Über Geburtstage, Namenstage und die Schriftsteller, die das Feiern liebten – oder verabscheuten

Am 23. April 1616 starb in Stratford-upon-Avon ein Mann, dessen Geburtstag die Welt bis heute nicht mit letzter Sicherheit kennt. William Shakespeare wurde drei Tage nach seinem vermuteten Geburtstag getauft – am 26. April 1564 – und so hat die Nachwelt den 23. April stillschweigend zum Geburts- wie zum Todestag erklärt. Es ist eine jener poetischen Symmetrien, die das Leben bisweilen hervorbringt und die kein Romancier besser hätte erfinden können: Der größte Dramatiker der englischen Sprache betritt und verlässt die Bühne am selben Kalendertag. Geburtstage sind mehr als private Feiertage. Sie sind kulturelle Seismographen, die verraten, wie eine Gesellschaft über das Individuum, über Zeit und Vergänglichkeit denkt. Und kaum jemand hat das Verhältnis zum eigenen Geburtstag so vielschichtig durchlebt wie die großen Schriftsteller der Weltliteratur.

Die Geburtstagsverächter

Nicht alle Dichter liebten den Tag, der ihnen gewidmet war. J. D. Salinger, geboren am 1. Januar 1919, der Schöpfer des unsterblichen Holden Caulfield, hasste Geburtstage mit einer Inbrunst, die an seine berühmte Menschenscheu grenzte. Sein Sohn Matthew berichtete nach dem Tod des Vaters, dieser habe Geburtstage, Feiertage und so ziemlich jede kulturell vorgeschriebene Feierlichkeit verabscheut. Der Eremit von Cornish, New Hampshire, der sich seit den frühen sechziger Jahren von der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, wäre über das Spektakel zu seinem hundertsten Geburtstag vermutlich entsetzt gewesen. J. K. Rowling, die Schöpferin des Zauberlehrlings Harry Potter, die ihren Geburtstag mit ihrer berühmtesten Figur teilt – beide kamen am 31. Juli zur Welt –, zieht die stille Einkehr der öffentlichen Feier vor. Statt Geschenke und Bewunderung entgegenzunehmen, nutzt sie den Tag lieber zur Selbstreflexion über das, was in ihrer Arbeit noch der Verbesserung bedarf. Es ist die alte Dialektik des Künstlers: Wer Millionen Menschen mit seinen Geschichten beschenkt, empfindet den eigenen Ehrentag bisweilen als Zumutung.

Goethe und die Erfindung des Dichterfestes

Ganz anders Johann Wolfgang von Goethe, der Dichterfürst, dessen Geburtstag am 28. August bereits zu seinen Lebzeiten zum öffentlichen Fest avancierte. Die Tradition begann 1781 am Weimarer Hof – zunächst bescheiden, doch mit wachsendem Ruhm des Dichters immer opulenter. Am 28. August 1787 feierten Goethes Freunde sogar in seiner Abwesenheit – er weilte in Italien – ein kleines Fest im Gartenhaus, an dem auch Friedrich Schiller teilnahm. Letzterer berichtete seinem Freund Körner in Dresden mit leiser Ironie, man habe herzhaft gegessen und Rheinwein auf Goethes Gesundheit getrunken. Der alternde Goethe selbst jedoch mied mit zunehmenden Jahren die ausgelassenen Gesellschaften an seinem Geburtstag und bevorzugte die Stille. In seinen Tag- und Jahresheften von 1817 behauptete er, seinen Geburtstag stets am liebsten in Ruhe gefeiert zu haben. Zu seinem achtzigsten Geburtstag 1829 organisierten Freunde und Bewunderer dennoch rauschende Feste in Dresden, Leipzig, Weimar und Frankfurt am Main. Seit 1819 hatten Verehrer in vielen deutschen Städten den Brauch gepflegt, Goethes Geburtstag mit öffentlichen Festlichkeiten zu begehen – ein Phänomen, das in der Literaturgeschichte seinesgleichen sucht. Bis heute feiert Weimar den 28. August als kulturelles Volksfest mit Musik, Lesungen und dem traditionellen Kartoffelkuchen, Goethes Lieblingskuchen, der pünktlich um zwölf Uhr mittags – zur Geburtsstunde des Dichters – an alle Gäste verteilt wird. Auch in der Casa di Goethe in Rom, dem Ort seiner italienischen Sehnsucht, wird der Compleanno di Goethe alljährlich mit Lesungen und Prosecco zelebriert. Thomas Mann hielt 1932, zum hundertsten Todestag Goethes, eine legendäre Rede, die bis heute als Höhepunkt der Goethe-Rezeption gilt.

