Über das chinesische Laternenfest, seine buddhistischen Wurzeln und die stille Poesie leuchtender Reiskugeln
Wer in diesen Tagen durch die Straßen chinesischer Großstädte geht, dem begegnet ein Schauspiel, das älter ist als die meisten europäischen Kathedralen: Tausende von Laternen verwandeln die Nacht in ein glühendes Firmament, rot und gold, in Formen von Drachen und Phönixen, von Lotusblüten und Fabelwesen. Am 3. März 2026, dem fünfzehnten Tag des ersten Mondmonats im traditionellen chinesischen Kalender, feierte China sein Laternenfest – das Yuanxiao-Fest (元宵节). Es ist der krönende Abschluss der Neujahrsfeierlichkeiten, der letzte Akt eines Dramas, das am Vorabend des Frühlingsfestes begonnen hat und nun, zwei Wochen später, in einem Meer aus Licht seinen Höhepunkt findet. Danach werden die Dekorationen abgenommen, die Tabus des Neujahrs aufgehoben, und das alltägliche Leben kehrt zurück. Es ist, als lege eine ganze Zivilisation noch einmal all ihre Sehnsucht nach Schönheit und Zusammengehörigkeit in diesen einen Abend hinein, bevor der Alltag sie wieder auseinandertreibt. Von Peking bis Guangzhou, von Shanghai bis Chengdu leuchten die Laternenparks in der Dunkelheit, und der Vollmond steht wie ein stiller Zeuge über dem Ganzen. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Fest, das seit über zweitausend Jahren begangen wird? Und warum vermag es noch immer zu berühren – auch jene, die seine spirituellen Wurzeln längst vergessen haben?
«Ein Licht für den Buddha» – Die Ursprünge des Festes
Die Ursprünge des Laternenfestes reichen bis in die Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) zurück, jene Epoche also, in der China seine erste große kulturelle Blüte erlebte und der Buddhismus begann, sich über die Seidenstraße ins Reich der Mitte auszubreiten. Es war Kaiser Ming – mit Geburtsnamen Liu Yang, auf dem Thron als Han Mingdi bekannt –, der zweite Herrscher der Östlichen Han-Dynastie, der den Brauch begründete, am fünfzehnten Tag des ersten Mondmonats Laternen zu entzünden. Ming, im Jahr 57 n. Chr. gekrönt und neunzehn Jahre lang auf dem Drachenthron, war ein überzeugter Anhänger des Buddhismus. Als er erfuhr, dass buddhistische Mönche in Indien an eben diesem Tag zusammenkamen, um eine Buddha-Reliquie zu verehren, beschloss er, es ihnen gleichzutun. Er ordnete eine nächtliche Zeremonie an, die unter dem Namen „Licht zu Ehren des Buddha“ in die Geschichte eingehen sollte: Im kaiserlichen Palast wurden unzählige Laternen entzündet, ein Akt der Verehrung und zugleich ein Schauspiel von ergreifender Schönheit. Die Tempel im ganzen Land folgten dem Beispiel des Kaisers, und mit dem wachsenden kulturellen Einfluss des Buddhismus und des Daoismus in den folgenden Dynastien breitete sich die Sitte des „Erleuchtens“ nach und nach über ganz China aus. Was als imperiale Geste religiöser Devotion begonnen hatte, wurde zum Volksfest – eine Wandlung, die für die chinesische Kulturgeschichte geradezu paradigmatisch ist.
