber Sie werden feststellen, dass der Tote seit mehreren Wochen als vermisst gemeldet war. Wahrscheinlich ein Mann ohne festes Umfeld. Jemand, den niemand sofort sucht.«
Hofer schwieg einen Moment. »Und Felix Schrattenbach?«
»Ist nicht gestürzt. Er hat seinen eigenen Tod inszeniert. Er brauchte eine Leiche, einen Mantel, eine plausible Geschichte, und ein Fenster, das von innen leicht zu öffnen ist. Was er brauchte, hat er sich besorgt.«
Hofer lehnte sich zurück. »Warum?«
Brenner dachte an den zu festen Händedruck, an die gelockerte Krawatte, an die Augen eines Mannes mit schlechten Nachrichten. »Das«, sagte er ruhig, »ist Ihre Aufgabe herauszufinden. Ich vermute Schulden. Oder Erpressung. Oder beides. Menschen verschwinden nicht aus Spaß – sie verschwinden, wenn das Bleiben unmöglich geworden ist.«
Er stand auf und knöpfte seinen Mantel zu.
»Suchen Sie nach dem Vermissten zuerst. Dann nach dem Erpresser. Felix werden Sie finden – früher oder später tauchen sie alle wieder auf. Die Alpen sind groß, aber die Welt ist klein.«
Brenner fuhr am Nachmittag zurück nach Wien.
Im Zug bestellte er sich beim Schaffner einen Schwarzen, der, wie nicht anders zu erwarten, enttäuschend war. Aber der Blick aus dem Fenster war gut: Die Berge zogen vorbei, dann die Hügel, dann die ersten grauen Ränder der Stadt. Wien, das nie wirklich schläft und nie wirklich aufwacht, nahm ihn wieder auf wie immer – mit der lässigen Gleichgültigkeit einer Stadt, die zu viel gesehen hat.
Valerie hatte ihn an der Tür verabschiedet, ohne viele Worte. Sie hatte gewusst, dass Felix nicht zurückkommen würde – nicht bald, vielleicht nie. Trauer und Erleichterung lagen so nah beieinander, dass Brenner es für taktlos gehalten hätte, den Unterschied zu benennen.
»Er hat sich das Leben genommen«, hatte sie gesagt – und meinte damit nicht das, was die Polizei zunächst gedacht hatte.
»Er hat sich ein anderes Leben genommen«, hatte Brenner geantwortet. »Das ist ein Unterschied.«
Sie hatte ihn angesehen, lange. Dann hatte sie genickt.
Im Goldenen Lamm war noch Licht, als er um halb neun ankam. Mizzi brachte ihm ein Bier ohne Frage und einen Tafelspitz ohne Umstände, und Brenner saß am Stammtisch und dachte an einen Schuh der falschen Größe – das winzige, unscheinbare Versehen, das einem Mann das sorgfältig geplante neue Leben beinahe gekostet hätte.
Fast, dachte er. Aber nicht ganz.
Er trank sein Bier aus und bestellte ein zweites.
S.
Kommissar Brenner wird wiederkehren.

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