Wenn der Vorhang am Geburtstag fällt

Die Koinzidenz von Geburts- und Todestag, wie sie Shakespeare zugeschrieben wird, übt eine eigentümliche Faszination aus. Forscher der Universität Zürich haben in einer vierzigjährigen Studie festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit, am eigenen Geburtstag zu sterben, tatsächlich statistisch erhöht ist – durch Herzinfarkte, Schlaganfälle und sogar Suizide. Der Geburtstag als existentielle Schwelle, an der das Leben sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst wird. Shakespeare starb vermutlich am 23. April 1616, an seinem mutmaßlichen zweiundfünfzigsten Geburtstag. Eine Legende besagt, er habe sich den Tod durch eine durchzechte Nacht mit Ben Jonson und Michael Drayton zugezogen – eine Erzählung, die etwa fünfzig Jahre nach seinem Tod zu zirkulieren begann und die, wie so vieles bei Shakespeare, zwischen Dichtung und Wahrheit changiert.

Europas Geburtstagslandkarte

Wie man Geburtstage feiert, erzählt viel über eine Kultur. In Deutschland gilt eine eherne Regel: Niemals vor dem Geburtstag gratulieren. Dieser Aberglaube, der vermutlich auf den mittelalterlichen Glauben an lauschende Dämonen zurückgeht, die Glückwünsche vereiteln könnten, ist so tief im deutschen Bewusstsein verankert, dass selbst bekennend rationale Menschen zusammenzucken, wenn ein ahnungsloser Ausländer am Vorabend gratuliert. Stattdessen hat sich das Reinfeiern etabliert: Man versammelt sich am Abend vor dem Geburtstag und darf erst ab Mitternacht, wenn der Tag offiziell anbricht, die Glückwünsche aussprechen. In den Niederlanden hingegen ist das vorzeitige Gratulieren vollkommen unproblematisch. In Frankreich ist der Geburtstag ein Anlass für gepflegte Geselligkeit: ein gemeinsames Abendessen, eine schöne Flasche Wein, keine Eile. Der fête d'anniversaire ist weniger Spektakel als kultiviertes Beisammensein. In England feiert man pragmatischer, oft mit einer Party im Pub, bei der das Geburtstagskind traditionsgemäß selbst die erste Runde ausgibt – eine Geste, die dem deutschen Geburtstagskind, das in der Regel den gesamten Kuchen für die Bürokollegen backen oder kaufen muss, nicht fremd sein dürfte. In Spanien wiederum hat der Namenstag, die Onomástica, traditionell eine größere Bedeutung als der Geburtstag selbst – ein Erbe der tiefen katholischen Prägung des Landes. Der 15. Geburtstag der Mädchen wird in der hispanischen Welt als Quinceañera gefeiert, ein rauschender Übergangsritus vom Kind zur Frau.