Es gibt freilich auch andere Legenden, die um den Ursprung des Festes kreisen. Eine davon erzählt von Kaiser Wen der Westlichen Han-Dynastie, der nach politischen Wirren am fünfzehnten Tag des ersten Mondmonats die Macht übernahm und dieses Datum fortan zum Freudentag erklärte. Eine weitere, populärere Legende handelt vom Jadekaiser, dessen Lieblingskranich von Dorfbewohnern getötet worden war. Erzürnt beschloss der Herrscher des Himmels, das Dorf mit Feuer zu vernichten. Doch seine Tochter warnte die Menschen, und ein weiser Alter riet ihnen, überall rote Laternen aufzuhängen – so dass der Jadekaiser aus der Ferne glauben sollte, das Dorf stehe bereits in Flammen. Die List gelang, das Dorf wurde verschont, und seither, so will es die Überlieferung, hängen die Menschen am fünfzehnten Tag rote Laternen auf. Und dann gibt es noch die hübsche Episode aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, als Yuan Shikai nach dem Sturz der Qing-Dynastie die Macht an sich riss und, abergläubisch wie er war, den Namen Yuanxiao verbieten wollte – weil dieser phonetisch an „Yuan wird beseitigt“ erinnerte. Er verfügte, die Festspeise fortan nur noch Tangyuan zu nennen. Das Volk, wenig beeindruckt von derlei linguistischer Paranoia, benutzte beide Namen weiterhin, und der Diktator war bald darauf vergessen, während das Fest bestehen blieb. Man mag über den historischen Gehalt solcher Erzählungen lächeln. Doch sie verraten etwas Wesentliches über die chinesische Kultur: die tiefe Verflechtung von Religion, kosmischer Ordnung und alltäglichem Leben – und die bemerkenswerte Widerstandskraft von Traditionen gegen politische Willkür.
Vollmond, Vollkommenheit, Vereinigung – Die Symbolik des Festes
Das Laternenfest fällt stets auf einen Vollmondtag, und dies ist kein Zufall. Das chinesische Wort „Yuan“ (元) bedeutet so viel wie Anfang oder Kreis, „Xiao“ (宵) steht für Nacht. Es ist also buchstäblich das Fest des ersten Vollmondabends im neuen Jahr – ein Augenblick, der in der chinesischen Kosmologie als besonders verheißungsvoll gilt. Der volle Mond am Himmel spiegelt sich in der runden Form der Speisen, die an diesem Tag genossen werden, und in der runden Gestalt der Laternen. Alles Runde symbolisiert in der chinesischen Tradition Vollkommenheit, Harmonie und vor allem: das Zusammensein der Familie.
Die Bedeutung des Festes ist vielschichtig. Auf der religiösen Ebene steht das Entzünden der Laternen für die Vertreibung der Dunkelheit, für die Suche nach Erleuchtung und Weisheit – Kerngedanken des Buddhismus, die hier eine volkstümliche Ausdrucksform gefunden haben. Auf der sozialen Ebene ist das Laternenfest ein Fest der Familienzusammenführung, der letzten gemeinsamen Mahlzeit, bevor die Familienmitglieder wieder in den Alltag auseinandergehen. Und auf einer dritten, eher verborgenen Ebene war das Fest in früheren Jahrhunderten auch ein Tag der Brautschau: eine der wenigen Gelegenheiten im Jahr, bei denen junge Frauen und Männer einander in der Öffentlichkeit begegnen durften. Die konfuzianische Gesellschaftsordnung, die das Verhältnis der Geschlechter streng regulierte, gewährte an diesem Abend eine seltene Freiheit. Literarische Werke der Song- und Ming-Dynastie haben diesen romantischen Aspekt des Festes in zahllosen Gedichten und Opern verewigt. Man könnte sagen, das Laternenfest war Chinas ältester Valentinstag – nur dass es nicht um den Kauf von Rosen ging, sondern um verstohlene Blicke im Schein der Laternen.
Leuchtende Rätsel und klebrige Kugeln – Die Bräuche des Laternenfestes
Das Herzstück des Festes sind, natürlich, die Laternen. Traditionell wurden sie aus gebogenem Bambus gefertigt, mit farbigem Papier oder Seide bespannt und jedes Jahr aufs Neue hergestellt. Ihre Motive reichten von Tierkreiszeichen über Fabelwesen bis hin zu Szenen aus klassischen Romanen. Materialien wie lackiertes Holz, Perlmutt und Horn kamen zum Einsatz; die Herstellung war eine Kunst für sich. Eigene Laternen-Parks wurden – und werden bis heute – in ganz China aufgebaut, in denen die Menschen tagsüber die farbenprächtigen Kunstwerke bewundern und abends den strahlenden Glanz der erleuchteten Laternen genießen.
