Das Blut war dunkel auf dem hellen Holz des Bootsstegs. Kommissar Erik Halvorsen kniete nieder und betrachtete die Spur, die sich wie ein schmaler Fluss zum Rand des Stegs zog und dort in das schwarze Wasser des Geirangerfjords verschwand. Es war der zwölfte Oktober, und die Luft roch nach Salz und nach dem Ende der Saison. Die letzten Touristen waren vor zwei Wochen abgereist. Das Dorf Fjordheim lag still wie ein vergessenes Gemälde, in dem sich nichts mehr bewegte außer dem Rauch aus den Schornsteinen.
»Wann wurde er zuletzt gesehen?«, fragte Halvorsen, ohne aufzublicken.
Sein Assistent Nils Brekke stand hinter ihm, den Kragen hochgeschlagen gegen den feuchten Wind. »Gestern Abend. Im Gasthaus. Gegen zweiundzwanzig Uhr. Er hat allein getrunken. Ragnhild sagt, er habe vier Aquavit bestellt und keinen Satz gesprochen.«
Der Tote hieß Anders Moen. Sechsundfünfzig Jahre alt. Fischer, wie sein Vater und dessen Vater. Seit dreißig Jahren in Fjordheim ansässig. Unverheiratet. Keine Kinder. Die Leiche lag vier Meter unter der Wasseroberfläche, eingeklemmt zwischen den Pfählen des Stegs, das Gesicht nach unten, die Arme ausgebreitet wie ein Mann, der fliegen wollte, es aber nicht mehr schaffte. Die Taucher hatten ihn am späten Vormittag geborgen, nachdem die alte Margit Solvang um Viertel nach sechs das Blut auf dem Steg entdeckt und geschrien hatte, so laut, dass man es bis zum Laden von Olsen hören konnte.
Halvorsen stand auf. Er war ein großer Mann mit einem Gesicht, das aussah, als hätte jemand es aus Granit geschlagen und dann die Kanten vergessen abzurunden. Dreißig Jahre bei der Polizei in Bergen, davon die letzten fünf in der Mordkommission. Er hatte um diesen Fall gebeten, weil er das Fjordland kannte. Er war hier aufgewachsen, bevor er mit achtzehn in die Stadt geflohen war, wie er es nannte. Nun stand er wieder hier, und das Fjordland sah aus, als hätte es auf ihn gewartet.
»Es gibt drei Wunden«, sagte die Gerichtsmedizinerin Astrid Lien, die aus dem Polizeiboot stieg und ihre Handschuhe abstreifte. Ihre Hände waren noch feucht vom Fjordwasser. »Zwei am Rücken, eine am Hals. Die am Hals war tödlich. Langes, schmales Instrument. Kein gewöhnliches Küchenmesser. Eher ein Filetiermesser. Oder ein Schlachtmesser.«
»Also jemand, der weiß, wie man schneidet«, sagte Halvorsen.
»Jemand, der es gelernt hat. Ja.«
In Fjordheim gab es dreihundertzwölf Einwohner, und jeder einzelne von ihnen wusste, wie man einen Fisch filetierte.
Die Befragungen begannen am Nachmittag. Halvorsen saß in der Gaststube des Fjordheim Hotel, das kein Hotel war, sondern ein Wirtshaus mit drei Zimmern im ersten Stock, die seit September leer standen. Die Wirtin, Ragnhild Dahl, brachte Kaffee, der so stark war, dass der Löffel fast darin stehen blieb.
Der erste Zeuge war Gunnar Foss, der Nachbar des Toten. Er war ein schwerer Mann mit Händen wie Schaufeln und einem Blick, der ständig zur Seite wich. »Ich habe nichts gehört«, sagte er. »Ich schlafe tief.«
»Ihr Haus steht zwanzig Meter vom Steg entfernt.«
»Ich schlafe tief«, wiederholte Foss.
