Wer am Morgen des ersten Mai durch eine deutsche Stadt geht, sieht zwei Bilder zur selben Zeit. Auf dem einen wehen rote Fahnen, ein Gewerkschaftssekretär ergreift das Mikrofon, ein Maibaum reckt sich in den Himmel, irgendwo klimpert eine Bierkasse. Auf dem anderen flackern Bildschirme. In den Rechenzentren der Republik laufen die Server weiter, und in den Großraumbüros, die heute leer sind, schreiben Sprachmodelle Berichte, die gestern noch Sachbearbeiter verfasst hätten. Der Feiertag liegt zwischen diesen beiden Bildern wie ein Scharnier. Er erinnert an einen Kampf, den unsere Großeltern für gewonnen hielten, und er stellt die Frage, ob er heute noch derselbe ist.

Es lohnt sich zu fragen, was wir an diesem Tag eigentlich begehen. Die Antwort ist komplizierter, als die roten Nelken am Revers vermuten lassen.

Chicago, der Heumarkt und die rote Nelke

Der Erste Mai ist kein deutsches Erbstück. Er ist ein amerikanischer Import, und er trägt die Spuren eines Blutbades, das viele Demonstranten heute kaum noch zu nennen wüssten. Am 1. Mai 1886 traten in den Vereinigten Staaten rund vierhunderttausend Beschäftigte in einen Generalstreik, um eine Forderung durchzusetzen, die uns heute selbstverständlich erscheint und damals utopisch klang: den Achtstundentag. Allein in Chicago waren es neunzigtausend Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich auf dem Haymarket versammelten, einer Stadt mit migrantischen Arbeitern aus Deutschland und Böhmen, die für anderthalb Dollar am Tag schufteten und über sechzig Stunden die Woche auf den Beinen standen.

Drei Tage später, am Abend des 4. Mai, eskalierte eine zunächst friedliche Kundgebung. Eine Bombe flog in eine Polizeieinheit, die Polizei eröffnete das Feuer, es gab Tote auf beiden Seiten. Die Verfahren, die folgten, waren juristisch dünn und politisch eindeutig. Vier Anführer wurden im November 1887 gehängt, einer beging in seiner Zelle Suizid, drei wurden Jahre später begnadigt. August Spies, einer der Gehenkten, soll vor seinem Tod gesagt haben, die Zeit werde kommen, in der sein Schweigen lauter sei als die Stimmen, die ihn zum Schweigen brächten. Es war ein Satz, der zur Parole wurde.

Drei Jahre nach dem Heumarkt, im Juli 1889, beschloss der Gründungskongress der Zweiten Internationale in Paris, an die Toten von Chicago zu erinnern. Am 1. Mai 1890 sollten die Arbeiter weltweit, gleichzeitig in allen Ländern und allen Städten, auf die Straße gehen. In Deutschland war zu diesem Zeitpunkt noch das bismarcksche Sozialistengesetz in Kraft. Die Sozialdemokratie galt als gemeingefährlich, sie konnte nicht legal demonstrieren. Aus dem Untergrund heraus gab man die Parole aus, eine rote Nelke ins Knopfloch zu stecken. Blumen ließen sich nicht verhaften. Sechs Monate später lief das Sozialistengesetz aus.

Vom Kampftag zum Feiertag, mit einem braunen Zwischenspiel

Die Geschichte des 1. Mai in Deutschland ist ein Lehrstück darüber, wie ein politisches Datum mehrfach umgewidmet werden kann. 1919 erklärte ihn die junge Republik einmalig zum gesetzlichen Feiertag. Dann verschwand er wieder im Streit der Parteien. Wirklich ironisch wurde es ab 1933. Die Nationalsozialisten, die in der Arbeiterbewegung ihren erklärten Gegner sahen, machten den Tag zum „Tag der nationalen Arbeit" und nutzten die Aufmärsche als Bühne. Einen Tag später, am 2. Mai, wurden die Gewerkschaftshäuser besetzt, die Funktionäre verhaftet, die freien Gewerkschaften zerschlagen. Der Feiertag, der die Arbeiterklasse hatte ehren sollen, wurde zur Ouvertüre ihrer Entmachtung.

