Die Kapitulation der Wehrmacht jährt sich. Ein staatlicher Gedenktag in Mecklenburg-Vorpommern, ein einmaliger Feiertag in Berlin, ein bundespolitisches Stiefkind. Über die merkwürdige Geschichte des 8. Mai, die Etymologie eines Schimpfworts und die Frage, ob wir die Vorzeichen heute erkennen würden.

Ein Datum zwischen Niederlage und Erlösung

Es gibt Tage in der Geschichte, die ihre Bedeutung erst rückwärts gewinnen. Der 8. Mai 1945 ist solch ein Tag. Als Generaloberst Alfred Jodl in der Nacht vom 6. auf den 7. Mai im Hauptquartier von General Eisenhower in Reims die bedingungslose Kapitulation unterzeichnete und die Waffenruhe am 8. Mai um 23:01 Uhr mitteleuropäischer Zeit in Kraft trat, empfand kaum ein Deutscher Befreiung. Die Städte lagen in Trümmern, Millionen waren tot, Millionen vertrieben, das Reich existierte nicht mehr. Was sich in den Köpfen der Überlebenden abspielte, war ein Gemisch aus Erschöpfung, Scham und nackter Existenzangst – nicht aber das Gefühl, einer Tyrannei entronnen zu sein.

Theodor Heuss formulierte es vier Jahre später, am 8. Mai 1949, mit der für ihn typischen denkerischen Schärfe: Im Grunde sei dieser Tag „die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns. Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind." Es ist diese tief verwurzelte Doppeldeutigkeit, die das öffentliche Gedenken bis heute kompliziert macht. Die Alliierten verstanden sich nicht als Befreier, sondern als Sieger und Besatzer. Erst die nachgeborene Perspektive vermochte aus dem Untergang ein Datum der Hoffnung zu destillieren.

Ein Tag der Befreiung war der 8. Mai zweifellos für jene, die das Regime in Konzentrationslagern, Zwangsarbeiterlagern und Kriegsgefangenschaft eingesperrt hatte. Ein Tag der Befreiung war er für die besetzten Länder Europas, für die Widerständler, für die jüdischen Überlebenden, deren Familien das Reich vernichtet hatte. Für die Mehrheit der Deutschen aber, die noch immer glaubte, für die gute Sache gekämpft zu haben, war es der Tag eines schmerzlich erfahrenen Erwachens. Hannah Arendt beobachtete, als sie 1949 nach Deutschland reiste, ein verstörendes Phänomen: die Deutschen stolperten geschäftig durch die Ruinen ihrer tausendjährigen Geschichte, hatten für die zerstörten Wahrzeichen ein Achselzucken übrig und verübelten es einem, an die Schreckenstaten erinnert zu werden, die der übrigen Welt keine Ruhe ließen. Es war diese Abwehr der Wirklichkeit durch fieberhafte Geschäftigkeit, an der die ersten Besinnungsappelle ohnmächtig abprallten.

Die ostdeutsche Vorgeschichte und die westdeutsche Verspätung

Wer die Geschichte des Gedenktags rekonstruiert, stößt auf eine ideologische Asymmetrie. Die DDR erklärte den 8. Mai bereits 1950 zum gesetzlichen Feiertag – als „Tag der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus". Bis 1967 blieb er arbeitsfrei, danach ein normaler Werktag mit offiziellen Zeremonien. 1985, zum vierzigsten Jahrestag, wurde er noch einmal zum staatlichen Feiertag erklärt. Bemerkenswert: In der DDR vermied man die Begriffe Nazi und Nationalsozialismus weitgehend, weil der Wortbestandteil -sozialismus dort affirmativ besetzt war. Man sprach stattdessen von Faschismus.

In der Bundesrepublik dauerte es Jahrzehnte, bis der 8. Mai überhaupt Eingang in die offizielle Erinnerungskultur fand. Erst Bundeskanzler Willy Brandt erwähnte ihn 1970 in einer Regierungserklärung – und erntete den Widerspruch der Union: „Niederlagen feiert man nicht." Der Durchbruch kam fünfzehn Jahre später, am 8. Mai 1985, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Plenarsaal des Bundestags jene Sätze sprach, die bis heute den Ton der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur prägen: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft." Und in einem Atemzug formulierte er das Junktim, das jedem Erinnerungsritual zugrunde liegt: „Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen."

Das geographische Mosaik des Gedenkens

Die Karte des europäischen Erinnerns ist bunt und uneinheitlich. In Frankreich, Tschechien und der Slowakei ist der 8. Mai gesetzlicher Feiertag. Russland feiert am 9. Mai – nicht aus Trotz, sondern aus Zeitzonenarithmetik: Die Kapitulation trat nach Moskauer Zeit erst am Folgetag in Kraft. Die Niederlande gedenken am 5. Mai ihres „Bevrijdingsdag", Italien am 25. April. In den Vereinigten Staaten und im Commonwealth wird der V-E-Day, der Victory in Europe Day, als offizieller Gedenktag begangen.