Im Laufe der Dynastien wuchsen die Feierlichkeiten zu beeindruckender Dimension an. Während der Tang-Dynastie (618–907) dauerte das Laternenfest drei Tage; die Song-Dynastie (960–1279) dehnte es auf fünf aus; und in der Ming-Dynastie (1368–1644) feierten manche Regionen ganze zehn Tage lang. In der Tang-Zeit entstanden die ersten Laternenmärkte, in der Song-Zeit wurden prachtvolle „Laternenberge“ errichtet und kunstvolle Drehlaternen konstruiert. Die Kaiser der Ming- und Qing-Dynastie veranstalteten glanzvolle Laternenausstellungen im Kaiserpalast zu Peking, die zu den Höhepunkten des kulturellen Jahres gehörten.
Ein intellektuelles Vergnügen besonderer Art ist das Rätselraten an den Laternen, ein Brauch, der mindestens auf die Song-Dynastie zurückgeht. Gelehrte schrieben Rätsel auf kleine Zettel und klebten sie an die Laternen; die Festbesucher versuchten, die oft anspruchsvollen Wortspiele zu lösen, die auf Redewendungen, klassische Literatur oder einzelne Schriftzeichen anspielten. Wer die richtige Antwort fand, erhielt einen kleinen Preis. Die Rätsel bewegen sich dabei in einem eigenen intellektuellen Kosmos: Manche fordern dazu auf, aus Hinweisen ein viersilbiges Sprichwort zu rekonstruieren; andere zielen auf ein einzelnes Schriftzeichen, dessen Bestandteile man aus der Beschreibung zusammensetzen muss. Bis heute sind diese Laternenrätsel beliebt, und sie gelten als derart knifflig, dass man sie im Volksmund auch „Laternentiger“ nennt – denn sie zu bezwingen, erfordert den Mut und die List eines Tigerjägers.
Neben dem Licht ist es die Speise, die das Fest prägt. Das traditionelle Gericht des Laternenfestes sind die Yuanxiao, auch Tangyuan genannt: kleine kugelförmige Knödel aus klebrigem Reismehl mit einer süßen oder herzhaften Füllung. In alten Zeiten wurden sie mit Zucker, Walnüssen, Sesam und Rosenblüten gefüllt; heute kommen auch rote Bohnenpaste, Lotussamenpaste, Datteln oder gar gehacktes Fleisch und Gemüse zum Einsatz. Die runde Form der Kügelchen symbolisiert den Zusammenhalt der Familie, und der Name Tangyuan klingt ähnlich wie das chinesische Wort für Wiedersehen (tuanyuan, 团圆). Es ist eine jener Speisen, deren Bedeutung weit über den Geschmack hinausreicht.
Bemerkenswert sind die regionalen Unterschiede in der Zubereitung: Im Norden Chinas werden die Füllungen in gehärtete Kerne gepresst, in Wasser getaucht und dann in einem Korb mit trockenem Klebreismehl gerollt, Schicht um Schicht, wie ein Schneeball – daher der Name Yuanxiao. Im Süden hingegen knetet man den Teig geschmeidig, formt eine Kugel mit einem Hohlraum in der Mitte, füllt sie und glättet den Knödel zwischen den Händen – diese Variante heißt Tangyuan und wird meist in einer warmen süßen Suppe serviert. Beiden Varianten gemeinsam ist die symbolische Grundaussage: Möge die Familie vereint und das Leben rund und vollkommen sein.
Von Bambusrahmen zu LED-Spektakeln – Das Fest in der Gegenwart
Wie so viele Traditionen hat auch das Laternenfest im Laufe der Jahrhunderte seine Gestalt verändert. Die kunstvoll aus Bambus und Seide gefertigten Laternen der Kaiserzeit sind heute vielerorts Kunststofffolien über Drahtrahmen gewichen; neben klassischen Formen sieht man Laternen mit Zeichentrickfiguren, Glaswindlichter und sogar Taschenlampen. In vielen chinesischen Städten verbinden moderne Laternenfeste traditionelle Handwerkskunst mit digitaler Technologie: LED-Installationen, projizierte Lichtkunst und interaktive Erlebnisräume ergänzen die jahrhundertealten Formen. Im Jahr des Feuer-Pferdes 2026 sind es naturgemäß Pferdemotive, die das Bild bestimmen.
