Der Wecker klingelte nicht. Das war das Erste, was Karin Neubauer bemerkte, noch bevor sie die Augen öffnete. Kein grünliches Leuchten der Digitalanzeige. Kein Summen des Kühlschranks aus der Küche. Nur die Stille, die sich über die Wohnung in der Greifswalder Straße gelegt hatte wie eine dünne Schicht Eis über einen See.

Sie tastete nach dem Handy auf dem Nachttisch. Sechs Uhr zweiundfünfzig. Freitag, der sechste Februar.

Das Display zeigte noch einundvierzig Prozent Akku. Sie tippte auf die Stromnetz-App. Störung in Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Voraussichtliche Behebung: 8:30 Uhr. Rund 2.200 Haushalte betroffen.

Karin setzte sich auf die Bettkante und atmete aus. Nur ein Stromausfall. Nur ein ganz normaler Stromausfall. Fehler auf zwei Kabeln, würde man ihr später sagen. Nichts Ungewöhnliches.

Aber für Karin Neubauer war seit dem dritten Januar nichts mehr normal.

Sie stand auf und ging in die Küche, ohne das Licht einzuschalten. Es hätte ohnehin nicht funktioniert, aber sie hatte sich diese Gewohnheit antrainiert, dieses Nicht-nach-dem-Schalter-Greifen. Fünfunddreißig Tage waren vergangen seit dem Anschlag auf die Kabelbrücke am Teltowkanal, und seither hatte sie keine Wand mehr berührt, ohne vorher nachzudenken.

Im Januar war sie nicht betroffen gewesen. Ihre Wohnung lag im Nordosten, weit weg von Lichterfelde und Zehlendorf, wo fünfundvierzigtausend Haushalte vier Tage lang in der Kälte gesessen hatten. Sie hatte es im Fernsehen verfolgt. Die Feldbetten im Bezirksamt. Die Schlangen vor den Notunterkünften. Den Regierenden Bürgermeister, der sagte, er habe den ganzen Tag am Telefon in seinem Büro verbracht.

Karin war Ingenieurin. Einunddreißig Jahre lang hatte sie bei Stromnetz Berlin gearbeitet, bis sie vor zwei Jahren in Rente gegangen war. Sie wusste, was eine Kabelbrücke war. Sie wusste, was N-1-Redundanz bedeutete und warum sie bei einem gleichzeitigen Mehrfachausfall nicht mehr griff. Sie wusste, dass die Verbindung von Ölkabeln und Kunststoffkabeln Spezialteams erforderte und tiefe Baugruben und staubfreie Umgebungen.

Was sie nicht gewusst hatte: wie wenig es brauchte.

Im Januar hatte sie angefangen, Listen zu schreiben. Nicht aus Panik. Aus beruflicher Gewohnheit.

Die erste Liste enthielt die Dinge, die bei einem Stromausfall sofort ausfielen: Licht. Heizung. Kühlschrank. Internet. Aufzüge. Ampeln. Mobilfunkmasten nach vier Stunden, wenn die Pufferbatterien leer waren.

Die zweite Liste enthielt die Dinge, die nach vierundzwanzig Stunden ausfielen: Tankstellen. Supermarktkassen. Wasserversorgung in Hochhäusern. Dialysestationen.

Die dritte Liste enthielt die Dinge, die nach zweiundsiebzig Stunden ausfielen, und diese Liste hatte sie nicht zu Ende geschrieben.

Stattdessen hatte sie angefangen, Vorräte zu kaufen. Zwei Kisten Wasser. Dosenbrot. Thunfisch. Batterien. Eine Kurbelradio. Kerzen, die nach Vanille rochen, weil es die einzigen waren, die der Drogeriemarkt an der Ecke noch hatte, nachdem halb Berlin dieselbe Idee gehabt hatte.

Ihr Sohn Thomas hatte sie am Telefon gefragt, ob alles in Ordnung sei.

»Natürlich«, hatte sie gesagt. »Ich bin Ingenieurin. Ich bereite mich vor.«

»Mama, du wohnst in Prenzlauer Berg. Das war in Steglitz.«

»Strom«, hatte sie geantwortet, »kennt keine Bezirksgrenzen.«

Thomas hatte gelacht. Es war kein überzeugendes Lachen gewesen.

Jetzt stand sie in der dunklen Küche und dachte an die Bundesnetzagentur und ihre Statistiken. Elfkommasieben Minuten durchschnittliche Nichtverfügbarkeit pro Verbraucher im Jahr 2024. Eines der zuverlässigsten Stromnetze Europas. Sie hatte diese Zahl einunddreißig Jahre lang wie einen Schild vor sich hergetragen.

Die Gasheizung funktionierte noch. Gas brauchte keinen Strom, jedenfalls nicht für die Flamme. Aber die Umwälzpumpe brauchte Strom, und so würden die Heizkörper langsam kalt werden, wenn es länger dauerte. Es war Februar, und draußen waren es minus drei Grad.

Karin setzte sich an den Küchentisch. In der Wohnung unter ihr hörte sie jemanden fluchen. Nebenan bellte ein Hund. Normale Geräusche einer abnormalen Situation, die dabei war, normal zu werden.

Sie nahm das Handy und öffnete die Nachrichtenseite. Der Artikel war kurz. Störung im Umspannwerk. Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Zwischen Greifswalder Straße und Landsberger Allee. Die Techniker seien unterwegs.