Und Deutschland? Bundesweit ist der 8. Mai bis heute kein Feiertag. Seit März 2002 ist er in Mecklenburg-Vorpommern staatlicher Gedenktag unter der etwas spröden, aber präzisen Bezeichnung „Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des 2. Weltkrieges". Brandenburg folgte 2015, Schleswig-Holstein, Hamburg und Thüringen kamen hinzu. Berlin geht einen eigenen Weg: Zum 75. Jahrestag 2020 wurde der 8. Mai dort einmalig gesetzlicher Feiertag, ebenso 2025 zum achtzigsten Jahrestag. Eine bundesweite Lösung blieb bislang aus, obwohl die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano sie 2020 in einem offenen Brief an den Bundespräsidenten gefordert hatte und auch der DGB sich seit 2018 dafür einsetzt.

Vom Koseworte zum Schimpfwort: Die Etymologie des Wortes Nazi

Wer den 8. Mai zum Tag der Befreiung erklärt, sollte wissen, wovon befreit wurde. Der Nationalsozialismus trug seinen Namen mit kalkulierter Doppeldeutigkeit. Das Wort verband den Nationalismus, der nach 1918 in der Weimarer Republik gärte, mit einem als sozial firmierenden Versprechen, das die enttäuschten Massen ansprechen sollte. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, kurz NSDAP, gegründet 1920 unter Hitlers Führung, kombinierte zwei semantische Sphären, die sich politisch eigentlich ausschließen. Es war eine ideologische Mogelpackung – und eine außerordentlich erfolgreiche.

Das Kürzel Nazi indes hat eine bemerkenswert volkstümliche Vorgeschichte. Ursprünglich war Nazi eine Koseform des Vornamens Ignaz, der besonders in Bayern und Österreich verbreitet war. Ludwig Thoma brachte 1905 am Münchner Gärtnerplatztheater seinen Bauernschwank „Der Schusternazi" zur Uraufführung. Im Volksmund bezeichnete das Wort eine einfältige, törichte Person; im Ersten Weltkrieg war es ein Spitzname für die Soldaten Österreich-Ungarns. Süddeutsche Gegner der NSDAP griffen diese abwertende Konnotation in den frühen zwanziger Jahren auf, wohl wissend um den Spott, der mitschwang. Anfangs hatte Naso als Abkürzung für Nationalsozialist kursiert; der Journalist Konrad Heiden – so jedenfalls die Lesart des amerikanischen Forschers Ron Rosenbaum – popularisierte das Wort Nazi gezielt in seinen Artikeln. Die NSDAP versuchte zeitweise, die Bezeichnung als „Trotzwort" anzunehmen, gab den Versuch aber auf und vermied den Begriff später weitgehend. Aus deutscher Exilantensprache wanderte das Wort in andere Sprachen, kehrte nach 1945 zurück und ist heute ein Synonym für das Furchtbarste, das die deutsche Geschichte hervorgebracht hat.

Februar 1933 – oder die Übersehbarkeit des Offensichtlichen

Wer Uwe Wittstocks Chronik „Februar 33. Der Winter der Literatur" liest, kommt aus dem Staunen nicht heraus. In den vier Wochen zwischen der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und den Wahlen am 5. März verwandelte sich die Weimarer Republik mit atemberaubender Geschwindigkeit in eine Diktatur. Die Verordnungen zur Aufhebung der Grundrechte folgten Schlag auf Schlag, oft begleitet von der Gewalt der SA und SS. Joseph Roth nahm noch am Tag der Ernennung den Zug nach Paris. Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Else Lasker-Schüler – die literarische Elite floh in alle Richtungen. Andere, wie Gottfried Benn, blieben und arrangierten sich. Wittstock erzählt das wie einen Thriller, dessen Pointe darin besteht, dass die Hauptfiguren bis zum letzten Augenblick nicht glauben wollen, was vor ihren Augen geschieht.

Warum hat das niemand erkannt? Diese Frage ist falsch gestellt. Erkannt haben es viele – Carl von Ossietzky, Erich Mühsam, Ernst Toller, Kurt Tucholsky, der schon 1922 in der „Weltbühne" einen Artikel mit dem Titel „Die Nazis" publizierte. Erkannt haben es die Sozialdemokraten, deren Reichstagsfraktion am 23. März 1933 als einzige geschlossen gegen das Ermächtigungsgesetz stimmte, während Otto Wels in seiner berühmten Rede ausrief: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht." Doch erkennen heißt noch nicht handeln. Die Mehrheit hoffte, der Spuk werde vorübergehen. Die bürgerlichen Parteien glaubten, Hitler einrahmen zu können. Die Eliten meinten, ihn zu kontrollieren. Die Justiz war auf dem rechten Auge blind, die Reichswehr verharrte in ihrer Tradition obrigkeitsstaatlicher Loyalität, die Großindustrie spendete kräftig. Es war keine Frage des Erkennens, sondern des Wollens, des Mutes, der Verantwortung.