Was sich nicht verändert hat, ist der soziale Kern des Festes. Nach wie vor gehen die Menschen am Abend aus, um die Laternen zu bestaunen und sich Zeit mit ihren Familien oder Freunden zu gönnen. Nach wie vor werden Yuanxiao gegessen, Rätsel geraten und Drachen- und Löwentänze aufgeführt. Feuerwerk erhellt den Nachthimmel, und in manchen Regionen werden Himmelsleuchten losgelassen – kleine Papierlaternen, die mit heißer Luft gefüllt emporschweben und wie irdische Sterne am Firmament verschwinden. Und nach wie vor leuchtet über allem der Vollmond des ersten Monats – jene silberne Scheibe, die den Chinesen seit Jahrtausenden als Symbol der Vollkommenheit und der himmlischen Ordnung gilt. Das Laternenfest ist, obwohl es in Festlandchina kein gesetzlicher Feiertag ist und weder Schul- noch Arbeitsfreiheit gewährt, eines jener Feste, die die Menschen aus innerer Überzeugung begehen, nicht weil der Staat es verordnet, sondern weil die Tradition es verlangt.
Auch außerhalb Chinas hat das Laternenfest längst seinen Platz gefunden. In Taiwan und Hongkong werden spektakuläre Laternenausstellungen veranstaltet, und in den Chinatowns von London, San Francisco und Sydney erstrahlen die Straßen in rotem und goldenem Licht. Für die chinesische Diaspora weltweit dient das Fest als Brücke zur Heimat, als Anker kultureller Identität in einer globalisierten Welt, als jährlich wiederkehrende Versicherung, dass die Fäden zur eigenen Geschichte nicht gerissen sind. Dass mittlerweile auch in westlichen Städten – von Philadelphia bis Berlin – eigene Laternenfestivals veranstaltet werden, mag man als Zeichen einer zunehmenden kulturellen Durchdringung deuten oder schlicht als Beweis dafür, dass das menschliche Bedürfnis nach Licht in der Dunkelheit universal ist.
Der Glanz, der bleibt
Wer das Laternenfest nur als folkloristisches Spektakel begreift, verkennt seine Tiefe. In ihm verdichten sich zweitausend Jahre chinesischer Geistesgeschichte: der buddhistische Gedanke der Erleuchtung, das daoistische Verständnis kosmischer Zyklen, die konfuzianische Betonung familiärer Bindungen. Es ist ein Fest, das die Dunkelheit nicht leugnet, sondern ihr Licht entgegensetzt – buchstäblich und sinnbildlich zugleich. Und vielleicht liegt gerade darin seine zeitlose Kraft: in der einfachen, aber unerschöpflichen Geste, eine Laterne zu entzünden und darauf zu vertrauen, dass ihr Schein die Nacht nicht besiegen muss, um Bedeutung zu haben.
Das Wissen um den religiösen Ursprung des Festes, so heißt es, sei heute nahezu verloren gegangen. Doch die Geste selbst – das Entzünden eines Lichts in der Dunkelheit, das gemeinsame Essen runder Speisen, das Zusammenkommen unter dem Vollmond – trägt die spirituelle Grundierung noch immer in sich, auch dort, wo sie nicht mehr bewusst wahrgenommen wird. Jedes Mal, wenn eine Laterne entzündet und ein Yuanxiao geteilt wird, wiederholt sich ein uraltes Ritual, das von der Sehnsucht des Menschen nach Licht, nach Gemeinschaft und nach Vollkommenheit erzählt. Es sind dies Sehnsüchte, die keine Kultur für sich allein beanspruchen kann. Sie gehören, wie der Vollmond, uns allen.
Sapere aude!
S.
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