Der letzte Apfelstrudel
Es war einer dieser Novembermorgen, an denen Wien sich selbst nicht leiden kann. Der Nebel hing über der Inneren Stadt wie ein nasses Leichentuch, und die Laternen entlang der Herrengasse brannten noch um halb neun, als hätte jemand vergessen, der Sonne Bescheid zu geben.
Kommissar Heinrich Brenner saß in seinem Stammlokal, dem „Goldenen Hahn" in Simmering, und rührte lustlos in seinem Verlängerten. Seit dem Fall Drexler waren vier Monate vergangen. Brenner hatte den alten Rivalen tatsächlich im Gefängnis besucht – zweimal sogar –, und beide Male hatte keiner von ihnen ein Wort gesprochen. Sie hatten einfach dagesessen, auf verschiedenen Seiten einer Plexiglasscheibe, zwei alte Männer, die sich zu gut kannten, um sich noch etwas vormachen zu müssen.
Das Telefon riss ihn aus seinen Gedanken. Inspektor Novak, jung, ehrgeizig, und mit der irritierenden Angewohnheit, Brenner „Herr Kommissar" zu nennen, obwohl der seit drei Jahren pensioniert war.
„Herr Kommissar, wir haben eine Tote in der Konditorei Sacher-Wallenstein. Die Eleonore Sacher-Wallenstein persönlich. Man hat sie heute Morgen gefunden. Gesicht im Apfelstrudel."
Brenner stellte seine Tasse ab. Die Konditorei Sacher-Wallenstein – nicht zu verwechseln mit dem Hotel Sacher – war eine Institution. Gegründet 1923, familiengeführt seit vier Generationen, berühmt für einen Apfelstrudel, dessen Rezept angeblich im Tresor einer Schweizer Bank lag. Und Eleonore Sacher-Wallenstein war die Grande Dame der Wiener Mehlspeiskultur, eine Frau, die mit achtzigJahren noch jeden Morgen persönlich den Strudelteig kontrollierte.
„Ich komme", sagte Brenner und griff nach seinem Mantel.
Die Konditorei lag am Kohlmarkt, eingekeilt zwischen einem Juwelier und einer Privatbank, als wollte sie beweisen, dass Zucker in Wien denselben Stellenwert hat wie Gold und Geld. Die Spurensicherung hatte bereits die weiß-goldene Fassade mit Absperrband geschändet. Brenner duckte sich darunter durch und betrat den Salon.
Eleonore Sacher-Wallenstein saß an ihrem Stammtisch, dem kleinen Zweiertisch am Fenster, den sie seit sechzig Jahren jeden Abend nach Geschäftsschluss einnahm. Vor ihr stand ein halb gegessener Apfelstrudel mit Vanillesauce. Ihr Gesicht lag seitlich auf dem Porzellan, die weißen Haare in der Sauce, als hätte sie sich zum Schlafen hingelegt. Friedlich fast. Wenn nicht der schwache Bittermandelgeruch gewesen wäre.
„Blausäure", sagte der Gerichtsmediziner. „Im Strudel. Hochkonzentriert. Tod innerhalb von Minuten."
Brenner betrachtete die alte Frau. Er hatte sie einige Male gesehen, bei gesellschaftlichen Anlässen, die er als Kommissar hatte besuchen müssen. Eine imposante Erscheinung, schlank, aufrecht, mit einer Stimme, die Lehrlinge zum Weinen und Lieferanten zum Zittern brachte. Jetzt lag sie da wie ein Vogel, der im Flug eingeschlafen war.
„Und das hier haben wir an der Eingangstür gefunden", sagte Novak und hielt einen Zettel in einer Plastiktüte hoch. Brenner las: DIE APFELSTRUDEL-ANARCHISTEN SCHLAGEN ZU. WIEN ERSTICKT AN SEINER EIGENEN SÜSSE. DIE TRADITION MUSS STERBEN, DAMIT DIE STADT LEBEN KANN. In roten Großbuchstaben, ausgedruckt auf billigem Kopierpapier.
Brenner zog die Augenbrauen hoch. „Anarchisten?"
„Es gab in den letzten Wochen drei ähnliche Vorfälle", erklärte Novak. „Drohbriefe an traditionelle Konditoreien. Ein Farbbeutel gegen die Vitrine vom Demel. Graffiti an der Oberlaa-Filiale in der Kärntner Straße: ‚Zucker ist Opium für das Volk.' Immer dieselbe Unterschrift: Die Apfelstrudel-Anarchisten."
„Und jetzt sind sie vom Farbbeutel zum Zyankali übergegangen?" Brenner schüttelte den Kopf. „Das passt nicht. Das ist wie der Sprung vom Ladendieb zum Serienmörder. Ohne Zwischenschritte."
