Der Anruf kam um sieben Uhr zwölf. Martha Kellner stand in der Backstube der Eisdiele am Domplatz, die Hände weiß vom Puderzucker, und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Ihr Mann rief nie um diese Zeit an. Nie.
„Es ist die Bank", sagte Friedrich. Seine Stimme klang dünn, wie durch Watte gepresst. „Sie kündigen den Kredit. Zum Ersten. Wir haben vier Wochen."
Martha legte auf. Sie sah sich um in der Backstube, die seit dreiunddreißig Jahren ihre Welt war. Die kupfernen Kessel, die Friedrichs Vater noch aus der DDR herübergerettet hatte. Die Rezeptbücher mit den vergilbten Seiten. Die alte Eismaschine, die jeden Morgen summte wie ein zufriedenes Tier.
Vier Wochen. Dann würde das alles einem Investor gehören, der daraus ein Büro machen oder eine Filiale irgendeiner Kette, die Eis aus Pulver rührt und es „handwerklich" nennt.
Sie wischte die Hände an der Schürze ab und machte weiter. Es gab nichts anderes zu tun. Die Waffelteige mussten gerührt werden, die Fruchtpürees vorbereitet, die Sahne geschlagen. Ob man schließt oder nicht – das Eis wartet nicht.
Draußen war es grau. Seit Wochen war es grau. Erfurt lag unter einer Decke aus Wolken, die sich über die Stadt gelegt hatte wie ein nasses Tuch. Fünf Grad, sechs Grad, Nieselregen. Die Leute hasteten mit eingezogenen Köpfen durch die Gassen. Niemand blieb stehen. Niemand dachte an Eis.
Martha hatte in den letzten drei Monaten an manchen Tagen nicht einen einzigen Becher verkauft. Nicht einen. Die Miete lief trotzdem. Die Stromrechnung für die Kühlung lief trotzdem. Und jetzt der Kredit.
Sie rührte den Pistazienteig und dachte an ihren Schwiegervater, der 1974 in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Erfurt-Nord angefangen hatte, Eis zu machen. Heimlich, nach Feierabend, mit geschmuggelter Vanille aus Ungarn. Die Nachbarn standen Schlange im Treppenhaus. Das Eis war so gut, dass selbst der Blockwart schwieg.
Nach der Wende hatte er den Laden am Domplatz eröffnet. „Kellners Eis" – handgemalt auf einem Holzschild, das noch immer über der Tür hing. Drei Generationen. Und jetzt war Schluss.
Am Samstagmorgen wachte Martha auf und etwas war anders. Sie lag im Bett und spürte es, bevor sie die Augen öffnete. Wärme. Durch die Vorhänge fiel ein Licht, das sie seit Monaten nicht mehr gesehen hatte. Nicht das blasse Grau der letzten Wochen, sondern etwas Goldenes, Entschiedenes.
Sie stand auf und zog den Vorhang zur Seite. Der Himmel über Erfurt war blau. Nicht ein bisschen blau, nicht fast blau – blau. Als hätte jemand über Nacht die Stadt ausgetauscht.
Friedrich saß schon am Küchentisch und sah aus dem Fenster. Er sagte nichts. Er hielt seine Kaffeetasse in beiden Händen und starrte hinaus, als könnte er es nicht glauben.
„Fünfzehn Grad", sagte er schließlich. „Die Wetterapp sagt fünfzehn Grad."
Sie fuhren zur Eisdiele. Die Stadt war schon wach, auf eine Art, die Martha vergessen hatte. Die Menschen gingen anders. Langsamer. Sie trugen keine Mützen. Manche hatten die Jacken über dem Arm. Ein Mann auf der Krämerbrücke hatte die Ärmel hochgekrempelt, als wäre es Juli.
Martha öffnete den Laden um zehn. Um zehn Uhr sieben kam die erste Kundin. Eine alte Frau mit weißem Haar und einem Dackel, der an der Leine zerrte.
„Stracciatella", sagte die Frau. „Zwei Kugeln. Und für Helmut eine Kugel Vanille." Sie deutete auf den Dackel.
Um elf stand eine Schlange bis zur Treppe des Doms. Martha zählte die Köpfe und hörte bei vierzig auf. Friedrich kam aus der Backstube und blieb stehen.
„Martha", sagte er.
Sie sah es selbst. Die Schlange reichte inzwischen über den halben Domplatz. Kinder zerrten an den Händen ihrer Eltern. Paare standen eng beieinander. Ein Mann las Zeitung, während er wartete, und sein Schatten fiel lang und scharf auf das Pflaster. Es war der erste Schatten seit Wochen.
Um zwölf rief Friedrich ihren Sohn Jonas an, der eigentlich frei hatte. „Komm", sagte er nur. Jonas kam.
