Das Osterei lag noch auf dem Küchentisch, unbepinselt, weil die Kinder gestern zu müde gewesen waren und ich zu abgelenkt, als dass wir es noch geschafft hätten, und jetzt lag es da, dieses blasse, stumpfe Ding, und sah aus wie etwas, das darauf wartet, beschriftet zu werden, so wie dieser Dienstag, der morgen kommen wird und der auf Truth Social bereits einen Namen hat: „Power Plant Day, and Bridge Day, all wrapped up in one." Kraftwerkstag. Brückentag. Wobei Brückentag ja eigentlich ein schönes deutsches Wort ist, eines, das nach Freizeit klingt, nach einem eingeklemmten Freitag zwischen Feiertag und Wochenende, nach einer kleinen, harmlosen Lücke im Kalender. Aber hier ist nichts harmlos, hier ist nichts eingeklemmt, hier ist nur eine Frist, die abläuft wie eine Zündschnur, und am Ende steht, so die Ansage aus Washington, die Hölle.

Ich ging hinaus, weil man an solchen Tagen hinausgehen muss, weil die Wohnung zu klein wird für das, was sich da zusammenbraut, und weil die Straßen so tun, als wüssten sie von nichts. Am Dom vorbei, wo die Osterglocken noch nachhallten (oder bildete ich mir das ein?), Richtung Inselstadt, über die untere Brücke, die hier seit Jahrhunderten steht und die einfach nur eine Brücke ist und kein militärisches Ziel. Es war Ostermontag, die Stadt lag still, und auf meinem Telefon stand: „Open the F****** Strait, you crazy b*******, or you'll be living in Hell – JUST WATCH! Praise be to Allah." So schreibt der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika am Ostersonntag. Gelobt sei Allah. Man reibt sich die Augen, aber es verschwindet nicht.

Die Fakten, soweit man sie an einem solchen Tag noch Fakten nennen kann: Am 28. Februar hatten die USA und Israel mit Überraschungsangriffen auf den Iran begonnen, Khamenei wurde getötet, das Land antwortete mit Raketen auf Israel, auf US-Stützpunkte, auf Golfstaaten, und sperrte die Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Fünftel des weltweiten Ölhandels fließt. Seitdem liegen Hunderte Tanker, Containerschiffe, Frachter fest. Trump setzte Ultimaten, verschob sie, setzte neue, verschob auch die, und jetzt also Dienstag, 20 Uhr Eastern Time, Mittwoch 2 Uhr bei uns, während wir schlafen. Oder eben nicht schlafen. Dann sollen, wenn der Iran die Meerenge nicht öffnet, Kraftwerke fallen, Brücken, Energieanlagen. Und – das ist der Punkt, an dem mir auf der Brücke über die Regnitz die Luft kurz wegblieb – möglicherweise auch Bushehr.

Bushehr. Das einzige aktive Kernkraftwerk des Iran, gebaut an der Golfküste, ursprünglich von deutschen Firmen begonnen (1975, die Bundesrepublik half damals gern beim Atom, man kannte sich ja aus), dann von den Russen fertiggestellt, 2011 ans Netz gegangen. Ein Reaktor, tausend Megawatt, tausende Kilogramm nukleares Material. Vier Mal, sagt Irans Außenminister Araghchi, sei die Anlage seit Kriegsbeginn bereits unter Beschuss geraten. Beim letzten Mal, am Samstag, schlug ein Projektil in ein Nebengebäude ein, ein Wachmann starb. Die Strahlungswerte, meldete die IAEA, seien nicht gestiegen. Noch nicht.