Aber Wien war in Aufruhr. Die Boulevardpresse hatte innerhalb einer Stunde die Schlagzeile: STRUDEL-TERROR IN WIEN. Und das Innenministerium wollte Ergebnisse.
Die Anarchisten
Die Spur zu den sogenannten Apfelstrudel-Anarchisten führte Brenner in den siebten Bezirk, nach Neubau, in ein besetztes Haus in der Zieglergasse. Drei junge Menschen saßen in einem Raum voller Plakate und leerer Bierdosen: Marlene Huber, vierundzwanzig, Kunststudentin; Jakob Ortner, sechsundzwanzig, arbeitsloser Philosoph; und Toni Wiesenthal, dreiundzwanzig, der sich als „performativer Aktivist" bezeichnete und dabei so aussah, als hätte er noch nie eine Faust geballt.
Sie waren erschrocken. Ehrlich erschrocken, das sah Brenner sofort. Marlene weinte. Jakob versuchte, Haltung zu bewahren, was ihm ungefähr so gelang wie einer Katze, die ins Wasser gefallen ist. Toni starrte auf seine Hände.
„Wir haben niemanden umgebracht", sagte Marlene. „Wir haben Flugblätter verteilt. Wir haben Farbbeutel geworfen. Wir wollten eine Diskussion anstoßen. Über Wien. Über diese erdrückende Nostalgie, die alles unter sich begräbt."
„Eine Diskussion", wiederholte Brenner trocken. „Mit Farbbeuteln."
„Das war Performance-Kunst!" Toni fand seine Stimme wieder. „Wir wollten zeigen, dass Wien in seiner eigenen Vergangenheit ertrinkt. Dass die Stadt vor lauter Apfelstrudel und Walzerseligkeit vergisst, dass es eine Gegenwart gibt. Und eine Zukunft."
Brenner musterte die drei. Er hatte in vierzig Jahren Polizeiarbeit gelernt, dass man einen Mörder nicht am Äußeren erkennt. Aber man erkennt die Fähigkeit zur Kaltblütigkeit. Und diese drei hatten sie nicht. Sie waren Idealisten, naiv und laut, aber so harmlos wie ein Schlagobersbeutel.
„Wer hat die Manifeste geschrieben?" fragte Brenner.
Die drei sahen sich an. Jakob räusperte sich. „Die kamen anonym. Per Post. Immer Dienstagabend, in unserem Briefkasten. Wir dachten, es wäre ein Sympathisant. Jemand, der unsere Sache unterstützt, aber anonym bleiben will."
„Und ihr habt sie einfach verteilt? Ohne zu wissen, von wem sie stammen?"
Jakob zuckte die Schultern. „Die Texte waren brillant. Besser als alles, was wir hätten schreiben können. Da war jemand, der Wien wirklich verstanden hat. Jemand, der die Stadt liebt und gleichzeitig verachtet."
Brenner nahm eines der Manifeste mit. Auf dem Rückweg las er es im Taxi. Es war tatsächlich außergewöhnlich – kein jugendlicher Zorn, keine ideologischen Phrasen. Es war die Sprache einer kultivierten, gebildeten Person. Jemand, der Stefan Zweig zitierte und Karl Kraus paraphrasierte. Jemand, der die Kaffeehauskultur von innen kannte – ihre Schönheit und ihre Verlogenheit.
Familienbande
Die offensichtlichen Verdächtigen waren, wie immer, in der Familie zu finden. Viktor Sacher-Wallenstein, Eleonores Neffe und einziger lebender Verwandter, war ein Mann von neunundvierzig Jahren mit dem Gesicht eines alternden Tennisspielers und dem Kontostand eines Glücksspielers. Er schuldete Geld in halb Europa – Casinos in Monaco, ein gescheitertes Immobilienprojekt in Dubai, die übliche Biographie eines Erben, der sein Erbe nicht abwarten konnte.
„Sie war eine schwierige Frau", sagte Viktor in seinem Anwalt-Tonfall, ohne zu blinzeln. „Kontrollierend. Altmodisch. Sie hat die Konditorei geführt wie eine Monarchin. Kein Euro wurde ausgegeben ohne ihre Unterschrift. Kein Lehrling eingestellt ohne ihr persönliches Gespräch."
„Und das hat Sie gestört?"
„Es hat mich ... eingeschränkt. Ich hatte Pläne für die Marke. Expansion. Franchise. Ein Sacher-Wallenstein in Dubai, in Shanghai, in New York. Sie hat alles blockiert. ‚Einen Strudel macht man nicht am Fließband', hat sie immer gesagt."
Brenner notierte sich den Satz. Er erinnerte sich, wie seine eigene Frau Margarita immer gesagt hatte: „Einen Gulasch macht man nicht in Eile." Dieselbe Überzeugung, dieselbe Sturheit. Er schüttelte den Gedanken ab.
