Von den Mysterien von Eleusis über die Freimaurer und Illuminaten bis zu den Machtnetzwerken der Gegenwart – eine Geschichte der Geheimgesellschaften.

Wer über Geheimgesellschaften schreibt, begibt sich auf ein Terrain, das von zwei Seiten vermint ist. Auf der einen Seite lauern die Verschwörungstheoretiker, die hinter jedem Handschlag eine finstere Loge vermuten und in jeder Pyramide auf einer Dollarnote den Beweis für eine verborgene Weltregierung sehen. Auf der anderen Seite stehen jene Aufgeklärten, die das Thema für erledigt halten – ein Relikt vergangener Jahrhunderte, bestenfalls Stoff für Romane von Dan Brown oder für regnerische Fernsehabende. Beide Seiten irren. Denn die Geschichte der Geheimgesellschaften ist zugleich eine Geschichte der Macht, des Wissens und der Frage, wer beides kontrolliert. Und diese Frage ist so aktuell wie eh und je.
Die Mysterien am Anfang
Am Anfang steht Eleusis. An der Heiligen Straße, die von Athen zu dem kleinen Ort an der Ägäis führte, zogen über eineinhalb Jahrtausende lang die Pilger entlang, um an den berühmtesten Mysterien der antiken Welt teilzunehmen. Was dort geschah, im großen Telesterion, jener gewaltigen Weihehalle mit einer Grundfläche von über viertausend Quadratmetern, wissen wir bis heute nicht mit Gewissheit. Denn die Eingeweihten schwiegen. Ihr Schweiggelübde war so heilig, dass Diagoras von Melos, der es brach, fortan „der Gottlose“ genannt wurde – und angeblich jede Kopie seines Buches über die Mysterien aufgespürt und vernichtet wurde. Selbst Aischylos, der Vater der griechischen Tragödie und Sohn von Eleusis, soll vor Gericht gestanden haben, weil man ihn verdächtigte, in seinen Dramen zu viel über die Mysterien preisgegeben zu haben.
Was wir wissen, ist dies: Die Mysterien waren dem Kult der Demeter und ihrer Tochter Persephone gewidmet. Der Raub Persephones durch Hades, Demeters verzweifelte Suche, die Rückkehr der Tochter ins Licht – es war, im Kern, ein Drama über Tod und Wiedergeburt, über den Wechsel der Jahreszeiten und die Hoffnung, dass auch der Mensch den Tod überwinden könne. Cicero schrieb in seinem Werk „Über die Gesetze“, die Mysterien hätten die Teilnehmer gelehrt, „die Ursprünge des Lebens kennenzulernen und die Kraft zu erwerben, nicht nur glücklich zu leben, sondern mit Hoffnung zu sterben“. Kaiser Augustus ließ sich einweihen. Kaiser Julian war der letzte römische Herrscher, der die Weihen empfing, bevor Kaiser Theodosius 392 nach Christus den Kult verbot und der Gotenkönig Alarich wenige Jahre später das Heiligtum zerstörte.
Das Entscheidende an Eleusis war nicht der Inhalt des Geheimnisses – es war das Prinzip der Einweihung selbst. Die Unterscheidung zwischen Mysten und Uneingeweihten, zwischen denen, die das Große Licht geschaut hatten, und denen, die draußen blieben, schuf eine Struktur, die weit über den antiken Kult hinauswirken sollte. Sie begründete das Modell, nach dem alle späteren Geheimgesellschaften funktionieren: ein innerer Kreis des Wissens, ein äußerer Kreis der Unwissenden und eine Grenze dazwischen, die durch Ritual, Schwur und Symbol markiert wird. Wer die Weihen empfangen hatte, war ein anderer Mensch. Sophokles fasste es in die Worte: „Dreimal glücklich jene Sterblichen, die nach dem Schauen dieser Riten in den Hades gehen. Ihnen allein ist es vergönnt, dort wahrhaft zu leben.“
Im Zeichen von Winkel und Zirkel
Als am 24. Juni 1717 vier Logen in der Londoner Bierstube „Goose and Gridiron“ zusammenkamen, um die erste Großloge von England zu gründen, war dies der Beginn einer Bewegung, die Europa verändern sollte. Die Freimaurerei, hervorgegangen aus den Steinmetzbruderschaften des Mittelalters und den Bauhütten der großen Kathedralen, brachte jenes eleusinische Prinzip in die Neuzeit: Einweihung, Grade, Symbole, Verschwiegenheit. Der „Allmächtige Baumeister aller Welten“ ersetzte die alten Götter; Winkel und Zirkel traten an die Stelle von Persephones Fackeln. Die Lehrlings-, Gesellen- und Meistergrade spiegelten die abgestufte Initiation der antiken Mysterien wider.