Nach 1945 spaltete sich auch dieser Tag. In der DDR wurde er als „Internationaler Kampftag der Werktätigen" mit Massenparaden begangen, die das Regime brauchte, um sich seiner selbst zu vergewissern. In der Bundesrepublik blieb er gesetzlicher Feiertag, allerdings entschärft, deklariert als „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde" – eine Formulierung, die alles und nichts sagt und gerade dadurch konsensfähig wurde. Heute ist der 1. Mai in Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Luxemburg und in Teilen der Schweiz arbeitsfreier Tag, in vielen weiteren Staaten ohnehin. Er ist Höhepunkt des Maibrauchtums, mit Maibäumen und Tanz in den Mai, und er ist Aufmarschtag des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Beides koexistiert, mal mehr, mal weniger friedlich.

Kreuzberg, die Hafenstraße und die Liturgie der Randale

Wer den 1. Mai nur als Feiertag kennt, kennt ihn halb. Seine zweite Hälfte spielt seit knapp vierzig Jahren in den linksradikalen Milieus zweier Städte: in Berlin-Kreuzberg und im Hamburger Schanzenviertel, in Sichtweite der legendären Hafenstraße. Der 1. Mai 1987 in Kreuzberg gilt als Geburtsstunde eines Mythos. Vor dem Hintergrund der von linksalternativen Gruppen abgelehnten 750-Jahr-Feier Berlins, einer Kampagne gegen die staatliche Volkszählung und eines konfrontativen Polizeieinsatzes auf dem Lausitzer Platz eskalierte die Situation in einer Weise, die alle bisherigen Straßenschlachten der Hausbesetzerzeit übertraf. Die Polizei musste sich für mehrere Stunden vollständig aus SO 36 zurückziehen, dem östlichen Teil Kreuzbergs. Geschäfte wurden geplündert, der Bolle-Supermarkt am Görlitzer Bahnhof brannte. Aus Sicht der autonomen Szene war das ein Triumph. Aus Sicht der Polizei der Beginn einer neuen Liturgie. Seither gibt es jedes Jahr eine sogenannte Revolutionäre 1.-Mai-Demonstration, längst ein Ritual mit eigener Choreografie, Vorlauf, Walpurgisnacht und Nachbereitung.

In Hamburg sind die Wurzeln noch tiefer und stadtgeografisch präziser. Die Hafenstraße in St. Pauli, jene elf gründerzeitlichen Wohnhäuser zwischen Reeperbahn und Landungsbrücken, war ab Ende 1981 schleichend besetzt worden. Die städtische SAGA hatte die einst architektonisch anspruchsvollen Bauten verkommen lassen, geplant war eine „Perlenkette" aus Büroimmobilien am Elbufer. Studierende, Autonome, Wohnungssuchende zogen ein. Es folgten Räumungen, Wiederbesetzungen, Barrikaden, Verträge, gekündigte Verträge, neue Barrikaden. Im November 1987 standen sich fünftausend Polizisten und verbarrikadierte Bewohner gegenüber, die Presse sprach von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen". Bürgermeister Klaus von Dohnanyi handelte gegen den Widerstand der eigenen Partei einen Pachtvertrag aus. 1995 wurden die Häuser an die Genossenschaft „Alternativen am Elbufer" verkauft. Der Häuserkampf war beendet, die Symbolik blieb. Bis heute zieht es am 1. Mai vor allem junge Männer ins Schanzenviertel, ins Umfeld der Roten Flora, der seit 1989 besetzten ehemaligen Theaterbühne, wo das Aufeinandertreffen mit der Polizei zur Generalprobe der eigenen Biographie geworden ist.