Die zweite Zeugin war Solveig Haugen, die Postbotin. Sie war eine dünne Frau mit wachen Augen, die alles sah und alles wusste, wie es in kleinen Dörfern üblich war. »Anders hatte Streit«, sagte sie. »Mit Knut Egeland. Wegen des Grundstücks am Fjord. Seit dem Sommer. Es wurde laut, mehr als einmal. Im August hat Anders im Gasthaus gesagt, er werde Knut das Geschäft seines Lebens versauen.«
»Was für ein Grundstück?«
»Das Grundstück neben dem alten Bootshaus. Anders wollte es kaufen, um eine Fischräucherei zu bauen. Knut auch, für eine Bootswerkstatt. Es gab nur einen Verkäufer und zwei Interessenten, und keiner der beiden war ein Mann, der zurücksteckt.«
Knut Egeland war der dritte Zeuge. Er kam in Arbeitsstiefeln und einer ölverschmierten Jacke, setzte sich hin, als gehöre ihm der Stuhl, und sagte ohne Umschweife: »Ich habe Anders Moen nicht umgebracht. Aber ich werde nicht so tun, als würde ich um ihn trauern. Er war ein harter Mann und kein angenehmer Nachbar.«
»Das ist bemerkenswert ehrlich«, sagte Halvorsen.
»Ich bin ein ehrlicher Mann. Das ist mein Problem.«
»Wo waren Sie gestern Nacht zwischen zweiundzwanzig und zwei Uhr?«
»Zu Hause. Allein. Keine Zeugen. Das wird Ihnen nicht gefallen.«
Es gefiel Halvorsen tatsächlich nicht. Aber etwas anderes gefiel ihm noch weniger: das Filetiermesser, das man eine Stunde später in Egelands Werkstatt fand. Es lag in einer Schublade unter geölten Lappen. Es war sauber. Zu sauber, sagte Astrid Lien. Mit Chlor gereinigt. Jemand hatte sich Mühe gegeben.
Am Abend saß Halvorsen allein in der Gaststube und starrte seine Notizen an. Das Motiv war klar: das Grundstück. Der Streit war bekannt. Die Drohung dokumentiert. Das Messer passte. Egeland hatte kein Alibi. Es war, dachte Halvorsen, als hätte jemand die Lösung auf einen Zettel geschrieben und ihn an die Tür des Rathauses genagelt.
Und genau das beunruhigte ihn.
Am nächsten Morgen ging Halvorsen zum Steg zurück. Der Fjord lag reglos, ein Spiegel aus dunklem Glas, in dem sich die Berge verzerrten wie in einem Traum. Die Berge ragten auf wie Wächter, die seit Jahrtausenden auf etwas warteten, das nie kam. Halvorsen stand am Rand des Stegs und dachte nach. Der Wind hatte aufgehört, und die Stille war so vollständig, dass er seinen eigenen Puls hören konnte.
Das Problem war nicht, dass alles auf Egeland deutete. Das Problem war, dass alles zu deutlich auf Egeland deutete. Zu sauber. Zu offensichtlich. Die Spur war keine Spur. Sie war eine Einladung. Jemand wollte, dass man Egeland fand. Und wenn jemand wollte, dass man den Falschen fand, dann gab es entweder einen Richtigen — oder es gab gar keinen.
Er ging zurück ins Dorf und klopfte an die Tür von Margit Solvang, der alten Frau, die das Blut entdeckt hatte. Sie öffnete in einem gestrickten Schal und bat ihn herein. Ihr Wohnzimmer roch nach Birkenholzfeuer und nach der Vergangenheit.