Darunter, in der Kommentarspalte, hatte jemand geschrieben: »Schon wieder? Ist das jetzt jeden Monat?«

Jemand anderes: »Das waren nur zwei defekte Kabel. Kommt mal runter.«

Und ein Dritter: »Genau. Wie im Januar. Da waren es auch nur ein paar Kabel.«

Karin schloss die App. Der Dritte hatte Unrecht gehabt und gleichzeitig Recht. Im Januar waren es keine defekten Kabel gewesen, sondern angezündete. Aber das Ergebnis war dasselbe. Das war der Punkt, den niemand aussprechen wollte: Die Infrastruktur unterschied nicht zwischen Sabotage und Verschleiß. Für die fünfundvierzigtausend Haushalte in Lichterfelde war es gleichgültig gewesen, ob ihre Kabel von Extremisten verbrannt oder von der Zeit zerfressen worden waren. Das Ergebnis war Dunkelheit.

Um sieben Uhr zwanzig klopfte es an der Tür. Es war Frau Yilmaz von gegenüber, achtzig Jahre alt, mit einer Thermoskanne in der Hand.

»Ich habe noch heißes Wasser«, sagte sie. »Von gestern Abend. Mein Mann hat immer gesagt, man soll die Thermoskanne voll lassen über Nacht. Wollen Sie einen Tee?«

Sie tranken Tee in Karins Küche, bei Kerzenschein. Die Vanillekerzen. Frau Yilmaz sagte, der Duft erinnere sie an eine Bäckerei in Kreuzberg, die es seit zwanzig Jahren nicht mehr gebe.

»Haben Sie Angst?«, fragte Frau Yilmaz.

»Nein«, sagte Karin. »Ich bin Ingenieurin.«

»Mein Mann war Maurer«, sagte Frau Yilmaz. »Und trotzdem hat er sich gefürchtet, wenn die Wand gewackelt hat.«

Karin trank ihren Tee. Er schmeckte nach nichts. Das Wasser war nur noch lauwarm.

»Im Januar«, sagte Frau Yilmaz, »hat meine Tochter mich angerufen und gesagt, ich soll zu ihr kommen. Nach Spandau. Aber ich habe gesagt, nein. Wenn alle weggehen, wer passt dann auf das Haus auf?«

»Auf das Haus muss niemand aufpassen«, sagte Karin.

»Doch«, sagte Frau Yilmaz. »Auf alles muss jemand aufpassen. Auch auf die Kabel unter der Straße. Auch auf die Brücken über den Kanal. Auch auf die Dinge, die man nicht sieht.«

Karin stellte die Tasse ab. Sie wollte etwas sagen über Wartungszyklen und Investitionsrückstände und darüber, dass das Berliner Stromnetz über zwanzigtausend Kilometer Kabel umfasste, von denen ein nicht unerheblicher Teil aus den siebziger und achtziger Jahren stammte. Sie wollte sagen, dass die durchschnittliche Lebensdauer eines Mittelspannungskabels vierzig Jahre betrug und dass man rechnen konnte.

Aber Frau Yilmaz wusste das alles nicht, und sie wusste es trotzdem.

Um acht Uhr zweiunddreißig flackerte das Licht in der Küche. Einmal. Zweimal. Dann blieb es an. Der Kühlschrank begann zu summen. Aus dem Wohnzimmer meldete sich der Router mit einem leisen Piepen.

Frau Yilmaz lächelte und stand auf. »Da ist er wieder, der Strom. Wie ein Gast, der sich verspätet hat.«

Sie nahm ihre leere Thermoskanne und ging zur Tür. Im Flur blieb sie stehen.

»Frau Neubauer?«

»Ja?«

»Füllen Sie heute Abend die Thermoskanne auf. Und lassen Sie die Kerzen, wo sie sind.«

Karin nickte. Frau Yilmaz schloss die Tür hinter sich.

Die Wohnung summte wieder. Alles funktionierte. Alles war wie vorher. Neunzig Minuten Dunkelheit, und die Stadt machte weiter, als wäre nichts gewesen.

Karin setzte sich an ihren Schreibtisch und öffnete den Laptop. In der Suchmaschine tippte sie: Berliner Stromnetz Investitionsrückstand.

Sie las eine Stunde. Dann öffnete sie eine neue Datei und begann zu schreiben. Nicht als Ingenieurin diesmal. Als Bürgerin.

Der erste Satz lautete: »Es gibt eine Zahl, die in keiner Statistik auftaucht, und diese Zahl wächst.«

Sie nannte den Text Dunkelziffer.

Dann ging das Licht wieder aus.

S.

Anmerkung des Autors

Diese Geschichte ist fiktiv, aber ihre Grundlage ist real. Am 3. Januar 2026 verübte eine linksextremistische Gruppe einen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke über den Teltowkanal in Berlin-Lichterfelde. 45.000 Haushalte waren bis zu vier Tage ohne Strom – der längste Stromausfall in Berlin seit 1945. Am 6. Februar 2026 kam es erneut zu einem Stromausfall, diesmal im Nordosten der Stadt: 2.200 Haushalte in Friedrichshain und Prenzlauer Berg, verursacht durch Fehler auf zwei Kabeln. Die Frage, die bleibt, ist die Frage, die Karin stellt: Gibt es eine Dunkelziffer der Verwundbarkeit, die in keiner Statistik erscheint?

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