Ich sitze im Kaffeehaus. Draußen ist es grau, wie es im März immer grau ist, und mein Latte Macchiato hat die Farbe dieser Tage: trüb, lauwarm, unentschieden. Ich wollte schreiben. Über etwas Harmloses. Über den Frühling vielleicht, der sich ankündigt und nicht kommt. Aber am Nebentisch sitzen zwei Menschen, die mir keine Wahl lassen.

Eine Frau, Anfang vierzig, Wollmantel, Ohrringe, die klingen, wenn sie den Kopf schüttelt — und sie schüttelt ihn viel. Ihr gegenüber ein Mann, kahlköpfig, Laptop-Tasche über der Stuhllehne, die Energie eines Menschen, der gerade recht behalten hat und es nicht verbergen kann. Die beiden sind sich nicht fremd, das sehe ich. Sie streiten wie alte Bekannte, also: ohne Rücksicht.

»Chamenei ist tot«, sagt er. Es klingt wie ein Toast.

»Und die Schule in Minab?«, sagt sie.

Stille. Kurz. Dann: »Das ist Krieg. Da passieren Dinge.«

Ich höre zu. Das Kaffeehaus ist heute mein Außenministerium.

Seit dem 28. Februar greifen Israel und die USA den Iran an. Der Oberste Führer Ali Chamenei wurde getötet — ein Mann, der Jahrzehnte lang ein Regime verkörperte, das Frauen verhüllte, Dichter einsperrte, Demonstranten erschoss. In Berlin demonstrierten 1.800 Menschen, in Düsseldorf 5.000 unter dem Motto »Freiheit für den Iran«. Und gleichzeitig: die UNESCO stufte den Militärschlag als »schwere Verletzung« des Völkerrechts ein, weil eine Grundschule getroffen worden war. — Das ist der Riss, durch den dieser Krieg geht; ein Riss, der mitten durch die Seele jedes Menschen verläuft, der gleichzeitig Freiheit will und Bomben verabscheut; ein Riss, der sich im Kaffeehaus genauso auftut wie im Bundestag, nur ehrlicher.

Der Kahlköpfige — ich nenne ihn für mich den Befreiungsoptimisten — spricht von Geschichte. Von 1989. Von dem Moment, in dem Diktaturen fallen. Er spricht davon, dass Freiheit manchmal von außen kommen muss, weil sie von innen erstickt wurde. Er meint das nicht zynisch. Er meint es wirklich. Das ist das Erschreckende. — Freiheit durch Rakete; eine Formel, die so alt ist wie das zwanzigste Jahrhundert und so abgenutzt wie ein schlechter Witz, den trotzdem jeder Jahrzehnt für Jahrzehnt neu erfindet.

Die Frau im Wollmantel — ich nenne sie die Zeugin, denn sie hat, das wird mir klar, Verwandte in Teheran — hält ihm das Telefon hin. »Meine Cousine schreibt mir seit drei Tagen nicht mehr.« Pause. »Nicht weil sie froh ist.«

Der Befreiungsoptimist schaut auf das Handy. Dann weg. Dann wieder hin. Man sieht ihm an, wie die Geschichte, die er sich erzählt hat, kurz ins Wanken gerät — und wie er sie mühsam wieder aufrichtet. »Der Iran wird frei sein«, sagt er schließlich. »Das ist wichtig.«

»Für wen?«, fragt sie.

Ich denke nach. Wer hat Recht? — Eine Frage, die so einfach klingt und so unmöglich zu beantworten ist, dass ganze Universitäten daran gescheitert sind. Es gab Zweifel an der Strategie selbst innerhalb der US-Administration; selbst jene, die schon immer für Intervention plädierten, kritisierten die mangelhafte Vorbereitung und fehlende Strategie. Merz erklärte, die deutsche Regierung verstehe das Vorgehen der Vereinigten Staaten — ein Satz, der alles offenlässt, was Diplomatie offenlassen muss; ein Satz, der sagt: Wir schweigen auf hohem Niveau. — Deutschland versteht. Was für ein Wort. Verstehen ist die eleganteste Form der Feigheit.

Was ich im Kaffeehaus erlebe, ist kein Streit über den Iran. Es ist ein Streit darüber, was Mitgefühl darf. Darf man Chameneis Tod feiern und gleichzeitig die Kinder beweinen, die in Minab unter Schutt lagen? Muss man sich entscheiden? Und wenn ja: nach welchem Maßstab? — Vielleicht ist das die eigentliche Frage dieses Krieges, die keine Karte und keine Rakete beantworten kann: ob Freiheit, die von außen kommt, noch Freiheit ist — oder nur ein anderer Name für das Chaos, das entsteht, wenn man einem Volk seine Fesseln durchschießt, ohne zu fragen, ob es schon stehen kann.

Die Zeugin und der Befreiungsoptimist bestellen nichts mehr. Sie sitzen still da, jeder in seinem eigenen Schweigen. Kein gemeinsames Lachen diesmal. Nur zwei Menschen, die beide das Richtige wollen und beide nicht wissen, was das ist.

Ich klappe mein Notizbuch zu. Mein Latte Macchiato ist kalt. — Vielleicht, denke ich, ist das Kaffeehaus nicht zufällig der Ort, wo Kriege diskutiert werden; denn das Kaffeehaus ist der einzige Raum, in dem man eine Meinung haben darf, ohne Konsequenzen zu tragen; der einzige Raum, in dem man für Freiheit ist, ohne dafür sterben zu müssen.

Auf dem Weg hinaus sehe ich, wie der Befreiungsoptimist sein Handy herausholt. Er tippt etwas. Ich kann es nicht lesen. Aber ich glaube, er schreibt jemandem. Vielleicht seiner Cousine. Vielleicht hat er keine.

S.

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