Um eins reichte die Schlange um die Ecke in die Marktstraße. Martha schätzte hundert Meter, vielleicht mehr. Es war absurd. Es war grotesk. Die Leute fotografierten die Schlange und stellten sich dann hinten an. Ein Mädchen saß auf den Schultern ihres Vaters und rief immer wieder: „Erdbeere! Erdbeere!" Der Vater lachte, und Martha dachte, dass sie dieses Lachen lange nicht gehört hatte. Nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Frühling, der keiner gewesen war.
Sie arbeiteten zu dritt. Martha an der Theke, Friedrich am Nachproduzieren, Jonas an der Kasse. Die Hände schmerzten vom Portionieren. Die Eismaschine summte, als wollte sie beweisen, dass sie noch lange nicht fertig war.
Am Nachmittag kam ein Mann in einem grauen Anzug. Er bestellte nichts. Er stand am Rand und beobachtete die Schlange, die jetzt bis zur Krämerbrücke reichte. Martha bemerkte ihn zwischen zwei Bestellungen. Etwas an ihm war ihr unangenehm. Die Art, wie er das Gebäude musterte. Nicht das Eis, nicht die Menschen – das Gebäude.
Der Mann zog eine Visitenkarte aus der Tasche, legte sie auf den Tresen und ging.
„Immobilien Kettner – Ihr Partner für Gewerbeimmobilien in Thüringen."
Martha drehte die Karte um. Auf der Rückseite stand in Kugelschreiber: „Interessantes Objekt. Rufen Sie mich an. Wir finden eine Lösung."
Sie steckte die Karte in die Schürzentasche und machte weiter.
Um sieben schloss Martha die Tür. Jede einzelne Wanne war leer. Nicht ein Rest, nicht ein Löffel. Zum ersten Mal seit dreiunddreißig Jahren waren sie restlos ausverkauft.
Friedrich saß auf dem Stuhl hinter der Theke und rieb sich die Hände. Jonas lehnte an der Wand und trank Wasser aus der Flasche. Niemand sprach.
Martha holte die Kasse hervor und zählte. Sie zählte einmal, dann noch einmal. Dann sah sie Friedrich an.
„Wie viel?", fragte er.
Sie nannte die Zahl. Friedrich schwieg eine Weile.
„Das ist mehr als im ganzen letzten Monat", sagte er.
„Das ist mehr als in den letzten drei Monaten", sagte Martha.
Jonas sah von einem zum anderen. Er kannte die Lage, man hatte es ihm nicht sagen müssen. Söhne spüren so etwas.
„Ein Tag", sagte Friedrich und schüttelte den Kopf. „Ein einziger Tag."
Martha griff in die Schürzentasche und holte die Visitenkarte hervor. Sie legte sie auf den Tresen, unter das Licht. Friedrich las sie. Jonas las sie.
Dann nahm Martha die Karte, riss sie einmal durch, und warf die Hälften in den Müll.
„Morgen soll es siebzehn Grad werden", sagte sie.
Friedrich sah sie an. Zum ersten Mal seit dem Anruf von der Bank sah sie etwas in seinem Gesicht, das sie fast vergessen hatte. Nicht Hoffnung – das wäre zu viel gesagt. Etwas Kleineres. Etwas, das der Hoffnung vorausgeht, so wie der erste warme Tag dem Sommer vorausgeht.
Jonas stellte die Wasserflasche ab. „Ich rufe Lisa an", sagte er. „Sie kann morgen helfen. Und ihr Bruder auch."
Martha nickte. Sie ging in die Backstube und fing an, die Kessel zu reinigen. Morgen würde sie die doppelte Menge ansetzen. Pistazien, Stracciatella, Erdbeere, Vanille.
Durch das Fenster fiel das letzte Licht des Tages. Es war immer noch warm. Irgendwo auf dem Domplatz spielte jemand Gitarre, und die Töne drangen durch die Backstubenfenster wie eine Erinnerung an etwas, das noch gar nicht vergangen war.
Martha schraubte die Eismaschine auf und begann sie zu reinigen. Die Maschine war alt. So alt, dass kein Mensch mehr Ersatzteile dafür fand. Friedrichs Vater hatte sie 1989 gekauft, gebraucht, von einer Eisdiele in Jena, die aufgegeben hatte. Sie hatte die Wende überlebt, zwei Hochwasser und eine Pandemie.
Sie würde auch das hier überleben.
Martha trocknete die Einzelteile ab und setzte sie wieder zusammen. Jedes Teil kannte sie blind, jede Schraube, jede Dichtung. Ihre Hände machten das von allein.
Als sie fertig war, blieb sie einen Moment stehen. Auf dem Tresen in der Backstube, neben den kupfernen Kesseln, stand ein gerahmtes Foto. Schwarzweiß, die Ecken vergilbt. Es zeigte ihren Schwiegervater in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung in Erfurt-Nord, 1974. Er trug eine weiße Schürze und hielt einen Löffel in die Kamera, als wollte er sagen: Probier mal.
Hinter ihm, im Flur, standen die Nachbarn Schlange.
Martha löschte das Licht und ging nach Hause. Morgen war Sonntag. Und die Sonne, hieß es, würde scheinen.
S.
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