»Frau Solvang«, sagte Halvorsen. »Sie gehen jeden Morgen zum Steg. Warum?«
»Ich schaue aufs Wasser. Das mache ich seit mein Torbjørn gestorben ist. Jeden Morgen. Das Wasser beruhigt mich. Es bewegt sich immer und verändert sich nie, und das ist ein Trost, wenn man alt ist.«
»Um welche Zeit gehen Sie normalerweise?«
»Um sechs. Immer um sechs. Seit sieben Jahren.«
»Und jeder im Dorf weiß das?«
»Natürlich. Jeder weiß alles hier. Das ist der Fluch und der Segen eines kleinen Ortes.«
Halvorsen nickte langsam. Jeder wusste, dass Margit um sechs Uhr zum Steg ging. Jeder wusste, dass sie das Blut finden würde. Wenn es einen Mörder gab, hatte er das eingeplant. Er wollte, dass die Leiche schnell gefunden wurde. Er wollte, dass die Polizei kam. Er wollte, dass man Egeland verdächtigte.
Aber warum?
Er bat Nils, die Grundbucheinträge zu prüfen. Es dauerte zwei Stunden, weil die Verwaltung in der Kreisstadt lag und die Telefonleitung schlecht war. Als Nils zurückkam, hatte er ein Blatt Papier in der Hand und ein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
»Das Grundstück«, sagte Nils. »Es gehört der Gemeinde. Und die Gemeinde hat bereits letzte Woche beschlossen, es nicht zu verkaufen. Weder an Moen noch an Egeland. Noch an irgendjemand anderen. Es wird ein öffentlicher Badeplatz.«
Halvorsen starrte ihn an. »Das Motiv existiert nicht.«
»Das Motiv existiert nicht«, bestätigte Nils.
Halvorsen ging zum Steg zurück. Diesmal nicht, um die Spuren zu lesen, sondern um das Wasser zu betrachten, wie es Margit Solvang jeden Morgen tat. Der Fjord sprach nicht. Aber er verbarg auch nichts. Man musste nur richtig hinsehen. Man musste das sehen, was da war, nicht das, was man erwartete.
Er sah es.
Am Fuß des Stegs, halb unter Wasser, lag eine Angelschnur. Sie war an einem der Pfähle befestigt, gespannt vom Zug der leichten Strömung, und am Ende hing kein Haken, sondern ein Stück Stoff. Halvorsen zog die Schnur vorsichtig heraus. Der Stoff war ein Ärmel. Ein Ärmelstück einer Jacke. Blau, mit einem Ölfleck. Er erkannte den Stoff. Es war die Jacke, die Moen am Abend getragen hatte. Ragnhild hatte sie beschrieben.
Er ging zurück zu Astrid Lien. »Die Wunden«, sagte er. »Können sie auch von einem Sturz stammen? Von den Metallbeschlägen an den Pfählen unter dem Steg?«
Astrid schwieg einen langen Moment. Dann sagte sie: »Die Wunden am Rücken — ja. Möglicherweise. Die Pfähle haben Metallbeschläge, und die Kanten sind scharf. Aber die Wunde am Hals –«
»Was, wenn am Pfahl ein scharfer Gegenstand befestigt war? Ein altes Filetierblatt zum Beispiel, das jemand vor Jahren dort angebracht hat, um Angelschnüre abzuschneiden?«
Astrid sah ihn an. Dann stand sie auf und ging zum Steg.
Sie fanden das Blatt am dritten Pfahl. Es war mit zwei Schrauben befestigt, rostig, aber immer noch scharf genug, um eine Schnur zu durchtrennen. Oder einen Hals zu öffnen. Es hing dort seit Jahren. Jeder Fischer im Dorf wusste davon. Es war kein Mordwerkzeug. Es war ein Werkzeug, wie es Dutzende an Stegen entlang der norwegischen Küste gab. Die Untersuchung dauerte bis zum Abend. Das Ergebnis war eindeutig: das Blatt passte exakt zur Halswunde.
Anders Moen war nicht ermordet worden.