Der Namenstag – das vergessene Fest

Die Tradition des Namenstags reicht zurück in die frühchristliche Zeit, als Täuflinge den Namen eines Heiligen annahmen und fortan dessen Gedenktag als ihren persönlichen Feiertag begingen. Es ist der Todestag des Heiligen, der gefeiert wird – der dies natalis, der Geburtstag ins ewige Leben, wie die frühen Christen es verstanden. In Griechenland hat der Namenstag bis heute eine Bedeutung, die den Geburtstag in den Schatten stellt. Griechische Zeitungen und Nachrichtenportale veröffentlichen täglich die anstehenden Namenstage, damit niemand Gefahr läuft, einen Verwandten oder Freund zu vergessen. Im Gegensatz zur Geburtstagsfeier bedarf es in Griechenland keiner Einladung zum Namenstag – Familie und Freunde kommen einfach vorbei, und das Namenstagskind bewirtet sie mit Kuchen, Süßigkeiten und Häppchen. In Polen, wo der Namenstag als Imieniny eine zentrale Stellung einnimmt, übersteigen die Geschenke häufig sogar jene, die man zum Geburtstag erhält. Auch am Arbeitsplatz werden Blumen erwartet. In Schweden ist der Namenstag weitgehend in Vergessenheit geraten – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Am 12. März, dem Namenstag der Kronprinzessin Victoria, werden die Busse mit blau-gelben Fahnen geschmückt, und im Innenhof des königlichen Schlosses findet eine öffentliche Zeremonie statt. Es ist ein reizvolles Detail, dass dieser schwedische Namenstag einen deutschen Hintergrund besitzt: Ursprünglich wurde der Namenstag Victorias am 25. Dezember begangen, zu Ehren einer römischen Märtyrerin. Heute ehrt er die deutsche Prinzessin Victoria von Baden, die sich an jenem Tag mit dem schwedischen Thronfolger Gustaf V. verlobte. In Deutschland selbst hat der Namenstag seit der Reformation an Bedeutung verloren. Luther hatte die Heiligenverehrung abgelehnt, und mit ihr schwand das Interesse am Namenstag in den protestantischen Gebieten. In den katholisch geprägten Regionen Bayerns, des Rheinlands und Österreichs hielt sich die Tradition länger, doch auch dort ist sie heute weitgehend einem kleinen Geburtstag gewichen: ein Blumenstrauß, eine Flasche Wein, ein gutes Buch.

Alte Welt, Neue Welt – Geburtstage diesseits und jenseits des Atlantiks

In den Vereinigten Staaten ist der Geburtstag ein Anlass für ungehemmte Festfreude. Kinder erwarten aufwändige Themenpartys mit Hüpfburgen und personalisierten Geburtstagstorten. Erwachsene feiern Milestone Birthdays – den dreißigsten, vierzigsten, fünfzigsten – mit einer Emphase, die in Deutschland bisweilen als übertrieben empfunden wird. Das vorzeitige Gratulieren ist in Amerika vollkommen üblich und ruft keinerlei Unbehagen hervor – eine kulturelle Differenz, die manchen transatlantischen Freundschaften schon Irritationen beschert hat. In China wiederum gibt es traditionell keinen Kuchen, sondern lange Eiernudeln, die für Langlebigkeit stehen – und die man beim Essen nicht abbeißen darf, um das Versprechen eines langen Lebens nicht zu brechen. Nachträglich gratulieren gilt dort als Unglücksbringer, was die Deutschen zumindest in diesem Punkt als kulturelle Seelenverwandte begrüßen dürften.