Dann war da Alois Grünberger, siebenundsiebzig, seit fünfzig Jahren Eleonores Geschäftspartner und Konditormeister. Ein massiger Mann mit Mehlstaub im Schnurrbart und Tränen in den Augen. „Sie war mein Leben", sagte er schlicht, und Brenner glaubte ihm – fast.
Denn Novak hatte herausgefunden, dass Grünberger vor drei Monaten eine Lebensversicherung über zwei Millionen Euro auf Eleonore abgeschlossen hatte. Geschäftliche Absicherung, sagte Grünberger. Standard in der Branche, sagte sein Anwalt. Mordmotiv, sagte Novak. Brenner sagte gar nichts.
Die Forensik bestätigte: Die Blausäure war im Strudel gewesen. Nicht in der Sauce, nicht im Teller – im Teig selbst, eingebacken. Jemand mit Zugang zur Küche. Jemand, der wusste, welchen Strudel Eleonore essen würde. Jemand von innen.
Viktor hatte einen Schlüssel zur Konditorei. Grünberger sowieso. Und drei Küchenangestellte, die alle zur fraglichen Zeit Zugang hatten. Brenner stand vor dem klassischen Problem: zu viele Verdächtige, zu wenig Beweise. Aber irgendetwas störte ihn. Ein Detail, das nicht in die Melodie passte, wie ein falscher Ton in einer Sonate, den nur ein geübtes Ohr hört.
Es waren die Manifeste.
Das Tagebuch
Brenner kehrte in die Konditorei zurück. Allein, spätabends, mit der Erlaubnis des Staatsanwalts und einem Schlüssel, den Novak besorgt hatte. Er stieg die schmale Treppe hinauf zu Eleonores Privatwohnung über dem Geschäft – zwei Zimmer, in denen sie seit dem Tod ihres Mannes vor dreißig Jahren gelebt hatte. Bescheiden für eine Millionärin. Ein Bett, ein Schreibtisch, ein Bücherregal, das sich unter der Last von Jahrzehnten bog.
Brenner setzte sich an den Schreibtisch. In der rechten Schublade, unter einem Stapel Rechnungen, fand er ein Notizbuch. Ledergebunden, abgegriffen, vollgeschrieben in einer steilen, energischen Handschrift. Er begann zu lesen.
Was Brenner in den nächsten zwei Stunden las, veränderte den Fall – und irgendetwas in ihm selbst.
Eleonore Sacher-Wallenstein hatte sechzig Jahre lang ein Doppelleben geführt. Nach außen die Grande Dame der Mehlspeiskultur, die Hüterin der Tradition, die Monarchin des Strudels. Nach innen eine Frau im Käfig. Eine Frau, die als junge Studentin Philosophie hatte studieren wollen, bevor ihr Vater sie zurück in die Konditorei befohlen hatte. Eine Frau, die Sartre las und Beauvoir verehrte und jeden Abend, nachdem die letzte Schlagsahne gespritzt war, in ihre Wohnung stieg und schrieb – Essays, Manifeste, wütende Briefe an eine Stadt, die sie liebte und die sie erstickte.
Brenner verglich die Handschrift mit den Manifesten. Identisch. Die Apfelstrudel-Anarchisten – das war Eleonore selbst.
Er las weiter. Die letzten Einträge waren vom Oktober. „Die Diagnose ist eindeutig", stand dort. „Bauchspeicheldrüsenkrebs. Inoperabel. Vielleicht sechs Wochen. Vielleicht weniger."
Und dann, auf der vorletzten Seite, datiert drei Tage vor ihrem Tod:
„Sechzig Jahre habe ich Strudel gerollt und mein wahres Gesicht versteckt. Sechzig Jahre Wien gespielt, während Wien mich spielte. Ich werde nicht in einem Krankenhausbett sterben, angeschlossen an Maschinen, während Viktor im Flur auf das Erbe wartet. Ich werde an meinem Tisch sterben, in meiner Konditorei, mit meinem Strudel. Und ich werde ihnen allen eine letzte Frage hinterlassen, auf die sie keine Antwort finden: Wer war Eleonore Sacher-Wallenstein wirklich? Die Strudelkönigin – oder die Anarchistin? Beide. Und keine von beiden."
Brenner legte das Notizbuch hin. Seine Hände zitterten, was normalerweise nur passierte, wenn er zu lange keine Zigarette geraucht hatte. Aber das war es nicht. Es war die Erkenntnis, die ihn durchfuhr wie ein Stromschlag.
Es gab keinen Mörder.