Ist das Bombardieren eines Kernkraftwerks ein Kriegsverbrechen? Die Antwort ist, wie so oft im Völkerrecht, ein Jein, das man erst drei Mal lesen muss, bevor man es versteht. Artikel 56 des Ersten Zusatzprotokolls zu den Genfer Konventionen von 1977 verbietet ausdrücklich den Angriff auf nukleare Stromerzeugungsanlagen – selbst dann, wenn sie militärische Ziele darstellen –, sofern ein solcher Angriff zur Freisetzung gefährlicher Kräfte führen und schwere Verluste unter der Zivilbevölkerung verursachen kann. Unter bestimmten Bedingungen, so Artikel 85, Absatz 3, kann ein solcher Angriff als Kriegsverbrechen gelten. Über hundert Völkerrechtler haben gerade erst in einem offenen Brief gewarnt: Die angedrohten Schläge gegen die iranische Energieinfrastruktur könnten Kriegsverbrechen darstellen. Das IKRK, das Rote Kreuz, hat es so formuliert: Krieg gegen lebenswichtige Infrastruktur ist Krieg gegen Zivilisten.

Allerdings – und hier wird es juristisch schmutzig – haben die USA das Erste Zusatzprotokoll nie ratifiziert. Sie haben es unterschrieben, ja, 1977, aber nie ratifiziert, und sie vertreten bis heute die Position, dass ein Objekt, das einen „wirksamen Beitrag zur Kriegsführung oder zur Aufrechterhaltung der Kriegsfähigkeit" des Gegners leistet, ein legitimes militärisches Ziel sei. Es ist diese Formulierung – „war-sustaining capability" –, die wie ein Passepartout durch jedes völkerrechtliche Schloss passt und die es erlaubt, im Grunde alles zu bombardieren, was Strom erzeugt. US-Botschafter Mike Waltz erklärte im März, Angriffe auf Kernkraftwerke seien „not off the table". Nicht vom Tisch. Wie auch? Auf diesem Tisch liegt ja nichts mehr, was nicht schon heruntergefallen wäre.

Ich war inzwischen am Schlenkerla vorbei, wo Touristen noch Rauchbier tranken, als sei die Welt in Ordnung, und dachte an Osirak. 1981 bombardierte Israel den irakischen Forschungsreaktor Osirak, vierzehn von sechzehn Bomben trafen, in zwei Minuten war das irakische Atomprogramm (angeblich) Geschichte. Zehn irakische Soldaten starben, ein französischer Techniker. Die Welt verurteilte den Angriff, der UN-Sicherheitsrat verurteilte ihn, und zehn Jahre später sagte US-Verteidigungsminister Dick Cheney, die Israelis hätten „hervorragende Arbeit" geleistet. Aber Osirak war ein Forschungsreaktor, nicht in Betrieb, nicht befüllt. Bushehr ist ein anderes Kaliber. Bushehr ist am Netz, ist voll, ist heiß.

Was passiert, wenn ein aktiver Reaktor getroffen wird? IAEA-Chef Grossi hat es dem Sicherheitsrat erklärt, schon im letzten Sommer, als Israel im Zwölf-Tage-Krieg den Iran angriff: Ein Direkttreffer auf Bushehr könnte zu einer „sehr hohen Freisetzung von Radioaktivität" führen, mit „großen Konsequenzen" weit über die iranischen Grenzen hinaus. Cäsium-137, das gefährliche Isotop, würde durch Wind und Wasser verbreitet, könnte Böden, Nahrungsmittel und Trinkwasserquellen über Jahrzehnte kontaminieren. Evakuierungsbefehle müssten über mehrere hundert Kilometer Radius erteilt werden, auch in Nachbarländern. Jodtabletten. Nahrungsbeschränkungen. Die Golfstaaten – Katar, Bahrain, Kuwait, die Emirate – haben kaum Grundwasser, sie entsalzen Meerwasser, aber Entsalzungsanlagen sind nicht darauf ausgelegt, radioaktives Material zu filtern. Katars Premierminister hat es auf den Punkt gebracht: Eine Katastrophe in Bushehr würde „uns alle" treffen. Araghchi, Irans Außenminister, hat es noch schärfer formuliert: „Der radioaktive Fallout wird das Leben in den Hauptstädten der Golfstaaten beenden, nicht in Teheran." Bushehr liegt näher an Kuwait als an der iranischen Hauptstadt. Die Geographie der Verstrahlung kennt keine Grenzen und keine Bündnisse.