Was die Freimaurerei von den antiken Mysterien unterschied, war ihr aufklärerischer Anspruch. Die „Alten Pflichten“ von 1723, verfasst von dem Prediger James Anderson und mitgestaltet vom Naturforscher John Theophilus Desaguliers, legten eine Verfassung fest, die Toleranz und Brüderlichkeit über konfessionelle Grenzen hinweg proklamierte. In den Logen begegneten sich Bürgerliche und Adlige auf Augenhöhe – für die damalige Zeit eine Sensation, die man in ihrer Tragweite kaum überschätzen kann. Mozart war Freimaurer und verarbeitete die Symbolik der Loge in seiner „Zauberflöte“, wo Sarastros Sonnenreich als Allegorie der aufgeklärten Loge gelesen werden kann. Goethe war Freimaurer und bekannte 1821: „Unser Bund hat viel Eigenes, wovon gegenwärtig nur das eine herausgehoben werden mag, dass, sobald wir uns versammeln, die entscheidendste Art von Gleichheit entsteht.“ Der erste Präsident der Vereinigten Staaten, George Washington, war Freimaurer. Die Ideale der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – trugen unverkennbar die Handschrift der Logen.
Und doch barg die Freimaurerei von Anfang an einen Widerspruch, der sie bis heute begleitet: Sie predigte Offenheit, praktizierte aber Verschlossenheit. Sie kämpfte für Aufklärung, hüllte sich aber in Ritual und Geheimnis. Dieser Widerspruch machte sie angreifbar. Papst Clemens XII. verbot die Freimaurerei bereits 1738, und seitdem hat die katholische Kirche ihren Standpunkt nie grundlegend revidiert. Totalitäre Regime – von den Nationalsozialisten, die Tausende jüdischer Freimaurer ermordeten, bis zu den Kommunisten – verfolgten die Brüder mit besonderer Erbitterung. Das Geheime wurde zum Verdacht, und der Verdacht zum Vorwand für Verfolgung.
Ein Professor in Ingolstadt
Wer die Geschichte der Geheimgesellschaften in Deutschland erzählt, kommt an einem Datum nicht vorbei: dem 1. Mai 1776. An jenem Tag gründete der sechsundzwanzigjährige Professor für Kirchenrecht Adam Weishaupt an der Universität Ingolstadt den „Bund der Perfektibilisten“ – später bekannt als die Illuminaten. Weishaupt, früh verwaist und von seinem Taufpaten Johann Adam von Ickstatt im Geiste der Wolffschen Aufklärungsphilosophie erzogen, war ein erbitterter Gegner der Jesuiten, die trotz der Aufhebung ihres Ordens noch immer erheblichen Einfluss an der bayerischen Universität ausübten. Sein Ziel war radikal: durch ein Erziehungs- und Überwachungssystem eine Elite heranzubilden, die Schlüsselpositionen im Staat übernimmt und die Fürstenherrschaft von innen aushöhlt.
Der Orden wuchs rasch. Mit Hilfe des Freiherrn Adolf von Knigge – ja, jenes Knigge, dessen Name später zum Synonym für gutes Benehmen wurde – gelang es Weishaupt, den Illuminatenorden auf eine freimaurerische Grundlage zu stellen und so Zugang zu einem europäischen Netzwerk zu erhalten. Goethe schloss sich an, Herder, der Architekt des modernen Bayern, Graf Montgelas. In siebzig Städten fanden sich Mitglieder, bis zu fünfzehnhundert an der Zahl. Jeder Illuminat trug einen Decknamen – Weishaupt nannte sich „Spartacus“, Knigge hieß „Philo“ –, und jeder hatte ein monatliches Lesequantum zu absolvieren, von Seneca über Dante und Petrarca bis zu den in ganz Deutschland verbotenen Schriften des Materialisten d’Holbach.
Doch der Orden trug den Keim seines Untergangs in sich. Weishaupts autoritäre Art stieß selbst Knigge ab, der sich schließlich vom Orden löste. 1784 verbot Kurfürst Karl Theodor alle geheimen Gesellschaften in Bayern. Ein Blitzschlag erledigte den Rest: Als 1785 Pater Lanz, ein Vertrauter Weishaupts, auf einem Spaziergang vor den Toren Regensburgs vom Blitz erschlagen wurde, fand man in seine Kutte eingenäht Mitgliederlisten des Ordens. Die bayerische Polizei hatte ihr Material. Weishaupt floh nach Gotha, wo ihm Herzog Ernst II. – selbst Illuminat unter dem Ordensnamen „Timoleon“ – Asyl gewährte. Der Orden war zerschlagen. Aber die Legende hatte gerade erst begonnen.
Die Schädel und die Knochen
Denn was nach dem Verbot der Illuminaten geschah, ist vielleicht lehrreicher als ihre kurze Existenz. Der ehemalige Jesuit Abbé Barruel konstruierte in seinen „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus“ eine gewaltige Verschwörungstheorie, die die Illuminaten für die Französische Revolution verantwortlich machte. Die Idee, dass ein verbotener Geheimbund aus Bayern die Geschicke Europas lenke, erwies sich als unsterblich. Sie wanderte über den Atlantik und nahm dort neue, eigentümlich amerikanische Formen an.