Eleonore Sacher-Wallenstein hatte sich selbst vergiftet. Sie hatte die Blausäure in ihren eigenen Strudel eingearbeitet – sie, die den Teig besser kannte als jeder andere Mensch auf dieser Welt. Sie hatte die Manifeste geschrieben und an die drei jungen Idealisten geschickt, weil sie wusste, dass sie deren Worte in die Welt tragen würden. Sie hatte das letzte Manifest – das Bekennerschreiben – selbst an die Tür geheftet, bevor sie sich an ihren Tisch setzte und den letzten Strudel ihres Lebens aß.
Es war kein Mord. Es war ein Abgesang. Eine letzte, brillante Inszenierung. Die Frau, die sechzig Jahre lang die Tradition verkörpert hatte, zerstörte sich selbst im Namen der Freiheit, die sie nie gelebt hatte. Und sie tat es so, dass ganz Wien zusehen musste.
Asche und Apfelstrudel
Brenner stand am nächsten Morgen im Büro des Staatsanwalts und legte das Tagebuch auf den Tisch. Er erklärte den Fall in knappen Sätzen, ohne Gefühl, wie es seine Art war. Der Staatsanwalt hörte zu, wurde blass, dann rot, dann sehr still.
„Sie wollen mir sagen, dass es keinen Mörder gibt?"
„Es gibt keinen Mörder. Es gibt eine Frau, die sich entschieden hat, wie sie sterben will."
„Aber die Öffentlichkeit ... Die Presse ... Wien erwartet eine Verhaftung!"
„Wien erwartet immer eine einfache Antwort", sagte Brenner. „Das ist ja das Problem."
Der Staatsanwalt rieb sich die Schläfen. „Was machen wir mit den drei Anarchisten?"
„Sachbeschädigung. Farbbeutel. Eine Geldstrafe, wenn Sie hart sein wollen. Sie haben nicht gewusst, wer die Manifeste geschrieben hat. Sie haben nicht gewusst, was Eleonore vorhatte. Und ehrlich gesagt – was sie verteilt haben, war klüger als alles, was ich in den letzten zehn Jahren in einer Wiener Zeitung gelesen habe."
Der Staatsanwalt sah ihn scharf an. „Das ist Ihre persönliche Meinung, Herr Kommissar."
„Natürlich. Ich bin ja auch pensioniert."
Brenner verließ das Büro und trat hinaus in den Novembernebel. Auf dem Weg zurück nach Simmering machte er einen Umweg über den Kohlmarkt. Die Konditorei war geschlossen, ein schwarzer Kranz hing an der Tür. In der Vitrine stand noch immer ein Apfelstrudel, als letzter Soldat einer geschlagenen Armee.
Brenner blieb stehen und betrachtete ihn. Er dachte an Eleonore, die sechzig Jahre lang Strudel gerollt und dabei von der Freiheit geträumt hatte. Er dachte an sich selbst, der seit drei Jahren in einem Ecklokal in Simmering saß und darauf wartete, dass das Leben ihm noch einmal eine Frage stellte, die sich zu beantworten lohnte.
Vielleicht, dachte er, während er sich eine Memphis anzündete und den Rauch in den Nebel blies, vielleicht war Eleonore Sacher-Wallenstein die mutigste Person, der er je begegnet war. Nicht weil sie gestorben war. Sondern weil sie im Sterben endlich die Wahrheit gesagt hatte.
Und vielleicht, dachte er weiter, während seine Schritte ihn durch den Nebel trugen, sollte man damit nicht bis zum Sterben warten.
Er warf die Zigarette in den Rinnstein und ging nach Hause. Aber nicht in den Goldenen Hahn. Zum ersten Mal seit drei Jahren ging Heinrich Brenner einfach nach Hause.
Am nächsten Morgen fand Novak auf seinem Schreibtisch einen Umschlag. Darin ein einzelnes Blatt, in Brenners krakeliger Handschrift: „Das Tagebuch gehört veröffentlicht. Sie hat es verdient, gehört zu werden. Kümmern Sie sich darum."
Novak lächelte. Dann griff er zum Telefon.
S.

Kommissar Brenner wird wiederkehren.
Deine Unterstützung hält Ideen lebendig – und Geschichten in Bewegung. 👉 https://www.paypal.com/donate/?hosted_button_id=5NGG6XB67BZ4N 🙏
🇩🇪 Meine lyrischen Gedanken zwischen zwei Buchdeckeln: blau pause zimmerlautstärke - lyrik über die zeit - zurzeit
BoD Buchshop: https://buchshop.bod.de/blau-pause-zimmerlautstaerke-stefan-noir-9783695118779
Amazon-Shop: https://amzn.eu/d/1TvOBUO
🇺🇸 / 🏴 / 🏴 My lyrical thoughts between two book covers: blue pause room volume: poetry about time – currently
Amazon (English edition): https://amzn.eu/d/3b3GUF4



Kommentare