Wie stabil ist eine Gesellschaft, die sich für stabil hält?

Demokratien sterben, schreiben die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt in ihrem 2018 erschienenen Buch „Wie Demokratien sterben", heute selten durch Putsche, sondern durch die langsame Erosion ihrer ungeschriebenen Regeln. Sie sterben in Zeitlupe, durch das Verschieben der Diskursgrenzen, durch das Aushöhlen der Gewaltenteilung, durch die Normalisierung des Unsagbaren. Wer heute beobachtet, wie auf sozialen Plattformen Geschichtsverharmlosung salonfähig wird, wie Gewaltphantasien gegen politische Gegner zur Chiffre des Mobilisierungsvokabulars werden, wie das Wort Lügenpresse mit vermeintlich harmloser Geste rehabilitiert wird, der findet wenig Anlass zur Selbstgefälligkeit.

Andererseits: Die Bundesrepublik des Jahres 2026 ist nicht die Weimarer Republik des Jahres 1932. Es gibt keinen verlorenen Weltkrieg, keine Hyperinflation, keine Massenarbeitslosigkeit von sechs Millionen, keine paramilitärischen Verbände auf den Straßen, die sich offene Schießereien liefern. Die Institutionen sind robuster, die europäische Einbettung dichter, die Medienlandschaft trotz aller Verwerfungen vielfältiger. Und doch lehrt der Blick auf 1933, dass nicht die Stabilität der Verhältnisse den Kipppunkt entscheidet, sondern die Bereitschaft der Eliten, sie zu verteidigen. Es war nicht die Schwäche der Weimarer Verfassung, die Hitler an die Macht brachte – es waren Männer wie Hindenburg, Papen und Hugenberg, die glaubten, sich des Demagogen bedienen zu können. Die berühmte Lehre Friedrich Eberts gilt unverändert: Eine Demokratie kann nur leben, wenn die Demokraten sie wollen.

Das Vermächtnis und die Verantwortung

Was bleibt also vom 8. Mai? Mehr als ein arbeitsfreier Tag, der er in Deutschland bislang nicht ist. Mehr als ein Anlass für Sonntagsreden. Der Tag der Befreiung ist eine bleibende Mahnung, dass die Zivilisation kein Naturzustand ist, sondern eine zerbrechliche Errungenschaft, die jede Generation aufs Neue verteidigen muss. Hannah Arendt hat in ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess von der „Banalität des Bösen" gesprochen – nicht um Eichmann zu entschuldigen, sondern um sichtbar zu machen, wie das Ungeheure aus der Pflichterfüllung der Mittelmäßigen erwächst. Das Böse ist selten genial. Es ist meist schlicht, gehorsam, beflissen. Genau das macht es so gefährlich.

Wer durch Mecklenburg-Vorpommern reist und an Mahnmalen vorbeikommt, wer in Berlin am 8. Mai des Endes des Krieges gedenkt, wer in Brandenburg an einer der zahlreichen, von engagierten Bürgern getragenen Gedenkveranstaltungen teilnimmt, sollte sich an Bonhoeffers Satz aus dem Tegeler Gefängnis erinnern: „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit." Nicht weil die Menschen heute dümmer wären als 1933 – das wäre eine billige Geste. Sondern weil das Erkennen allein nicht genügt. Es braucht die zähe, undramatische Arbeit der demokratischen Kultur, das geduldige Zuhören, das Aushalten von Widerspruch, die Lust an der Argumentation. Es braucht Bürger, die wissen, wovon sie sprechen, wenn sie von Freiheit reden. Es braucht ein Gedächtnis, das sich nicht mit Daten begnügt, sondern den Schmerz der Geschichte ernst nimmt.

Der 8. Mai 1945 war kein Sieg der Deutschen. Er war auch nicht ihre Niederlage allein. Er war die historische Stunde, in der die zivilisierte Welt sich daran erinnerte, was Zivilisation kostet, wenn man sie achtlos aufgibt. Achtzig Jahre danach ist diese Erinnerung kein Privileg der Älteren mehr. Sie ist eine Pflicht der Lebenden – und unsere wichtigste Versicherung gegen das, was sich nie wiederholen darf, weil es sich auf neue Weise stets wiederholen will.

Sapere aude!

S. 

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