1832 gründete William Huntington Russell an der Universität Yale die Studentenverbindung „Skull & Bones“ – angeblich inspiriert von deutschen Studentenverbindungen, die Russell während eines Studienaufenthalts kennengelernt hatte. Was als elitärer Studentenclub begann, in dem jedes Jahr nur fünfzehn Ausgewählte des dritten Studienjahres aufgenommen wurden, wurde zu einem der mächtigsten Netzwerke der amerikanischen Geschichte. Drei US-Präsidenten gingen aus Skull & Bones hervor: William Howard Taft, George H. W. Bush und George W. Bush. Auch John Kerry, Stephen Schwarzman, der Gründer der Blackstone Group, und Frederick Smith, Gründer von FedEx, sind „Bonesmen“. Das fensterlose Versammlungsgebäude auf dem Yale-Campus – „The Tomb“, die Gruft, errichtet 1856 im ägyptisch-dorischen Stil – wurde zum Symbol jener eigentümlichen amerikanischen Mischung aus Elitebildung und Geheimniskrämerei.
Bei den Präsidentschaftswahlen 2004 standen sich mit Bush und Kerry zwei Bonesmen gegenüber. Tim Russert fragte beide in seiner Sendung „Meet the Press“ nach ihrer Mitgliedschaft. Bushs Antwort ist in die Geschichte eingegangen: „Es ist so geheim, dass ich dazu nichts sagen kann.“ Kerrys Antwort war nicht weniger aufschlussreich: „Nicht viel, denn es ist ein Geheimnis.“ Man mag darüber schmunzeln. Aber wenn der mächtigste Mann der Welt und sein Herausforderer öffentlich einräumen, einem Geheimbund anzugehören, über den sie nicht sprechen dürfen, dann ist das mehr als eine Anekdote. Es ist ein Symptom.
Die neuen Kathedralen der Macht
Und damit sind wir in der Gegenwart. Die Reichen und Mächtigen dieser Welt treffen sich längst nicht mehr nur in Logen und Verbindungshäusern. Sie treffen sich in Davos, beim World Economic Forum. Sie treffen sich bei den Bilderberg-Konferenzen, jenen Zusammenkünften, die seit 1954 stattfinden und deren Teilnehmerlisten zwar veröffentlicht werden, deren Inhalte aber unter strengster Geheimhaltung stehen. Sie treffen sich im Bohemian Grove, jenem Waldgrundstück am Russian River in Kalifornien, wo sich einmal jährlich rund zweitausend Männer aus der amerikanischen Elite versammeln – und wo eine Zeremonie namens „Cremation of Care“ vor einer riesigen Eulenstatue stattfindet, deren symbolischer Gehalt die Fantasie beflügelt.
Sind das Geheimgesellschaften im klassischen Sinne? Nein, gewiss nicht. Es sind Netzwerke der Macht, die sich jene Strukturen zunutze machen, die Eleusis und die Freimaurer vor Jahrtausenden und Jahrhunderten entwickelt haben: Zugehörigkeit durch Einladung, Zusammenhalt durch Exklusivität, Vertrauen durch Verschwiegenheit. Die Form hat sich geändert, das Prinzip ist dasselbe geblieben. Und die Frage, die Cicero in den Ruinen von Eleusis hätte stellen können, ist die Frage unserer Zeit: Wer entscheidet hinter verschlossenen Türen über das Schicksal der Vielen?
Das Licht der Öffentlichkeit
Die Antwort, so paradox es klingen mag, liegt im Wesen der Geheimgesellschaft selbst. Denn jede Geheimgesellschaft trägt, wie wir in der vorigen Kolumne gezeigt haben, ihre eigene Achillesferse in sich: die Symbole, die sie zusammenhalten, sind zugleich die Spuren, die sie verraten. Die Listen, die man in Kutten einnäht, werden gefunden. Die Versammlungsorte, die man „Gruft“ nennt, werden fotografiert. Die Teilnehmer, die man zum Schweigen verpflichtet, schreiben Memoiren. Helmut Schmidt berichtete in „Menschen und Mächte“ offen über Bilderberg und Bohemian Grove. Bill Clinton erwähnte seine Bilderberg-Teilnahme in seiner Autobiografie. Die Transparenz, die das Internet ermöglicht hat, macht es zunehmend schwerer, jene Mauern aufrechtzuerhalten, die einst das Telesterion von Eleusis umgaben.
Goethe, selbst Freimaurer und Illuminat, ließ seinen Faust am Ende nicht in der Hölle enden – anders als Marlowes Version, die wir im Marionettentheater betrachtet haben. Bei Goethe wird Faust gerettet. Durch die Liebe. Durch das Licht. Der größte deutsche Dichter, der selbst in den Geheimgesellschaften seiner Zeit verkehrte, wusste am Ende, was die eigentliche Botschaft ist: dass kein Geheimnis stärker ist als die Wahrheit. Und keine Mauer höher als das Licht. „Wer immer strebend sich bemüht“, singen die Engel im zweiten Teil des Faust, „den können wir erlösen.“ Vielleicht ist das die schönste Antwort, die je ein Eingeweihter auf das Geheimnis der Geheimgesellschaften gegeben hat.
Sapere aude!
S.
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