Und da war es wieder, dieses Wort: Hölle. Trump benutzt es als Drohung, als Versprechen fast, als rhetorische Keule, die er schwingt wie einen Golfschläger. „All Hell will reign down on them." Aber Hölle ist auch ein theologischer Begriff, und vielleicht sollte man ihn, gerade jetzt, gerade an Ostern, beim Wort nehmen. Die Hölle, das ist im christlichen wie im islamischen Verständnis kein Ort, den man jemandem bereiten kann – es ist ein Zustand, in den man gerät, wenn man die Grenze des Menschlichen überschreitet. Wenn man Dinge tut, die nicht rückgängig zu machen sind. Das Cäsium-137, das aus einem getroffenen Reaktor entweicht, hat eine Halbwertszeit von dreißig Jahren. Dreißig Jahre, das ist eine Generation. Das ist ein Kind, das heute geboren wird und das sein ganzes bisheriges Leben in einer verstrahlten Welt verbringt, bevor auch nur die Hälfte des Giftes zerfallen ist.

Ich stand jetzt an der Oberen Brücke, die schönste Stelle der Stadt (finde ich), und sah auf die Regnitz hinunter, die so tat, als hätte sie keine Eile. Auf meinem Telefon noch eine Meldung: Rosatom, Russlands Atomkonzern, hat seine 198 Mitarbeiter aus Bushehr evakuiert. Busse, Richtung armenische Grenze. Wenn die Russen gehen, dachte ich, wenn die Russen ihre eigenen Leute aus einem Kraftwerk abziehen, das sie selbst gebaut haben, dann ist das kein diplomatisches Signal mehr, dann ist das ein seismographisches. Dann rechnet jemand mit dem Schlimmsten.

Irans Parlamentspräsident Ghalibaf schrieb auf X, mit „Kriegsverbrechen" lasse sich „nichts erreichen". Die iranische UN-Vertretung nannte die Drohung, zivile Infrastruktur vorsätzlich zu zerstören, einen Verstoß gegen das Völkerrecht und forderte die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf. „Morgen ist es zu spät", stand da. Morgen. Das ist also heute. Oder übermorgen. Je nachdem, welches Ultimatum gerade gilt, denn auch das gehört zur besonderen Dramaturgie dieses Konflikts: Die Fristen wandern. Erst 48 Stunden, dann fünf Tage, dann zehn, jetzt Dienstag, 20 Uhr. Die Drohung dehnt sich wie ein Akkordeon, aber das Instrument spielt immer denselben Ton.

Ein Rentner kam mir entgegen, Hund an der Leine, und sagte: „Schönes Wetter heut." Ich nickte, und er hatte ja recht, es war schönes Wetter, die Regnitz glänzte, und über Bamberg war kein Rauch und keine Strahlung und kein Ultimatum, nur ein Himmel, der blau war, als hätte er von allem nichts gehört. Aber die Straße von Hormus ist dreiunddreißig Kilometer breit. Die Hoheitsgewässer des Iran und Omans überlappen sich dort vollständig, es gibt keinen neutralen Korridor. Und Bushehr liegt an der Küste, auf Meereshöhe, und der Wind weht nach Südosten, Richtung Golf, Richtung Trinkwasser, Richtung allem.

Zu Hause lag das Ei noch da. Unbepinselt. Ich legte es zurück in den Kühlschrank, weil es mir plötzlich seltsam vorkam, etwas zu bemalen, das so dünnschalig ist, während anderswo jemand darüber nachdenkt, ob man eine Hülle, die Cäsium-137 enthält, mit einer Bombe aufbrechen sollte. Oder vielleicht war genau das der Sinn von Ostern: etwas Zerbrechliches in der Hand zu halten und sich zu entscheiden, es nicht fallen zu lassen.

Draußen wurde es dunkel. Dienstag kommt.

S. 

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