Als der Roman zum Geburtstag wurde

Die Weltliteratur kennt erstaunlich wenige Werke, die sich dem Geburtstag als literarischem Gegenstand widmen. James Joyce jedoch schuf mit seinem Ulysses ein Monument, das einem ganz bestimmten Datum gewidmet ist: dem 16. Juni 1904. Es war der Tag, an dem Joyce seine spätere Frau Nora Barnacle zum ersten Mal ausführte – zum Abendessen und zu einem Spaziergang am Strand von Sandymount. Joyce verarbeitete dieses Datum in seinem Hauptwerk, das die Ereignisse eines einzigen Tages im Leben des Anzeigenakquisiteurs Leopold Bloom beschreibt. Der Ulysses, veröffentlicht am 2. Februar 1922 – Joyces vierzigstem Geburtstag –, hat dem 16. Juni einen eigenen Feiertag beschert: den Bloomsday. Seit 1954, als eine kleine Gruppe irischer Schriftsteller, darunter Patrick Kavanagh und Flann O’Brien, zum ersten Mal den Stationen des Romans folgten, wird der Bloomsday in Dublin und weltweit mit Lesungen, Theaterstücken und ausgedehnten Kneiptouren gefeiert. Die Fans kleiden sich in edwardianische Kostüme, kaufen Zitronenseife in Swenys Shop und verspeisen ein Gorgonzolabrot bei Davy Byrnes – ganz wie Leopold Bloom es am 16. Juni 1904 tat. Es ist der vielleicht schönste literarische Feiertag der Welt: ein Geburtstag, der keinem Menschen, sondern einem Roman gehört.

Der Geburtstag als Welterbe

Shakespeares mutmaßlicher Geburts- und Todestag, der 23. April, ist längst mehr als ein Datum im literarischen Kalender. Im Jahr 1995 erklärte die UNESCO den 23. April zum Welttag des Buches und des Urheberrechts – nicht nur zu Ehren Shakespeares, sondern auch wegen der zeitlichen Nähe zum Todestag des spanischen Romanciers Miguel de Cervantes, der am 22. April 1616 starb und am 23. April beigesetzt wurde. In einer jener historischen Launen starben Cervantes und Shakespeare zwar am selben Kalendertag, aber nicht am selben Tag: Spanien nutzte bereits den gregorianischen, England noch den julianischen Kalender, sodass Shakespeare tatsächlich elf Tage nach Cervantes verschied. Auch die Vereinten Nationen haben den 23. April zum Englischen Sprachtag erklärt. In Stratford-upon-Avon führt der Bürgermeister alljährlich eine feierliche Prozession zur Holy Trinity Church an, wo Blumen auf Shakespeares Grab niedergelegt werden. Bands spielen, Morris-Tänzer treten auf, Schauspieler in historischen Kostümen ziehen durch die Straßen. In Spanien wird der gleiche Tag als Día del Libro begangen, mit Lesemarathons und öffentlichen Lesungen des Don Quijote.

Thomas Mann, dessen hundertfünfzigster Geburtstag am 6. Juni 2025 mit Veranstaltungen in aller Welt gefeiert wurde, ist ein weiteres Beispiel für einen Schriftsteller, dessen Geburtstag zum kulturellen Ereignis geworden ist. Zum Jubiläum erschien er sogar als Playmobilfigur – eine Ehre, die zuvor nur Goethe und Schiller zuteilgeworden war. Der Spielzeugkanon der deutschen Literatur, Stand 2025, lautet also: Goethe, Schiller, Mann. Ob Kafka, der nur deutschsprachig, nicht deutsch war, eines Tages nachrückt, bleibt abzuwarten.

Ein Fest der Vergänglichkeit

Geburtstage, so ließe sich resümieren, sind die Kunst, dem Älterwerden einen festlichen Rahmen zu geben. Manche Kulturen feiern sie laut, manche leise, manche gar nicht. Manche Schriftsteller flohen vor ihnen wie Salinger, andere ließen sich feiern wie Goethe, und wieder andere verwandelten ein Datum in Weltliteratur wie Joyce. Der Namenstag erinnert uns daran, dass es einmal eine Zeit gab, in der nicht das Individuum, sondern der Heilige gefeiert wurde – eine Demut, die der moderne Geburtstagskult weitgehend verloren hat. Am Ende ist jeder Geburtstag eine Erinnerung daran, dass die Zeit vergeht – und dass es in unserer Hand liegt, ob wir sie feiern oder fürchten. Michel de Montaigne, der französische Essayist und Philosoph des sechzehnten Jahrhunderts, hat es auf seine unnachahmliche Weise formuliert: Das Maß des Lebens liegt nicht in seiner Länge, sondern im Gebrauch, den man von ihm macht.

Sapere aude!

S. 

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