Warum gerade dort? Weil Stadtteile Gedächtnisse haben. Weil Pflastersteine an Orten liegen bleiben, an denen einmal welche flogen. Weil Konflikte sich in Topographien einschreiben, lange nachdem die ursprüngliche Sache geklärt ist. Das ist soziologisch kein Geheimnis, aber politisch eine Schwierigkeit. Der Tag der Arbeit hat in diesen Vierteln aufgehört, vom Achtstundentag zu handeln. Er handelt von Gentrifizierung, von Identität, von der Frage, wem die Stadt gehört, und manchmal nur noch von der Frage, wer den Mai-Abend gewinnt.

Eine Liturgie auf der Suche nach ihrem Anlass

Damit ist die unangenehme Frage gestellt, die der Tag selbst seit Jahren nicht mehr offen ausspricht. Macht ein Tag der Arbeit, der historisch dem Achtstundentag galt, in einer Wirtschaft noch Sinn, in der die meisten Beschäftigten nicht mehr am Fließband stehen, sondern vor Bildschirmen sitzen, und in der der nächste Substitutionsschub nicht mehr Maschinen, sondern Algorithmen heißt? Die Zahlen, die in den vergangenen Monaten veröffentlicht wurden, lassen wenig Raum für Ausflüchte. Die deutsche Industrie hat 2025 rund einhundertvierundzwanzigtausend Stellen verloren, die Autoindustrie allein etwa fünfzigtausend. Seit 2019 ist in der Automobilbranche jeder siebte Arbeitsplatz verschwunden, mehr als hunderttausend Stellen. Die Zahl der Industrieinsolvenzen erreichte 2025 ein Zwölf-Jahres-Hoch. Die Energiekosten liegen in Deutschland teilweise viermal so hoch wie in Nachbarländern. Hinzu kommen die Spätfolgen der Pandemie, die Verwerfungen globaler Lieferketten, die Unsicherheit über Handelsrouten von Hormus bis Taiwan, und ein erratischer Zollkurs aus Washington, der jeden Quartalsbericht zur Prognose macht.

In dieselbe Lage hinein platzt die zweite Welle der Künstlichen Intelligenz. Die Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vom Sommer 2025 spricht von rund 1,6 Millionen Arbeitsplätzen, die sich in den nächsten anderthalb Jahrzehnten inhaltlich oder strukturell verändern werden. McKinsey-Forscher gehen davon aus, dass bis 2030 fast ein Drittel aller Arbeitsstunden in Europa und den Vereinigten Staaten automatisierbar sein wird. Goldman Sachs hatte schon vor Jahren eine Zahl in den Raum geworfen, die seither in der Debatte umherspukt: bis zu dreihundert Millionen Vollzeitstellen weltweit, die durch generative KI substituiert werden könnten. Diese Schätzungen sind grob, sie sind streitig, sie sind in der Sache trotzdem ernst zu nehmen. Anders als bei den Automatisierungswellen des zwanzigsten Jahrhunderts greift die jetzige nicht zuerst in die Werkshalle, sondern in das Büro, ins Rechtswesen, ins Lektorat, in die Verwaltung, in genau jene Schicht, die zuletzt den Aufstieg von der körperlichen zur kognitiven Arbeit gefeiert hatte.

Wer hier von Krisengefahr spricht, ist kein Pessimist, sondern Buchhalter. Wenn ein erheblicher Teil der mittleren Wissensarbeit in einem Jahrzehnt zur Disposition steht, während gleichzeitig die industrielle Basis abwandert, ist das kein Sektorproblem, sondern ein Gesellschaftsproblem. Es geht um die Frage, was Menschen morgens aus dem Bett zieht, wenn ihre Arbeit nicht mehr gebraucht wird, oder genauer: wenn ihre Arbeit zwar noch gebraucht, aber nicht mehr bezahlt wird, weil die Maschine dasselbe in Sekunden liefert. Die soziale Frage des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist nicht die der Arbeitszeit, sondern die der Arbeit überhaupt.

Bräuchten wir nicht eher einen Tag der Bildung?