Anders Moen war betrunken gewesen, vier Aquavit und vermutlich mehr, war auf dem nassen Steg ausgerutscht, hatte sich an einer Angelschnur verfangen, die er selbst dort befestigt hatte, war zwischen die Pfähle gestürzt, hatte sich an den Metallbeschlägen den Rücken aufgerissen und war mit dem Hals auf das Filetierblatt gefallen. Ein Unfall. Ein tragischer, absurder, unwahrscheinlicher Unfall, wie ihn kein Krimiautor hätte erfinden können, weil ihm niemand geglaubt hätte.
»Und das Messer in Egelands Werkstatt?«, fragte Nils.
Halvorsen lachte leise. Es war ein Lachen ohne Spott, eher ein Lachen der Erleichterung. »Egeland ist Fischer. Er hat sein Messer mit Chlor gereinigt, weil er das immer tut. Weil es jeder Fischer hier tut. So hält man die Klinge sauber und frei von Bakterien. Es hat nichts mit Moen zu tun. Es hat nie etwas mit Moen zu tun gehabt.«
Halvorsen stand an seinem letzten Abend in Fjordheim auf dem Steg und schaute aufs Wasser. Der Fjord lag ruhig, wie er es fast immer lag, und die Berge standen da, als wüssten sie alles, was je an ihren Füßen geschehen war, und als fänden sie es nicht der Rede wert. Die Sonne ging unter hinter den Gipfeln, und das Licht wurde orange und dann violett, und der Fjord nahm jede Farbe an, die der Himmel ihm gab.
Knut Egeland kam zu ihm. Er hatte die Hände in den Taschen und das Kinn vorgeschoben, wie es seine Art war. Er stellte sich neben Halvorsen und sagte nichts für eine lange Zeit. Dann: »Sie haben mir geglaubt.«
»Ich habe den Beweisen geglaubt«, sagte Halvorsen. »Das ist etwas anderes.«
»Für mich nicht.«
»Für mich schon. Aber in Ihrem Fall hat es gereicht.«
Egeland schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Ich werde den Badeplatz pflegen. Den die Gemeinde dort baut. Ehrenamtlich. Die Bänke streichen, den Rasen mähen, den Steg in Ordnung halten. Damit die Kinder schwimmen können im Sommer.«
»Das klingt gut«, sagte Halvorsen.
»Anders hätte es nicht gewollt. Er hätte den Badeplatz gehasst. Er hätte gesagt, der Fjord gehöre den Fischern und nicht den Badegästen. Aber Anders ist tot, und die Kinder leben, und das ist die einzige Arithmetik, die zählt.«
Halvorsen lächelte. Es war ein seltenes Lächeln bei ihm, ein Lächeln, das die Kanten seines Granitgesichts für einen Moment abrundete, als hätte jemand doch noch den Meißel angesetzt. »Nein«, sagte er leise. »Das macht es nicht falsch.«
Am nächsten Morgen fuhr er zurück nach Bergen. Die Straße schlängelte sich durch die Berge, und der Fjord glitzerte ein letztes Mal im Rückspiegel, bevor die Kurve ihn verbarg. Es gab keinen Mord im Fjord. Es gab nur einen Mann, der zu viel getrunken hatte und auf nassem Holz ausgerutscht war, und ein Dorf, das sich beinahe selbst zerrissen hätte an einem Verdacht, der niemals einer hätte sein sollen. Die Wahrheit, dachte Halvorsen, war manchmal einfacher als das Verbrechen, das man in ihr zu finden glaubte. Und manchmal war die einfache Wahrheit grausamer als jeder Mord. Denn einen Mörder konnte man bestrafen. Einen nassen Steg und ein Glas Aquavit zu viel konnte man nur bedauern.
Er schaltete das Radio ein. Jemand spielte Grieg, die Morgenstimmung aus Peer Gynt, und die Musik legte sich über die Landschaft wie ein zweiter Himmel. Die Berge wichen zurück, die Stadt kam näher, und Erik Halvorsen fuhr nach Hause.
S.
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