Das ist der Punkt, an dem der 1. Mai sich neu erfinden müsste, wenn er nicht zur Folklore werden will. Vielleicht bräuchten wir, polemisch gesprochen, einen Tag der Bildung. Einen Tag, der nicht den Achtstundentag des Industriearbeiters feiert, sondern die Voraussetzungen schafft, dass Menschen in einer Wirtschaft bestehen können, in der die Routinearbeit, ob am Fließband oder am Schreibtisch, an Maschinen abgegeben wird. Die Industrieländer, die in den nächsten Jahrzehnten gewinnen, werden jene sein, die schneller in Bildung, Forschung und Grundlagenwissenschaft investieren als ihre Konkurrenten, und die diese Investitionen breit verteilen, bis hinein in Berufsschulen und Volkshochschulen.

Damit verbunden ist eine zweite, fast vergessene Frage: die nach der Autarkie. Die letzten fünf Jahre haben gezeigt, dass globale Lieferketten Schönwetterveranstaltungen sind. Pandemie, Krieg, Energiepreis-Schock, Hormus, Suez, Taiwan: jede Krise hat dieselbe Lehre erteilt. Wer nicht selbst produziert, ist erpressbar. Es geht nicht um wirtschaftlichen Nationalismus, sondern um eine nüchterne Risikoabwägung. Energie, Halbleiter, pharmazeutische Wirkstoffe, kritische Rohstoffe und in zunehmendem Maße auch Rechenkapazität sollten in Europa in einem Umfang produziert werden, der das Land widerstandsfähig macht. Das ist teurer als die jetzige Lage. Aber es ist billiger als die nächste Krise.

Die Risiken, die in der Gegenwart liegen, sind benannt. Die Chancen sind weniger sichtbar, aber realer als das öffentliche Klagelied vermuten lässt. Eine Volkswirtschaft, die altert und schrumpft, kann sich Maschinen, die ihr Routineaufgaben abnehmen, nicht nur leisten, sondern braucht sie. Pflege, Medizin, Verwaltung, Wissenschaft profitieren von Automatisierung in einem Ausmaß, das Tarifverhandlungen kaum je herbeigeführt haben. Das Modell „Neunzig Prozent Routine, zehn Prozent Urteil" wird zu „Zehn Prozent Routine, neunzig Prozent Urteil". Wer urteilen kann, wird gebraucht. Wer es nicht kann, wird abgehängt. Das ist die zweite, freundlichere Form der sozialen Frage. Sie lässt sich durchaus beantworten. Aber gewiss nicht durch Schweigen, und auch nicht durch Pflastersteine.

Was bleibt vom ersten Mai

Der erste Mai ist gut hundertvierzig Jahre alt. Er hat einen amerikanischen Vater und eine internationale Mutter, er hat die Kaiserzeit überstanden, die Diktatur, die Teilung und die Vereinigung. Er hat seine Bedeutung mehrfach gewechselt, er ist abgenutzt, instrumentalisiert, gefeiert, beworfen worden. Vielleicht ist genau das sein Vorzug. Ein Tag, der so viel hinter sich hat, taugt nicht zur Liturgie ohne Inhalt. Er taugt aber sehr wohl als Anlass, alle paar Jahre neu zu prüfen, was Arbeit eigentlich heißt und was wir an ihr ehren. Vielleicht den Achtstundentag, der historisch errungen ist und gegenwärtig wieder bröckelt. Vielleicht die Würde des Tuns, die unabhängig von Lohnarbeit existiert. Vielleicht das Recht, am Wandel teilzuhaben, statt von ihm überrollt zu werden.

Der Polizist in Berlin und der Demonstrant in der Schanze, der Maibaum im fränkischen Dorf und der Server in Frankfurt, der Bandarbeiter in Wolfsburg und der Sprachmodell-Trainer in Heilbronn, sie gehören in dieselbe Geschichte. Sie steht noch nicht fest. Sie wird gerade geschrieben. Manche schreiben sie mit Pflastersteinen, manche mit Verträgen, manche mit Code. Die schöne Pflicht des Feiertags ist es, einen Tag im Jahr daran zu erinnern, dass auch das Schreiben Arbeit ist. Und dass Arbeit das Letzte ist, was wir je werden vergessen dürfen.

Sapere aude!

S. 

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